Inhalt
Inhalt..........................................................................................................................2
A Einleitung: Die Mande-Literatur und Massa Makan Diabaté 4
B Die Konzeption der Mande-Literatur und Diabatés Umsetzung in seinen Romanen 6
I Die Eigenart der Mande-Konzepte 6
1. Ursprung und Bedeutung der Mande-Literatur 6
2. Der jamu die soziale Struktur der Mande 8
3. Das Sunjata-Fasa 10
4. Kasten in der Mande-Gesellschaft 14
4.1 Das soziale System des antiken Mande-Reiches in der modernen Mande-
Gesellschaft 14
4.2 Das Verhältnis von nyamakalaw und hrnw 18
5. Konkrete Mande-Konzepte im Überblick 20
5.1 fasa und fasiya Die Determination des Seins im Mande 20
5.2 fadenya und badenya als grundlegende Mande-Sozialkonzepte 21
5.3 ngana und nganaya Helden und Heldenideal im Mande 23
5.5 ngara Der Künstler als Mediator des Heldentums 24
6. Sprichwörter in der Mande-Gesellschaft 27
7. Kulturelle und sprachliche Identität im Mande Diglossie und Transposition von
Mande-Metaphorik in die französische Sprache 30
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II Massa Makan Diabaté 34
1. Massa Makan Diabaté und seine Rolle als moderner Griot 34
2. Die Roman-Trilogie Massa Makan Diabatés und die Struktur der Mande-Prosa 39
3. Le Boucher de Kouta 40
Fazit 44
III Der Bezug der Mande-Literatur zur modernen Négritude-Bewegung 45
1. Ursprünge und Grundzüge der Négritude-Bewegung 45
2. Definitionen von Négritude 48
3. Die Mande-Literatur als Ausdrucksform der Négritude 54
C Ausblick und Schlussbetrachtung: Möglichkeiten und Grenzen der Mande-
Literatur im heutigen postkolonialen Afrika 56
Literaturverzeichnis 60
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A Einleitung: Die Mande-Literatur und Massa Makan Diabaté
„Le monde est une maison qui n’a ni portes ni fenêtres. Et seuls se voient coincés dans cette immense demeure ceux qui essaient d’en sortir en emportant la part des autres. La part des autres? C’est leur défauts.“ 1
Die Mande-Literatur ist eine Form des Ausbrechens aus dieser Welt „ohne Fenster und Türen“, ein Versuch, die kolonialen Strukturen in einer postkolonialen Welt zu überwinden und durch ein Berufen auf die eigene Kultur und Geschichte zurückzugewinnen, was zahlreichen afrikanischen Menschen durch die unfreiwillige Kolonialisierung genommen wurde. Mande-Autoren fordern die Rückbesinnung und Selbstfindung ihrer verratenen Völker und streben durch eine „nostalgische Rückbesinnung in die eigene Vergangenheit“ 2 ein neues Gefühl der Solidarität und der gesellschaftlichen Dynamik an. Sie sehen sich als Lehrer und „Anwälte“ ihrer Mitmenschen, die durch „kritische Bilanz“ an ihre traditionellen moralischen und sozialen Werte erinnern möchten und moderne Konflikte mit traditionellen Mitteln zu lösen versuchen. 3 Die Mande-Literatur lässt sich in ihrer Eigenart somit nicht in westliche Muster und Literaturkonzepte einordnen, sondern hebt sich durch ganz eigene Konzepte von eben dieser „westlichen“ Literaturkonzeption ab und ist dieser sogar fast kämpferisch gegenüber zu stellen, da sie sich gegen eine weitere Assimilation an die westliche Kultur und das westliches Werteverständnis auflehnt und für die Selbstbehauptung der ehemals kolonisierten Völker eintritt.
Diese Arbeit nimmt sich die besagte besondere Beschaffenheit der Mande- Literatur zum Gegenstand, mit dem Ziel, ihre Eigenart zu beschreiben sowie ihre Bedeutung und Funktion in der modernen postkolonialen Gesellschaft Afrikas zu verdeutlichen.
