Der Dokumentarfilm 9 11 und seine Formen der Emotionalisierung
Hausarbeit von Heike Ulbrich
Inhalt
1 Einleitung 3
2 9 11 4
2.1 Thema 4
2.2 Dramaturgie 5
2.3 Dokumentarische Methode 6
2.4 Darstellungsweise 7
2.5 Darstellungsstrategien 7
2.6 Rahmenbedingungen 8
2.7 Wirklichkeitsbild 8
3 Emotionalisierung durch 9 11 10
3.1 Emotion - Definition und Einordnung 10
3.2 Emotionalisierung aufgrund der Thematik 12
3.3 Emotionalisierung durch das Dargestellte 13
3.3.1 World Trade Center 13
3.3.2 Gesichter 15
3.3.3 Sprache und Stimme 17
3.4 Emotionalisierung durch die Art der Darstellung 17
3.4.1 Musik 17
3.4.2 Titel 18
3.4.3 Andere Formen 18
4 Fazit 19
5 Anhang 20
5.1 Segmentprotokoll 20
5.2 Akteure 21
5.3 Credits 22
6 Quellen und Literaturverzeichnis 23
7 Abbildungsverzeichnis 24
2
1 Einleitung
„Das Kino ist seit jeher ein privilegierter Ort für Emotionen, und wer über Film und Filmerleben redet, schließt dabei im Grunde stets die emotiven Wirkungen ein, denn sie gehören essenziell dazu“ (Wuss 2002, S. 123). Dennoch steht die Erforschung der Emotionen in den audiovisuellen Medien noch an ihrem Anfang. Zwar haben sich schon zahlreiche Autoren an der Untersuchung der emotionalen Wirkung von fiktionalen Filmen versucht, welche aber auch gleichzeitig die Problematik der subjektiven Beurteilung evozierte. Diese Tatsache verweist auf eine grundlegende Frage der Emotionspsychologie: Inwieweit kann das Irrationale mit dem Rationalen erklärt werden? Muss einer wissenschaftlichen Analyse, in diesem Fall der Analyse der emotionalen Prozesse bei der Filmrezeption, nicht immer eine kognitive Perspektive zugrunde liegen? An dieser Stelle möchte ich mich der Herangehensweise Plantingas anschließen, der feststellt: „[...] emotions and cognitions tend to work together“, was seiner Ansicht nach auch die Untersuchung von Emotionen legitimiert (Plantinga 1999, S. 2).
Aber trotz der weiterhin bestehenden Gefahr, in eine subjektive Beurteilung abzurutschen, möchte ich mit dieser Arbeit den Versuch anstellen, einen Film hinsichtlich seiner Emotionalisierung (beim Zuschauer) zu analysieren. Die Tatsache, dass es sich dabei um einen Dokumentarfilm handelt, dürfte ein weiteres Wagnis darstellen. Die Untersuchung der emotionalen Wirkungen von Dokumentarfilmen ist ein beinahe unberührtes Gebiet, wodurch eine Einbeziehung verwertbarer Ergebnisse in dieser Arbeit gleichsam ausgeschlossen ist. Allerdings dürften die Erkenntnisse der Erforschung von fiktionalen Filmen dienlich sein, da sich gewisse Zusammenhänge in der Recherche herausgefiltert haben.
Untersuchungsgegenstand ist der Dokumentarfilm der Brüder Jules und Gedeon Naudet sowie von James Hanlon: 9|11, der 2002 veröffentlicht und am 10. März desselben Jahres erstmals von CBS ausgestrahlt wurde (vgl. www.frenchculture.org). Am 11. September 2002 war 9|11 in 135 Ländern zu sehen (vgl. www.stern.de). In Deutschland sendete die ARD den Dokumentarfilm über die New Yorker Feuerwehr und deren Dienst während der Anschläge vom 11. September 2001 in einer gekürzten Version von nur 103 statt 120 Minuten. In den folgenden Monaten und Jahren zeigten auch andere Sender 9|11, stets unter dem deutschen Titel „11. September - Die letzten Stunden im World Trade Center“, zuletzt der WDR im September 2005.
Für die Thematik der Emotionalisierung von Dokumentarfilmen erachte ich 9|11 für ein gut geeignetes Beispiel, da er eine Kategorisierung der verschiedenen „emotionalen Quellen“ für den Zuschauer erlaubt, wie z.B. Emotionen, die über die filmischen Mittel oder das Geschehen an sich vermittelt werden. Zudem macht die Untersuchung von 9|11 die Kommunikationsformen von Emotionen ersichtlich und kann außerdem den Bezug von Realitätskonstruktion und Emotion des Zuschauers verdeutlichen. Dennoch handelt es sich nicht um einen Musterdokumentarfilm, der eine weitere Schublade zur Betrachtung von Dokumentarfilmen öffnet. Vielmehr dient er der Annäherung zum Thema Emotionalisierung und deren Formen, wobei eine Einteilung der Letzteren als ein Versuch anzusehen ist.
