„Ein guter Test für eine Theorie ist, dass sie sowohl Managern wie Politikern und Wirtschaftswissenschaftlern sinnvoll erscheint. […]
Eine neue Theorie muss den Unternehmen Einsicht verschaffen, wie eine Strategie aufzustellen ist, damit sie international wirksamer konkurrieren können. Diesen Anforderungen möchte ich
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 1
1.1. ZENTRALE FRAGESTELLUNG. 4
1.2. ABGRENZUNG DER MIKROSYSTEMBRANCHE 5
1.3. STAND DER FORSCHUNG 8
1.4. AUFBAU DER ARBEIT 9
2. DIE RÄUMLICHEN VERTEILUNGSMUSTER DER WIRTSCHAFT. 10
2.1. ZUM BEGRIFF DER STANDORTFAKTOREN 10
2.2. ABGRENZUNG DER NEUEN KONZEPTE DER WIRTSCHAFTSGEOGRAPHIE. 12
2.2.1. Vom Fordismus zum Postfordismus 12
2.2.2. Konzept der „innovativen Milieus“ 14
2.2.3. Konzept der Industriedistrikte 15
2.2.4. Das Konzept der Produktionscluster 19
2.3. DAS CLUSTERKONZEPT ALS FORSCHUNGSGEGENSTAND 19
3. PORTERS KONZEPT KOMPETITIVER CLUSTER. 22
3.1. ENTWICKLUNG DES KONZEPTS 22
3.1.1. Wettbewerb und Globalisierung. 22
3.1.2. Theoretische Grundlage und Schwächen bisheriger Theorien. 24
3.1.3. Anforderungen an eine neue Theorie 25
3.1.4. Von der internationalen auf die nationale Ebene. 26
3.2. DAS SYSTEM DER BESTIMMUNGSFAKTOREN - PORTERS „DIAMANT“ 27
3.2.1. Grundlage des Systems. 27
3.2.2. Die Faktorbedingungen. 30
3.2.3. Nachfragebedingungen. 31
3.2.4. Verwandte und unterstützende Branchen 32
3.2.5. Unternehmensstrategie, Struktur und Wettbewerb. 33
3.2.6. Anforderungen an die Unternehmer. 35
3.2.7. Die Rolle des Staates 36
3.3. FOLGERUNGEN PORTERS - DIE CLUSTERBILDUNG 38
3.3.1. Die Bedeutung geographischer Konzentration 38
3.3.2. Clusterbildung wettbewerbsfähiger Branchen 38
3.3.3. Entwicklung und Niedergang von Clustern. 40
4. KRITISCHE BETRACHTUNG DES CLUSTERKONZEPTS 42
4.1. THEORETISCHE SCHWÄCHEN DES CLUSTERKONZEPTS. 43
4.1.1. Definition und Interpretation 44
4.1.2. Problematik der Abgrenzung von Clustern 45
4.1.3. Klassifikation der Cluster. 46
4.2. METHODISCHE SCHWÄCHEN. 47
4.3. PROBLEMATIK DER UMSETZBARKEIT. 49
4.3.1. Zur Übertragbarkeit regionalwirtschaftlichen Erfolgs 49
4.3.2. Die Rolle politischer Akteure und öffentlicher Institutionen 49
4.3.3. Negative Auswirkungen der Cluster 51
4.4. WEITERENTWICKLUNG DES CLUSTERANSATZES 52
I
5. DAS FALLBEISPIEL „DORTMUND-PROJECT“ 54
5.1. ÜBERBLICK DER JÜNGEREN ENTWICKLUNG DORTMUNDS 54
5.2. REGIONALENTWICKLUNGSSTRATEGIE UND CLUSTERBILDUNG. 55
5.3. ENTWICKLUNGSSTRATEGIE FÜR DEN STANDORT DORTMUND 56
5.4. DAS „DORTMUND-PROJECT“ 57
5.4.1. Entstehung des dortmund-project. 57
5.4.2. Organisation des dortmund-project 58
5.4.3. Aufgaben des dortmund-project 59
5.4.4. Stand zur „Halbzeit 2005“ 61
5.5. DER MST-CLUSTER IM DORTMUND-PROJECT 62
5.5.1. Begründung der Auswahl der MST-Branche. 62
5.5.2. Rahmenbedingungen für MST-Unternehmen 63
5.5.3. Entwicklung der MST-Branche in Dortmund 64
6. DATENERHEBUNG. 66
6.1. WAHL DER GEEIGNETEN METHODIK 66
6.2. METHODIK DES QUALITATIVEN INTERVIEWS 67
6.3. ANWENDUNG DER METHODIK IM VORLIEGENDEN FALL 69
6.3.1. Auswahl der Interviewpartner 69
6.3.2. Die Erstellung der Leitfäden und Durchführung der Interviews. 72
6.3.3. Kritische Bewertung der methodischen Vorgehensweise 73
7. AUSWERTUNG DER INTERVIEWS 75
7.1. ANALYSE DER BESTIMMUNGSFAKTOREN. 76
7.1.1. Bewertung der „Faktorbedingungen“ 76
7.1.2. Bewertung des Faktors „Nachfragebedingungen“ 80
7.1.3. Bewertung des Faktors „verwandte und komplementäre Unterneh-men“ 83
7.1.4. Bewertung des Faktors „Unternehmensstrategie und Wettbewerb“ 85
7.2. ZUR BEDEUTUNG DER DORTMUNDER „INSTITUTIONEN“ 88
7.2.1. Dimension „Standortmarketing und -förderung“ 89
7.2.2. Dimension „Unternehmens- und Gründungsförderung“ 91
7.2.3. Dimension „Networking und Kontaktvermittlung“ 93
7.2.4. Dimension „FuE und Wissenstransfer“ 95
7.2.5. Dimension „Fördergeld- und Kapitalakquirierung“ 97
7.3. BEWERTUNG DER DORTMUNDER SITUATION 98
7.3.1. Bewertung des dortmund-project und der Clusterpolitik der Stadt. 98
7.3.2. Bewertung des MST-Clusters im speziellen. 101
7.3.3. Bewertung des Risikos hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen. 103
8. FAZIT 105
QUELLEN. 108
MONOGRAPHIEN UND AUFSÄTZE 108
VORTRÄGE 115
PRESSEMITTEILUNG UND INFOMATERIALIEN. 116
WEBSITES. 117
II
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen
Abb. 1: Die fünf Wettbewerbskräfte ........................................................................ S. 27 Abb. 2: Die Bestimmungsfaktoren des nationalen Wettbewerbs .......................... S. 29 Abb. 3: Netzwerk der Akteure in Dortmund .......................................................... S. 58
Tab. 1: Liste der befragten Unternehmen ............................................................... S. 71 Tab. 2: Bedeutung der Inst. für „Standortmarketing und -förderung“ .............. S. 89 Tab. 3: Bedeutung der Inst. für „Unternehmens- und Gründungsförderung“ ... S. 91 Tab. 4: Bedeutung der Inst. für „Networking und Kontaktvermittlung“ ............ S. 93 Tab. 5: Bedeutung der Inst. für „FuE und Wissenstransfer“ ................................ S. 95 Tab. 6: Bedeutung der Inst. für „Fördergeld- und Kapitalakquirierung“ ........... S. 97
III
1. Einleitung