1 Traditionelle Weisheit aus Mali, zitiert von Diabaté, Massa Makan. – In: Le Boucher de Kouta, S.3.
2 Ischinger, Anne-Barbara. Kulturidentität und Frankographie, S.132.
3 Ebenda, S.9.
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Nach einer allgemeinen und historischen Begriffsbestimmung wird ausführlich auf die konkreten Mande-Konzepte eingegangen, die sich in traditionellen Bambara 4 - Begriffen ausdrücken lassen. Zudem wird die Bedeutung des Sunjata 5 -Epos in der Mande-Literatur erläutert und insbesondere die sprachsoziologischen Aspekte sowie die sprachliche und kulturelle Identität beschrieben, die im Mittelpunkt der Mande-Literatur stehen. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf die zunächst sehr problematisch erscheinende Tatsache gelegt, dass die Mande-Autoren die französische Sprache nutzten, um sich literarisch auszudrücken.
In einem zweiten Teil wird exemplarisch der malische Griot und Autor Massa Makan Diabaté 6 vorgestellt, der als einer der populärsten Autoren Malis gilt und als Hauptvertreter der Mande-Literatur angesehen werden kann. Es soll im Weiteren an Diabatés Roman-Trilogie gezeigt werden, in wie weit die zuvor erläuterten Mande- Konzepte in seinem literarischen Werk zu finden sind.
In einem dritten und abschließenden Teil wird der Bezug von Massa Makans Diabatés Tätigkeit als Mande-Autor zur Négritude-Bewegung hergestellt, die ihren Ursprung in der intellektuellen Revolte gegen den französischen Kolonialismus im Paris der 1930er Jahren findet. Dabei wird die Bedeutung und Rolle der Mande-Literatur in dieser revolutionären Bewegung herausgearbeitet sowie in ihren Grundsätzen und Forderungen der Négritude-Bewegung gegenüber gestellt. Im Rahmen der Schlussbetrachtung sollen schließlich ausblickend die Möglichkeiten und Grenzen der Mande-Literatur im heutigen modernen, aber immer noch stark von kolonialen Strukturen und deren Auswirkungen geprägten, Afrika aufgezeigt werden.
4 Bambara wird hauptsächlich in Mali gesprochen, als zentrale Variante des Mande kann man sich damit jedoch zudem in den meisten Regio nen von Burkina Faso, der Elfenbeinküste, in der östlichen Landeshälfte Guineas sowie im Ostsenegal verständ igen; Kastenho lz, Raimund. Bambara/Dyula, in: Mabe, Jacob E. (Hrsg.), Das Afrika-Lexikon, S.69f.
5 Sunjata Keita (~1190-1260), auch „Löwenkönig“ genannt, war der erste legendäre König des Mali- Reiches, er trägt in Mali den Titel des Mansa, d.h. er gilt als „König der Könige“.
6 Massa Makan Diabaté lebte von 1938 bis 1988 in Bamako und Paris.
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B Die Konzeption der Mande-Literatur und Diabatés Umsetzung in
seinen Romanen
I Die Eigenart der Mande-Konzepte
1. Ursprung und Bedeutung der Mande-Literatur
Die Mande 7 -Literatur wurzelt im antiken Mande-Reich 8 und in diesem Rahmen in den antiken Mande-Gesellschaften. Diese Gesellschaften und Völker sind vor allem die Malinke, die Bambara, die Dyula und die Soninka, 9 die auch heute noch Dialekte des Mande 10 sprechen und in einem großen Teil von Westafrika, in der westafrikanischen Savanne, von der Gambischen Küste bis Zentral-Burkina-Faso sowie vom südlichen Mauretanien bis Abidjan in der Elfenbeinküste leben. Als „Mande heartland“ oder Kernland des Mande-Reiches 11 kann jedoch das östliche Guinea sowie das westliche Mali bezeichnet werden. 12 Über sämtliche dieser Regionen erstreckte sich das antike Mande-Reich, das im 13. und 14. Jahrhundert bestand und in der modernen postkolonialen Gesellschaft Westafrikas den kulturellen Hintergrund für eine nationale Literatur bildet. 13 Die dort lebenden Menschen, die Mande, besitzen einen gemeinsamen soziokulturellen Hintergrund, d.h. eine ähnliche politische Organisation und wirtschaftliche Aktivität sowie eine gemeinsame Geschichte und ebenso spezifische Mythen, an die sie glauben und nach denen sie leben. Die Mande-Kultur ist somit „a fluid federation of culture and genealogy, held together by history, myth and structure, it is a sphere, a space, an aire culturelle […] all those groups who trace their ancestry to the medieval empire of Mali […] all those whose history is related in the Mande epic
7 Unter dem Begriff des „Mande“ werden in der Afrikalinguistik ca. 40 Sprachen zusammen gefasst, Kastenho lz, Raimund. Sprachgeschichte im West-Mande, S.14.
