Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung -3-
2. Die Anfänge der deutschen Netzliteraturszene -5-
3. Netzliteraturwettbewerbe - die eigentliche Geburtstunde der Hyperfictions -7-
3.1 Der IBM-/ZEIT-Wettbewerb 1996 - Eine Premiere mit kritischen Untertönen -7-
3.1.1 Martina Kieningers Siegerbeitrag Der Schrank. Die Schranke -9-
3.2 Der IBM-/ZEIT-Wettbewerb 1997 bzw. 1998 -10-
3.3 Die Nachfolgewettbewerbe im Kontext wachsender Kritik und Ratlosigkeit
der Juroren -11-
4. Digitale Literatur im Kontext von Definition und Anforderungsprofil -13-
4.1 Definitionsversuche -13-
5. Hyperfictions unter dem Aspekt der geforderten Kriterien -15-
5.1 Esther Hunzikers NORD -16-
5.2 Heiko Paulheims Poetry 451 -17-
6. Hyperfictions in ihrer öffentlichen und akademischen Wahrnehmung -18-
6.1 Die umstrittene Rolle der Feuilletons -18-
6.2 Der akademische Bereich -20-
7. Schluss und Ausblick in die Zukunft der digitalen Literatur -21-
8. Inhaltsverzeichnis -23-
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1. Einleitung
Die folgende Arbeit wird sich thematisch mit Hyperfictions bzw. Internetliteratur auseinandersetzen, eine Form der Literatur, die erst im Zuge der multimedialen, globalen Vernetzung durch das Internet zu Beginn der 90er Jahre entstand und sich fortan kontinuierlich weiterentwickelte. Anhand dieser Tatsache kann ein kurzer historischer Rückblick nicht außen vor bleiben, ebenso wenig die Thematisierung dieses neuartigen Genres im akademischen Bereich im Hinblick auf Rezeption und Theorien zu Kennzeichen wesentlicher Merkmale digitaler Literatur. Immer wieder werden auch die technische Darstellung, die Macken bzw. die Grenzen der Computertechnik und die Frontalkritik an digitaler Literatur als „Schund“ im Mittelpunkt stehen. Am Schluss wird die Frage aufgeworfen werden müssen, ob es überhaupt für ein derartiges Genre eine Zukunft geben kann bzw. wie sich diese mögliche zukünftige Rolle im Hinblick auf Vernetzung visueller und auditiver Elemente darstellen könnte. Die Tatsache, dass hyperfiktionale, multimediale Literatur erst mit dem weltweiten Siegeszug des unter dem Schlagwort Internet möglich gewordenen weltweiten Daten- und Informationsaustauschs einherging, verweist darauf, dass der Ursprung dieser Literatur kaum länger als eine Dekade zurückliegt. Die Mehrheit der Bürger - abgesehen von einer kleinen eingeweihten Gemeinde von Hackern und Computerpionieren - wurde mit den Möglichkeiten des globalen Datenaustausches erst in der zweiten Hälfte der 90er Jahre konfrontiert, vorher waren dem Normalbürger die heute zum Allgemeinbegriff gewordenen Termini wie Homepage, Download, Email oder Chat gänzlich unbekannt. Selbst die meisten Homepages großer Unternehmen, Regierungsstellen oder mittlerweile bekannt gewordene Portale zu jedwedem Themengebiet sind nicht länger als zehn Jahre online. Im Jahr 1994 kamen in Deutschland auf 1000 Einwohner 2,44 Internetanschlüsse, bis 1997 vervierfachte sich diese Zahl auf 10,67 1 und laut statistischem Bundesamt verfügten Anfang 2003 bereits über 46% aller deutschen Haushalte über einen Zugang zum weltweiten Datennetz. 2 Mittlerweile dürften diese Statistiken die 50%-Marke deutlich überschritten haben. Diese Zahlen erklären, warum die Pioniere digitaler Literatur erst Mitte der 90er Jahre in Erscheinung traten. Ein weiteres zu berücksichtigendes Element bei der Auseinandersetzung mit Internetliteratur muss der Fortschritt hinsichtlich der Übertragungsgeschwindigkeit, der visuellen und auditiven Gestaltungsmöglichkeiten, der Verknüpfungselemente und der Programmierbarkeit sein. Die eigentliche fehlerfreie Darstellung des geschaffenen multimedialen Literaturprojektes nicht nur im Bereich von
1 Vgl. http://www.europa-infoshop.de/Die_Union/Lander/EU-Mitgliedsstaaten/Deutschland/deutschland.html,
angeschaut am 03.04.05 um 19.27 Uhr MESZ.
2 Vgl. http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2003/p4081221.htm, angeschaut am 03.04.05 um 19.31 Uhr
MESZ.