Durch die in den letzten Jahren beobachtbare Verlagerung von Produktionsstätten zu Standorten mit günstigeren Produktionsbedingungen, sowie dem Wegfall vieler Arbeitsplätze in ‚traditionellen’ Branchen, wie der Montanindustrie, bewegen Ansätze zur Förderung der regionalen Wirtschaft und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze die öffentliche Diskussion. Dabei ist eine Vielzahl von theoretischen Konzepten zur Erklärung der endogenen Regionalentwicklung entstanden, deren Frage nach den Ursachen auch stets eine solche nach den Ursachen räumlicher Ballung ökonomischer Aktivitäten ist. 1 Allen diesen Konzepten ist außerdem gemein, dass sie zunehmend den endogenen Faktoren einen größeren Einfluss beimessen, als regionsexogenen Determinanten. 2 Weiter werden zwischenbetriebliche Kooperationen, kollektives Lernen, Synergieeffekte, sowie eine wachsende Zahl an Neologismen wie ‚Spillover-Effekte’ oder ‚Networking’ zur erfolgreichen und nachhaltigen Entwicklung von Regionen und ihren Branchen benannt. Da jedoch die wirtschaftlichen Akteure maßgeblich an der Umsetzung und dem Erfolg der theoretischen Konzepte beteiligt sind, 3 bleibt die Frage, ob in der Praxis diese Konzepte verstanden und umgesetzt werden können. Die Fülle an Konzepten und Interpretationen führt schon unter Wirtschafts- und Regionalwissenschaftlern zu Diskussionen und Verwirrung:
„Given the wide differentiation in scientific backgrounds, logics and languages of the participants it is not surprising if the result of that debate was, […] strikingly inconclusive - the different arguments being often added and juxtaposed, never really confuted; …” 4
Hinsichtlich dieser Problematik bleibt die reale Entwicklung oftmals hinter den erhofften Effekten zurück. Hierbei spielen neben den endogenen Faktoren durchaus auch exogene Einflüsse eine Rolle. Globalisierungstendenzen, die Eröffnung neuer Märkte, sowie Privatisierung und Deregulierung von Branchen und Märkten seien als Beispiele regionsexogener Einflussnahme genannt. 5 Die Entwicklung einer Region ist demnach stark abhängig von den in ihr verfügbaren Ressourcen und
1 Für eine Übersicht s. Sternberg (2001), S. 161
2 Sternberg (2003), S. 4; Sternberg (2001), S. 162
3 vgl. Fromhold-Eisebith (1999); Shotton (1998)
4 Camagni (2002), S. 2398
5 Sassen (2001), S. 78
1
Potentialen, muss jedoch auch stets im Kontext der nationalen und globalen Wirtschaft betrachtet werden. 6
Während einige der Konzepte traditionelle und überwiegend handwerkliche geprägte Branchen zur Grundlage haben, ist im Zusammenhang mit regionalwirtschaftlichen Entwicklungsmaßnahmen eine Fokussierung der politischen Akteure auf so genannte FuE-intensive 7 Wirtschaftszweige - im Folgenden auch als High-Tech bezeichnet - erkennbar. 8 Unter High-Tech-Branchen sollen hier solche verstanden werden, deren Produkte und Dienstleistungen neue und innovative Verfahren und Technologien entwickeln und/oder nutzen. 9 Sternberg unterscheidet des Weiteren die Hochtechnologiebranchen in solche der „höherwertigen Technik“ und der „Spitzentechnik“, differenziert anhand des Umsatzanteils an Forschung und Entwicklung. 10 Gerade letztere ist aufgrund ihres hohen innovativen Potentials auch im Fokus nationaler Förderungen, wie beispielsweise durch das Bundesministe-rium für Bildung und Forschung (BMBF). Bio- und Nanotechnologie sind dabei die bekanntesten Forschungsfelder, die auch die höchste Förderung erhalten. Andere Technologien - wie beispielsweise die Plasma- oder Mikrotechnologie - mit ver-gleichbar großem Potential, werden dagegen mit vergleichsweise geringen För-dermitteln berücksichtigt. 11 Das Image einer Spitzentechnologie ist demnach ebenso entscheidend für die Förderung, wie der erhoffte volkswirtschaftliche Nutzen:
„Wer kein Image hat, bekommt auch kein Geld. […] Kein Image zu haben, ist ein Imageproblem.“ 12
Aus den oben genannten Gründen wurde Dortmund, mit dessen jüngerer Entwicklung und dem massiven Arbeitsplatzverlust durch den Wegfall Standort prägender Branchen, als empirisches Untersuchungsobjekt ausgewählt (Kap. 5.1). Weiter wurde für die Untersuchung des „dortmund-project“ die Mikrosystemtechnikbran-
6 vgl. Amin/Robins (1991)
7 FuE steht für Forschung und Entwicklung
8 Sternberg (1996), S. 133
9 vgl. Keeble/Wilkinson (2000), S. 3
10 Sternberg (1996), S. 134
11 Die Nanotechnologie wird jährlich mit ca. 290 Mio. Euro, die Biotechnologie im Zeitraum 2001 - 2005
mit ca. 800 Mio. Euro Fördermittel bezuschusst. Die Plasmatechnologie wurde hingegen mit 7 Mio. Euro
berück-sichtigt, während die Mikrosystemtechnik im Zeitraum 1990 - 2004 ca. 540 Mio. Euro erhielt. [vgl.
brand eins (2005), S. 46; BMBF (2004), S. 18f]
12 brand eins (2005), S. 46
2
che ausgewählt, mit dessen im bundesweiten Durchschnitt starken Unternehmenskonzentration in Dortmund (vgl. Kap. 5.5).
Einen weiteren Aspekt der Betrachtung von regionalökonomischen Aktivitäten bilden so genannte KMUs (klein und mittelständische Unternehmen). Sie werden als eher in der Lage angesehen, innovative Technologien und Ideen ein- und umzusetzen. Wachstumsraten für Umsatz und Beschäftigung sind aufgrund der geringen Unternehmensgröße höher, sowie ihre Bedeutung für regionale und nationale Beschäftigung. Hinzukommt, dass sie eher geneigt sind, Kooperationen einzugehen, und dadurch Synergieeffekte zu erzeugen. Die höhere Spezialisierung auf Nischen bestimmter Branchen, sowie die überproportional hohe Einstellung von gut ausgebildeten Fachkräften und Forschern steigern zudem ihre Bedeutung bei der Entwicklung von Produktneuerungen und Innovationen. 13 Auch hier war die Branchenstruktur der Mikrosystemtechnik allgemein und am Standort Dortmund speziell ausschlaggebend für die Auswahl des Untersuchungsgebiets.
Im Rahmen dieser Arbeit soll zunächst eine differenzierte Darstellung des Clusterkonzepts erfolgen. Daran anschließend wird die Umsetzung des theoretischen Konzepts der Produktionscluster untersucht, am Beispiel des „Mikrosystemtechnikclusters“ in Dortmund. Dabei soll geprüft werden, inwieweit das Konzept als Garant für Wachstum und Erfolg von Branchen einer Region angesehen werden kann.
Ebenso im Zentrum des Forschungsinteresses steht die Frage, ob bei der Planung und Förderung der Clusterbildung das theoretische Konzept eine Rolle spielt und ob es sich bei dem proklamierten MST-Clustern auch um einen solchen handelt.