8 Das Mande-Reich (auch: Mali-Reich) bestand ca. von 1240 bis 1400, u.a. unter der Herrschaft von Sunjata Keita und Mansa Musa; Falola, Tayin. Mali (Königreich), in: Mabe, Jacob E. (Hrsg.), Das Afrika-Lexikon, S.373.
9 McGuire, James. Narrating Mande Heroism, S.37.
10 Der Begriff des Mande wurde erstmals von Sigismund W. Koelle in seiner „Polyglotta Africana“ von 1854 geprägt, dort hieß es aber noch „Mandenga“, dieser Begriff wurde von Diedrich Westermann im Jahre 1943 aufgegriffen und, unter Aus lassung des „-ga“, für die gesamte Sprachfamilie festgeschrieben; Kastenho lz, Raimund. Mande, in: Mabe, Jacob E. (Hrsg.), Das Afrika-Lexikon, S.376. 11 Kastenholz, Raimund. Sprachgeschichte im West-Mande, S.14f; Bird/Shopen. Maninka. – In: Language and their speakers, S.59.
12 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.74.
13 McGuire, James. Narrating Mande Heroism, S.37.
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[…].” 14 Die Gemeinschaft der Mande-Völker impliziert das Bewusstsein einer Einheit, einer „national unity“, die trotz der Landesgrenzen, die einst die Kolonialherren zogen, besteht und über diese hinweg eine einheitliche Mande-Gesellschaft bildet. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass einer der stärksten Widerstandsbewegungen gegen die französischen Kolonialherren von der sogenannten “Dyula-Revolution” ausging, einer Bewegung, die unter der Führung von Samory Touré im späten 19. Jahrhundert das Mande-Reich wieder zum Leben erwecken wollte. 15 Lange bevor das Mande-Imperium von europäischen Machthabern beherrscht wurde, bildeten im früheren Mande-Reich die Malinke das größte westafrikanische Volk der Geschichte und auch heute gilt der erste König und Gründer des Mali-Reiches Sunjata Keita unter den Mande-Völkern als Held und als Mansa, als „König der Könige“. Seine Geschichte wurde ausschließlich mündlich von Griots 16 überliefert und gilt auch heute noch als „unifying force“ der Mande. 17 Aufgrund dieser erheblichen Bedeutung ist auch die Konzeption vieler Mande-Epen an das Sunjata-Fasa angelehnt. Zudem finden sich in der Mande-Literatur die soeben beschriebenen gemeinsamen soziokulturellen Werte, Mythen und Heldenfiguren der antiken Mande-Gesellschaften wieder, die auch heute noch im Zentrum des Lebens vieler Mande-Völker stehen. Bis heute ist das Mande zudem eine bedeutende Sprache in der sozialen Gemeinschaft sowie im Rahmen von Handelsbeziehungen. 18
14 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.74.
15 Ebenda, S.73f.
16 Griots, auch jeliw im Mande, sind Bewahrer und Überbringer der Geschichte, oralen Literatur und Mus ik einer Gesellschaft. Sie s ingen Balladen, tragen Geschichten vor und unterhalten die Menschen bei vielen traditionellen Zeremonien der Mande-Gesellschaften.
17 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.74.
18 Bird/Shopen. Maninka. – In: Language and their speakers, S.59.
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2. Der jamu – die soziale Struktur der Mande
Zunächst soll an dieser Stelle die gesellschaftliche Struktur der Mande-Völker betrachtet werden. In westlichen ethnologischen Konzepten werden Gesellschaften meist durch Analyse der verschiedenen „clans“ und „classes“ untersucht, die innerhalb einer Gesellschaft bestehen. 19 Der Ethnologe Charles Delafosse stellte im Jahre 1920 jedoch fest, dass es im Mande keinen Ausdruck für „clan“ gebe, obgleich die Mande- Gesellschaften in ihrer Struktur als Gemeinschaft verschiedener „clans“ erscheinen, die auf bestimmten Namen und einer gemeinsamen Herkunft basieren. Delafosse schlug infolgedessen vor, sich nicht an den westlichen Kategorien zu orientieren, die lediglich Klassifikationen wie „clans“ und „classes“ kennen, sondern sich nach dem zu richten, „what the natives say“, d.h. danach, wie die Mande-Gesellschaften tatsächlich zu ihrer gesellschaftlichen Struktur gelangten und wie sie diese selbst beschreiben. 20
Grundlegend in der hierarchischen Gesellschaftsstruktur der Mande ist der jamu eines jeden Menschen, der Nachname oder Familienname eines individuellen Mande. Ein „clan“ besteht aus Individuen, die allesamt von einem Vorfahren abstammen und folglich dessen Namen tragen. 21
In genau dieser Weise ist die Gesellschaftsklassifikation der Mande in Form der verschiedenen jamuw 22 zu verstehen. In den Mande-Gesellschaften gibt es, vergleicht man diese mit der Anzahl von Nach- und Familiennamen in anderen Kulturen, sehr wenige jamuw, die aber von zahlreichen, wenn auch nicht unbedingt verwandten, Menschen getragen werden. 23
19 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.75.
