Einführung
Der Begriff des Teledorfes hat eine starke Aktualität. Allerorten werden Teledorf-Projekte ins Leben gerufen, meist kombiniert mit Telearbeit und Telelernen. Diese Projekte, so meint man, lösen Probleme der Umstruktu- rierung und Strukturschwäche in Städten, Gemeinden
a) Das Teledorf ist eine Entwicklungsstrategie, keine „Sache“. Gemeinschaft von Menschen, Firmen, Schu- len etc. , die untereinander vernetzt sind und die glo- balen Informationsquellen nutzen. (Keith Nelson Ph.D. 1998)
b) Das Teledorf ist eine kombinierte Entwicklung von Wohn- und Arbeitsraum, basierend auf Telekommuni- kationstechnologien.
Teledörfer sind also laut Definition keine rein räumli- chen Gebilde, sondern ein Konstrukt aus Entwicklungs- strategie und baulichem Bezug.
Diese Ausarbeitung setzt sich mit dem Thema Teledorf in verschiedener Weise auseinander. Anhand von Bei- spielen gebauter und sich in Bau befindlicher Projekte, die unter der Überschrift Teledorf durchgeführt werden, wird ein Versuch der Klassifizierung gemacht. Nach allgemeingültigen Rückschlüssen wird dann die Prob- lematik des Teledorf-Gedankens auf Brandenburg übertragen, sowie Kernpunkte und resultierende Möglichkeiten diskutiert. Die Arbeit kann keine Antworten auf Entwicklungsfragen geben, wohl aber wertvolle Hinweise liefern, die in Zukunft bei der Auseinandersetzung mit der telematischen Entwicklung im Raum von entscheidender Bedeutung sein werden.
Teledorf als Reaktion auf Strukturschwäche
Retztstadt
Das Teledorf – Projekt der Gemeinde Retztstadt steht
im besonderen Zusammenhang mit der Initiative des Bundeslandes Bayerns: Bayern Online. Obwohl sich dieses Programm inhaltlich mehr mit der Vernetzung des Bundeslandes beschäftigt, enthält sich doch eine interessante These zum Thema Telearbeit: Ein Telearbeitsplatz ist an jedem Standort möglich, es ist die Chance für den ländlichen Raum, Funktionsverluste auszugleichen, besonders Arbeits-, die Verwaltungs-
Auswirkung moderner Medien auf die Raumstruktur
und die Bildungsfunktion, der Kaufkraftabfluss zugunsten der Städte wird reduziert, da die Beschäftigten wieder vermehrt an ihrem Heimatort einkaufen werden. N eue Geschäfte werden dadurch entstehen. Durch eine Verringerung der Pendlerfahrten wird der Verkehr in Ballungsräumen entflechtet und die Umwelt entlastet.
( vgl. http://www.bayernonline.de/ )
Der Ort Retztstadt, eine Gemeinde mit 1700 Einwohner, begann bereits 1994 mit ersten Zusammenarbeit mit fünf Firmen. So entstanden zunächst sechs Telearbeitsplätze. Die in den Nachbarort abgewanderte Verwaltung sollte über Videokonferenzsystem eingeschaltet w erden und Vorträge der VHS Karlstadt sollten per Videokonferenz übertragen werden.
Im Rahmen dieser Entwicklung wurde Retztsatdt zum Vorreiterprojekt für Bayern erklärt, nach dessen Vorbild noch weitere 40 geplant wurden. Gleichzeitig erhielt es den Status eines Expo 2000 Projektes.
Die genaue Beschreibung des Projektes lautete wie folgt: Die Gemeinde Retzstadt sieht sich aufgrund der topographischen Lage und der wirtschaftlichen Situation mit großen Strukturproblemen konfrontiert. Der Wandel von der A grar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft führte zu einer wachsenden Zahl von Auspendlern und zu einem Verlust von Funktionen (Schließung der Schule, von Geschäften, Gaststätten, Tankstelle, Pfarrstelle).
Die Kommunalverwaltung wurde im Rahmen der Gebietsreform nach Zellingen abgegeben (Sitz der Verwaltungsgemeinschaft).
Der heutige Entwicklungsstand der Informations- und Kommunikationstechnologie bietet zum erstenmal die Chance, den Strukturwandel in Retzstadt positiv zu gestalten. Arbeitsplätze werden wieder aus den
Ballungsräumen zurückverlagert Telearbeit), Existenzgründungen werden erleichtert (siehe Gründerservicenetz Main-Spessart) und Funktionsverluste werden zumindest teilweise wieder ausgeglichen. (siehe Bürgerbüro und Weiterbildung). Die Gemeinde Retzstadt steht exemplarisch für alle Kommunen im ländlichen Raum, die mit den Problemen des Strukturwandels konfrontiert sind.
