Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.
Philologische, Philosophische und Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaftliche Fakultät
Magisterarbeit
zur Erlangung der Würde
des Magister Artium
Zwischen Widerstand und Kommerz
Identitätskonstruktionen im amerikanischen und im deutschen HipHop
Johannes Doll
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: „HipHop – and it don’t stop“ ... 3
2. Über Castells’ Theorie der drei Identitätsformen ... 5
2.1 Soziale Bewegungen ... 7
2.2 Die Konstruktion von Identität ... 7
2.3 Die drei Typen der Identitätsbildung ... 9
2.4 Identität in der Netzwerkgesellschaft ... 10
2.5 Einordnung in die zeitgenössische Identitätsforschung ... 12
2.6 Anmerkungen zum methodischen Vorgehen ... 15
2.7 Anmerkungen zur Auswahl und zur Notation der Texte ... 18
3. HipHop als Konstruktion von Identität – Definition, Paradigmen und Themen ... 20
3.1 HipHop als Form der Konstruktion von Identität ... 20
3.2 „Keep it real“ – Authentizität und Wettbewerb in der HipHop-Kultur ... 23
3.3 Themen der Rap-Musik ... 25
3.4 Definition von HipHop und Rap ... 26
4. US-amerikanischer HipHop ... 28
4.1 „Ich weiß noch genau, wie das alles begann…“ – Die Geburt der HipHop-Kultur ... 28
4.1.1 Die Bürgerrechtsbewegung und ihre Folgen ... 29
4.1.2 Das Ghetto ... 30
4.2 Kurze Geschichte des amerikanischen HipHop ... 32
4.2.1 Die Old School ... 32
4.2.1.1 Die erste Phase der Old School ... 32
4.2.1.2 Die Zulu Nation ... 34
4.2.1.3 Die zweite Phase der Old School ... 35
4.2.1.4 Von Old School zu New School ... 37
4.2.2 Die New School ... 38
4.2.2.1 Eastcoast ... 38
4.2.2.2 Westcoast ... 39
4.2.3 Die neunziger Jahre ... 41
4.2.4 Das neue Jahrtausend ... 43
4.3 Analysen amerikanischer Rap-Lieder ... 44
4.3.1 Grandmaster Flash and The Furious Five – „The Message” (1982) ... 44
4.3.2 Public Enemy – „Fight the power” (1989) ... 50
4.3.3 Tupac – „Changes“ (1996) ... 56
4.3.4 Immortal Technique – „Harlem Streets“ (2003) ... 63
4.4 Vergleich der Identitätskonstruktionen im amerikanischen Rap ... 66
5. HipHop in Deutschland ... 68
5.1 Kulturimport aus den USA ... 68
5.2 Kurze Geschichte des deutschen HipHop ... 69
5.2.1 Die Alte Schule der deutschen HipHop-Kultur ... 69
5.2.2 Deutscher HipHop wird kommerziell erfolgreich ... 71
5.3 Analysen deutscher Rap-Lieder ... 73
5.3.1 Advanced Chemistry – „Fremd im eigenen Land“ (1992) ... 73
5.3.2 Cora E. – „Schlüsselkind“ (1996) ... 79
5.3.3 Freundeskreis – „Esperanto“ (1999) ... 84
5.3.4 Brothers Keepers – „Adriano (Letzte Warnung)” (2001) ... 88
5.3.5 Sido – „Mein Block“ (2004) ... 94
5.4 Vergleich der Identitätskonstruktionen im deutschen Rap ... 98
6. Schlussbetrachtung: kollektive Identitätskonstruktionen im amerikanischen und im deutschen HipHop ... 100
7. Literatur- und Quellenverzeichnis ... 103
1. Einleitung: „HipHop - And it don’t stop…”
Fährt man mit dem Zug in eine deutsche Großstadt wie Berlin oder Hamburg ein, so kann man nur die Augen verschließen, um der Begegnung mit der HipHop-Kultur zu entgehen: während der Einfahrt stechen dem Reisenden riesige Buchstabengebilde, „Graffiti“, ins Auge, die die Bahnlinie zu beiden Seiten säumen. Graffiti gelten als allgegenwärtige Zeichen der Großstadt und sind der wohl berüchtigtste Ausdruck einer Jugendkultur, die zwischen Kommerzialisierung und Untergrund oszilliert – der HipHop-Kultur.