20 Ebenda.
21 Ebenda.
22 Im Mande wird der Plural durch ein –w-Suffix markiert.
23 So gibt es in Bamako beispielsweise auffallend viele Menschen, die sich Touré, Konaté, Kané, Coulibaly oder Sissé nennen.
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Jamu bedeutet „das, was ehrt“, „that what honours“, und ist somit als „patronymic and praise name“ zu verstehen. Damit nimmt der jamu eine überragend wichtige Position bezüglich der Identität des Einzelnen in der Mande-Gesellschaft ein, denn wird jemand mit seinem Namen angesprochen, so werden zugleich seine Vorfahren gelobt und anerkannt. Der jamu impliziert in diesem Sinne eine enorme Aufwertung und infolgedessen können im Mande-Konzept Name und Sein kaum voneinander getrennt werden. Der jamu wirkt „endlessly valorized“ und ist somit Hauptidentitätskriterium eines Individuums der Mande-Gesellschaft. 24
24 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.76.
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3. Das Sunjata-Fasa 25
Zurückzuführen sind die genannten verschiedenen jamuw auf unterschiedliche Heldenfiguren, die zu Zeiten Sunjata Keitas, 26 im ungefähren Zeitraum der Jahre von 1245 bis 1260, im antiken Mande-Reich lebten. Wie bereits erwähnt, wird Sunjata Keita als erster König und Gründer des Mande-Reiches bis heute als Held der Mande-Völker verehrt und gefeiert und somit kommt seiner Heldengeschichte eine grundlegende Rolle in der Konzeption der Mande-Gesellschaften zu. Sunjata gründete, der Legende nach, das Mande-Reich und führte zudem den Islam in den Mande-Gesellschaften ein. Gelähmt geboren wird er durch mysteriöse Umstande zu einem großen Krieger, der die Mande schließlich von der Tyrannenherrschaft des Susu-Königs Sumanguru Kante befreit. 27
Sunjatas Reich als Vorbild der modernen Gesellschaft
Infolge der grundlegenden Bedeutung des Sunjata-Fasa in der Mande-Gesellschaft sind auch die Beziehungen zwischen den verschiedenen jamu-Trägern an das Verhältnis der Namensgeber untereinander im antiken Mande-Reich angelehnt. Durch die orale Überlieferung der Begebenheiten zu Zeiten der Vorfahren wird somit festgelegt, in welcher Beziehung die jamuw-Träger auch heute noch zueinander stehen, d.h. in welcher Weise Feindschaften existieren, zwischen welchen jamuw sogenannte „Spaßverwandtschaften“ 28 bestehen und wer in der Mande-Gesellschaft dazu bestimmt ist, das Land zu regieren. Somit stellt das Sunjata-Fasa ein Vorbild und die grundlegenden Rechtfertigungsgründe für die modernen Gesellschaftsstrukturen der
25 Sunjata Fasa lässt sich als Loblied auf Sunjata Keita, als „praise song“ für den ehemaligen Gründer und Herrscher des Mande-Reiches, übersetzen.
26 In der Literatur oft auch „Sundiata“ oder auch „Soundjata“.
27 Touré, Mohamed. Livre de Lecture Bambara, S.61.
28 Spaßverwandtschaften, im Mande „s inankunya“, stellen ein weiteres wichtiges soziales Konzept der Mande-Gesellschaft dar. Um ernsthafte Streits oder gar Kriege zu vermeiden, bestehen zwischen den verschiedenen jamuw-Trägern besondere Beziehungen, einige fühlen s ich verbunden, fast als seien sie verwandt, andere sind wiederum verfeindet, sodass sie sich stets necken und den Gegenüber beleid igen, so z.B.: „i be n jon ye“, was soviel heißt, wie „Du bist mein Sklave“. Dieses Konzept lockert die Atmosphäre auf und erleichtert vor allem bei einem ersten Treffen den Umgang miteinander. Das komplexe jamuw-System lernen d ie Mande von klein auf, während es einem Fremden sehr komp liziert und schwer durchschaubar erscheint.