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digitalen Wettbewerben, sondern auch in der täglichen Arbeit der Netzliteraten, beruht auf einer im Idealfall perfekt funktionierenden Computertechnik - ein ,wie sich zeigen wird, nicht immer zu gewährleistender Umstand, der der Fortentwicklung multimedialer Literatur und deren Verbreitung im herkömmlichen, eher konservativ orientierten Literaturbetrieb immer im Wege stand. Ebenso wird zu thematisieren sein, inwieweit der Spagat zwischen den avantgardistisch orientierten Protagonisten der bisweilen futuristisch anmutenden Netzliteratur hinein in den Literaturbetrieb der in der klassischen Buchform publizierenden Autoren bzw. in die akademischen Lehranstalten zu schaffen war bzw. inwiefern für Netzliteratur und deren Qualitätsbemessung bestimmte Normen aufgestellt werden müssen. Der Begriff der Schundliteratur wird zur kritischen Disposition stehen, wenn digitale Literatur durch Reizüberflutungen und allzu übertriebene Verspieltheit mit den Möglichkeiten der technischen Darstellungen ihren eigentlichen Zweck zu verlieren, zu korrumpieren und damit sich selbst bloßzustellen droht. Daneben stellt sich die Frage, inwieweit der literaturinteressierte Normalbürger bislang mit den multimedialen Darstellungen in Kontakt treten konnte bzw. in welcher Weise sich die Medien in erster Linie im Printbereich der neuartigen Literatur widmeten. Die Vermittelbarkeit von digitaler Literatur über den herkömmlichen Printbereich, z.B. durch Thematisierung in den einschlägigen Feuilletons, so wird sich zeigen, stellt sich durchaus als Kernpunkt des „Kommunikationsproblems“ zwischen den Netzliteraten und dem potentiellen Neukonsumenten dar.
Netzliteraten publizierten in jüngster Vergangenheit oftmals in Kooperation mit Programmierern, die die literarischen Konzepte auch medientechnisch umzusetzen wussten. Konservative Literaturkritiker verwiesen allzu oft darauf, dass eine derartige Umsetzung verwaschen und nicht authentisch nach dem Grundkonzept des Literaten erfolgt sein könnte. Andererseits wurden im Zuge des gestiegenen Erwartungshorizonts z.B. bei digitalen Literaturwettbewerben hinsichtlich multimedialer Inszenierungen professionellere programmiertechnische Konzeptumsetzungen vorausgesetzt. Diese Schere zwischen der Umsetzung des Konzepts und der Kooperation mit einem Programmierexperten bzw. die Frage nach eventueller finanzieller Subventionierung derartiger Projekte soll ebenfalls kurz angesprochen werden. Für die Auseinandersetzung mit Internetliteratur - der Name impliziert es bereits - ist das Internet als Quelle, zur Informationsorientierung und nicht zuletzt als Bühne unerlässlich. Viele komplexere Netzprojekte, die gerade in den letzten Jahren entworfen wurden, haben dabei den Nachteil, dass sie sich selbst im Falle einer autorisierten Genehmigung durch den Schöpfer nicht komplett herunterladen bzw. sich auf mobilen Datenträgern sichern lassen. Plugins, Java-Anwendungen, Flashs etc. lassen sich generell oftmals nicht herunterladen oder
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abspeichern, so dass im Laufe der Arbeit immer wieder auf die Quelle, d.h. die Internetseite, die das jeweilige Projekt beherbergt, verwiesen werden muss. Da die meisten Projekte entweder erst kürzlich mit Preisen ausgezeichnet wurden oder aber bereits als Klassiker der Netzliteratur gelten dürfen, bleibt zu erwarten, dass diese auch in absehbarer Zeit noch im Netz publiziert bleiben werden.
Ein eigentlicher Kanon, wie bei der herkömmlichen klassischen Literatur vorhanden - wenn auch immer wieder erneuert und zur Disposition gestellt - existiert im Bereich der Internetliteratur und der Hyperfictions (noch) nicht. Deswegen finden sich im Netz unzählige netzliterarische Projekte, vielfach ist es auch bei offensichtlichen Versuchen geblieben, über deren Qualität sicher auch im akademischen Bereich unterschiedlichste Meinungen herrschen. Die zu thematisierenden Projekte beruhen deswegen auf einem der wenigen, wenn überhaupt zu bemessenden Qualitätsaspekt, nämlich der Preisauszeichnung bei nationalen oder internationalen digitalen Literaturwettbewerben. Derartige Wettbewerbe - Hyperfictionsausstellungen oder -messen finden nicht statt - sind bislang nahezu die einzige öffentliche Plattform geblieben, auf denen sich die Literaten dieses Genres der Öffentlichkeit präsentieren können. Beschäftigt man sich in wie auch immer gearteter Form mit Netzliteratur, dürfen die beiden Ikonen der theoretischen Auseinandersetzung mit dieser Form des Schreibens nicht unerwähnt bleiben, Beat Suter und Roberto Simanowski. Beide haben in unzähligen Aufsätzen und Essays ihre Standpunkte zur Rolle der interfiktionalen Literatur im heutigen Literaturbetrieb, ihre Ansprüche an diese im Hinblick auf Interaktivität, Hypertextualität, Multimedialität bzw. Inszenierung und ihre Ausblicke in die Zukunft dieses Genres unter Berücksichtigung diverser Schwierigkeiten formuliert.
