Humboldt-Universität zu Berlin, WS 2001/02 Berlin, 25.03.2002
Philosophische Fakultät I
Institut für Geschichtswissenschaften
Hauptseminar: Körperkultur in Deutschland von 1890-1939
'LH'DUVWHOOXQJGHV.|USHUVLQGHU0DVVHQSUHVVH
XPDP%HLVSLHOGHU%HUOLQHU,OOXVWULUWHQ=HLWXQJ
HF: Neuere/Neueste Geschichte Sophie Brachvogel
NF: Politikwissenschaft und Mittelalterliche Geschichte
5. Semester
1
*OLHGHUXQJ
(LQOHLWXQJ
1.1. Die Quelle 3
'LH'HILQLWLRQGHV.|USHUV]X%HJLQQGHV-DKUKXQGHUWV
'HUIRWRJUDILHUWH.|USHULQGHU%HUOLQHU,OOXVWULUWHQ=HLWXQJ
3.1. Die Darstellung des Körpers im Pressefoto um 1900 6
3.1.1. Das Aufkommen des Fotos als neues Bildmedium 6
3.1.2. Die Abbildung des weiblichen Körpers im Foto 7
3.1.3. Die Abbildung des männlichen Körpers im Foto 9
3.1.4. Die Typisierung der Körperbilder in den Fotos der Berliner Illustrirten Zeitung 10
3.2. Der prominente Körper im Interesse der Öffentlichkeit 11
3.3. Die Exotisierung der Fotos - Selbstbestätigung durch Gegenbilder? 13
'HUEHXQGXPZRUEHQH.|USHULQGHU%HUOLQHU,OOXVWULUWHQ=HLWXQJ
4.2. Der Konsum um 1900 zur Schaffung einer individuellen und kollektiven Körperidentität 16
4.2. Das Körperbild in den Werbeanzeigen in der Berliner Illustrirten Zeitung 19
=XVDPPHQIDVVXQJ
4XHOOHQYHU]HLFKQLV
/LWHUDWXUYHU]HLFKQLV
2
(LQOHLWXQJ
Jacob Burckhardt spricht in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen vom Menschen als dem „duldenden, strebenden und handelnden Menschen, wie er ist und immer war und sein wird“, und daher, so Burckhardt werde unsere Betrachtung gewissermaßen pathologisch sein. 1 In seiner Machtkritik spricht Burckhardt vom Dulden und Streben als soziale Aktionsformen, aber die Geschichte und die Macht können den Menschen „wie er ist und immer war“ krank machen, an Körper und Geist. Fungiert der Körper also als Messinstrument, an dem die Entwicklungen der Moderne an einer hypothetischen Skala abgelesen werden können?
Gibt es einen historischen Körper, so die Frage des Historikers 2 , oder löst sich der Körper in den Texten der Historiker in der Sprache auf? 3 Diese Fragestellung bildet den Hintergrund der hier vorliegenden Arbeit zur Körpergeschichte in der Zeit des Kaiserreiches von 1900 bis 1910. Einerseits beschäftigt sich die Arbeit mit Alltagsgeschichte, andererseits findet in der Forschung davon abgelöst ein auf „transzendentaler Ebene“ geführter Diskurs über den Umgang mit der Körperlichkeit in der Geschichte statt. Anhand der Berliner Illustrirten Zeitung in der Welt um 1900, im Deutschen Kaiserreich, untersucht diese Arbeit die Rolle des Körpers beim Aufkommen der Populärkultur mit Massenmedien und einer sich mehr und mehr ausbreitenden Konsumorientierung. Entsteht hier ein spezielles Körperbild als Idealtypus für die Werbung, die Prominenz betreffend oder auch bei einer feststellbaren „Exotisierung“ bestimmter Gegenbilder in Abgrenzung zum eigenen Sein? Wie sind die Körperbilder um 1900 und warum sind sie so? Die zu analysierende Periode beginnt 1900 und endet 1910. Diese Jahrgänge der Berliner Illustrirten Zeitung werden stichprobenartig ausgewertet, um eine Tendenz oder Veränderung in der Entwicklung des Körperbildes festzustellen. Diese Arbeit teilt sich in zwei Untersuchungs-Abschnitte: Der erste Punkt besteht aus einer Analyse der Darstellungsweise des Körpers in den Fotografien in der Berliner Illustrirten Zeitung. Der zweite Punkt behandelt dann das in Werbeanzeigen in der Illustrirten vermittelte Körperbild.
1 Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, Bern 1941, S. 45.
2 Philipp Sarasin, Mapping the body, in: Historische Anthropologie 7 (1999), S.437-451.
3 Caroline Bynum, Warum das ganze Theater mit dem Körper? Die Sicht einer Mediävistin, in:
Historische Anthropologie 4 (1996), S. 1-33.
3
Zur Forschungslage ist zu sagen, dass spezielle Literatur zum Thema des Körperbildes in den Medien Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sehr selten ist. Grundlegend ist die Monografie von Peter Fritzsche 4 , obwohl dieser nicht direkt auf die Berliner Illustrirte Zeitung eingeht, jedoch ausführlich zum „urban modernism“ Stellung bezieht, und die Dissertation von Katrin Dördelmann 5 zur Darstellung Berlins in der populären Zeitschriftenpresse.
