Inhaltsverzeichnis
1 Kann ein Modell Wahlverhalten stimmig erklären? 3
2 Wahlverhalten am Menschenbild des Homo sociologicus 4
2.1 Das Akteursmodell des Homo sociologicus 4
2.2 Welche Faktoren beeinflussen die Wahlentscheidung des Homo
sociologicus ? 7
3 Wahlverhalten am Menschenbild des Homo œ conom icus 10
3.1 Das Akteursm odel l des Hom o œ conom i cus 10
3.2 Welche Faktoren beeinflussen die Wahlentscheidung des Homo
œ conom i cus? 11
4 Abgrenzung und kritische Betrachtung der beiden Akteursmodelle 13
4.1 Der Homo sociologicus in der kritischen Betrachtung der Wahlsoziologie 13
4.2 Der Hom o œ conom i cus i n der kri ti schen Betrachtung der W ahl sozi ol ogi e 15
5 Eine realistische Synthese der beiden Akteursmodelle 16
6 Literaturverzeichnis 18
1 Kann ein Modell Wahlverhalten stimmig erklären?
Wohl keine Disziplin in der Politikwissenschaft wird so sorgfältig betrachtet wie die Wahlforschung. Dies liegt zum einen nicht nur an der Nähe des Forschungsgegenstandes zu einem das eigene politische Leben prägenden Gegenstand. Sondern ausgehend von dem Diktum A b rah am L in co ln s, d ass D em o kratie „go vern m en t o f the people, by the people, for the people” (Schulze 2001: 51) sei, rückt der einzelne Bürger mit seinem in Wahlen ausgedrückten Willensentscheid für eine Partei in das Kerninteresse der Wahlforschung. Letztlich nimmt der Einzelne mit seiner parteipolitischen Prädisposition Einfluss darauf, wer mit welchem politischen Programm regieren wird. Nicht nur für Politikwissenschaftler, sondern auch für die direkt am Wahlprozess Beteiligten ist die Frage von kaum verkannter Brisanz, warum Menschen welches Wahlverhalten zeigen, wie sich dieses prognostizieren und gar strategisch beeinflussen lässt.
Menschliches Verhalten, ob nun das Wahlverhalten, das Verhalten bei der Entscheidung über den Kauf eines neuen Autos oder in der Interaktion mit anderen Menschen beim Sport, unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die sich im Laufe der Evolution als Überlebensstrategie etabliert beziehungsweise als soziale Muster im Zusammenleben der Menschen institutionalisiert haben. Dem folgend, definiert der Soziologe Hartmuth Esser die Gundkonstanten menschlichen Verhaltens als die sich (1) innerhalb natürlicher und sozialer Restriktionen ergebender Handlungsalternativen, von denen stets die mit dem (2) maximalen Nutzen ausgewählt wird, die aber (3) aus einem individuellen Motiv entspringend von den kollektiven Folgen der Entscheidung entkoppelt ist (Esser 1996: 219-229).
Auftrag dieser Arbeit soll es sein, die Stimmigkeit der drei soeben genannten universellen Eckpunkte menschlichen Verhaltens am Wahlverhalten zu überprüfen. Als Untersuchungsge-genstand soll, wie bereits erwähnt, das Wahlverhalten dienen, dem man zwei grundlegende Modelle des Menschen zur Erklärung sozialer Prozesse zu Grunde legt. Der Homo sociologicus (Abschnitt 2) in der Soziologie und der Homo œ conom icus (Abschnitt 3) in der neoklassischen Ökonomie versuchen modelltypisch, stark abstrahierend menschliches Verhalten zu erklären. Hinterfragt werden soll in dieser Arbeit an Hand der beiden Akteursmodelle, welche Faktoren die Wahlentscheidung des Einzelnen steuern (siehe je Unterpunkt 2 der Abschnitte 2 und 3),
wie groß die Distanz zwischen beiden Modellen ist (Abschnitt 4) und ob diese den von Esser typisierten Merkmalen menschlicher Akteure entsprechen (Abschnitt 5). Um das Verhalten des Einzelnen bei einer Wahlentscheidung plastischer zu skizzieren, soll uns im Laufe der Arbeit unser Musterbürger „M .“ wiederbegegnen, an dem die unterschiedlichen Rationalitäten und Entscheidungsprämissen von Homo œ co n o m icu s und Homo sociologicus verdeutlicht werden.