Diese Kultur, vor mehr als dreißig Jahren in den vor allem von Schwarzen bewohnten Ghettos New Yorks entstanden, bedeutet mehr, als den öffentlichen Raum mit plakativen Schriftzügen oder Figuren zu bemalen. Die Graffiti-Malerei ist nur ein Teil der Bewegung namens HipHop, die sich selbst als Kultur auffasst und bezeichnet und, neben Techno, als „die Jugendbewegung der neunziger Jahre [gilt]. HipHop ist das Lebensgefühl der Großstadtkids“ (Henkel/Wolff 1996:11). Neben Graffiti formen Rap, DJing und Breakdance in der allgemein üblichen Definition von HipHop die anderen Ausdrucksformen dieser Kultur, die untermauert ist von dem oben zitierten, umfassenden Lebensgefühl, das sich nicht nur bei „Großstadtkids“ finden lässt. Die Populärkultur bietet Jugendlichen viele verschiedene Identifikationsmöglichkeiten, doch gibt es „eine kulturelle Zeitströmung, die als neuer Mainstream das Leben in den und außerhalb der Musikcharts wesentlich prägt: der HipHop als Lebensentwurf, der Rap als die dazugehörige Artikulationsform“ (Wagner 1999:231).
Seit der Entstehung des HipHop in den 70er Jahren in der South Bronx, einem Stadtteil New Yorks, findet man diese Kultur nach über dreißigjähriger Geschichte nahezu global verbreitet wieder. Kaum ein anderes musikalisches Genre hat eine solche Persistenz auf dem Musikmarkt bewiesen wie Rap, die Musikform der HipHop-Kultur. Oft wurde sie für tot erklärt, doch Rap-Musik zeigte sich immer wieder fähig, neue Stile und Themen zu finden und auf diese Weise dem Puls der Zeit nahe zu bleiben.
Nicht nur auf dem Musikmarkt ist die HipHop-Kultur allgegenwärtig, sondern auch als weitverzweigte Jugendkultur mit eigenen Ritualen, Normen und Praktiken: mittlerweile finden sich weltweit verschieden ausgeprägte HipHop-Kulturen, die ihre landesspezifischen Eigenheiten ausgebildet haben, aber auch immer noch aus dem gleichen Fundus schöpfen, und zwar aus der Herkunft und Geschichte dieser Musik und Kultur aus New York. Vor allem die Popularität des Breakdance in den frühen Achtzigern, transportiert von Filmen wie „Wild Style“ oder „Beatstreet“ sowie von zahlreichen Show-Auftritten verschiedener Tänzer in Film, Fernsehen und auf öffentlichen Veranstaltungen, sorgten für ein weitreichendes Interesse Jugendlicher verschiedenster Bevölkerungsgruppen an der HipHop-Kultur. Es gibt Ausprägungen dieser Kultur im Iran, in Nigeria, in Japan, in südamerikanischen Ländern und an vielen anderen Orten der Welt, die alle den aus New York kommenden HipHop in sich aufgenommen und mit ihren eigenen kulturellen Traditionen vermengt haben. So entstand weltweit das facettenreiche Bild der verschiedenen Szenen des HipHop, die sich historisch der Herkunft dieser Kulturform aus den USA bewusst sind, aber auch auf eine eigene Weise neu definieren. In Europa haben sich in fast allen Ländern beachtliche eigenständige HipHop-Szenen entwickelt und vor allem in Frankreich, Italien und Deutschland ist die landesspezifische Weise dieser Kultur mittlerweile sehr stark ausgeprägt und hat vom kommerziellen Erfolg her auf den nationalen Musikmärkten zu den amerikanischen Produktionen aufgeschlossen. Seitdem Rap-Musik in der Populärkultur eine wichtige Strömung darstellt, bewegt sich die HipHop-Kultur in dem Spannungsfeld zwischen dem Mainstream, dessen Teil sie mittlerweile ist, und dem Untergrund, aus welchem sie stammt. Anders ausgedrückt: HipHop bewegt sich zwischen Widerstand und Kommerz.