'LH4XHOOH
Die Berliner Illustrirte Zeitung erreichte als liberales Massenblatt eine Leserschaft, die sich aus allen Schichten der Gesellschaft zusammensetzte. 6 Die Berliner Illustrirte Zeitung wirbt in ihrer Januar-Ausgabe 1900 mit einer Eigenanzeige: „Die weiteste Verbreitung im In- und Auslande finden Ihre Anzeigen durch die Berliner Illustrirte 7 Zeitung“. Die Auflage entwickelte sich folgendermaßen: 1894: 20.000 Exemplare, 1897: 40.000, 1900: 100.000, 1905: 300.000, 1909: über 400.000, 1910 u. 1911 über 500.000 Exemplare. 8 Das Angebot an Illustrierten stieg in den Jahren 1907 bis 1909 und erreichte zu Kriegsbeginn für kurze Zeit einen Höhepunkt, doch wurde in der Zeit bis 1918 die Zahl von zehn erscheinenden Titeln nicht überschritten. 9 Als weitgehend neuer Pressetypus mit aktuellen Artikeln stand die Fotografie im Mittelpunkt. 10 Anhand der Bildberichterstattung lassen sich viele Informationen über die damaligen Kleidungsgewohnheiten und andere für den Menschen um 1900 typische körperliche Merkmale erkennen. 11
4 Peter Fritzsche, Reading Berlin 1900, Harvard 1996.
5 Katrin Dördelmann, Die Darstellung Berlins in der Populären Zeitschriftenpresse 1870-1933,
Siegen 1990.
6 Fritzsche beschreibt eingehend das Kaufverhalten der Berliner um 1900. An den Kiosken
erwarben vorwiegend Berufstätige auf dem Weg zur Arbeit ihre Zeitung. Er geht zwar auf die
Berliner Morgenpost ein, dennoch sind Ähnlichkeiten beim Kaufverhalten der Konsumenten der
Berliner Illustrirten Zeitung anzunehmen, S. 143-144.
7 Der Name Berliner Illustrirte Zeitung wurde später in den Namen Berliner Illustrierte Zeitung
umgewandelt, im Verlauf dieser Arbeit soll aber von der Berliner Illustrirten Zeitung die Rede
sein (mit der Abkürzung ‚B.I.’) .
8 Zitiert nach Wilhelm Marckwardt: Die Illustrierten der Weimarer Zeit, Bremen 1982, S.14.
9 Ebd., S.14-15.
10 Vgl. dazu: Katrin Dördelmann (Siehe Fußnote 5). Diese Dissertation befasst sich ausführlich
mit den Illustrierten in Berlin und auch der Berliner Illustrirten Zeitung ist ein Kapitel gewidmet.
Demnach arbeiteten dank einer geschickten Personalpolitik Hermann Ullsteins und des
Chefredakteurs Kurt Korff die fähigsten Text- und Bildjournalisten für die B.I., und sorgten
damit auch für einen Vorsprung in der Qualität und Aktualität, S. 155.
11 Als „typische körperliche Merkmale“ sind hier in der Fotografie erkennbare äußerliche
Merkmal wie Körperumfang, Frisur, Kleidung und Körperhaltung gemeint.
4
Die zu untersuchende Periode von 1900 bis 1910 ist die Zeit der aufkommenden Moderne, die Zeit der Arkaden und Warenhäuser, der Grammophone und der aufkommenden Massenpresse. Kommerz und das Begehren nach neuen Luxusartikeln beginnen sich in dieser Zeit zu entwickeln. Diese Phänomene spiegeln sich in der Berliner Illustrirten Zeitung in Form von Werbeannoncen und der Pressefotografie wieder. Im Mittelpunkt des Interesses stehen nicht nur prominente Personen, sondern auch gesellschaftliche und politische Ereignisse.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehen durch die Industrialisierung und die Urbanisierung neue Kommunikationsbedürfnisse, die Familie verliert als Produktions- und Besitzgemeinschaft ihre Funktion, an ihre Stelle tritt das Individuum als Grundelement einer gesellschaftlichen Ordnung. 12 Der Mensch wird nun mit der Anonymität und Unpersönlichkeit des Großstadtlebens konfrontiert. So führten die meisten Illustrirten wie die Berliner Illustrirte Zeitung den Ort ihres Erscheinens im Titel und gingen so auf das psychologische Phänomen ein, dass die Tatsache, in einer Großstadt zu leben, das Selbstwertgefühl des Großstädters hob. 13
'LH'HILQLWLRQGHV.|USHUV]X%HJLQQGHV-DKUKXQGHUWV
Grundlegend für die Definition des Körpers ist der Aufsatz von Ute Planert, 14 sie sieht zwischen den Konzeptionen von „Körper“ und „Gesellschaft“ in der modernen Vorstellungswelt eine Anzahl von Individuen den politisch-sozialen „Gesellschaftskörper“ bilden. 15
Foucault folgend führt sie nicht den Unterschied zwischen dem physischen und sozialen sondern zwischen dem Körper des Individuums und dem der Gattung an. Der „Volkskörper“ entsteht durch die reproduktive Verknüpfung des individuellen mit dem kollektiven Körper. „Den entscheidenden Schnittpunkt zwischen individuellem und
gesellschaftlichem Körper bildete die Frage der Reproduktion, die in Deutschland seit den 1890er Jahren zum Politikum wurde. Im Kontext von Imperialismus, völkischer Bewegung und dem Aufstieg der Rassenhygiene ging
