Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS 1
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 3
1 EINLEITUNG 5
2 DIE BIBLISCHE GRUNDLEGUNG DES GEMEINSAMEN PRIESTERTUMS 7
2.1 DER BEGRIFF PRIESTER IM NEUEN TESTAMENT 7
2.2 DAS VERHÄLTNIS JESU ZUM PRIESTERTUM 10
2.3 AMTSSTRUKTUREN IN DEN NEUTESTAMENTLICHEN GEMEINDEN 11
2.3.1 Die charismatische Struktur der paulinischen Gemeinden 12
2.3.2 Institutionalisierte Gemeindestrukturen innerhalb des Neuen Testaments 14
2.4 FOLGERUNGEN FÜR DIE AMTSTHEOLOGIE 16
3 DIE ZUNEHMENDE TRENNUNG ZWISCHEN KLERIKERN UND LAIEN 19
3.1 DIE STRUKTURELLE ENTWICKLUNG ENTSTEHUNG DES MONEPISKOPATS 19
3.1.1 Gründe für diese Entwicklung 20
3.2 DIE SPIRITUELLE ENTWICKLUNG AUSBILDUNG VON ZWEI STÄNDEN 22
3.3 DIE FOLGE ÜBERBETONUNG DES AMTES 24
3.4 GEGENBEWEGUNGEN 26
3.4.1 Das Beispiel der Waldenser 27
3.4.2 Die Reformation 27
3.4.3 Christlich soziale Bewegungen des und Jahrhunderts 30
4 EIN NEUES VERSTÄNDNIS DIE AUFHEBUNG DER TRENNUNG 32
4.1 DAS KIRCHENBILD VOM VOLK GOTTES 32
4.2 DAS WESEN DES GEMEINSAMEN PRIESTERTUMS 36
4.2.1 Aktive Teilnahme an sakramentalen und liturgischen Handlungen 36
4.2.2 Weltdienst 38
4.2.2.1 Das Zeugnis des christlichen Lebens 38
4.2.2.2 Das Zeugnis des Wortes 41
4.2.2.3 Der Weltdienst in Verbindung mit dem Heilsdienst 42
4.2.2.4 Die den Laien eigene Sendung 44
1
4.3 DAS PRIESTERTUM DES DIENSTES IM UNTERSCHIED ZUM GEMEINSAMEN PRIESTERTUM
DER GLÄUBIGEN 45
4.3.1 Begriffe 45
4.3.2 Grundsätzliche Unterscheidung 48
4.3.3 Das neue Amtsverständnis 49
4.3.4 Die Bedeutung des Amtes 51
5 PROBLEME BEI DER VERWIRKLICHUNG DES NA
PRIESTERTUMS 55
5.1 DIE TRENNUNG ZWISCHEN KLERIKERN UND LAIEN IST NOCH NICHT AUFGEHOBEN 56
5.2 MANGELNDE VORAUSSETZUNGEN DER LAIEN 57
6 SCHLUSSBEMERKUNGEN 61
7 QUELLEN UND LITERATURVERZEICHNIS 63
7.1 QUELLEN 63
7.2 LITERATUR 65
2
Abkürzungsverzeichnis
AA ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL: Dekret über das Laienapostolat Apostolicam actuositatem
AAS Acta Apostolicae Sedis, Rom 1909 ff.
AEM Allgemeine Einführung in das Römische Meßbuch, 1975, in: Die Fei- er der heiligen Messe - Meßbuch für die Bistümer des deut- schen Sprachgebietes - Authentische Ausgabe für den liturgi- schen Gebrauch, Kleinausgabe - Das Meßbuch deutsch für al- le Tage des Jahres, Freiburg i. Br. 2 1988, 25* - 75*
AG ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL: Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad Gentes
CD ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL: Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe Christus Dominus
CIC Codex des kanonischen Rechtes, hrsg. im Auftrag der Deutschen und der Berliner Bischofskonferenz, der Österreichischen Bi- schofskonferenz, der Schweizer Bischofskonferenz sowie der Bischöfe von Bozen-Brixen, von Luxemburg, von Lüttich, von Metz und von Straßburg, Kevelaer 4 1994
DH DENZINGER, H., HÜNERMANN, P.: Kompendium der Glaubensbe- kenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, lateinisch- deutsch, Freiburg i. Br. 37 1991
DV ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL: Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum
LG ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL: Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen Gentium
LThK 2
H ÖFER, J., RAHNER, K. (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg i. Br. 2 1957 - 1965
LThK 3
K ASPER, W. u. a. (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg i. Br. 3 1993 ff.