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Mande dar. 29 Das Sunjata-Fasa birgt ein komplexes Ideengut, religiöse Vorstellungen und Kulte sowie ein fiktives Verwandtschaftssystem; 30 „Sundiata pronounced all the prohibitions which still obtain in relations between the tribes. To each he assigned its land, he established the rights of each people and ratified their friendships.” 31
Das afrikanische Epos
Neben der Frage nach “clans“ und “classes” innerhalb der Mande-Gesellschaft, die bereits erläutert wurde, erscheint es in diesem Zusammenhang ebenso fraglich, inwiefern die Geschichte von Sunjata Keita als “Epos” bezeichnet und damit in ein “westliches” Muster eingeordnet werden kann. Bereits Leo Frobenius beschäftigte sich mit dieser Thematik und erkannte im Jahre 1910 in den Mande-Epen einen „höfischen“ Charakter, da sie, so Frobenius, von ritterlichen Helden berichteten, die gegen Riesen und andere Märchenwesen kämpften. Frobenius sah in diesem Kontext keine Verbindung zur afrikanischen Kultur und Mentalität und sprach den Mande somit eine eigene Epen-Gattung ab. Für Frobenius mussten die traditionellen Geschichten aus der oralen Überlieferung einer fremdem Quelle entsprungen sein, die er am ehesten dem europäischen Kontext zuordnete. 32 Dieser stark eurozentristisch geprägten These wurde jedoch bald widersprochen. So proklamierte Ruth Finnegan in diesem Kontext, Epen seien, sehe man darin nach „westlichem“ Verständnis „a relatively long narrative poem“, im Sub-Sahara-Afrika kaum zu finden, 33 was bereits darauf schließen lässt, dass das afrikanische Epos lediglich nicht an europäischen Maßstäben zu messen ist. Vielmehr sind afrikanische Epen zu vestehen als „a tale about the fantastic deeds of a man or men endowed with something more that human might and operating in something larger than the normal human context […] portraying some stage of the cultural or political development of people”, so Isidore Okpewho. 34 Epen erlangen im afrikanischen Kontext folglich einen Heldengeschichten-Charakter, der weit darüber hinaus geht, was nach „westlicher“ Ansicht als Epos bezeichnet wird. Als einen Text solcher Art ist auch die Legende Sunjatas anzusehen.
29 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.76, ebenso Diawara, Manthia. Towards a Sociology of Narrative Elements, S.156.
30 Beuchelt, Eno. Kulturwandel bei den Bambara von Segou, S.160.
31 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.76.
32 Biernaczky, Szilárd. The african herioc epic exists! – In: Artes Populaires 10/11, S.221f. 33 Finnegan, Ruth. Oral literature, S.108ff.
34 Okpewho, Isidore. Epic in Africa, S.34.
11
Der Griot als Vermittler Somit sind afrikanische Epen klar abzugrenzen von solchen, die aus dem „westlichen“ Kontext bekannt sind. In afrikanischen Epen wird beispielsweise zumeist Umgangssprache verwendet, da sie normalerweise von Griots erzählt und vorgetragen werden. Da die Grundstrukturen des Epos jedem Mande geläufig sind, besitzen die Griots zudem die Freiheit, jeweils eine eigene Version des Sunjata-Fasa zu entwerfen 35 und somit entstehen stets neue Abwandlungen der Legende. 36 In diesem Zusammenhang bezeichnete Massa Makan Diabaté die Sunjata-Geschichte als ein „living epic“, das von dem jeweiligen Griot der momentanen Situation angepasst werden kann, so z.B. zum Zwecke einer Verherrlichung des aktuellen Machthabers. So wurde beispielsweise in den 1960er Jahren das Sunjata-Fasa benutzt, um den damaligen Präsidenten Modibo Keita aufzuwerten, und ihn zu einen Nachfolger von Sunjata zu stilisieren. 37 Ein anderes Beispiel ist die Stilisierung Sunjatas als „the first true Muslim sovereign of Mali“ von und für Menschen muslimischen Glaubens auf der einen Seite und der Darstellung als „great magician king faithful to the heritage of his ancestors“ von und für die Anhänger von traditionellen Religionen auf der anderen Seite. 38 Auslegung und Bedeutung des Epos liegen infolgedessen stets in der Macht des erzählenden Griots, wobei der Kern des Epos durch die Abwandlungen stets unberührt bleibt. 39 Das Sunjata-Fasa ist somit fester Bestandteil der Mande-Gesellschaft, der sich den immer wieder neu ergebenden Umständen und Meinungen anzupassen weiß. Sunjata gilt als große Persönlichkeit afrikanischer Geschichte und als idealer Herrscher, dessen Geschichte durch Abwandlungen der oralen Quellen und subjektiven Interpretationen der Griots Teil der afrikanischen Selbstbehauptung ist. 40