Zuvor möchte ich 9|11 als Dokumentarfilm mit seinen Inhalten, seiner Darstellungs- und Erzählweise etc. aufzeigen. Allerdings gerät man dabei schnell in die Diskussion um Realität, Objektivität und Authentizität als Ansprüche eines Dokumentarfilms. Die verschiedenen Ansätze sollen an jener Stelle erwähnt sein, auch in Hinblick auf das zu prüfende Filmbeispiel. Eine nähere Bestimmung der Emotion aus psychologischer und soziologischer Sicht ist hilfreich, um in die Thematik der Emotionalisierung durch Filme einzuführen.
Ein abschließendes Fazit soll die Frage beantworten, inwieweit eine Analyse hinsichtlich der Emotionalisierung von Dokumentarfilmen eine weitergehende Betrachtung aus medienwissenschaftlicher Sicht verdient.
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2 9|11
Zunächst dürfte es hilfreich sein, 9|11 als Dokumentarfilm an sich zu betrachten, um ihn nachfol- gendhinsichtlich seiner Emotionalisierung untersuchen zu können. An dieser Stelle liegt der Fokus vor allem auf der Verdeutlichung der inhaltlichen Thematik von 9|11 sowie u. a. seiner Dramaturgie, Darstellungsformen und -strategien, Rahmenbedingungen sowie dem vermittelten Wirklichkeitsbild.
9|11 ist ein Film von James Hanlon, Jules und Gedeon Naudet. Die in Paris geborenen Brüder Naudet
gingen 1989 nach New York und schlossen die Filmschule der New York University ab. In New York lernten sie den Feuerwehrmann und Schauspieler (Gastrollen in „Law & Order“ und „NYPD Blue“) James Hanlon kennen und konzipierten mit ihm die Idee eines Dokumentarfilms über einen jungen Feuerwehrmann in seiner Probezeit (vgl. www.frenchculture.org).
2.1 Thema
Die Filmemacher verfolgten ursprünglich die Intention, einen ausgebildeten Feuerwehrmann, einen sogenannten Proby, bei seinen ersten Einsätzen zu begleiten. Trotz der „Zufälligkeit“ der Doku- mentationvon den Ereignissen am 11. September 2001 und ihrer Relevanz blieb man dieser Inten- tiontreu. Die Begleitung des Probys Tony Benetatos innerhalb der Feuerwehreinheit Engine 7, Ladder 1 zieht sich wie ein roter Faden durch den Film.
Insbesondere im Prolog wird auf das Thema des Films verwiesen: Die New Yorker Berufsfeuer- wehrund ihre Arbeit während einem der folgenschwersten Momente in der Geschichte der USA. Die Filmemacher selbst verweisen auf ihre Intention, einen Proby zu begleiten, woraufhin kurz die Ausbildung in der Feuerwehrakademie vorgestellt wird. Selbst das Casting des geeigneten Probys, wobei die Wahl der Filmemacher auf Tony Benetatos fällt, kann der Zuschauer mitverfolgen. Hanlon und die Brüder Naudet zeigen den Alltag auf der Feuerwache Engine 7, Ladder 1 - vor allem Tony und seine ersten kleineren Einsätze. In den zwei Monaten der Begleitung bleiben aber größere Einsätze aus und laut Gedeon Naudet schien das Projekt beinah zu scheitern. Es ist der 11. September und Jules Naudet begleitet Chief Joseph Pfeifer zu einem Einsatz wegen eines Gaslecks, auch um mit der Kamera zu üben und kann so filmen, wie das erste Flugzeug in einen der Türme des World Trade Centers rast. Die Feuerwehrmänner fahren sofort zum Einsatzort und Jules erhält die Erlaubnis, mit in die Lobby zu kommen und wird zum Beobachter der Aktionen und Reaktionen der Feuerwehrmänner. Jules und Gedeon Naudet vermuten voneinander, in den Türmen zu sein, aber Gedeon bleibt in der Wache bei Tony, der den Telefondienst übernehmen musste. Zeitweise begibt sich Gedeon auf die Straßen, fängt mit der Kamera die Reaktionen der Menschen und zufällig auch den Aufprall des zweiten Flugzeuges ein. Tony geht in Begleitung eines Chiefs außer Dienst zum World Trade Center, um zu helfen. In der Lobby ist ein lautes Geräusch zu hören - der erste Turm stürzt in sich zusammen und die Feuerwehrmänner sowie Jules können sich flüchtend retten. Sie begeben sich auf die Suche nach einem Ausgang, den sie nach einiger Zeit auch finden und versuchen sofort, den Einsatz neu zu koordinieren. Währenddessen begibt sich Gedeon mit einer Gruppe anderer Feuerwehrmänner in Richtung des World Trade Center, um seinen Bru- der zu finden, doch er kann als Kameramann nicht helfen und filmt die hilflosen Menschen in den Straßen. Der zweite Turm stürzt zusammen; Jules und Gedeon - noch immer voneinander getrenntwerden von einer Staubwolke eingeschlossen. Während Jules noch in den Straßen umherirrt, geht Gedeon zur Wache und erlebt, wie die Feuerwehrmänner nach und nach zurückkehren. Etwas später kommen auch Jules und Tony zurück. Es folgt die ergebnislose Suche nach Überlebenden in den Trümmern durchdrungen von großer Trauer um die Opfer.