2 Wahlverhalten am Menschenbild des Homo sociologicus
2.1 Das Akteursmodell des Homo sociologicus
Was beeinflusst den Menschen bei einer Handlungsentscheidung? Warum richten wir uns
nach Norm en (d u so llst… ) u n d w o h er w issen w ir, w as rich tig u n d w ü n sch en sw ert ist? Hat der Mensch so etwas wie eine zweite Natur, die ihm ein bestimmtes Verhalten gebietet oder untersagt? Dies sind gängige Einstiegsfragen in das Konzept des Homo sociologicus, das versucht, Licht in das Dunkel unseres alltäglichen sozialen Verhaltens zu bringen.
„So cio lo gicsts h ave fo u n d th eir scien ce in its m o d ern fo rm o n th e p rem ise th at b eh avio r is so cially d eterm in ed ” (L in d en b erg 1985: 100) - mit dieser Aussage macht der Soziologe Siegwart Lindenberg auf die Erkenntnis aufmerksam, die menschliches Verhalten aus Sicht der philosophischen Anthropologie seit jeher formt: der Mensch wird von seiner sozialen Umwelt geprägt und lässt sich in seinem Verhalten von den in seiner Sozialisation erworbenen und von seiner sozialen Umwelt erwünschten Verhaltensdispositionen leiten. Die philosophische Anthropologie, die das Wesen des Menschen zu ihrem Forschungsgegen-stand gemacht hat, erkennt den Menschen zugleich als Mängelwesen und Prometheus. Der Schweizer Zoologe Adolf Portmann, der seine Forschung auf die Entwicklungsgeschichte des Menschen ausdehnte, sieht im Säugling ein e „p h ysio lo gisch e F rü h geb u rt“, der in sein em „extra-u terin en F rü h jah r“ n ach d er G eb u rt „gerad ezu h ilflo s, ko m m u n ikatio n s- und bewegungsunfähig [Mängelwesen] in engster physischer und emotionaler Abhängigkeit von seinen Eltern au fw äch st“ u n d bereits hier erheblich durch den Einfluss seiner menschlichen Umwelt geprägt wird (Prometheus) (Griese 1976: 19ff.). Arnold Gehlen, Professor für Philosophie und Soziologie, hebt zum einen die entwicklungsgeschichtliche Primitivität des Menschen und seine organische Mittellosigkeit hervor (Mängelwesen), w ü rd igt d en M en sch en ab er als „K u lturw esen “, der sich eine zweite Natur, die Kultursphäre, geschaffen hat, in der er sich im ar-
beitsteiligen Austausch und in seiner kulturschaffenden Tätigkeit die Natur nutzbar gemacht hat und sie dominiert (Prometheus) (Gehlen 1967: 46ff.).
Die eigentliche Stärke des Menschen, seine evolutionäre Dominanz im Tierreich, resultiert also vor allem aus seiner Fähigkeit, seine Nachkommen zu erziehen (Sozialisationsprozess), Wissen auf dem evolutorischen Entwicklungspfad weiterzugeben und - vor allem - als in Gemeinschaft lebende Spezies sich in Rollen mit darin eingewobenen Erwartungen (Werten und Normen) einzufügen, was Handlungssicherheit und gesellschaftlichen Fortschritt produziert.
Der Homo sociologicus (lat. „d er gesellsch aftlich e M en sch “) setzt an dieser evolutionären Sozialität des Menschen an. Seine Kernaussage ist die, dass d as H an d eln „d en V o rgab en d er gesellschaftlichen Institutionen - d en N o rm en , so zialen R egeln u n d R o llen “ fo lgt (Esser 1996: 231). Der Mensch handelt angesichts innerer und äußerer Sanktionen so, wie es die Normen von ihm verlangen.