13 Keeble/Wilkinson (2000), S. 6
3
1.1. Zentrale Fragestellung
Der weltwirtschaftliche Wandel der 1970er und 1980er Jahre, auf den im Kapitel 2.2 noch eingegangen wird, ließ zunehmend bis dahin erfolgreiche, herkömmliche Produktionsarten und -stätten veraltet und unproduktiv erscheinen. Andererseits entwickelten sich einige Regionen mit überdurchschnittlichem Erfolg und sind heute allseits bekannt, als „Silicon Valley“ in Kalifornien oder Boston’s „Route 128“. Inspiriert durch diese Erfolgsgeschichten einzelner Regionen und durch seine Tätigkeit an der Harvard Business School entwickelte Michael E. Porter Anfang der 1990er Jahre das mittlerweile weltweit bekannte Konzept der Produktionscluster. Seitdem ist das Konzept in einer Vielzahl von Ansätzen und Rahmenrichtlinien für regionale Wirtschaftsentwicklungen weiterentwickelt und implementiert worden, mit unterschiedlichen langfristigen Ergebnissen. 14 Zudem wird das Konzept - wie andere Ansätze der Wirtschaftsgeographie auch - hinsichtlich der Möglichkeit der Umsetzung und der erhofften und befürchteten Auswirkungen auf die Regionen heftig diskutiert. Die Vielzahl von Konzepten und Begrifflichkeiten hat außerdem zunehmend zu Verwechslung und Verwirrung unter den Akteuren und Wissenschaftlern geführt und erschwert die Erstellung und Umsetzung nachhaltiger und erfolgreicher Regionalentwicklungsstrategien. 15 Von Politikern und Beratungsgesellschaften wird jedoch bereitwillig auf das Konzept zurückgegriffen, aufgrund seiner scheinbar direkten Umsetzbarkeit und des mit dem Konzept verbundenen positiven Image. 16
Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich zwei Hypothesen, die im Laufe der Arbeit mit Hilfe von Literatur weiter ausdifferenziert und anschließend empirisch durch Unternehmensbefragungen überprüft werden:
Der Cluster, als Konzept, ist kein Garant für regionalwirtschaftlichen Erfolg.
Der Clusterbegriff wird meist als „Label“ verwandt, ohne konkreten Bezug zur Theorie.
14 OECD (2001); OECD (1999); Keeble/Wilkinson (2000); Lundequist/Power (2001); Clancy et al (1999)
15 Camagni (2002), S. 2398; vgl. Martin/Sunley (2003)
16 vgl. Martin/Sunley (2003), S. 29
4
1.2. Abgrenzung der Mikrosystembranche
Da im weiteren Verlauf der Arbeit die Mikrosystembranche untersucht wird, soll an dieser Stelle ein Überblick über diese Spitzentechnologie gegeben werden. Eine allgemein gültige Abgrenzung der Mikrosystemtechnikbranche gibt es nach dem derzeitigen Stand der Forschung ebenso wenig, wie eine eindeutige Definition des Begriffs Mikrosystemtechnik (MST). 17 Des Weiteren wird mitunter auch der Begriff der Mikrostrukturtechnik verwendet, beispielsweise bei Kleinstformen wie Mikrodüsen oder -kanälen, deren Größe oftmals nur wenige Mikrometer betragen und besonders in der Mikrofluidik Verwendung finden. 18 Das Prinzip wurde Mitte der 1980er aus der Mikroelektronik heraus entwickelt und basiert auf der Idee, konventionelle Systeme derart zu miniaturisieren, dass leistungsfähige (Mikro-)Systeme entstehen, die im Gegensatz zu ihren „großen Vorbildern“ viele Aufgaben technisch besser, effizienter und preiswerter erfüllen. 19 Zentrales Merkmal ist der systemische und integrierende Charakter. Verschiedenste Komponenten und Technologien werden zu intelligenten Systemen zusammengefasst, die nicht nur messen, sondern auch bewerten und gegebenenfalls gezielte Aktionen auslösen. 20 Sie zeichnen sich weiter durch besonders raum- und gewichtsparende Eigenschaften aus und sind mobil und flexibel einsetzbar. Eingesetzt wird die Mikrostrukturtechnik vermehrt in der Informations- und Kommunikationstechnologie, im Bereich der Chemie und Pharmazie, im Maschinen- und Automobilbau, sowie der Energie-, Umwelt- und Medizintechnik. Die Integration verschiedener Basiswissenschaften wie Mechanik, Optik, Fluidik oder Akustik und die fachübergreifende Grundlagenforschung in Physik, Chemie, Biologie oder verschiedenen Ingenieurwissenschaften machen die Mikrosystemtechnik zu einer Querschnittstechnologie, mit einem hohen Innovationspotential für bestehende Anwendungen. Dadurch könnten veraltete Produkte oder Fertigungsverfahren modernisiert und traditionelle Industrien am Standort Deutschland für die Zukunft wettbewerbsfähig gemacht werden. 21 Die Verknüpfung von neuen und
17 In angloamerikanischer Literatur wird die Abkürzung MEMS für Microelectro-Mechanical-Systems ver-
wendet
18 Im Folgenden wird der Begriff ‚Mikrostrukturtechnik’ synonym zum Begriff ‚Mikrosystemtechnik’ ver-
wendet.
19 BMBF (2004), S. 9
20 Als Beispiel wird in der Literatur oftmals auf die Vielzahl der Systeme im Automobil hingewiesen (Air-
bag, ABS, ESP, Bremsassistent, uvm.) [vgl. BMBF (2004)]
21 BMBF (2004), S. 5; Berger (2003), S. 9; Jonas/Berner (2004), S. 2
5
alt bewährten Wissensbeständen macht die Mikrosystemtechnik zu einer so genannten Kombitechnologie. 22
Im öffentlichen Diskurs wird der Mikrosystemtechnik auch der Status einer Schlüsseltechnologie zugewiesen, da sie:
„…über die skalenvertikale (nano - mikro - makro) und die technologieübergreifende Systemintegration, Anwendungsmöglichkeiten für neue Technologien und Materialien erschließt“. 23
Dies gilt insbesondere für die Nanotechnologie, da diese oftmals ohne Mikrosystemtechnik nicht zugänglich und nutzbar ist. 24 Auch die Anwendungskontexte entziehen sich einem abgegrenzten Branchenfokus, so dass zur potentiellen Erschließung zusätzlicher Anwendungsmöglichkeiten von MST-Entwicklungen zugleich ein erhöhter Kommunikations- und Transferbedarf erforderlich ist. 25
Die MST-Branche wird im Allgemeinen den unternehmensorientierten Dienstleistungen zugerechnet, aufgrund ihrer Ingenieurdienstleistungen. Dies ist jedoch nicht unproblematisch, da die Unternehmen oftmals auch einen industriell produzierenden Charakter aufweisen. 26 Aufgrund von Spezialisierungen im Fertigungsbereich, oder um bestehende Leerkapazitäten auszunutzen, bieten einige Unternehmen sich (auch) als „Foundries“ 27 an, was wiederum den so genannten „fabless companies“ 28 entgegen kommt, die sich rein mit Design und Entwicklung beschäfigen, um kundenorientierte Systementwicklung zu betreiben. 29 Jonas typisiert anhand von Unternehmensalter und Beschäftigtenzahl drei Arten der Unternehmung in der MST-Branche: 30
- Typ I: Newcomer Unternehmen
- Typ II: F&E-orientierte Unternehmen
- Typ III: Produktions- und F&E-orientierte Unternehmen
22 Jonas et al. (2002), S. 4
23 BMBF (2004), S. 12
24 BMBF (2004), S. 10f; vgl. Berger (2003)
25 Prognos (2002), S. 2f
26 Jedoch wird auch die Halbleiterproduktion als so genannte „engineering services“ bezeichnet, sodass dies
auch für die verwandte Mikrosystemtechnik angenommen werden kann. [vgl. Porter (2003), S. 560]
27 Als „Foundries“ werden Unternehmen beschrieben, die Auftragsarbeiten für andere Unternehmen ausfüh-
ren, meist ohne eigene FuE in diesen Bereichen.