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Aspekt der Identitätskonstruktion im musikalischen Medium der HipHop-Kultur, der Rap-Musik. Sie untersucht, wie sich verschiedene Gruppen und Einzelkünstler inszenieren, auf welches kulturelle Material sie zurückgreifen und welche Inhalte und Themen behandelt werden. Ich möchte hierzu auf verschiedene Vertreter verschiedener Zeitspannen und Örtlichkeiten innerhalb der Geschichte des HipHop zurückgreifen, sie in ihren Aussagen, Meinungen und ihren Selbstbildern vergleichen und Gemeinsamkeiten und Differenzen herausarbeiten. Ich werde mich auf einige Vertreter der amerikanischen und der deutschen HipHop-Szene beschränken, sie in ihren Texten untersuchen und herausstellen, wie sie sich selbst in ihren Liedern darstellen, gegen wen sie sich wenden und wofür sie einstehen bzw. welche Forderungen, Kritiken oder Anregungen sie ihren Zuhörern geben wollen - kurz gesagt: wie und woraus wird in diesen Liedern Identität konstruiert?
Den soziologischen Zugang zu dieser Thematik möchte ich mit der Theorie von Manuel Castells nehmen, wie sie im zweiten Band seiner Trilogie „Netzwerkgesellschaft“ zu finden ist. Diese Theorie wird in ihren Grundaussagen im zweiten Kapitel vorgestellt werden, gefolgt von einigen methodischen Bemerkungen. Daran anschließend möchte ich das theoretische Modell der Identitätskonstruktion, wie Castells es entwickelt hat, in den weiteren Kapiteln verschiedenen Liedtexten von Rap-Musikern zugrundelegen und in den dort getroffenen Aussagen die Konstruktionen von Identität mit dem Modell von Castells zu fassen versuchen.
Diese Arbeit kann sich von ihrem Umfang her nur einer gezielten Auswahl von HipHop-Liedern widmen. Die mittlerweile existierende Fülle an Liedmaterial, die dieser Kultur zuzuschreiben ist, erfordert eine Auswahl einiger herausragender Gruppen bzw. Lieder. Ich möchte nicht auf die Masse der Rap-Lieder eingehen, sondern mich mit einer kleinen Auswahl begnügen, die mir in ihrer Aussagekraft und in ihrer Wichtigkeit für die gesamte Kultur relevant erscheinen. Diese Auswahl wird Gruppen aus verschiedenen Phasen der Rap-Musik behandeln, sowohl amerikanische Rapper und Rap-Gruppen (Kap. 3), als auch Künstler, die in Deutschland ansässig sind (Kap. 4), sollen untersucht und in ihrer Selbstinszenierung und ihren Identitätskonstruktionen analysiert und untereinander zu verglichen werden.
Den Schlusspunkt dieser Arbeit bildet der Vergleich der amerikanischen Rap-Texte mit den Texten der deutschen Rap-Musik: hier sollen die Identitätskonstruktionen der verschiedenen Künstler in ihren Unterschieden oder auch Ähnlichkeiten dargestellt werden. Meine Hypothese, mit der ich mich dieser Arbeit zugewendet habe, lautete, dass in den meisten Texten Identitäten konstruiert werden, die entweder Widerstand gegen die herrschenden Institutionen und Normen der Gesellschaft ausdrücken oder eine Veränderung der Gesellschaft anstreben.
[...]
Arbeit zitieren:
Johannes Doll, 2006, Zwischen HipHop und Kommerz, München, GRIN Verlag GmbH
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