Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Verbot des Sklavenhandels und die frühe Mission ins Niger -Delta. 3
3. Gründe für das verhaltene Vorstoßen der britischen Mission in das
westafrikanische Hinterland 6
3.1. Das African fever 6
3.2. Die lokalen Mächte Westafrikas 7
3.3. Probleme innerhalb der Mission 8
3.4. Politische Schwierigkeiten 9
4. Das Bild der Sexualität der Afrikanerin 10
5. Der Vorwurf des Kannibalismus 14
6. Fazit 18
6.1. Literaturverzeichnis 20
6.2. Webverzeichnis 21
6.3. Abbildungsverzeichnis 22
1
1. Einleitung
Es ist ein sehr dunkles Bild, welches sich die Briten im 19. Jahrhundert vo so unerforschten Westen Afrikas malten. Sexuelle Ausschweifung und Kannibalismus sind nur zwei Greueltaten, welche der afrikanischen Bevölkerung vorgeworfen wurden. Einwandfrei belegt ist der Verzehr von Menschenfleisch indes nur in extremen Hungersituationen - etwa in den zwanziger Jahren im stalinistischen Russland und bei einem Flugzeugabsturz 1972 in den Anden. Oder etwa bei zwanghaften Serienmördern, wie sie in die literarische Figur des Hannibal Lecter ("Das Schweigen der Lämmer") eingegangen sind. Ein gesellschaftlich akzeptierter Kannibalismus ließ sich laut Heidi Peter - Röcher nie zweifelsfrei beweisen 1 . Noch in den siebziger Jahren waren Kannibalenwitze in populären Zeitschriften allgegenwärtig. Im Zentrum der Darstellungen befand sich in der Regel ein Kochtopf, in dem ein „armer Weißer“ von meist dicklippigen Afrikanern zu einer Speise verarbeitet wurde. Afrikaner und Kannibalismus - eine anscheinend untrennbare Verbindung, die sich auch in anderen Bereichen der populären Kultur bis heute erhalten hat 2 . Das Bild der sexuellen Ausschweifung ist - wenn auch in stark abgeschwächter Form - ebenfalls noch immer in etwaigen Kreisen präsent. So kennen vermutlich viele die Geschichten über die vermeintlich großen, männlichen, primären Geschlechtsorgane von Farbigen. Wie aber kann die Entstehung derartige Vorurteile erklärt werden? Im Kapitel 3 wird erörtert werden, welche Faktoren dazu beitrugen, dass britische Händler und Missionare so zögernd in den Westen Afrikas, insbesondere in das Hinterland vorstießen. Die daraus resultierende Unwissenheit ist als eine Grundbedingung für die Herausbildung von Stereotypen zu sehen. In Kapitel 4 wird dann genauer erörtert, wie das Vorurteil der sexuellen Ausschweifung der Afrikanerin durch Wissenschaft, Zweifel am eigenen moralischen Verhalten und letztlich durch die Politik geschürt wurde. In Kapitel 5 wird eine ähnliche Untersuchung zum Kannibalismus zu der Erkenntnis führen, dass dieser Vorwurf häufig nur als Vorwand eingesetzt wurde, um ein Eingreifen in Afrika zu legitimieren. Zunächst führt Kapitel 2 in den historischen Kontext der frühen Mission ein, um erste Erkenntnisse über Motive und Ziele des Eindringens in Afrika zu erhalten.
1 Ulrich Eberl: Kannibalismus- uraltes Erbe oder Mythos?
http://www.wissenschaft.de/wissen/hintergrund/172917.html (last review 14.02.2007).
2 http://www.kopfwelten.org/download/kopfwelten_faltblatt.pdf (last review 14.02.2007).