28 „fab-less“ bezeichnet im englischen ohne „fabrication“, sprich ohne eigene Produktion
29 Ehrfeld (2003), S. 30f
30 vgl. Jonas/Berner (2004), S. 9ff
6
Unter Typ I werden Spin-Offs, Start-Ups und andere Kleinstunternehmen gefasst, die sich oftmals noch in der Entwicklungsphase befinden. Typ II beinhaltet oben genannte „fabless Companies“ bzw. Unternehmen mit abgeschlossenem „Prototyping“ kurz vor der eigenen Serienfertigung. Unternehmen des Typ III sind bereits ‚etabliert’, d.h. sie erstellen ihre Produkte überwiegend in eigener Herstellung, wiesen eine höhere Anzahl an Beschäftigten auf und betätigen sich neben eigenen Entwicklungen zum Teil auch als „Foundries“.
Art und Qualität der Dienstleistung nach, handelt es sich bei der Mikrosystemtechnik weitergehend um so genannte „hochrangige“ Dienstleistungen im High-Tech-Bereich. Diese können anhand von fünf Kriterien nach Bördlein wie folgt bestimmt werden: 31
- Funktion: Steuerung, Lenkung, Entscheidungsfindung
- Tätigkeit: Informationsverarbeitung, Angebot immaterieller Güter
- Inputstruktur: hoher Anteil qualifizierter Beschäftigter
- Nachfragestruktur: überwiegend unternehmensorientiert
- Reichweite: national bis international
Die MST-Branche weist zumindest die letztgenannten drei Kriterien auf, und kann zugleich auch als „hochwertige“ Dienstleistung bezeichnet werden, für die der Einsatz von spezialisiertem Know-how charakteristisch ist. 32 Die Bundesregierung hat bereits Anfang der 1990er die innovations- und beschäftigungspolitische Bedeutung der Mikrosystemtechnik erkannt und versucht diese im Rahmenprogramm des BMBF mit Förderkonzepten, wie ‚Mikrosystemtechnik 2000+’, zu stärken. Im Fokus stehen dabei vor allem die Schaffung und Verbesserung der Rahmenbedingungen für MST-Unternehmen (s. Kap. 5.5.2), sowie die schnellere Umsetzung von Produktinnovationen („time-to-market“). Ebenso wurden entsprechende Ausbildungskapazitäten gefördert und das Berufsbild des Mikrotechnologen entwickelt. Nach Angaben des BMBF liegt der Schwerpunkt der Programme dabei auf Verbundprojekten zwischen Industrie und Forschung. 33 Laut Studien in Zusammenarbeit mit Prognos waren diese Fördermaßnahmen erfolgreich: sie stärkten Deutschlands internationale Stellung und förderten
31 Kulke (1998), S. 183
32 Kulke (1998), S. 185
33 vgl. BMBF (2004); Jonas/Berner (2004), S. 2
7
zwischenbetriebliche Kooperationen. 34 Bemerkenswert ist zudem die hohe Beteiligung von KMUs, die mit der Mikrosystemtechnik „einen zukunftsweisenden Technologiebereich“ erschlossen haben. 35 Prognos und BMBF kommen jedoch nach wie vor auch zu dem Schluss, dass noch zahlreiche Innovations- und Diffusionshemmnisse existieren, die ein staatliches Handeln erforderlich machen. 36
1.3. Stand der Forschung
Die Popularität des Clusterkonzepts zeigt sich in der immer größer werdenden Menge an Beiträgen und Fallstudien zu Regionen fast jeden Landes. Porters Rahmenkonzept wurde in vielfältiger Art von Autoren adaptiert und weiterentwikkelt, unter anderem von Enright, Feser und Maskell. 37 Dem entgegen steht jedoch auch konzeptionelle und methodische Kritik, wie sie in besonders deutlicher Form durch Martin/Sunley formuliert wird. 38
Obwohl Clusterbildung nicht auf High-Tech-Industrien beschränkt ist, wird diesen Branchen aufgrund des Forschungs- und Entwicklungsbedarfs und im Vergleich höheren Innovationsdrucks größere Aufmerksamkeit gewidmet. 39 Im Gegensatz zu den vielen Fallstudien in den Bereichen der Halbleitertechnologie und Mikroelektronik, sind in der noch jungen Mikrosystemtechnikbranche bislang nur wenige Untersuchungen vorgenommen worden, welche die räumlichen Strukturen und die dahinter liegenden Motive einer solchen Querschnittstechnologie analysieren. Her-vorzuheben sind im deutschsprachigen Raum hierbei die Studien von Jonas et al und Rehfeld, die sich zudem auf den Strukturwandel in NRW beziehen. 40 Jedoch wird im Zusammenhang mit der Nanotechnologie, die ebenfalls einen ausgeprägten Querschnittsbezug aufweist, dieser Branche verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet. 41 Die starke Verschränkung verschiedener Branchen und Wissenschaften in diesen Querschnittstechnologien, sowie ein unschätzbar breites Anwendungsfeld beider Technologien, lassen Cluster als plausible räumliche Organisationsform erscheinen, um diesen Anforderungen und Möglichkeiten gerecht zu werden.
34 Prognos (2002), S. 1ff
35 Prognos (2002), S. 3 u. 7; vgl. BMBF (2004), S. 17f
36 BMBF (2004), S. 22ff; Prognos (2002), S. 9f
37 vgl. Enright (2001); Feser (1998); Feser/Bergman (2000); Maskell (2001)
38 vgl. Martin/Sunley (2003)
39 vgl. Swann et al (1998)
40 vgl. Jonas/Berner (2004); Jonas et al (2002); Rehfeld/Wompel (1999); Westrick/Rehfeld (2003)
41 vgl. BMBF (2004); www.nexus-mems.com
8
1.4. Aufbau der Arbeit
Kapitel 2 dieser Arbeit soll zunächst die räumlichen Verteilungsmuster der Wirtschaft im Rahmen aktuell diskutierter Ansätze der regionalen Entwicklungstheorie erklären. Hierzu werden vorgreifend, zusätzlich zum Clusterkonzept, zwei weitere Ansätze vorgestellt und auf ihre Verwendbarkeit in Initiativen zur Förderung der regionalen Wirtschaft und Beschäftigung überprüft.
In Kapitel 3 wird dann zunächst die Entwicklung und Intention des Konzepts nationaler Wettbewerbsvorteile nach Michael E. Porter thematisiert. Anschließend werden die konstituierenden Komponenten und die Rolle der Akteure näher erläutert, sowie der Prozess der Clusterbildung und -entwicklung beschrieben, um im weiteren Verlauf der Arbeit die Ergebnisse der eigenen empirischen Untersuchung diesen gegenüberzustellen.
Darauf folgend gibt Kapitel 4 einen Überblick über die Kritikpunkte des Konzepts und über mögliche Risiken bei der Umsetzung.
Den empirischen Teil einleitend, beschreibt Kapitel 5 zunächst die für den weiteren Verlauf der Arbeit wichtige Entwicklung Dortmunds. Weiter wird die Entstehung und Tätigkeit des „dortmund-project“ beschrieben und der MST-Cluster vorgestellt.
Kapitel 6 erläutert die methodische Vorgehensweise in dieser Arbeit und begründet die Wahl des Forschungsdesigns. In Kapitel 7 werden dann die erhobenen Daten ausgewertet und in Bezug zu den zentralen Fragestellungen diskutiert. Abschließend fasst Kapitel 8 die Hypothesen und die Ergebnisse aus Theorie und Empirie zusammen.
