Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 2
2. BIOGRAFIE 4
3. DAS ÖKONOMISCHE DENKEN ALFRED MARSHALLS 8
4. ZEITGESCHICHTLICHER HINTERGRUND UND
DOGMENHISTORISCHE EINORDNUNG 13
5. SEIN HAUPTWERK: DIE PRINCIPLES OF ECONOMICS 18
6. KRITIK AN ALFRED MARSHALL UND SEINEM WERK 21
7. BEZUG ZU AKTUELLEN PROBLEMEN DER
VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE UND ABSCHLIEßENDES FAZIT 26
LITERATURVERZEICHNIS 27
(Alfred Marshall Quelle: Wikipedia de)
1
1. Einleitung
Alfred Marshall (1842-1924) war ohne Zweifel einer der größten Ökonomen seiner Zeit. Mit den „Principles of Economics“ schuf er ein fundamentales Lehrgebäude, das bis heute in der Mikroökonomie Bestand hat 1 . Nach Salin kann man nur mit „Ehrfurcht“ seine „bedächtige Vereinigung der überkommenen und der neuen Lehre beobachten“ 2 . Es war im Grunde keine große neuartige Idee, die Marshalls theoretisches Werk ausmachte, sondern vielmehr die Verschmelzung der alten, auf Produktionskosten basierenden klassischen Theorie mit den neuen Überlegungen der Grenznutzenschule.
Schumpeter sieht Marshall in der Wirtschaftsgeschichte auf einer Stufe mit Adam Smith und beschreibt große Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Beide hätten einen sehr hohen Grad der Vollendung und unendliche Sorgfalt in ihrer jahrzehntelangen grundlegenden Arbeit 3 . Im Gegensatz zu Marshall selber versteht Schumpeter das Werk als „schöpferische Leistung“ und nicht als bloße Synthese bereits existierender Ideen. 4 Doch neben seiner theoretischen Meisterleistung attestieren Marshall viele Zeitgenossen und Wirtschaftshistoriker auch ein starkes soziales Gewissen. Keynes beschreibt Alfred Marshall zum einen als „größten Ökonomen in 100 Jahren“ 5 . Er sagt aber auch, Marshall sympathisiere tatsächlich „mit der Arbeiterbewegung und dem Sozialismus in vieler Beziehung, nur nicht im geistigen Bereich“ 6 So wird auch in dem Essay von Keynes über Marshall immer wieder deutlich, wie sehr Marshall in seinem Leben von seinem sozialen Gewissen begeleitet wird. Dennoch bleibt Marshall in seinen Werken stets rein ökonomisch und vermischt seine ökonomischen Einsichten an kaum einer Stelle mit moralischen Prinzipien. 7
1 Vgl. Ben Seligmann „Alfred Marshall: Die gestaltgewordene Tradition“ S. 191
2 Edgar Salin „Politische Ökonomie- Geschichte der wirtschaftspolitischen Ideen von
Platon bis zur Gegenwart“ S.157
3 Vgl. Joseph Alois Schumpeter, „Geschichte der ökonomischen Analyse II“ S. 1018
4 Vgl. Schumpeter, „Geschichte der ökonomischen Analyse II“ S. 1019-1023
5 John M. Keynes: „Alfred Marshall” S. 370
6 Keynes „Alfred Marshall” S. 381
7 Vgl. Keynes „Alfred Marshall” S. 368
Keynes beschreibt einen inneren Konflikt Marshalls zwischen seinem strengen, nüchternen, kritischen und völlig unsentimentalen Verstand und seinem Gewissen eines unbesonnen Moralisten mit „Gefühlen und kaum bewussten Empfindungen ganz anderer Natur“ 8 .
Marshall selber sieht die Beschäftigung mit der Ökonomik als Kampf gegen die Armut. Für ihn „ist die Untersuchung der Ursache der Armut gleichzeitig die Untersuchung der Wurzel der sozialen Deklassierung eines großen Teils der Menschheit“ 9 . Er sieht also gerade in seinem Modell der reinen Ökonomie einen Weg, Armut zu erklären und später auch zu beseitigen.