2
2. Verbot des Sklavenhandels und die frühe Mission ins Niger-Delta
1807 trat Großbritannien - nachdem es lange Zeit der führende Exporteur für Sklaven gewesen war - für ein rigoroses Verbot ein. Das Niger - Delta war vom 17. Jahrhundert an zum größten Sklavenmarkt der Welt geworden. Die Folgen des transatlantischen Dreieckhandels sind für die afrikanischen Völker unabsehbar. Der Verlust an Menschen war enorm. Rodney vermag auf Grund der stark auseinanderklaffenden Schätzungen von zwölf 3 bis hundert 4 Millionen verschleppten Afrikanern, hierzu keine exakten Angaben geben. 9-10 Millionen Afrikaner sind laut ihm wohl über den Atlantik verschifft worden 5 . Dem immensen Verlust an Arbeitskräften stand eine schier wertlos erscheinende Gegenleistung von Schmuck oder Alkohol entgegen 6 . Trotz des Verbotes des Sklavenhandels und einer eigens an der Küstenlinie Westafrikas eingerichteten anti-slavery patrol verschwand der Sklavenhandel nicht. Philipps vermerkt sogar einen Anstieg des Sklavenhandels bis in die späten 1840er Jahre hinein 7 . Des Weiteren stiegen die britischen Importe aus Afrika von 1,000 Tonnen im Jahre 1810, über 10,000 Tonnen im Jahre 1830 auf letztlich 40,000 Tonnen im Jahre 1855 8 :
Tabelle 1: Britische Importe aus Afrika nach 1807.
Philipps erkennt in dem Verbot des Sklavenhandels auch ein innenpolitisches Problem für England, stellte sich laut ihr doch alsbald die Frage, was mit den sich in Großbritannien befindlichen Sklaven fortan geschehen solle 9 . Diese Frage verstärkte den Wunsch nach kolonialen Märkten. Viele der ehemaligen Sklaven sollten direkt in Afrika eingesetzt, oder schlicht beheimatet werden. Daher entwickelten die Briten als logische Konsequenz dann auch - besonders in Nord-Nigeria - so genannte slave villages,. Nicht alle Briten teilten den wirtschaftlichen Wunsch, sahen sie vielmehr andere Beweggründe für ein Eingreifen in Afrika. Die “Society for the Extinction of the
3 Jojo Cobbinah: Senegal, Gambia (4. Auflage), Stuttgart 2002, S.36-38.
4 http://www.state.gov/r/pa/ei/bgn/5459.htm (last review 14.02.2007).
5 Walter Rodney: How Europe underdeveloped Africa, London 1972, S.73.
6 Frieder Ludwig: Kirche im kolonialen Kontext. Anglikanische Missionare und afrikanische Propheten im südöstlichen Nigeria, 1879-1918, S.42.
7 Anne Philipps: The Enigma of Colonialism. British Policy in West Africa, Bloomington, Indianapolis 1989, S.19.
8 ebd, siehe auch Tabelle 1.
9 ebd.
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slave trade and for civilization of Africa” erkannte im Sklavenhandel den Grund für den “verkümmerten Intellekt”, die “verdorbene Ordnung 10 ” der Afrikaner. Buxton führte die Ziele der gerade genannten Society - innerhalb derer sich 21 Members of Parliament fanden - deutlich auf. Er fügte folgende Forderung an: „Let missionaries and schoolmasters, the plough and the spade, go together and agriculture will flourish; the avenues to legitimate commerce will be opened, confidence between man and man inspired, whilst civilization will advance as the natural effect and Christianity operate
as the proximate cause of this happy change 11 ”. Das hier in Auszügen präsentierte Konzept der Society vermochte einen Teil der Überzeugungskraft leisten, welche die britische Regierung dazu bewog, 1841 die erste Niger-Expedition zu starten, „always with the purpose of spreading civilisation and combating the slave trade 12 “. Die Mission scheiterte völlig, da bei Lokoja eine Fieber - Epedemie ausbrach und innerhalb von zwei Monaten etwa die Hälfte der Missionsteilnehmer starb. Dieses Fiasko bließ folglich in der Folge Wind in die Segel der humanitarians. Verschiedenste, führende Politiker verwiesen allerdings weiterhin auf den aus der Sklaverei entstandenen white man’s burden 13 . Es dauerte 13 Jahre, bis 1854, ehe die britische Regierung den Kaufmann Macgregor Laird mit einer erneuten Expedition ins Landesinnere beauftragte 14 . Der Erfolg dieses Unternehmens wurde drei Jahre später gar ein weiteres Dampfschiff, welches Kurs Richtung Westafrika nahm, subventioniert 15 . Der vermeintliche Erfolg dieser zweiten Expedition ist nicht unumstritten, sieht Porter doch bis ins Jahr 1865 eine aus britischer Perspektive desillusionierende Entwicklung des Vorgehens im Niger-Delta, insbesondere für die Missionare 16 . Trotzdem legten diese ersten Missionen den Grundstein, die Macht der afrikanischen Mittelsmänner zu brechen und im Landesinneren direkt Handel zu treiben.