9
2. Die räumlichen Verteilungsmuster der Wirtschaft
2.1. Zum Begriff der Standortfaktoren
Standortentscheidungen gehören trotz Globalisierung, die viele Faktoren ubiquitär erscheinen lässt, zu den konstitutiven Entscheidungen in einem Unternehmen. 42 Standorte werden je nach unternehmerischer Ausrichtung auf verschiedenen Maßstabsebenen gesucht, wobei die Gewinnmaximierung, als langfristiges Ziel einer jeden Unternehmung von zentraler Bedeutung ist. 43 Alfred Weber definierte 1909 in seinem Werk „Über den Standort von Industrien“, dass ein Standortfaktor
„… ein seiner Art nach scharf abgegrenzter Vorteil [ist], der für eine wirtschaftliche Tätigkeit dann eintritt, wenn sie sich an einem bestimmten Ort oder generell an Plätzen bestimmter Art vollzieht.“ 44
Gemäß diesen Bedingungen - Gewinnmaximierung und lokaler Vorteil - müssten sich Unternehmen dementsprechend an Orten niederlassen, an denen die für sie wichtigsten Standortfaktoren am besten bewertet werden. Eine eindeutige Entscheidung wird jedoch dahingehend erschwert, dass die Vielzahl zu berücksichtigender Faktoren, sowie deren Veränderlichkeit kaum in ein Bewertungssystem eingebracht werden können, sodass Standortentscheidungen letztendlich nie als langfristig richtig und nachhaltig gewertet werden können. 45 Zudem sind Unternehmen durch neue Transport-, Informations- und Kommunikationstechnologien, Abnahme des Materialgewichts, Miniaturisierung, sowie eine Reihe anderer Entwicklungen zunehmend von bestimmten Standorten unabhängig geworden. Diese, auch als ‚footloose-Unternehmen’ bezeichnet, sind bei sinkenden Transferkosten dazu in der Lage, die Wertschöpfungskette aufzubrechen und so zu organisieren, dass regionale Vorteile bestmöglich genutzt werden. 46
Die im Folgenden von mir untersuchten Unternehmen der MST-Branche sind nicht an das Vorkommen natürlicher Ressourcen gebunden, sodass die in klassischen Theorien im Vordergrund stehenden Kosten der Materialbeschaffung und Faktorkosten eine eher untergeordnete Rolle spielen. Die Kosten der Produktion im
42 Kulke (1998), S. 95
43 Schätzl (2001), S. 30 ff.
44 Reichart (1999), S. 43
45 Voppel (1999), S. 41; vgl. Bathelt/Glückler (2002), S. 133
46 Kulke (1998), S. 96; vgl. Bathelt/Glückler (2002), S. 135f
10
engeren und weiteren Sinne, spielen insofern eine Rolle, als dass die Unternehmen einer hochqualitativen, technologischen Infrastruktur bedürfen, sowie des Zugangs zu spezialisiertem Fachwissen. Dies wird dadurch noch verstärkt, dass im Unterschied zum Informationstransfer der Wissenstransfer entfernungsabhängig bleibt. 47 Demnach ist entscheidender, wo und wie effektiv die Faktoren eingesetzt werden, als die Verfügbarkeit der Faktoren selbst. 48 Allgemein wählen höherwertige Dienstleistungsunternehmen - zu denen die MST-Branche zählt (s. Kap. 1.2) - Städte oder Zentren als Standorte, die eine gute großräumige Verkehrs- und Kommunikationsanbindung aufweisen, in denen qualifiziertes Personal verfügbar ist und in denen sich Entscheidungsebenen der Nachfrager konzentrieren. 49 Neben diesen „harten“ Standortfaktoren haben auch zunehmend „weiche“ Faktoren Einfluss. Zu diesen zählen das Wirtschaftsklima, das Image und die Lebensqualität des Umfeldes. 50 Diese Faktoren wirken sich wiederum auf das Image des Unternehmens aus, sowie auf die Verfügbarkeit dringend benötigten hochqualifizierten Personals. Die lokale Standortentscheidung, innerhalb einer Stadtregion, wird von der Verfügbarkeit von Flächen und deren Mietpreis, sowie etwaiger Imagefaktoren beeinflusst. 51 Aufgrund kürzerer Produktlebenszyklen und technologisch höherwertiger Produkte steigt der Bedarf an hochwertigen, bzw. hochrangigen Unternehmensdienstleistungen, zur Innovation von Produkten und Verfahren. Sie gelten als entscheidende Voraussetzung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Regionen und Staaten 52 und spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung „innovativer Netzwerke“, von Industriedistrikten oder leistungsfähiger Produktionscluster. 53
47 Kulke (1998), S. 96f; Tichy (1998), S. 227
48 vgl. Porter (1990), S. 33ff
49 Bathelt/Glückler (2002), S. 54 u. 146; Kulke (1998), S. 189ff
50 Bathelt/Glückler (2002), S. 145f
51 Kulke (1998), S. 189
52 vgl. Porter (1990); vgl. Sassen (2001); Camagni (2001)
53 Kulke (1998), S. 183
11
2.2. Abgrenzung der neuen Konzepte der Wirtschaftsgeographie
Mitte der 1980er Jahre kam es zu einem Umbruch der bis dahin überschaubaren Zahl an Theorien und Konzepten regionalwirtschaftlicher Entwicklung. Waren diese bis dato im Wesentlichen dominiert durch neoklassische und polarisations-theoretische Ansätze, entwickelte sich eine Vielzahl neuer oder modifizierter Konzepte. Anlass dieser Entwicklung waren grundsätzliche Veränderungen in einzel- und gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, hauptsächlich der Wandel von fordistischer zu postfordistischer Produktionsweise. 54
2.2.1. Vom Fordismus zum Postfordismus
Vom Fordismus zum Postfordismus beschreibt den Anfang der 1970er Jahre begonnenen Strukturwandel der Wirtschaft von der ersten zur zweiten industriellen Arbeitsteilung. 55
Die erste industrielle Arbeitsteilung vollzog sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und beschreibt die Entwicklung hin zu industrieller Massenfertigung, wie sie zum Beispiel von Henry Ford - deshalb auch Fordismus - in der Automobilindustrie entwickelt wurde. 56 Charakteristisch für diese Wirtschaftsform, ist die Fertigung gleichartiger Produkte, in großen Mengen durch zunehmende Mechanisierung des Produktionsprozesses; beispielsweise der Fließbandtechnik in der Automobilindustrie. Dadurch können die Fixkosten der Produktion einer größeren Stückzahl an Produkten angerechnet werden, was zu niedrigeren Stückkosten führt und allgemein auch als „economies of scale“ bezeichnet wird. 57 Gleichzeitig werden die Arbeitsschritte zunehmend aufgeteilt (Taylorismus), wodurch es zu einer Spezialisierung der Tätigkeiten in gleichförmigen Arbeitsschritten kommt mit geringer individueller Verantwortlichkeit. 58 Dies erlaubt den Einsatz gering qualifizierten Personals, was ebenfalls zur Kostenreduktion beiträgt. Weitere Merkmale fordistischer Produktion sind große Lagerbestände, eine stark vertikal gegliederte Organisationsstruktur, sowie Massenkonsum und -nachfrage. 59
54 vgl. Sternberg (1995), S. 161
55 Piore (1992), S. 430 u. 437ff; Schätzl (2003), S. 224
56 vgl. Bathelt/Glückler (2002), S. 55f; Schätzl (2003), S. 224; Sternberg (1995), S. 161
57 vgl. Bathelt/Glückler (2002), S. 128
58 Bathelt/Glückler (2002), S. 55; Kulke (1998), S. 115f; Maier/Beck (2000), S. 12, Sternberg (1995), S. 162
59 vgl. Schätzl (2003), S. 224f; vgl. Kulke (1998), S. 115f; Maier/Beck (2000), S. 12ff; Sternberg (1995)
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Eine Reihe von Veränderungen führte dann zu einer Schwerpunktverlagerung fordistischer zu nachfordistischer oder postfordistischer Produktion. 60 Auslöser waren weltweite Strukturprobleme in den 1970er Jahren, wie Rohstoffverknappung und damit zusammenhängende Energieverteuerung (Ölpreisschock). Eine zunehmend individualisierte Nachfrage, sich schnell wandelnde Kundenwünsche und stärkere Konsumentensouveränität, sowie steigende Produktvielfalt und immer kürzere Produktlebenszyklen werden ebenfalls als Argumente dieser Verlagerung angeführt. 61
Die fordistische Massenproduktion wird dabei durch flexible Produktion teilweise ersetzt. 62 Diese kennzeichnet die Fertigung eher innovativer, technologieintensiver Produkte in kleineren Serien. Hochflexible Produktionstechnologien, wie zum Beispiel CNC-Maschinen, 63 erlauben eine schnellere Anpassung und Umstellung an sich wandelnde Kundenwünsche und Marktbedingungen. 64 „Economies of scope“ lösen somit „economies of scale“ als Kostenvorteile der Produktion ab. 65 Als weitere Charakteristika sind geringe Fertigungstiefen und kleine Lagerbestände, sowie schlanke Hierarchien mittels dezentraler Koordination und Kontrolle zu nennen. Die zuvor aufgeteilten Arbeitsschritte werden zum Teil wieder zusammengeführt (Toyotismus) 66 , was zu höherer individueller Verantwortung der Beschäftigten führt und den Bedarf an qualifiziertem Personal erhöht. 67 Als entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit werden unternehmensbezogene Dienstleistungen gesehen, die sowohl betriebsintern als auch extern angesiedelt sein können. 68
Beiden Produktionsformen ist gemein, dass sie zu regionalen Konzentrationsprozessen führen. Während dies im Fordismus jedoch zu großen, vertikal integrierten Fabrikkomplexen führte, ist der Postfordismus eher durch die räumliche Ballung kleinerer oder mittlerer, vertikal desintegrierter Unternehmen gekennzeichnet. Als