Blickt man aber auf das Vermächtnis Marshalls in der Wirtschaftsgeschichte zurück, so fällt schnell auf, dass die Strahlkraft von Marshalls theoretischer Leistung seine sozialen Anliegen völlig überdeckt. Marshalls Ruhm beruht zum überwiegenden Teil auf der Gründung einer Schule der reinen Ökonomie, die alle sozial-ökonomischen Prozesse von der Betrachtung ausschließt 10 . Er hat das Gegenteil von dem bewirkt, was er, beziehungsweise sein soziales Gewissen, eigentlich wollte: Er schuf eine Theorie-Welt des Homo Oeconomicus, in der es nur rationale Handlungsakteure gibt, die bei einer irrealistischen Annahme vom vollkommenen Wettbewerb stets versuchen, ihren Gewinn oder Nutzen zu maximieren. Eine Betrachtung sozialer Komponenten des Modells oder ein Lösungsvorschlag zur sozialen Frage bietet Marshall nicht. Der innere Konflikt Marshalls zwischen der Hinwendung zur reinen Ökonomik einerseits und seinem sozialen Gewissen andererseits bleibt von damals bis heute aktuell. Im 19.Jhd. führte der zügellose Laissez-Faire Kapitalismus zur Bildung eines riesigen Proletariats. Heute gibt es in der Globalisierungsdebatte Meinungen, die eine zu „reine“ Interpretation der Ökonomie und „Marktfundamentalismus“ 11 für negative Phänomene des Globalisierungsprozesses verantwortlich machen.
Der Versuch, den Konflikt zwischen diesen beiden Bereichen zu lösen oder umfassend darzustellen, würde den Rahmen dieser Hausarbeit
8 Keynes „Alfred Marshall” S. 377
9 Keynes „Alfred Marshall” S.368
10 Vgl. Werner Krause “Ökonomen-Lexikon” S. 338
11 Joseph Stieglitz, „Die Chancen der Globalisierung“ S. 13
sicherlich sprengen. Vielmehr soll versucht werden, Alfred Marshalls inneres Spannungsverhältnis zwischen der Schaffung einer reinen Ökonomik einerseits und seinen sozialen Anliegen andererseits zu beleuchten. So hoffe ich, das Problem aus einer personenbezogenen Perspektive zu beleuchten, um einen Anstoß zur Diskussion bieten zu können.
Die Hausarbeit soll auch der Frage nachgehen, inwieweit Marshall überhaupt zur Lösung der sozialen Frage beitragen konnte. Konnte er tatsächlich einen Weg zur Lösung des Problems aufzeigen oder behinderte ihn die Beschäftigung mit sozialen Fragen eher bei der Entwicklung einer „reinen Ökonomik“?
Der Hauptteil der Hausarbeit ist in drei Kapitel gegliedert. Sie sollen die „doppelte Persönlichkeit“ Marshalls aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Lediglich im Kapitel „Die Principles of Economics“ wird die duale Betrachtungsweise zugunsten der Theorie etwas verschoben, um auch dem Anspruch einer Hausarbeit zu Alfred Marshalls Werk als solchem gerecht werden zu können.
In den beiden letzten Kapiteln werden die Ergebnisse resümiert, kritisch betrachtet und ein Bezug zur aktuellen Debatte hergestellt. Grundlage für die Betrachtungen sind Aussagen und Schriften von Zeitgenossen und Wirtschaftshistorikern, die Alfred Marshalls Leben und sein Werk beschrieben haben.
2. Biografie Alfred Marshall wurde am 26. Juli 1842 in Saltash (England, Cornwall) in bescheidenen Verhältnissen als Sohn eines Kassenbeamten der „Bank of England“ geboren 12 . Keynes beschreibt den Vater als Tyrannen, der seinen Sohn mit einer streng evangelischen Erziehung malträtierte 13 . Die eigensinnigen Ansichten William Marshalls werden besonders in der von ihm veröffentlichen Abhandlung „The Man´s Right and Womens Duties“ deutlich. Für seinen Sohn hat er eine theologische Laufbahn vorgesehen und zwingt ihn deshalb bis spät in die Nacht alte Sprachen zu lernen. Den
12
Diese Aussage bezieht sich auf Keynes „Alfred Marshall” S.366; Schmölders schreibt
abweichend, Marshall sei als Pfarrerssohn in London geboren worden. Vgl. Günter
Schmölders, „Geschichte der Volkswirtschaftslehre“ S. 85
13
Vgl. Keynes „Alfred Marshall” S.366
Umgang mit der Mathematik verbot er seinem Sohn, da er ihm auf diesem Gebiet intellektuell nicht folgen konnte. Trotzdem, so beschreibt Keynes, las der kleine Marshall auf dem Schulweg heimlich Mathematik-Aufgaben und versuchte diese zu lösen. Sein Lehrer beschreibt Marshall auch als „übermäßig begabt für Mathematik“ 14 .
Zum Eklat kam es erst, als Marshall 1861 ein Stipendium des St. Johns College Oxford ablehnte. Das Studium hätte ihn, laut Keynes, auf die Ordination vorbereiten sollen und eine Bindung an die alten Sprachen für Marshall bedeutet. Statt dessen entschloss sich Marshall, gegen seinen Vater zu rebellieren und am St. Johns College in Cambridge Mathematik zu studieren. Möglich wurde dies erst durch einen australischen Onkel, der ihm das nötige Geld für sein Studium lieh.