PL MIGNE, J.-P. (Hrsg.): Patrologiae cursus completus. Series latina, Paris 1844 - 1855
PO ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL: Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum Ordinis
3
Quaestiones Disputatae QD
SC ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL: Konstitution über die heilige Li-
turgie Sacrosanctum Concilium
SChr LUBAC, H., DANIELOU, J. (Hrsg.): Sources Chrétiennes, Paris 1941 ff.
WA LUTHER, M.: D. Martin Luthers Werke - Kritische Gesamtausgabe,
Weimar 1883 ff. (Weimarer Ausgabe)
4
1
Schon im Alten Testament wird das Volk Gottes „als ein Reich von Priestern“ be- zeichnet 1 , und auch im Neuen Testament wird gesagt, die Kirche sei „eine königliche Priesterschaft“ 2 . Was aber bedeutet dies? Aufgabe eines Priesters ist es seit alters her in der Religionsgeschichte, zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln. Früher taten die Priester dies durch die Darbringung von Opfern, um so das Volk zu entsüh- nen. Da Jesus Christus aber als der einzige Hohepriester ein für allemal das Opfer dargebracht hat, indem er sich selbst dahingab für die Sünden der Welt, ist für die Kirche die Darbringung von Opfertieren nicht mehr nötig. Durch ihn haben alle Gläu- bigen im Heiligen Geist Zugang zum Vater. 3 Dadurch können sie auch anderen diesen Zugang eröffnen und somit einen priesterlichen Dienst vollziehen.
Somit ist das gemeinsame Priestertum der Gläubigen ein Wesensmerkmal der Kirche. Jahrhundertelang wurde dies jedoch fast vergessen, weil die Kirche im Lauf der Zeit immer stärker auf das Amt hin zentriert wurde. Mehr und mehr Aufgaben in der Kir- che wurden den Amtsträgern reserviert. Zudem zeigte sich eine Tendenz, den priester- lichen Lebensstil als den höherwertigeren anzusehen. Dadurch wurden die Laien zu- nehmend in eine passive Rolle gedrängt, so daß sie in der Kirche immer weniger Be- deutung hatten. In der katholischen Kirche kam es erst durch das Zweite Vatikanische Konzil zu einem neuen Bewußtsein über das gemeinsame Priestertum. Das Konzil stellte heraus, daß alle Gläubigen durch die Taufe Anteil an dem einen Priestertum Jesu Christi haben und so ein priesterliches Volk bilden. 1 Vgl. Ex 19, 6a: „Ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“; Jes 61, 6a: „Ihr alle aber werdet «Priester des Herrn» genannt, man sagt zu euch «Diener unseres Gottes».“ 2 Vgl. z. B. 1 Petr 2, 9: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ 3 Vgl. Eph 2, 18: „Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater.“ 5
Wenn dabei auch vieles erst im Entstehen ist und es noch viele Unklarheiten gibt, so ist dennoch durch die Revitalisierung des gemeinsamen Priestertums im Zweiten Vati- kanum der Grund gelegt für eine Erneuerung der Kirche, damit alle Gläubigen sich der Größe ihrer Berufung bewußt werden.
In dieser Arbeit soll zunächst die biblische Grundlegung des gemeinsamen Priester- tums anhand des neutestamentlichen Priesterbildes und der neutestamentlichen Ge- meindeorganisation dargelegt werden. Im Anschluß daran folgt eine Erörterung der geschichtlichen Ereignisse, die zu einer immer weiter fortschreitenden Trennung der Kirche in den Priester- und den Laienstand geführt haben. Danach soll, ausgehend vom Zweiten Vatikanischen Konzil, die Bedeutung des gemeinsamen Priestertums sowie der Unterschied zum Priestertum des Dienstes erläutert werden. Den Abschluß der Arbeit bildet ein kurzes Kapitel über Schwierigkeiten, die es bei der Verwirkli- chung des gemeinsamen Priestertums noch gibt.