60 Schätzl (2003), S. 225, vgl. Bathelt/Glückler (2002), S. 257
61 Maier/Beck (2000), S. 14f; Kulke (1998), S. 115f; Schätzl (2003), S. 225; Sternberg (1995), S. 161f; vgl.
Piore (1992), S. 435
62 Ein vollständiger Wechsel wird allgemein bezweifelt, da noch immer Branchen mit fordistischer Produk-
tionsweise wettbewerbsfähig sind und die flexible Automatisierung ihnen zunehmend auch Kleinserienfer-
tigung erlaubt. [vgl. Porter (1990), S. 33]
63 So genannte „Computer Numeric Control“-Maschinen, die digital neu programmiert werden können.
64 Schamp (2000), S. 75; Bathelt/Glückler (2002), S. 129
65 vgl. Bathelt/Glückler (2002), S. 128f u. S. 258f; Schätzl (2003), S. 225
66 Arbeitsorganisation von Taiichi Ohno und Eiji Toyoda, die bei Toyota umgesetzt wurde. [vgl. Pauli
(1996)]
67 vgl. Kulke (1998), S. 115; Bathelt/Glückler (2002), S. 258, Schätzl (2003), S. 225; Maier/Beck (2000), S.
13f
68 Schätzl (2003), S. 225; Kulke (1998), S. 116
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Gründe für die Ballung auch postfordistischer Produktionsweise sind „economies of scope“ und die damit zusammenhängende Bildung von Produktionsnetzwerken zu nennen. 69
2.2.2. Konzept der „innovativen Milieus“
Das Konzept der innovativen Milieus entstand Mitte der 1980er Jahre und wurde maßgeblich von der „Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs“ (GREMI) geprägt. Ausgangspunkt waren die unterschiedlichen Innovationsfähigkeiten und -tätigkeiten in verschiedenen Regionen, als Grundlage für die Entstehung innovativer Unternehmen und das wirtschaftliche Wachstum dieser Regionen. 70 Eine genaue Begriffsbestimmung oder -abgrenzung, sowie die empirische Überprüfbarkeit werfen bis heute jedoch noch Probleme auf. Grundlegend werden innovative, oder kreative, Milieus beschrieben als:
„… the set, or the complex network of mainly informal social relationships on a limited geographical area, often determining a specific external „image“ and a specific internal „representation“ and sense of belonging, which enhance the local innovative capability through synergetic and collective learning processes.“ 71 Charakteristisch ist demnach zunächst die räumlich abgegrenzte, „lokale Vernetzung“ vieler regionaler Akteure in formeller und informeller Art. Neben dieser begrenzten, lokalen Vernetzung sind jedoch auch „nicht-territoriale“ Netzwerke und Kooperationen von Bedeutung, da durch externe Anstöße, interne Dynamik entwickelt werden kann. Die Vernetzung unterschiedlicher Akteure fördert wiederum Kreativität und dadurch die Innovationsfähigkeit. 72 Räumliche Nähe, die damit zusammenhängende hohe Kommunikationsdichte, sowie Homogenität von Handlungsweisen, Problemwahrnehmung und technischer Kultur fördern das Entstehen einer gefühlsmäßig einheitlichen Selbstwahrnehmung - eines Gemeinschaftsgefühls - und stärken das Vertrauen 73 der Akteure zueinander. 74 Dadurch werden Informationen schneller und einfacher ausge-
69 Bathelt/Glückler (2002),S. 129; Maier/Beck (2000), S. 15; Sternberg (1995), S. 162ff
70 Camagni (1991), S. 1; Schamp (2000), S. 81; vgl. Fromhold-Eisebith (1995), S. 30f
71 Camagni (1991), S. 3
72 Schamp (2000), S. 81f; Camagni (1991), S. 5f; Crevoisier/Maillat (1991), S. 13f u. 19f
73 Es entsteht jedoch kein wahres Vertrauen, vielmehr eine Art Substitut, das aus dem reziproken Verhältnis
der Akteure zueinander entsteht, [vgl. Granovetter (1985), S. 489].
74 Fromhold-Eisebith (1995), S. 33; Schamp (2000), S. 82f; Crevoisier/Maillat (1991), S. 19
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tauscht und verbreitet, Ressourcen besser genutzt, Unsicherheiten und somit Kosten reduziert (vgl. Transaktionskostentheorie). 75 Letztlich müssen diese Eigenschaften jedoch nicht unbedingt zu Innovation und zur Entstehung innovativer Milieus führen. 76 Erst eine stabile, teilweise traditionell bedingte Lernfähigkeit über längere Zeiträume führt zu innovativen Milieus, sodass nicht die Voraussetzungen sondern die eintretenden regionalen Auswirkungen als konstitutiv erachtet werden. Des Weiteren können „Verfilzung“ oder „Klüngel“ das innovative Potential solcher Milieus behindern. 77
Als ebenso wichtig gilt, dass es den innovativen Milieus an Intentionalität fehlt, sprich geplanter Interaktion und Innovation in Form organisierter Strukturen. Vielmehr führen die informellen Kontakte zu nicht planbaren Zeitpunkten zur Initialzündung und Durchführung von Innovationen. 78
2.2.3. Konzept der Industriedistrikte
Das Konzept der Industriedistrikte geht zurück auf den britischen Ökonom Alfred Marshall, der bereits 1890 in seinem Hauptwerk „Principles of Economics“ die räumliche Konzentration industrieller Produktion beschrieb und diese später als „industrial districts“ bezeichnete. 79
Seine Untersuchungen konzentrierten sich damals auf die Messerwarenindustrie in Sheffield und Solingen, sowie die Wollwarenherstellung in Lancashire. 80 Diese waren geprägt durch die Spezialisierung der jeweiligen Unternehmen auf einzelne Stufen des Verarbeitungsprozesses, wodurch es zu intensiven Austauschprozessen zwischen Unternehmen verschiedener Produktionsstufen kam. Diese regionalen Produktionsnetzwerke, mit ihrer unternehmensübergreifenden Arbeitsteilung, erwiesen sich als konkurrenzfähig gegenüber den großen Massenproduktionen und schienen auch Krisen besser zu bewältigen. 81 Neben einer Ansammlung spezialisierter Zulieferer war das hervorstehende Merkmal des Industriedistrikts für
75 Camagni (1991), S. 2 u. 4f; vgl. Fromhold-Eisebith (1995), S. 40f; Fromhold-Eisebith (1999), S. 170
76 Ähnlich wie für Porter Potentiale innerhalb von Clustern nicht zwangsläufig zum Wettbewerbsvorteil füh-
ren [vgl. Porter (2000), S. 264]
77 Fromhold-Eisebith (1995), S. 32; Schamp (2000), S. 84; Camagni (1991), S. 3;Crevoisier/Maillat (1991),
S.18
78 Fromhold-Eisebith (1995), S. 36; Fromhold-Eisebith (1999), S. 170 u. 172
79 Schätzl (2003), S. 232; Maier/Beck (2000), S. 212; Sternberg (1995), S. 162. Für eine detaillierte Übersicht
s. McDonald/Belussi (2002).