D er B egriff d er „sozialen R o lle“ ist hierbei von zentraler Bedeutung, denn der von Ralf Dah-rendorf im Jahre 1958 eingeführte Homo sociologicus befruchtete lediglich eine Debatte im Nachkriegsdeutschland, die in Amerika bereits seit den 30er Jahren unter dem Thema Rollen-theorie geführt wurde (Esser 1996: 231). Der Begriff der sozialen Rolle ist das Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft. Dahrendorf selbst findet eine gut gewählte Analogie zum Theater, in welchem der Schauspieler auch eine Rolle spielt (Dahrendorf 1977: 22f.). Jedoch nicht nur der Schauspieler, sondern jeder Mensch ist Träger einer Vielzahl sozialer Rollen, an die verschiedenste Personen und Gruppen Erwartungen knüpfen. Der Begriff der sozialen Position umschreibt hierbei „jed en O rt in ein em F eld so zialer B ezieh u n gen “, d en d er E in zeln e einnimmt (z.B. die soziale Position des Berufstätigen, Mitglied eines Vereins, Vater, Deutscher etc.) (Dahrendorf 1977: 30). Die Komplexität unserer Gesellschaft verlangt, dass jeder Träger einer Vielzahl an sozialen Positionen ist. Zu jeder sozialen Position gehört nun eine soziale Rolle, die der Träger der Position zu spielen hat (Dahrendorf 1977: 32). Gelingt ihm dies gut, wird er also den Erwartungen seiner sozialen Umwelt an diese Rolle gerecht, wird er dafür belohnt. Füllt er jedoch seine soziale Position nicht mit den an sie gesetzten Rollenerwartungen aus, kann das abweichende Verhalten sanktioniert werden (Dahrendorf 1977: 35ff.). Sozialer Druck und soziale Kontrolle sind zwei zentrale Bestandteile der Rollentheorie, mit denen ein gewünschtes intendiertes Verhalten gelenkt werden kann. Der Homo sociologicus umschreibt nun genau diesen sozialen Determinismus des Menschen in seinem (Rollen-)Handeln und Verhalten. Jede Person oder Gruppe, die an den Träger einer
sozialen Position Erwartungen stellt, beeinflusst dessen Entscheidungsspielraum erheblich, da es nur ein gewünschtes Verhalten gibt, das mit Integration honoriert wird. Ein abweichendes Verhalten wird hingegen sanktioniert. Vervollständigt wird das Bild des Homo sociologicus dadurch, dass bereits in der Sozialisation - der Prägung des Menschen durch seine menschliche Umwelt - wesentliche Rollen- und Verhaltensmuster internalisiert werden, die den Rollenträger in seinen Entscheidungsspielräumen prägen. Auf den Punkt gebracht hat Hartmut Esser die Handlungsbasis des Homo sociologicus damit, d ass er in sein em H an d eln „n u r den - vom Individuum internalisierten und von der Gesellschaft sozial kontrollierten - Werten u n d N o rm en ; u n d zw ar: o h n e jed es eigen e selegieren d e D azu tu n “ folgt. Zugegebenermaßen muss der Überblick über das komplexe Akteursmodell des Homo sociologicus hier sehr kompakt ausfallen. Eine Anwendung der mit dem Modell eng verbundenen Rollentheorie soll aber im folgenden Abschnitt am Beispiel des Wahlverhaltens erfolgen. Für die weitere Diskussion sei hier jedoch noch auf das zum Menschenbild der funktionalistischen Rollentheorie (Homo sociologicus) zugehörige SRSM-Modell von Siegwart Lindenberg hingewiesen (das OSAM-Modell der Variablen-Soziologie soll hier nicht weiter rezipiert werden). Demnach ist der Homo sociologicus in seinem Handeln durch internalisierte Normen oder externe Sanktionen festgelegt, hat folglich keinen Entscheidungsspielraum in der Wahl seiner Handlungen, sondern übt seine Rolle lediglich normenkonform aus (Esser 1996: 232), wie wir bereits weiter oben festgestellt haben. Lindenberg reduziert im Sinne dieses sozialen Determinismus den Akteur auf sein SRSM-Modell, das die drei zentralen Merkmale des Homo sociologicus bündelt (Lindenberg 1985: 101f.): Socialized: Internalisierung von Rollenerwartungen
Role-playing: Handlungen werden an Rollenerwartungen ausgerichtet Sanctioned abweichendes Verhalten von der Norm wird sanktioniert, sofern es nicht im Laufe der Sozialisation perfekt internalisiert wurde Man.
Arbeit zitieren:
Sascha Walther, 2006, Homo sociologicus und Homo oeconomicus - Die zwei Mustermänner der Wahlforschung?, München, GRIN Verlag GmbH
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