6
2
DIE BIBLISCHE GRUNDLEGUNG
Im Neuen Testament zeigt sich gegenüber dem Alten Testament ein verändertes Pries- terbild. Der einzige Hohepriester ist Jesus Christus. Er ermöglicht es, daß alle Getauf- ten zu einem priesterlichen Volk zusammengeschlossen werden. Durch dieses neue Priesterbild ergibt sich auch eine neue Gemeindeorganisation, die jedem einzelnen im Volk Gottes ermöglichen soll, sein Charisma zu verwirklichen und am Aufbau der Gemeinde mitzuwirken. Wie dieses neutestamentliche Priesterbild und die damit ver- bundene Gemeindeorganisation aussieht, soll in diesem Kapitel herausgearbeitet wer- den.
2.1 Der Begriff „Priester“ im Neuen Testament
Im Neuen Testament wird der Begriff „Priester“ mit dem Wort „ƒereÚj“ ausgedrückt. Zwar gibt es auch den Begriff „presbÚteroj“, aber dies bezeichnet einen Gemeinde- vorsteher, dessen Funktionen mit denen eines Priesters nicht übereinstimmen. 4 Sucht man nun im Neuen Testament nach dem Begriff „ƒereÚj“, so fällt auf, daß dieser Beg- riff nie auf einzelne Angehörige der christlichen Gemeinden angewandt wird. Der Begriff „ƒereÚj“ hat im Neuen Testament drei verschiedene Bedeutungen: 5
a) Er bezeichnet die Priester des alten Bundes.
b) Er bezeichnet das einzigartige eschatologische Hohepriestertum Jesu Christi. Diese Bedeutung findet sich vor allem im Hebräerbrief.
c) Schließlich wird der Begriff „ƒereÚj“ verwendet, um das gemeinsame Priestertum aller Glaubenden zu bezeichnen, wie dies zum Beispiel in 1 Petr 2, 9 geschieht:
„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine 4 Vgl. z. B. SCHMID, J.: Art. Priester. III. Im NT, in: LThK 2 , Bd. 8, 743 - 744. 5 Vgl. BLANK, J.: Vom Urchristentum zur Kirche - Kirchenstrukturen im Rückblick auf den biblischen Ursprung, München 1982, 150.
7
königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonde- res Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“
Dies macht deutlich, daß das neutestamentliche Priesterbild sich gegenüber dem alttes- tamentlichen wesentlich verändert hat. Offenbar waren mit dem alttestamentlichen Priesterbegriff Vorstellungen von Macht und Autorität verbunden, die mit dem Selbst- verständnis der frühen christlichen Gemeinden nicht vereinbar waren. Aus diesem Grund vermeidet das Neue Testament ganz bewußt jede sazerdotale Terminologie. 6 Im Hebräerbrief wird Jesus als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks bezeich- net. 7 Darin wird bereits das Ende des alttestamentlichen Priestertums angedeutet, denn er ist nicht Hoherpriester nach der Ordnung des Aaron. 8 Nach Hebr 10, 11 f. brachten die Priester des alten Bundes „viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können.“ Jesus Christus aber hat nur ein Opfer dargebracht und uns dadurch von allen Sünden erlöst. Ein weiteres Sühneopfer gibt es nicht mehr 9 , und somit gibt es auch kein Priestertum mehr, außer dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen.
Nach 1 Petr 2, 5 wird diese Priesterschaft aus „lebendigen Steinen“ gebildet. „Folglich gehören dazu die, welche das Leben haben, welches man nach neutestamentlicher Auffassung durch die Taufe erhält. Somit wird durch die Taufe auch das Priestertum begründet.“ 10 An diesem Priestertum haben nicht nur bestimmte Amtsträger Anteil, sondern alle Getauften. Es gibt nirgends im Neuen Testament eine Unterscheidung zwischen „Klerikern“ und „Laien“ im Sinn von klar abgegrenzten Gruppen oder Stän- den. 11
Der Begriff „Volk“ (laÒj) wird, wenn damit die Kirche gemeint ist, „durchge- hend auf alle Gläubigen angewandt; in 1 Petr 2, 9 sogar sehr pointiert in der Verbin- 6 Vgl. BEINERT, W.: Autorität um der Liebe willen - Zur Theologie des kirchlichen Amtes, in: HILLENBRAND, K. (Hrsg.): Priester heute: Anfragen, Aufgaben, Anregungen; Würzburg 1990, 36. 7 Vgl. Hebr 5, 10.