80 Maier/Beck (2000), S. 212; Bathelt/Glückler (2002), S. 187
81 Becattini (1990), S. 37; Alberti, S. 4; Bathelt/Glückler (2002), S. 182
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Marshall die Qualität des lokalen Arbeitsmarktes und der Pool spezialisierter Arbeitskräfte. 82 Diese galten als hochflexibel und gleichzeitig auf die Region konzentriert, sodass Wissenstransfer und Informationsverbreitung als externe Effekte ein unternehmerisches Klima begünstigten:
„The mysteries of the trade become no mysteries; but are as it were in the air […]. Good work is rightly appreciated, inventions and improvements in machinery, in process and the general organization of the business have their merits promptly discussed: if one man starts a new idea, it is taken up by others and combined with suggestions of their own; and thus it becomes the source of further ideas.” 83 Parallel zur Diskussion des „innovativen Milieus“ wurde in den 1980er Jahren Marshalls Idee durch Piore/Sabel 84 adaptiert und weiterentwickelt als „Konzept der flexiblen Produktion und Spezialisierung“ und erlangte vor allem in Zusammenhang mit Untersuchungen des so genannten „Dritten Italiens“ 85 unter anderen durch Becattini, Brusco oder Pyke/Sengenberger weltweite Beachtung. 86 Seit etwa Mitte der 1970er Jahre haben sich dort Regionen mit vorwiegend kleinen und mittleren Unternehmen entwickelt, die Netzwerke bilden zur Herstellung eines Produktes, überwiegend handwerklicher Art, für einen gemeinsamen Endmarkt. 87
„The districts are geographically defined productive systems, characterised by a large number of firms that are involved at various stages, and in various ways, in the production of a homogeneous product.“ 88
Durch die Nähe verwandter Produktionen zueinander können Transportkosten für Vor- und Nebenprodukte 89 gesenkt, sowie spezifische Infrastrukturen und Arbeitsmärkte geschaffen werden.
Entscheidend für diese Entwicklung ist dabei der sozio-ökonomische Kontext: „The industrial district is a socio-territorial entity which is characterised by the active presence of both a community of people and a population of firms in one naturally and historically bounded area.“ 90
82 Alberti, S. 2; Becattini (1990), S. 41; Maier/Beck (2000), S. 205; Martin/Sunley (2003), S. 7
83 Marshall (1920), S. 271; Feser (1998), S. 32; Tichy (1998), S. 226
84 vgl. Piore/Sabel (1985); Piore (1992)
85 Regionen im Nordosten und Zentrum Italiens, im Gegensatz zum industrialisierten Nordwesten (erstes Ita-
lien) und ländlich geprägten Mezzogiorno im Süden (zweites Italien). [vgl. Triglia (1992), S. 36;
Bathelt/Glückler (2002), S. 183
86 vgl. Schamp (2000), S. 71f; Sternberg (1995), S. 162; Triglia (1992), S. 37; Pyke/Sengenberger (1990)
87 Triglia (1992), S. 36; Schamp (2000), S. 71, Sternberg (1995), S. 164; Maier/Beck (2000), S. 213
88 Pyke/Sengenberger (1990), S. 16f
89 Marshall bezeichnete diese auch als „auxiliary industries“ gegenüber den „main industries“. [vgl. Becattini
(1990), S. 40]
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Diese regionale Verwurzelung der Akteure begünstigt die Entstehung von Netzwerken persönlicher Kontakte und industrieller Verflechtungen, was wiederum zu externen “economies of scope” und zu verringerten externen Transaktionskosten führt. 91 Durch ein gemeinsames Wertesystem und häufige Interaktionen entstehen langfristiges Vertrauen (basierend auf Reziprozität) 92 , sowie Synergie- und kollektive Lerneffekte. Diese werden durch Institutionen, wie die Familie, die Kirche, Parteien oder Gewerkschaften initiiert und gefördert. 93 Ein wesentliches Merkmal ist somit nach Pyke der Umstand, dass Ökonomie und das soziale Umfeld als Ganzes betrachtet werden müssen. 94
Somit lassen sich zusammenfassend folgende konstitutive Charakteristika herausstellen: 95
- Eine Vielzahl kleiner und mittlerer, vertikal desintegrierte Unternehmen der gleichen oder eng verflochtener Branchen bilden lokal konzentrierte Produktionsnetzwerke mit ausgeprägter Arbeitsteilung. Jedes Unternehmen ist auf einen oder nur wenige Schritte des Produktionsprozesses spezialisiert, wobei das Netzwerk die individuell begrenzte Kompetenz durch Kooperationen über größere Teile der Wertschöpfungskette ausdehnt. 96
- Die Produktion innerhalb des Distrikts zeichnet sich durch Flexibilität und Spezialisierung aus, welche mittels modernster Produktionsmethoden und hoher zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung erreicht wird. Dies ist umso bedeutender, da die Unternehmen sich auf wenige, hochwertige Endprodukte spezialisieren, deren Absatzmärkte nicht lokal sind und die sich ständig wandelnden Nachfragebedingungen anpassen müssen. „Economies of scope“ nehmen einen höheren Stellenwert als „economies of scale“ ein.