Der Epilog verdeutlicht den neuen Alltag der Feuerwehrmänner in Verbindung mit dem folgenschweren Verlust von Kollegen und einem Wahrzeichen der USA (vgl. Segmentprotokoll, Kap. 5.1).
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Insofern ist 9|11 eine gesellschaftliche Relevanz impliziert, die sogar im Film selbst deutlich artikuliert wird. Zum einen stellt 9|11 den Beruf des Feuerwehrmannes in New York dar, insbesondere den Einstieg in diesen Beruf, also die Zeit als Probationary Firefighter kurz nach der Ausbildung sowie die Herausforderung der Feuerwehrmänner im Einsatz vom 11. September 2001. Damit können die gesellschaftlichen Erwartungen oder Vorurteile gegenüber diesem Beruf bestätigt oder widerlegt werden.
Zum anderen versteht sich 9|11 aufgrund der Einzigartigkeit seines Filmmaterials als Zeugnis bzw. als Dokument der Geschichte. Hier heben die Filmemacher vor allem die Aufnahmen von Jules Naudet in der Lobby von Turm 1 des World Trade Centers hervor. Obwohl Jules auch als Einziger den Aufprall des ersten Flugzeugs filmte, verzichtete man in 9|11 darauf, die Einmaligkeit dieser Bilder zu unterstreichen, sicher auch weil sie noch am selben Tag an die TV-Sendeanstalten weitergegeben wurden und so in zahlreichen Nachrichtensendungen auf der ganzen Welt zu sehen waren.
Schließlich richten die Filmemacher noch einen direkten Appell an die Zuschauer: Vor den Credits werden die Worte „Let us never forget“ eingeblendet. Damit wird 9|11 nochmals konkret die Bürde auferlegt, ein einmaliges Dokument der Zeitgeschichte zu sein, das mithilfe der ungeschönten Bilder des Anschlags und seiner Folgen die Erinnerung der Menschen erhalten soll.
2.2 Dramaturgie
9|11 stellt sich als primär chronologisch aufgebaut dar. Dies verdeutlicht sich allein schon durch die Zwischentitel, die auf das jeweilige Datum verweisen. Allerdings werden diese nur innerhalb der Begleitung des Probys Tony verwendet, da dieser Teil des Films zeitlich stark gerafft wiedergegeben wird. Die Geschehnisse vom 11. September hingegen weisen eine detaillierte Form der Darstellung auf. Zudem ist eine Parallelität in der Erzählung festzustellen aufgrund der zwei Materialquellen (Kameras von Jules und Gedeon), die ihren Höhepunkt in der Suche der beiden Brüder nach dem jeweils anderen und ihr Ende in der Zusammenkunft von Jules und Gedeon in der Wache findet. Neben der Begleitung des Probys Tony wird auch der neue Alltag der Feuerwehrmänner (im Epilog) nach dem 11. September zeitlich gerafft erzählt, woraus eine Art Rahmenstruktur resultiert, wie die folgende Abbildung zeigt:
Neben der Strukturierung nach zeitlichen Aspekten ist auch eine nach emotionalen Aspekten festzustellen. Die emotionale „Kraft“ des Gezeigten vollzieht eine Steigerung bis hin zum Höhepunkt am Ende des Films 9|11, was in etwa so dargestellt werden kann:
2.3 Dokumentarische Methode
Für die Einordnung von 9|11 anhand seiner dokumentarischen Methode möchte ich die Typologisierung nach Nichols verwenden. Aber wie Nichols bereits feststellt, „the characteristics of a given mode function as a dominant in a given film: they give structure to the overall film, but they do not dictate or determine every aspect of its organization“ (Nichols 2001, S. 100). Auch in 9|11 sind Elemente mehrerer Modi vorhanden, wobei sich aber die Dominanz von zwei Methoden herausfiltern lässt: 9|11 als beobachtender und interaktiver Dokumentarfilm. Die Grenzen zwischen diesen beiden Modi verschwimmen sehr stark, was eine Veranschaulichung mittels konkreter Beispiele etwas erschwert.