8 Vgl. BLANK: Vom Urchristentum zur Kirche, 164 - 166.
9 Vgl. Hebr 10, 26 f.: „Denn wenn wir vorsätzlich sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, gibt es für diese Sünden kein Opfer mehr, sondern nur die Erwartung des furchtbaren Gerichts und ein wütendes Feuer, das die Gegner verzehren wird.“ 10 BLINZLER, J.: Art. Priestertum, Allgemeines P. I. In der Schrift, in: LThK 2 , Bd. 8, 753 - 754. 11 Vgl. KEHL, M.: Die Kirche - Eine katholische Ekklesiologie, Würzburg, 3 1994, 118. 8
dung mit den alten israelitischen Würdetiteln“ 12 . Zu einer fundamentalen Gleichheit aller Kinder Gottes mahnt ja auch Jesus, wenn er sagt: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“ 13 .
Somit ist das gemeinsame Priestertum der Gläubigen also eindeutig bereits im Neuen Testament grundgelegt. Daß es sich dabei nicht um ein „uneigentliches“ oder „gewis- ses“ Priestertum handelt, sondern um ein wirkliches Priestertum, welches das Kult- priestertum des alten Bundes ablöst, wird an der Terminologie von 1 Petr 2, 4 f. deut- lich, denn hier werden kultische Begriffe verwendet: 14 „Kommt [prosercÒmenoi] zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus [okoj pneumatikÒj] aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft [ƒer£teuma ¤gion], um durch Jesus Christus geistige Opfer [pneumatik¦j qus…aj] darzubringen, die Gott gefallen.“
Das Wort prosšrcesqai, das hier für das Hinzutreten zu Christus verwendet wird, bedeutet im Kult das Hinzutreten zum Opferaltar. Es werden nun keine Opfertiere mehr dargebracht, um das Volk zu entsühnen, sondern es handelt sich um geistige Opfer, die in einem gottgefälligen Leben bestehen. Auch Joh 4, 21 - 24 betont, daß die Anbetung Gottes nicht an einen bestimmten Ort oder an den Tempel gebunden ist, sondern daß die wahren Beter Gott „im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ 15 Weil somit der Tempel überflüssig geworden ist, bilden die Gläubigen nach 1 Petr 2, 5 ein geistiges Haus. Sie selber sind der Tempel 16 , denn sie haben durch Jesus Christus im Heiligen Geist direkten Zugang zum Vater 17
13 Mt 23, 8.
14 Der Zusammenhang zwischen dem alttestamentlichen Kultpriestertum und dem gemeinsamen Pries- tertum wird aufgezeigt in: BECK, I.: Sakrale Existenz - Das gemeinsame Priestertum des Gottesvol- kes als kultische und außerkultische Wirklichkeit, in: Münchener Theologische Zeitschrift 19 (1968), 23.
15 Joh 4, 24.
16 Vgl. 1 Kor 3, 16: „Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ 17 Vgl. Eph 2, 18.
9
2.2 Das Verhältnis Jesu zum Priestertum 18
Seinem jüdischen Status nach war Jesus kein Priester. Er gehörte weder einer Priester- familie an, noch war er Levit. Somit hatte er den Status eines Laien. Daß er oft als „Rabbi“ angesprochen wurde, zeigt, daß er den Pharisäern, die sich um die Weitergabe des Wortes und des Gesetzes bemühten, näher stand als den Priestern, die sich um den Kult kümmerten. Damit steht er in der Tradition der alttestamentlichen Propheten, die immer gewarnt haben vor der bloßen kultischen Pflichterfüllung. Den Tempelkult und damit auch die Opferpriester hat Jesus abgelehnt, denn er ist der neue Tempel, und somit gibt es keine bevorzugten heiligen Orte mehr. Gott ist überall gegenwärtig, wo er im Geist und in der Wahrheit angebetet wird, überall dort, „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ 19 . Jesus ging es um das Herz der Menschen, nicht um kultische Pflichterfüllung.
Blank betont in diesem Zusammenhang auch, daß für Jesus eine Aufspaltung des Le- bens in Gottesdienst und Weltdienst nicht möglich ist, denn Gott will den ganzen Men- schen. „Jesus geht es um einen neuen Gehorsam, der aus tiefem Vertrauen zum himm- lischen Vater und aus der Freudigkeit des nahe gekommenen Heils, aus dem Geschenk des Evangeliums lebt. Dies gilt für alle Jünger, die in Jesu Gemeinschaft eintreten. Eine Unterscheidung von Klerikern und Laien ist dieser Gemeinschaft ursprünglich fremd“ 20 .