- Konkurrenz und Kooperation stehen im Industriedistrikt in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Konkurrenz tritt dabei überwiegend auf der horizontalen Ebene auf - zwischen Unternehmen der gleichen Wertschöp-
90 Becattini (1990),S. 38
91 Nach Coase und Williamsons Transaktionskosten- und Organisationstheorie sind dies vor allem Kosten der
Anbahnung, Vereinbarung, Kontrolle, Durchsetzung und Anpassung. [vgl. Maskell (2001), S. 925;
Maskell/Lorenzen (2003), S. 992f]
92 vgl. Granovetter (1985), S 489
93 Becattini (1990), S. 39
94 Maier/Beck (2000), S. 213
95 vgl. Schamp (2000), S. 73ff; Becattini (1990); Brusco (1990); Triglia (1992); Sternberg (1995), S. 164f;
Maier/Beck (2000), S. 208-214; Schätzl (2003), S. 232f
96 Piore (1992), S. 437 u. 441; Bathelt/Glückler (2002), S. 188
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fungsstufe - während sich Kooperationen meist auf vertikaler Ebene bilden. Dabei verfolgen die Akteure eine eher kommunikativ-kooperative Strategie, die nach Albert Hirschmans „Exit-Voice-Ansatz“ auch als ‚voice’ bezeichnet wird. 97
- Die Produktionsnetzwerke werden unterstützt durch die Einbettung in ein gemeinsames, kulturelles Milieu. Formelle und informelle Kontakte aller regionalen Akteure führen zu Senkung der Transaktionskosten durch Vertrauen und externe Effekte. Vertrauen wird dabei maßgeblich von der Häufigkeit der Interaktionen, sowie dem gemeinsamen Wertesystem bedingt. Darüber hinaus profitieren die Unternehmen von einem spezialisierten regionalen Arbeitsmarkt und regionalen Institutionen, die ergänzende Servicedienstleistungen erbringen. Dazu zählen zum Beispiel so genannte „local banks“, die eng mit den Unternehmen verknüpft sind und deshalb über bessere Informationen bei der Kreditvergabe verfügen. 98 Dieses dichte Netz sozio-institutioneller Einrichtungen führt nach Amin/Thrift zu wachstumsfördernder „institutional thickness“. 99
Neue Adaptionen des Konzepts, zum Beispiel von Markusen oder Brusco, berücksichtigen unter anderem staatliche Einflussnahme, die Präsenz von Großunternehmen oder die Weiterentwicklung bestehender Distrikte. 100 Die Möglichkeit, das Konzept der Industriedistrikte auf andere Regionen in Form einer „Blaupause“ zu übertragen, bleibt jedoch anzuzweifeln, da der sozio-ökonomische Rahmen nicht einfach zu implementieren ist, sondern einer langzeitlichen Entwicklung bedarf. 101 Auch ist diese ökonomische Organisationsform nicht immun gegen Krisen, Lock-in 102 oder negative externe Einflüsse und interne Entwicklun-gen. Unter letztere fallen beispielsweise die Orientierung lokaler Akteure zu exter-nen Lieferanten und Unternehmen aufgrund vordergründiger Kostenvorteile oder mögliche Fusion vieler kleinerer Unternehmen zu wenigen Großen. 103
97 Hirschman (1970)
98 vgl. Becattini (1990), S. 47; Brusco (1990), S. 15 u. 17; Brusco (1992)
99 Bathelt/Glückler (2002), S. 188; vgl. Lundequist (2002), S. 29
100 vgl. Markusen (1996); Brusco (1990)
101 vgl. Triglia (1992), S. 46
102 Zum Begriff des Lock-in s. Grabher (1993), S. 260 - 264
103 vgl. Becattini (1990), S. 43ff; vgl. Bathelt/Glückler (2002), S. 188f
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2.2.4. Das Konzept der Produktionscluster
Der Begriff der Cluster wurde geprägt von Michael E. Porter und ist wie folgt definiert:
„Clusters are geographic concentrations of interconnected companies, specialized suppliers, and service providers; firms in related industries; and associated institutions (for example, universities, standards agencies, and trade associations) in particular fields that compete but also cooperate.” 104
Da im folgenden Kapitel 3 eingehend auf das Konzept Porters eingegangen wird, soll an dieser Stelle nur ein kurzer Überblick gegeben werden. Porter postuliert in seinem Konzept die Rückbesinnung der Unternehmen zur Region, da eben dort jene Vorteile entstünden, die langfristig den Wettbewerb sicherten. Wie bereits durch die Definition ersichtlich, beinhalten Cluster dabei nicht nur Unternehmen einer spezifischen Branche, sondern auch vor- und nachgelagerte, sowie ver-wandte und komplementäre Branchen. Zusammen bilden alle Unternehmen im Cluster „mehr als die Summe ihrer Teile“ und steigern in einem Prozess gegenseitiger Selbstverstärkung ihre Wettbewerbsfähigkeit durch Innovation und Produktivitätssteigerung.
Horizontale und vertikale Verknüpfungen charakterisieren demnach ebenfalls den Produktionscluster als eine Zwischenform im Kontinuum zwischen Markt und Hierarchie, ähnlich wie „innovative Milieus“ oder Industriedistrikte.
2.3. Das Clusterkonzept als Forschungsgegenstand
Bevor dargelegt werden soll, warum der Cluster als Forschungsgegenstand dieser Arbeit gewählt wurde, soll kurz auf die Gleichartigkeit der Konzepte eingegangen werden. Bei Betrachtung der charakteristischen Grundlagen ist auffällig, dass alle drei Konzepte großen Wert auf die Region und der spezifischen, in ihr verhafteten Eigenarten legen. 105 Ebenso spielen individuelle Einstellungen, sozio-kulturelle Aspekte oder politische Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung dieser neuen Formen der Regionalökonomie. Demnach ist es nicht unproblematisch zu klären, ob die drei genannten Konzepte abgesehen von einer
104 Porter (2000), S. 253; Porter (2001), S. 144; vgl. Porter (1998), S. 78; Porter (2003), S. 562
105 Martin/Sunley (2003), S. 7 u. 13
19
semantischen Variation sich auch funktional unterscheiden. 106 Der Cluster ist, wie es scheint allgemeiner gehalten. Seine Abgrenzung kann sowohl mikro- als auch makroskalisch sein. Zwischen Clustern können verschiedene Arten der Vernetzung bestehen oder gar keine, und die Entstehung ist nicht zwangsläufig auf eine historische Entwicklung angewiesen. Die Industriedistrikte dagegen - und mehr noch die „innovativen Milieus“ - sind spezifischer charakterisiert. Auf den Punkt der Gleichartigkeit wird bei der kritischen Bewertung des Clusterkonzepts in Kapitel 4 nochmals eingegangen.
Die Auswahl des Clusterkonzepts als Organisationsform raumwirtschaftlichen Handelns in dieser Arbeit ist durch zweierlei Faktoren bedingt. Zunächst wird dem Clusterkonzept die größere Popularität zugeschrieben. Dies wird allgemein mit dem eingänglichen und vor allem für Akteure der Wirtschaft einfach nachvollziehbaren Charakter begründet (s. Kap. 4). 107 Dennoch sollen die drei vorgestellten theoretischen Konzepte kurz gegeneinander abgewogen und hinsichtlich ihrer planbaren Umsetzbarkeit und als Erklärungsmöglichkeiten für die räumliche Organisationsstruktur der MST-Branche überprüft werden. Das Konzept der Industriedistrikte wurde anhand eines sehr speziellen regionalen Phänomens entwickelt, dem „Dritten Italien“. Diese Art der vertikalen Vernetzung kleiner und mittlerer Unternehmen zu Produktionsnetzwerken ist im Hinblick auf die Struktur der MST-Branche grundsätzlich interessant. Allerdings handelt es sich überwiegend um handwerkliche Betriebe, die so genannte „consumer products“ herstellen. Die MST-Branche wird jedoch zu den High-Tech-Industrien gezählt, deren Ingenieurdienstleistungen und Produkte überwiegend in Endprodukten anderer Hersteller Eingang finden. Im Gegensatz zu den Industriedistrikten, beziehen sich innovative Milieus überwiegend auf horizontale Verknüpfungen der Akteure. Zwar könnte auch dies für MST-Unternehmen durchaus interessant sein, allerdings sind die dafür erforderlichen sozialen Strukturen innerhalb der noch jungen Branche nicht vorhanden.
Hinsichtlich der Umsetzung dieser Konzepte zur Förderung regionalwirtschaftlichen Wachstums lässt sich sagen, dass beide aufgrund ihrer spezifischen Charakteristika ungeeignet sind. Ausnahmen wären Regionen, die bereits Züge der je- 106 Indiesem Zusammenhang sei auch auf die unterschiedliche Verwendung der Begrifflichkeiten in der Lite-
ratur verwiesen. [vgl. Keeble/Wilkinson (2000)]
107 Porter (1990), Klappentext, S. 41 u. 50f; vgl. Martin/Sunley (2003), S. 9
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Arbeit zitieren:
Christopher Alting, 2006, Der Cluster als Garant regionalwirtschaftlichen Erfolgs?, München, GRIN Verlag GmbH
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