12 Vgl. Marckwardt (siehe Fußnote 8), S. 10.
13 Ebd, S.15.
14 Ute Planert, Der dreifache Körper des Volkes: Sexualität, Biopolitik und die Wissenschaft
vom Leben, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 535-576.
15 Ebd., S. 546.
5
die gesellschaftliche Verbreitung bevölkerungspolitischer Forderungen und staatlichen Regulierungsversuchen voran.“ 16 Mit Hilfe des Foucaultschen Gegensatzpaares von „Maschinen- und Gattungskörper“ erklärt Planert den Bedeutungswechsel von männlichem und weiblichem Körper. Seit 1900 wandelte sich das Bild vom männlichen „Maschinenkörper“, der sich zunächst auf seine Funktion in der Arbeitswelt und dem Nationalstaat beschränkte, hinsichtlich seiner reproduktiven Qualitäten. Für den weiblichen Körper gab es die Unterscheidung zwischen der bürgerlichen Frau und der Fabrikarbeiterin, die sich im Zuge der Industrialisierung daran gewöhnen musste, „wie eine Maschine“ zu arbeiten. Der im Kaiserreich eingeführte Mutterschutz dokumentierte jedoch, dass nun auch der Körper der Fabrikarbeiterin unter dem Gesichtspunkt des „Gattungskörpers“ eine größere Bedeutung erlangte. Die bürgerliche Frau hingegen wurde zum „Gattungswesen“ schlechthin, denn sie wurde mit Verhaltensanforderungen konfrontiert, die ursprünglich aus der männlichen Welt stammten. 17 Der weibliche Körper sollte zwar elegant und anmutig wirken, trotzdem aber seine Mutterschaftsfunktion erfüllen und gleichzeitig Kraft, Ausdauer und Disziplin haben. Der besondere Schutz und die Aufmerksamkeit, die dem weiblichen Körper nun gewidmet wurde, stellte keinen Selbstzweck dar, sondern diente der Reproduktion des politisch-sozialen Körpers der Nation. Auch der Kampf gegen die Frauenemanzipation stellte eine Bedrohung für den Volkskörper dar, mit dem Argument, dass die Frauen durch die Übernahme ehemals männlicher Aufgaben geschwächt würden.
Für die folgende Untersuchung ist die Definition vom Volkskörper grundlegend. Dabei soll aufgezeigt werden, dass bei den Darstellungen in der Berliner Illustrirten Zeitung ein Wandel vom reinen geschlechterspezifischen „Gattungs-und Maschinenkörper“ zum nicht geschlechtsspezifischen Reproduktions-Körper stattfindet.
16 Ebd., S. 547.
17 Vgl. dazu: Ulrike Döcker, Die Ordnung der bürgerlichen Welt, Verhaltensideale und soziale
Praktiken im 19. Jahrhundert, in: Historische Studien, Bd. 13, Frankfurt/New York 1994, S. 71-
120. Interessant sind hier die Beschreibungen der Manierenbücher, die dezidierte
Verhaltensnormen für das Bürgertum herausgeben.
Arbeit zitieren:
Sophie Brachvogel, 2002, Die Darstellung des Körpers in der Massenpresse um 1900 am Beispiel der Berliner Illustrierten Zeitung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Sophie Brachvogel hat den Text Die Darstellung des Körpers in der Massenpresse um 1900 am Beispiel der Berliner Illustrierten Zeitung veröffentlicht
Sophie Brachvogel hat einen neuen Text hochgeladen
Rekonstruktion am Beispiel Berliner Schloss aus kunsthistorischer Sich...
Ergebnisse der Fachtagung im A...
Manfred Rettig
Arbeitsheft zur Literaturgeschichte. Literatur um 1900
Texte, Übungen
Ulrike Ladnar, Reinhard Lindenhahn
Versprachlichte Körper - Verkörperte Sprache: Konstruktionen von Ident...
Sarah Yvonne Brandl
Eine Kulturgeschichte des Frem...
Alexander Honold, Klaus R. Scherpe
Dezentralisierung im Vergleich - Kommunale Selbstverwaltung in Deutsch...
Vorträge und Berichte auf dem ...
Rainer Pitschas
Konfliktszenarien um 1900: politisch - sozial - kulturell
Die österreichisch-ungarische ...
Peter Deutschmann, Volker Munz, Olga Pavlenko
0 Kommentare