35 Ischinger, Anne-Barbara. Kulturidentität und Frankographie, S.131.
36 Ebenda, S.88.
37 Diabaté, Massa Makan. Le Lion à l’arc, S.22f.; Dieterlen, Germaine. The Mande Creation Myth, S.137. 38 Miller, Christopher. Theories of Africans, S.99.
39 Kotljar, E. Sz. Some aspects of the development of the epic genre: „Sundjata-Fassa“ (Manding), „Nsong’a Lianja“ (Mongo-Nkundo). – In: Artes Populaires 10/11, S.235; Counsel, Graeme. Mande Popular Music and cultur al polic ies in Westafr ica, S.38.
40 Ischinger, Anne-Barbara. Kulturidentität und Frankographie, S.134.
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Die herausragende Stellung Sunjatas Sunjata ist als Prototyp des afrikanischen Epos-Helden zu verstehen, er ist der „supernatural hero“, der mit übernatürlicher Kraft und Stärke ausgestattet ist. Sunjata repräsentiert zudem nicht nur einen übernatürlichen Held, sondern steht darüber hinaus für positive ethische und moralische Prinzipen, ganz im Gegenteil zu seinem Epos- Feind Sumanguru, den Sunjata, wie bereits erwähnt, besiegen und damit das Mande- Volk von der Sklaverei befreien kann. Während Sumanguru das Böse und Teuflische repräsentiert, steht Sunjata für Gerechtigkeit, als weiser und tapferer Krieger befreit er sein Volk und ist damit legitimierter Herrscher des Mande-Reiches. Sunjata steht für das allgemein Gute, angetrieben von dem Willen und den Belangen seines Volkes. 41 Denn erst mit Sunjatas Herrschaft etablierte sich das Mande-Reich als politisch mächtiger Staat, so die Legende. 42 Aufgrund der zahlreichen Verschriftlichungen und Übersetzungen in die französische und die englische Sprache ist das Sunjata-Fasa mittlerweile auch außerhalb Afrikas bekannt geworden und kann somit als „einer der berühmtesten Texte der Manding“ bezeichnet werden. 43 Nach Gordon Innes erlangt die Legende Sunjatas eine solch hohe Bedeutung, dass sämtliche Mande-Völker das Reich Sunjatas als „their ancestral homeland“ betrachten, so sehen sich viele der bedeutenden Mande-Familien als Nachkommen Sunjatas oder Nachkommen anderer bedeutender Persönlichkeiten aus dem Sunjata-Fasa. 44 Die Mande-Gesellschaft betrachtet das Sunjata-Fasa als “their history”, als ihre wahre Geschichte und ihren Ursprung. In einer Gesellschaft, in der ein Großteil der Geschichte nicht verschriftlicht wurde und zudem der Analphabetismus vorherrscht, nehmen durch den Griot als „living library“ 45 vermittelte Heldensagen und orale Literatur einen Stellenwert ein, der als nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Griots übernehmen in der Mande-Gesellschaft somit eine wichtige edukative Funktion. 46
41 Kotljar, E. Sz. Some aspects of the development of the epic genre: „Sundjata-Fassa“ (Manding), „Nsong’a Lianja“ (Mongo-Nkundo). – In: Artes Populaires 10/11, S.236.
42 Beuchelt, Eno. Kulturwandel bei den Bambara von Segou, S.69.
43 Ischinger, Anne-Barbara. Kulturidentität und Frankographie, S.131.
44 Innes, Gordon. Sunjata, S.106.
45 Counsel, Graeme. Mande Popular Mus ic and cultural polic ies in Westafrica, S.36.
46 Ebenda, S.42.
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Quote paper:
Lisa-Marie Rohrdantz, 2007, Mande-Literatur im Zeitalter der Négritude, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Lisa-Marie Ouedraogo (geb. Rohrdantz)'s text Mande-Literatur im Zeitalter der Négritude is now available as a printed book
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