Es gibt nicht gerade viele Schlagwörter, die ihren Weg aus der philosophischen Fachwelt in die Alltagssprache auch unphilosophischer Naturen gefunden haben. Gilbert Ryles griffige Formulierung vom ‚Gespenst in der Maschine‘ gehört sicherlich dazu, was umso mehr verwundern muß, da sich sein Hauptwerk um ein Thema dreht, das der Durchschnittsbürger eher stillschweigend voraussetzt: der Verbindung von Körper und Geist. Diese Arbeit beschäftigt sich mit Ryles Dispositionsbegriff in seinem 1949 erschienen Hauptwerk ‚The Concept of Mind‘.
Die vorliegende Arbeit besteht aus drei Teilen. Jedes Hauptkapitel beschäftigt sich mit einer Teilfrage. Im Mittelpunkt steht dabei die Hauptfrage, wie Dispositionen intelligentes Verhalten erklären können. Im ersten Kapitel geht es darum, welche Thesen die Zwei-Welten- Lehre vertritt und was Ryle daran kritisiert. Der zweite Abschnitt hat Ryles eigene Theorie zum Gegenstand. Es wird gefragt, was Dispositionen sind, wie sie sich im normalen Sprachgebrauch zeigen und wie sie sich von Vorgangswörter unterscheiden lassen.
Im letzten Teil versuchen wir abschließend eine Kritik an Ryles Dispositionsbegriff. Hierbei gehen wir zuerst der Frage nach, ob sich intelligente (mehrspurige) und nicht-intelligente (einspurige) Verhaltensweisen zufriedenstellend voneinander trennen lassen, oder ob nicht die natürliche Vagheit aller Sprache dem Dispositionsansatz ein Stück Erklärungskraft nimmt. Zuletzt beschäftigen wir uns mit der Frage, ob es ausreicht, wenn sich Ryle bei der Erklärung von dispositionalen Sachverhalten auf die Manifestation-Disposition-Dualität beschränkt, oder ob nicht doch der Rückgriff auf weitere, kausale Gründe notwendig erscheint. Im Hinblick auf den Untersuchungsstil liesse sich der Ablauf der vorliegenden Arbeit auch so beschreiben: Zuerst kommt das ‚Dogma‘ und Ryles Kritik daran, dann folgt Ryles Gegentheorie und schließlich eine Kritik an dieser Theorie. Der Untersuchungsductus wechselt also von deskriptiv und destruktiv (Kapitel 1) zu konstruktiv (Kapitel 2) zu destruktiv (Kapitel 3). Kein Gegenstand dieser Arbeit soll die in der deutschsprachigen Rezeption vor allem von Röd und Savigny diskutierte Frage sein, ob Ryles Bezeichnung des Körper-Geist-Dualismus als ‚Descartes Mythos‘ philosophiegeschichtlich gerechtfertigt ist oder nicht.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Ryles Darstellung des ‚Dogmas’ und seine Kritik
1.1 ‚Die offizielle Doktrin’
1.1.1 Der Kategorienfehler
1.1.2 Wie kam es zum Kategorienfehler?
1.2 Die ‚intellektualistische Legende’
1.2.1 Ryles Einwand gegen die ‚intellektualistische Legende’
2. Ryles Gegentheorie
2.1 Intelligenz-Prädikate
2.2 Was ist eine Disposition?
2.2.1 Dispositions- und Vorgangswörter
2.2.2 Dispositionstypen
2.2.2.1 Einspurige und mehrspurige Dispositionen
2.2.2.1 Eigenschaften und Fertigkeiten
2.2.2.3 Erworbene und nicht erworbene Dispositionen
2.3 Zusammenfassung
3. Kritik an Ryles Dispositionsbegriff
3.1 Vagheit mehrspuriger Dispositionen
3.2 Dispositionen vs. kausale Ursachen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert Gilbert Ryles Begriff der Disposition in seinem Werk „The Concept of Mind“ mit dem Ziel zu klären, wie Dispositionen zur Erklärung intelligenten Verhaltens beitragen, ohne in die Fehler des klassischen Körper-Geist-Dualismus zu verfallen.