Marshall studiert 4 Jahre lang Mathematik und schließt sein Studium 1865 mit hervorragenden Noten ab. Er erhält eine Fellowship und gibt Mathematik-Stunden, mit denen er seine Schulden beim Onkel abbezahlen kann. „Auf diese Weise hat die Mathematik meine Schulden bezahlt,“, hat Marshall später gesagt, „ich war nun frei, meinen Neigungen zu folgen.“ 15 .
Durch die Beschreibung dieses Lebensabschnittes durch Keynes wird deutlich, dass die Mathematik für Marshall vor allem ein „Freiheitskampf“ gegen den Vater war. Mit ihrer Hilfe hatte er sich von ihm abgrenzen und los lösen können. Das erklärt, warum die Mathematik für Marshall – im Gegensatz zu vielen seiner ökonomischen Zeitgenossen – wichtig war. Vielleicht erklärt es auch seine starke Neigung zur rationalen bzw. „reinen“ Theorie.
Dennoch blieb Marshall Zeit seines Lebens auch Missionar. Zwar wurde er Agnostiker, doch seine Sympathie für die christliche Moral konnte sein tyrannischer Vater ihm nicht austreiben. 16 Die Mathematik hatte Marshall zwar die Freiheit vom Vater gebracht, einen Selbstzweck bedeutete sie für ihn aber nicht. Sein ursprüngliches Ansinnen Physik zu studieren verwarf Marshall aufgrund eines „plötzlich erwachenden, tiefen Interesses für die philosophischen Grundlagen des
14
Wiedergegeben durch Keynes in „Alfred Marshall” S.367
15
Wiedergegeben durch Keynes in „Alfred Marshall” S.367
16
Vgl. Keynes „Alfred Marshall” S. 368
Wissens, namentlich in ihrer Beziehung zur Theologie“ 17 . Marshall wurde sich seines inneren Spannungsverhältnisses zwischen wissenschaftlicher Theorie und moralischen Ansprüchen bewusst und wollte diesem inneren Widerspruch nachgehen. Die Zeit von 1866- 1868 wird daher auch die philosophische Phase Alfred Marshalls genannt, in der er seine eigentlichen „Neigungen“, die er nun frei war zu verfolgen, erst einmal suchen musste. In dieser Zeit schuf Marshall das Fundament seiner geistigen Einstellungen. Auch mit der Grenznutzenschule kam Marshall schon zu dieser Zeit in Kontakt. Schmölders schreibt, dass Marshall schon 1867 die wesentlichen Gedanken der Schule in seinen psychologischen Vorlesungen behandelt 18 .1868 brachte ihn der Wunsch, Kant im Original zu lesen für längere Zeit nach Deutschland.
Über Umwege gelangte Marshall schließlich zur Nationalökonomie:
„Von der Metaphysik kam ich zur Ethik und glaubte, dass es nicht leicht sei die bestehende Gesellschaftsordnung zu rechtfertigen. (...) Dann suchte ich in den Ferien die ärmsten Viertel verschiedener Städte auf (...) und schaute in die Gesichter der Allerärmsten. Darauf entschloss ich mich so gründlich ich konnte Nationalökonomie zu studieren“ 19
Es waren also ganz ausdrücklich ethische Gründe, die Marshall dazu bewegen, sich mit Ökonomie zu beschäftigen. Dennoch blieb seine Theorie, wie schon erwähnt, eine abstakte, „reine“ Ökonomie. Marshall hoffte jedoch, durch die Beschäftigung mit der reinen Ökonomie die Ursachen der momentanen ökonomischen Gesellschaftsordnung erklären zu können.
Schließlich beschaffte ihm Dr. Bateson, Master of St. John`s in Cambridge, eine Stelle an seinem College für Moral Science. Marshall begann so, nach zwei Jahren der Unruhe, sich mit Nationalökonomie zu beschäftigen.
In den folgenden neun Jahren erarbeitete sich Marshall die Grundlagen des Faches. In den Ferien ging er oft in Ausland, bevorzugt in die Alpen.
17
Keynes „Alfred Marshall” S. 368
18
Vgl. Schmölders ,„Geschichte der Volkswirtschaftslehre“ S.86
19
Keynes „Alfred Marshall” S. 369
Arbeit zitieren:
Thilo Zimmermann, 2007, Alfred Marshall - Sein Lebenswerk im Spannungsverhältnis zwischen theoretischer Meisterleistung und sozial-moralischen Ansprüchen, München, GRIN Verlag GmbH
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