2. Die Anfänge der deutschen Netzliteraturszene
Mitte der neunziger Jahre tauchte im deutschen Sprachraum mit den Hyperfictions ein neues Literaturgenre auf, das eng verbunden war mit der Verbreitung des Internets und dessen weiteren Funktionen und Diensten. Das World Wide Web eröffnete neuartige virtuelle Narrationsräume, d.h. das Geschichtenerzählen konnte sich fortan in ganz anderer Weise vollziehen als in den Jahrhunderten zuvor. Den Jungliteraten, die anfangs die Möglichkeiten der neuen Technologie austesteten, sahen in der Netzliteratur ein Experimentierfeld im Bereich narrativer Formen und versuchten die neuartigen Kommunikationsformen des Internets in den Bereich der literarischen Strukturen zu integrieren. Beat Suter, ein 1962 geborener Schweizer Literaturwissenschaftler, der als einer der ersten Akademiker Internetliteratur und deren Wirkung rezipierte und später gewisse noch zu thematisierende Qualitätsmerkmale an sie stellte,
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beschreibt in seinem Aufsatz „Multi User Dungeons. Die Anfänge deutschsprachiger Hyperfiction“ auch die Schwierigkeiten, mit denen die Netzliteraturavantgardisten konfrontiert wurden. So wurde zum Beispiel das Projekt Interstory von Doris Köhler und Rolf Krause bei einem Systemwechsel an der Uni Hamburg unwiederbringlich gelöscht, spätere Projekte, wie Guido Grigats Webring bla, sowie sein aktuelles Projekt 23:40, in dem er seit 1997 die Niederschriften von Erinnerungen, die der Einsender an eine bestimmte Minute des Tagesablaufs hat, sammelt, und das 1999 beim Ettlinger Literaturwettbewerb prämiert wurde, wurden auf Druck des Providers vom Server genommen. 3 Das Internet zeigt sich im Gegensatz zur herkömmlichen Buchform als flüchtiges Medium, so dass die ersten hyperliterarischen Werke und Versuche mittlerweile nahezu komplett aus dem Web wieder verschwunden sind. Das Wissen um eine derartig kurze Existenz wirft die Frage nach der Halbwertszeit netzliterarischer Projekte auf, bzw. ob die alten Werke lediglich als erste Gehversuche, antiquierte und damit dem Verfall preiszugebende Abnutzungsobjekte gewertet werden müssen oder ob gar die Werke drohen im Zuge immer fortschrittlicher werdender Anwendungen und Softwares irgendwann überhaupt nicht mehr dargestellt werden zu können. Parallel dazu sei verwiesen auf manch heute kultig anmutendes Computerspiel aus den Anfangszeiten des ATARI, das heutzutage auf den neuartigen Rechnern mit den progressiven Systemprogrammen gar nicht mehr zum Starten gebracht werden könnte.
Die ersten Versuche auf dem Feld der hyperfiktionalen Literatur beschränkten sich auf Kooperationsprojekte, die zumeist in universitären Rechenzentren als sogenannte Mitschreibeprojekte, entlehnt an englischsprachige „Adventure Stories“, entstanden. Dazu zählen lässt sich auch Catherine de Courtens Schreibprojekt KaspaH´s Home, bei dem bereits der Titel auf die historische Figur Kaspar Hausers verweist. KaspaH stellt sich dabei selbst vor als interfiktionale Person, der keine Rückerinnerung an seine eigene Vergangenheit besitzt und dessen Leben sich in den unendlichen Weiten des Cyberspace abspielt. 4 40 Emails wurden dabei mit dem Zweck, KaspaH ein Gesicht, eine Persönlichkeit zukommen zu lassen, an bislang unbekannte Adressaten geschickt. Mit den fünf Personen, die die Emailanfragen beantworteten, entspannten sich Dialoge, durch die sich KaspaH selbstreflektierend beschrieb und anhand derer er begann, neue bislang unbekannte Seiten an sich selbst zu entdecken.
3 Vgl. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=878, angeschaut am 03.04.05 um 21:41 MESZ.
Der angegebene Link bezieht sich auf den Essay Beat Suters zum Thema “ Multi User Dungeons. Die Anfänge
deutschsprachiger Hyperfiction“.
4 Die Originalbegrüßung lautet : “Hi, I'm KaspaH! I don't know you and I don't know where I am. Actually I was
found somewhere inside this world of bits. As my past is uncertain, I don't know much about myself and about
life. What's the meaning of it all and what am I doing - I'm pretty curious!”, aus dem Essay Beat Suters zum
Thema “ Multi User Dungeons. Die Anfänge deutschsprachiger Hyperfiction“.
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Arbeit zitieren:
Holger Hufer, 2005, Hyperfictions / Internetliteratur - Die Entwicklung einer deutschsprachigen Netzliteratur, München, GRIN Verlag GmbH
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