Im beobachtenden Modus sehen wir das, was wir auch ohne die Anwesenheit einer Kamera gesehen hätten. „The filmmaker‘s retirement to the position of observer calls on the viewer“ (ebd., S. 111). Wenn wir u. a. Tony dabei begleiten können, wie er seine ersten Einsätze erlebt oder wenn wir Einblick in die Lobby des World Trade Centers bekommen, als die Feuerwehrmänner versuchen, den Einsatz zu organisieren, werden wir zum unmittelbaren Zeugen des Geschehens. In diesen Mo-menten vergessen die Akteure die Anwesenheit der Kamera, da sie mit sich und ihren Problemen bzw. ihrer Arbeit beschäftigt sind. „The scenes tend [...] to reveal aspects of character and individuality“ (ebd.). Der Zuschauer kann Tony oder die Männer in der Lobby bei ihrer Arbeit beobachten und aufgrund des Verhaltens auf bestimmte Eigenschaften der Personen rückschließen, auch wenn sie sich in außergewöhnlichen Situationen befinden. Allerdings, so bemerkt Nichols auch, vermitteln die beobachtenden Aufnahmen „nicht mehr den Eindruck, die referentielle Ebene selbst ,einzufan-gen‘, die historische Welt, so wie sie ist, auf Film zu bannen. Sie betonen vielmehr Eigenschaften wie Dauer, Struktur und Erfahrung, die oft nicht mehr an die sozialen Handlungsträger gebunden sind, sondern im virtuellen Bereich wirksam werden“ (Nichols 1995, S. 153). Neben der beobachtenden Methode wird 9|11 zum größten Teil von der interaktiven Methode bestimmt. Allein die Tatsache, dass die Filmemacher dem Zuschauer als Akteure vorgestellt werden, spricht für diese Interaktivität. Weiterhin sehen wir die Filmemacher „on the scene“, wenn sie zusammen mit den Feuerwehrmännern in der Wache kochen, wenn sie ihre Kameras checken oder wir sehen sie in der Sequenz der Rückkehr und des Wiedersehens. Somit weiß der Zuschauer auch, wer sich hinter der Kamera befindet, auch aufgrund der Interviews, die sich kommentierend durch den Film ziehen, allerdings im Nachhinein aufgenommen wurden. Jules und Gedeon Naudet sowie James Hanlon als Feuerwehrmann werden zu bzw. sind aktiv Beteiligte im gezeigten Geschehen. Teilweise ist es sogar so, dass das Gezeigte nur so geschehen kann, weil die Filmemacher in Interaktion mit dem Gefilmten stehen - weil sie eingreifen. So ist es der Anwesenheit von Jules und seinem Kameralicht zu „verdanken“, dass die Feuerwehrmänner in der Dunkelheit nach dem Einsturz des ersten Turmes den Weg nach oben finden können. Zudem leitet James Hanlon als Kommentator in der Ich-Form durch den Film. Als Filmemacher und beteiligter Feuerwehrmann kann er so sein Wissen an den Zuschauer weitergeben. Insofern macht sich der Zuschauer nicht nur über das Beobachtete, sondern auch über diese zusätzlichen Informationen sein Bild.
Es kann also festgehalten werden, dass es sich bei 9|11 um einen teilnehmend-beobachtender Doku-mentarfilm handelt. Und wie Nichols dazu bemerkt: „The practice of participant-observation [...] has not become a paradigm. [...] Observational documentary de-emphasizes persuasion to give us a sense of what it is like to be in a given situation but without a sense of what it is like for the filmmaker to be there, too. Participatory documentary gives us a sense of what it is like for the filmmaker to be in a given situation [...]“ (Nichols 2001, S. 116). Dennoch werden die Grenzen der Einordnung eines Dokumentarfilms in eine Kategorisierung, wie jene von Bill Nichols deutlich. Anhand bestimmter „Musterdokumentarfilme“ hat Nichols die verschiedenen Modi erstellt und ihnen besondere Merkmale zugesprochen. 9|11 kann eben nicht (so wie viele andere Dokumentar-filme auch) allen Eigenschaften, hier der beobachtenden und interaktiven Methode, entsprechen.
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Quote paper:
Heike Ulbrich, 2006, Der Dokumentarfilm 9/11 und seine Formen der Emotionalisierung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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