Aus dem hier gesagten kann man sicherlich nicht folgern, daß Jesus überhaupt kein Amtspriestertum wollte, sondern nur ein gemeinsames. Es geht lediglich darum, daß jedes Amtsverständnis in der Kirche von der gleichen Würde aller Getauften ausgehen muß. Deshalb kann ein Amt in der Kirche niemandem eine höhere Würde verleihen als die, welche er bereits in der Taufe empfangen hat. Auch darf ein Amt nicht primär als Mittel zur Machtausübung mißverstanden werden. Jesus wollte in der Kirche keine Herrschaftsstrukturen nach weltlichem Muster:
21 18 Zu den folgenden Ausführungen vgl. BLANK, 156 - 161.
19 Mt 18, 20.
20 BLANK, 158.
21 Vgl. BEINERT: Autorität um der Liebe willen, 53 - 55.
10
„Ihr wißt, daß die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu las- sen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für vie- le.“ 22
Das Wesentliche an einem Amt ist für Jesus also der Dienst an den Brüdern und Schwestern. Besonders deutlich wird dieses Amtsverständnis im Bild der Fußwa- schung dargestellt: 23 Der „Meister und Herr“ wäscht seinen Jüngern die Füße und gibt ihnen den Auftrag, ebenso zu handeln. Von diesem Verständnis ausgehend muß jeder Amtsträger seine Tätigkeit einzig und allein auf die Frage gründen: Was dient der Gemeinde?
2.3 Amtsstrukturen in den neutestamentlichen Gemeinden
Im Folgenden sollen neutestamentliche Gemeinden auf ihre Amtsstrukturen hin unter- sucht werden. Dabei wird sich zeigen, daß es sowohl in den stark charismatisch orga- nisierten paulinischen Gemeinden, als auch in den bereits mehr institutionalisierten Gemeinden von Anfang an Ämter gab. Man wird somit nicht sagen können, die kirch- lichen Ämter seien erst in späterer Zeit entstanden und seien von Jesus nicht gewollt gewesen. Ebensowenig wird man behaupten können, daß es in der Kirche kein Amtspriestertum, sondern nur das gemeinsame Priestertum geben dürfe. Doch wie sehen die kirchlichen Ämter in den neutestamentlichen Gemeinden aus? 22 Mk 10, 42 - 45.
23 Vgl. Joh 13, 1 - 20.
11
2.3.1 Die charismatische Struktur der paulinischen Gemeinden In den authentischen Paulusbriefen zeigt sich eine sehr stark charismatisch geprägte Gemeindestruktur. Die verschiedenen Aufgaben und Dienste, die es in einer Gemeinde gibt, werden je nach den Begabungen (Charismen) der einzelnen Gemeindemitglieder verteilt. 24 Die verschiedenen Charismen schenkt der Heilige Geist. 25 Paulus betont dabei durchaus die Verschiedenheit der einzelnen Glieder der Kirche, jedoch sind alle Teil des Leibes Christi und tragen durch ihre je verschiedenen Gaben gemeinsam zum Aufbau der Gemeinde bei. 26 Eine Ordination durch Handauflegung kennt Paulus je- doch noch nicht. 27 Wenn jemand in der Gemeinde ein Amt hat, wie zum Beispiel das des Apostels, so versteht auch Paulus darunter immer einen Dienst (diakon…a) an der Gemeinde. Nach der Auffassung von Blank handelt es sich bei dem Wort „diakon…a“ bzw. „diakone‹n“ um ein bewußt gewähltes Wort der Urchristenheit, denn in der Septuaginta kommt dieses Wort kaum vor und hat dort auch keine spezifisch theologische, „amtliche“ Bedeutung. 28 Daraus kann man schließen, daß mit diesem Wort ein neues Amtsver- ständnis verbunden ist, das es vorher nicht gab. Das Wort „diakon…a“ hat nicht die Bedeutung von „doule…a“, was einen Sklavendienst bezeichnet, sondern es bedeutet zum einen „Tischdienst“, und zum anderen einen sehr persönlichen Dienst, den man jemandem erweist. Somit geht es bei dem Dienst, der mit einem Amt verbunden ist, zum einen darum, den Glaubenden zu dienen im Sinne eines Füreinander-Daseins, und zum anderen, der Gemeinde Jesus nahe zu bringen, ihn sichtbar zu machen. 29 Nach 2 Kor 1, 24 sind die Apostel nicht die Herren über den Glauben, sondern Mitarbeiter
an der Freude der Gemeinde. Das kirchliche Amt soll also der Freude der Glaubenden dienen.