- Kritik am sogenannten „Dogma vom Geist in der Maschine“
- Analyse der „intellektualistischen Legende“ und des Kategorienfehlers
- Systematische Bestimmung und Klassifizierung von Dispositionen
- Unterscheidung zwischen Dispositions- und Vorgangswörtern
- Kritische Reflexion der Erklärungskraft von Ryles Dispositionsansatz
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Der Kategorienfehler
Eingangs seines Buches, in einem Kapitel, das mit dem bezeichnenden Titel „Die Absurdität der offiziellen Doktrin’ überschrieben ist, beschreibt Ryle seine selbstgestellte Aufgabe als die Widerlegung des ‚Dogmas vom Gespenst in der Maschine’ und definiert dessen Kategorienfehler folgendermaßen:
„Ich hoffe zu beweisen, daß [das Dogma] ganz und gar falsch ist und zwar nicht nur in seinen Einzelheiten, sondern in seinen Grundsätzen. Es ist nicht bloß eine Ansammlung von bestimmten einzelnen Fehlern. Es ist ein großer Fehler und zwar ein Fehler besonderer Art. Es ist nämlich ein Kategorienfehler. Es repräsentiert die Tatsachen des geistigen Lebens als ob sie zu einer logischen Kategorie (oder einem Bereich von Kategorien) gehören, wo sie tatsächlich zu einer anderen gehören.“
Ein Kategorienfehler wird also begangen, wenn man bei der Untersuchung eines bestimmten Begriffs diesen zu einer logischen Kategorie zuordnet, obgleich er in Wahrheit zu einer anderen gehört. Die richtige Zuordnung des Begriffs läßt sich laut Ryle dadurch sicherstellen, daß „die logische Kategorie, zu der ein Begriff gehört, derjenige Satz an Methoden ist, mit dem es logisch gerechtfertigt ist zu operieren.“ Was er damit genau meint, illustriert Ryle am bekannten Beispiel der Universität und ihren Einrichtungen: Nachdem ein Besucher bereits einen Großteil des Campus besichtigt hat, fragt er seinen verdutzten Begleiter ganz arglos, wo denn nun eigentlich die Universität sei. Offensichtlich begeht er eine Kategorienverwirrung, denn er hält die Universität für ein weiteres Gebäude, gleichberechtigt neben zahlreichen anderen Gebäuden wie Mensa, Bibliothek und Institutsgebäude stehend, die er schon gesehen hat. Er hat, so Ryle, die Universität unwissentlich als ein weiteres Mitglied der Klasse betrachtet, in der die anderen Einrichtungen Mitglied sind, und damit am falschen Ort nach der falschen Sache gesucht.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung führt in Ryles Hauptwerk ein und skizziert den methodischen Ansatz, der den Fokus auf den sprachanalytischen Umgang mit Körper-Geist-Begriffen legt.
1. Ryles Darstellung des ‚Dogmas’ und seine Kritik: Dieses Kapitel erläutert den von Ryle kritisierten Cartesianischen Dualismus und führt den Begriff des „Kategorienfehlers“ als zentrales Werkzeug der Widerlegung ein.
2. Ryles Gegentheorie: Hier wird der Dispositionsbegriff entwickelt und als Alternative zur Vorstellung von verborgenen geistigen Ursachen eingeführt, um intelligentes Handeln zu beschreiben.
3. Kritik an Ryles Dispositionsbegriff: Das abschließende Kapitel setzt sich mit der Vagheit mehrspuriger Dispositionen sowie der Frage auseinander, ob der Ansatz ohne zusätzliche strukturelle Faktoren auskommt.
Schlüsselwörter
Gilbert Ryle, The Concept of Mind, Disposition, Kategorienfehler, Geist in der Maschine, Sprachphilosophie, Intelligenz-Prädikate, Manifestation, Analytische Philosophie, Cartesianischer Dualismus, Vorgangswörter, Intellektualistische Legende, Mehrspurige Dispositionen, Körper-Geist-Problem, Logische Geographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Dispositionsbegriff von Gilbert Ryle, um zu verstehen, wie dieser philosophische Ansatz das Verständnis von Geist und intelligentem Handeln verändert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Kritik am Cartesianischen Dualismus, die Analyse logischer Kategorienfehler, die Definition von Dispositionen und die sprachphilosophische Untersuchung von Verhaltensbeschreibungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Ryles Theorie zu erläutern und kritisch zu prüfen, ob Dispositionen als Erklärungsmodell für intelligentes Verhalten ausreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt dem analytischen Stil, der Begriffe anhand ihrer logischen Verwendungsweise im normalen Sprachgebrauch untersucht, anstatt neue metaphysische Theorien zu postulieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das „Dogma vom Geist in der Maschine“ und die „intellektualistische Legende“ dekonstruiert, gefolgt von der positiven Erarbeitung der Dispositionstheorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Ryle, Kategorienfehler, Disposition, Manifestation, Geist-Körper-Dualismus und sprachanalytische Philosophie.
Warum spielt das Beispiel der Universität eine so große Rolle?
Das Beispiel illustriert den Kategorienfehler: Es zeigt, dass es ein logischer Fehler ist, eine Ganzheit (die Universität) auf der gleichen Ebene wie ihre Einzelteile (Gebäude) zu suchen.
Reicht Ryles Ansatz aus, um seekranke Personen zu erklären?
Die Arbeit stellt in Frage, ob Ryles rückwärtsgewandte Dispositionstheorie ausreicht, oder ob strukturelle (kausale) Faktoren notwendig sind, um erstmaliges Verhalten zu erklären.
- Quote paper
- Holger Michiels (Author), 2005, Der Dispositionsbegriff bei Ryle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74300