Die Anforderungen für die Teilnahme an der EXPO 2000 wurden in vier Projekten konkret beschrieben, die eng miteinander verbunden sind (z.b. Nutzung der Vorteile der Breitbandverkabelung für die Weiterbildung und für Telearbeitsplätze):
• Breitbandnutzung (Projekt 1)
• Weiterbildung (Projekt 2)
• Telearbeitsplätze (Projekt 3)
• Lokales Informationssystem (Projekt 4)
Über den Stand des Projektes lässt sich keine umfassende Aussage machen, anhand der Homepage der Stadt ist erkennbar, dass das Projekt noch in der Entwicklung steckt. Ersichtlich sind die Ansätze in Hinblick auf ein KIS und der Nutzung von Telearbeitsplätzen. (www.main-spessart.de )
Beispiel Multimedia-Stadt Norderstedt, Schleswig- Holstein
Die Stadt Norderstedt ist eine Nachbarstadt Hamburgs
Autobahnanschluss, die Hamburger Innenstadt ist in 30 Minuten mit der U -Bahn zu erreichen, der Flughafen liegt nur einen Kilometer entfernt.
Wie viele Städte befindet sich Norderstedt in einer Phase der strukturellen Schwäche, traditionelle Industrien werden abgebaut und umstrukturiert. Als zusätzliche Belastung erwies sich die Liberalisierung des Strommarktes. Sie erschwerte die wirtschaftliche
Auswirkung moderner Medien auf die Raumstruktur
Situation der Stadtwerke, die finanziell in eine komplizierte Situation gerieten. Man versuchte, die Verluste durch Aktivitäten in neuen Tätigkeitsfeldern zu
kompensieren und gründete 1999 eine eigene Kommunikationsgesellschaft, die „wilhelm.tel“. Diese Stadteigene Gesellschaft arbeitet eng mit der Stadtverwaltung Norderstedt, Wohnungsbaugesellschaften, der britischen Gesellschaft Colt-Telecom und dem Unternehmen Bertelsmann zusammen. Die Vorteile, die sich ergeben, sind zum einen die Nichtbelastung des städtischen Haushaltes durch das Investitionsvolumen von 65 Mio. DM, zum anderen behält die Stadt die Entwicklung unter Kontrolle.
Projekt
Erklärtes Ziel des Gesamtprojektes ist es, den Bewohnern Norderstedts das „Tor z um Informationszeitalter“ zu öffnen. Damit ist gemeint, dass jeder Bürger Zugriff auf multimediale Inhalte und Internet bekommen kann, für jeden Einwohner wird aus dieser Motivation heraus ein Multimediazugang geschaffen.
Seit 1999 läuft die flächendeckende Trassenverlegung in Norderstedt. Die Partner aus der Wirtschaft stehen dabei mit dem Know-how hinter wilhelm.tel. Das komplette Angebot an Leistungen sollte ab März 2000 zur Verfügung stehen, Geschäftskunden werden generell mit einer erhöhten Priorität a ngeschlossen. Das Spektrum der Leistungen, das wilhelm.tel zusammen mit Partnern bietet, umfasst
- Angebote von digitalen TV-Programmen
rückkanalfähigem Anschluss
- Breitband-Internetzugang über TV-Kabel als Pauschale
- Datendienste im weitesten Sinne
- Kostenfreie Ortsgespräche über wilhelm.tel
- Mobilfunkservice.
Vorteile für den Kunden von wilhelm.tel liegen in der Bündelung der Angebote unter einem Anbieter sowie im Preis. Dadurch wilhelm.tel die sogenannte „letzte Meile“ realisiert wird, kann die angebotene Leistung zu einem Preis angeboten werden, welche die Konkurrenz nicht bieten kann. Die Anschlusskosten liegen im Neubau bei ca. 450 DM, im Altbau können Sie bis zu 1000 DM betragen.
Die Akzeptanz bei den Norderstedter Bürgern für das Projekt und die Vernetzung ist außerordentlich hoch, Quellen sprechen davon, dass sich 90-98% der Bürger
haben anschließen lassen. Niemand wird zu einem Anschluss verpflichtet.
Parallel zum rein technischen Ausbau steht der Aufbau eines KIS. Dieses ist zur Zeit noch unvollständig, soll aber später dem Bürger für Informationen und Interaktionen mit der Stadt zur Verfügung stehen.
Weiterführung
Norderstedt plant einen ständigen Ausbau des Netzes. Mittelfristig wollen sich wilhelm.tel und die Stadtwerke auch in anderen Wirtschaftszweigen betätigen. So ist zum Beispiel die Gebäudeverwaltung anvisiert, diese beinhaltet die komplette Versorgung eines Gebäudes
Ausnutzung der Telekommunikationsinfrastruktur - zum Beispiel zur R egelung von Klimaanlagen, Schließen und Öffnen der Fenster und Kontrolle der Gebäude durch Sicherheitsorgane. Centrexdienste: Centrex bedeutet die Nachbildung einer Nebenstellenanlage in einem intelligenten Ortsnetz, so dass der Kunde (Unternehmen, Verwaltung) nicht mehr die Kosten, Wartung und die Pflege einer Nebenstellenanlage zu bezahlen hat, sondern nur noch entsprechende Gebühren an die Netzgesellschaft.
Weiterhin plant die Gesellschaft die Betätigung im Feld von T eleanwendungen im weitesten Sinne sowie der Telearbeit, dem Telelearning und im Mobilfunksektor.
Technik
Die strukturellen Voraussetzungen für die Anwendung der Produkte vor Ort schafft die Kommunikationsgesellschaft wilhelm.tel, den Zugang
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Lars Niemann, Robert Schwarzenau, 2000, Auswirkungen modernder Medien auf die Raumstruktur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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