30 Wie sieht nun Paulus innerhalb einer solchen Gemeindestruktur sein Amt als Apostel? Für ihn ist der apostolische Dienst immer auch ein Dienst für das Evangelium, das von 24 Vgl. Röm 12, 6 - 8.
25 Vgl. 1 Kor 12, 4 - 11.
26 Vgl. 1 Kor 12, 12 - 30.
27 Vgl. BLANK, 170.
28 Vgl. ebd., 178 - 179.
29 Vgl. 2 Kor 4, 5: „Denn nicht uns selbst verkündigen wir, sondern Jesus als den Herrn, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen“.
30 Vgl. BLANK, 168.
12
der Versöhnung Gottes mit den Menschen spricht: 31 „Dies alles aber kommt von Gott, der uns mit sich durch Christus versöhnt hat und uns den Dienst der Versöhnung gab.“ 32 Das Apostolat ist also für Paulus ein „Dienst der Versöhnung“. Dieser Dienst besteht darin, den Menschen die Botschaft von der Versöhnung zu verkünden. Der Dienst am Evangelium bedeutet für Paulus die Hingabe seiner ganzen Existenz. Er verzichtet dafür sogar auf sein Recht auf Unterhalt und auf sein Recht auf Ehe. 33 Gegenüber der Verkündigung des Evangeliums ist für Paulus sogar sakramentales Handeln von sekundärer Bedeutung: „Christus hat mich nicht gesandt, zu taufen, son- dern das Evangelium zu verkünden“ 34 . Auch der Vorsitz in der Eucharistie ist in den paulinischen Gemeinden noch nicht an ein Amt gebunden. In 1 Kor 11, 17 - 34 pran- gert Paulus Mißbräuche beim Herrenmahl an. „Paulus wendet sich nun nicht etwa an einen einzelnen Amtsträger, indem er ihn auffordert, für Ordnung Sorge zu tragen, sondern er spricht die ganze Gemeinde an. Daraus wird man folgern, daß es solche Amtsträger, die das Mahl als »Priester« vollzogen hätten, nicht gab. (...) Das Wir der Kirche begeht das Mahl.“ 35 Überhaupt war in dieser Zeit die Spendung der Sakramente nicht Aufgabe eines einzelnen Amtsträgers, sondern der ganzen Kirche. 36 Der Dienst des Apostels besteht nach paulinischem Verständnis in der Gründung und dem Aufbau einer Gemeinde, nicht jedoch in deren fortwährender Leitung. Ziel dieses Dienstes ist, daß die Gemeinde mündig und selbständig wird auf dem Fundament Jesu Christi. 37 Das zeigt sich sehr gut in 1 Kor 3: Die korinthische Gemeinde klammert sich in ihrer Unmündigkeit an Autoritäten wie Paulus und Apollos. So entstehen Streit und Spaltung in der Gemeinde, weil sie sich nicht an die eigentliche Autorität halten, näm- lich Jesus Christus, der das einzige Fundament ist. 38
In seinem Brief bedauert Paulus die Unmündigkeit der Korinther. Er betont, daß Apollos und Paulus Diener sind, und daß es einzig und allein auf Christus ankommt. 31 Vgl. ebd., 191 - 199.
32 2 Kor 5, 18.
33 Vgl. SCHLIER, H.: Die neutestamentliche Grundlage des Priesteramtes, in: DEISSLER A. u. a.: Der priesterliche Dienst I - Ursprung und Frühgeschichte, Freiburg i. Br. 1970 (QD 46), 87. 34 1 Kor 1, 17.
35 SCHELKLE, K. H.: Theologie des Neuen Testaments, Bd. IV/2: Jüngergemeinde und Kirche, Düssel- dorf 1976, 152.
36 Vgl. ebd., 69.
37 Vgl. ebd., 206 - 210.
13
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Dipl.-Theol. (Univ.) Markus Schäfler, 1998, Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und seine Bedeutung in der Kirche, Munich, GRIN Publishing GmbH
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