An allen drei Niger-Expeditionen hatten Angehörige der Church Missionary Society teilgenommen, und 1857 war die erste Missionsstation bei Onitsha eröffnet worden. Maßgebend und Richtung weisend in der durch Spenden finanzierten Missionsgesellschaft war Henry Venn, unter dessen Geschäftsführung die Society zu
10 Thomas Fowell Buxton: The African Slave Trade and its remedy, London 1839/1840, S.460.
11 Buxton, S.502.
12 Bernard Porter: Critics of empire. British Radical attitudes to colonialism in Africa 1895-1914, New York 1968, S.23.
13 ebd., S.23f.
14 Ludwig, S.47.
15 ebd.
16 Porter, S.25.
4
einer der führenden evangelikalen Gesellschaften aufstieg 17 . Für nähere Informationen zu dem durchaus bemerkenswerten Lebenslauf Venns und dessen Einfluss in die britische Kolonialpolitik sei der interessierte Leser zum einen auf die Ausführungen Ajayis 18 - welcher sich in mehreren Aufsätzen mit dieser Person auseinandergesetzt hat - und zum anderen auf Shenk 19 verwiesen. Venns Konzeptionen für das Vorgehen innerhalb der Mission gingen von der Überzeugung aus, dass der neue Handel, verbunden mit christlicher Erziehung rasch einen afrikanischen Mittelstand hervorbringen könne, welcher selbst wiederum Führungspositionen in Politik, Handel und Kirche übernehmen könne 20 . Sein erklärtes Ziel war es, eine sich selbst verwaltende, finanzierende und selbst ausbreitende Kirche der einheimischen Bevölkerung zu initiieren 21 . Den Missionaren fiel hierbei die Aufgabe zu, durch landessprachige Predigten, Bibelübersetzungen und Erziehungsarbeit eine entsprechende Grundlage zu schaffen. Die finanzielle Belastung für die Society sollte möglichst gering gehalten werden. Shenk subsummiert Venns diesbezügliche Forderungen wie folgt: „Do not let them lean too much on the Society 22 .”“Draw out their native resources. Let them feel their own powers and responsibilities. 23 ” Sein Konzept sah ferner vor, den missionierten Afrikanern eigenständige Aufgaben zukommen zu lassen. So sollten die geschaffenen Pfarrbezirke durch Einheimische selbst verwaltet und Evangelisationsaufgaben übernommen werden. Somit wären die europäischen Missionare frei, um die christliche Botschaft in andere - noch nicht evangelisierte - Gebiete zu tragen 24 . In Venns Ausführungen nahm die Niger-Mission eine Sonderposition ein, war sie doch von Anfang an fast ausschließlich von Afrikanern durchgeführt worden, da die schwierigen klimatischen Verhältnisse nichts anderes zuließen 25 . Diese klimatischen Verhältnisse sind einer der Gründe, warum die Vorstöße ins Hinterland Westafrikas so schleppend vorangingen. Im nachfolgenden Kapitel sollen weitere Gründe hierfür aufgezeigt werden.
17 Ludwig, S.48.
18 Jeffrey .F.A. Ajayi: Henry Venn and the Policy of Development, in: Journal of the Historical Society of Nigeria, No 4, 1959, S.342-441.
19 Wilbert R. Shenk: Henry Venn - Missionary Statesman, Mary Knoll, 1983.
20 Ludwig, S.49.
21 Jeffrey F.A. Ajayi: Christian Missions in Nigeria 1841-1891. The Making of a New Elite, Bristol 1965, S.43.
22 Shenk, S.31
23 zit. nach: ebd. S.109.
24 Ludwig, S.49.
25 ebd.
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Arbeit zitieren:
Patrick Hehmann, 2007, Entsetzen über Westafrika - Kannibalismus und sexuelle Ausschweifung als koloniales Missverständnis?, München, GRIN Verlag GmbH
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