Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Definitionen. 4
3 Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. 6
3.1 Geistige und ideelle Grundtendenzen 6
3.2 Das Bürgertum 7
4 Theorie und Praxis der Werte und Normen in Frau Jenny Treibel 9
4.1 Bildung 9
4.2 Mündigkeit 13
4.3 Toleranz. 17
5 Der höchste Wert. 19
6 Schein und Sein. 22
7 Schluss. 25
8 Literaturverzeichnis. 28
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1 Einleitung
Frau Jenny Treibel gilt als einer der wenigen Romane Theodor Fontanes, die im Stile einer „erzählten Komödie“ 1 mit „souverän augenzwinkerndem Charakter“ 2 gehalten sind und zumindest vordergründig ein für alle versöhnliches Happy End aufweisen. Nicht zu übersehen ist hinter all der Heiterkeit allerdings die scharfe Kritik, die darin an der vom Bürgertum dominierten Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts geübt wird. 3 In der Forschung wurde dieser Aspekt in zahlreichen Veröffentlichungen ausführlich beleuchtet. Da Fontane selbst in einem Brief an seinen Sohn Theodor die Kritik an der Bourgeoisie als Zweck des Romans ausgibt, wird in vielen Beiträgen darauf der Interpretationsschwerpunkt gelegt, so bei Grevel (1989), Mehrkens (1995) oder Aust (1998). In einem wertvollen Beitrag von Dieter Kafitz (1973) wird weiterhin anhand einer genauen Analyse der Person Professor Wilibald Schmidts herausgestellt, dass der Roman nicht nur das Besitzbürgertum, sondern in aller Deutlichkeit auch das Bildungsbürgertum kritisiert. Der gesellschaftskritische Aspekt ist für das Verständnis des Romans von einer solch entscheidenden Bedeutung, dass auch Ausarbeitungen, denen eine andere Fragestellung zugrunde liegt, ihn nicht übergehen können (vgl. Turner (1973), Böschenstein (1995), Neuhaus (1998), Bauer (2000)). Ebenso ist für die Untersuchung der Werte und Normen in Frau Jenny Treibel, die Gegenstand dieser Arbeit ist, eine Berücksichtigung der vorherrschenden gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse unumgänglich, da beide Komponenten in einer wechselseitigen Beziehung stehen: Die individuellen Wertvorstellungen des Einzelnen prägen die Normen der Gesellschaft, im Gegenzug üben diese wiederum erheblichen Einfluss auf Bildung und Ausgestaltung der persönlichen Werte aus. Folglich liegen Gesellschaftskritik und Wertekritik sehr nahe beieinander und können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. In der vorliegenden Ausarbeitung gilt es nun, den Roman anhand von Aussagen und Verhaltensweisen auf ihnen zugrunde liegende Wertmaßstäbe zu untersuchen. Als Hinführung dient eine Definition zu den Begriffen Wert und Norm sowie eine kurze Darstellung der Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Anschließend wird die für den Verlauf der Geschichte entscheidende Präsenz exemplarisch ausgewählter Werte im Denken und Handeln einzelner Romanfiguren geprüft. Das besondere Augenmerk richtet sich dabei auf die Frage,
1 Müller-Seidel, S. 316.
2 Grawe, S. 614.
3 Aust (1998), S. 151.
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inwieweit Ideal und Wirklichkeit jeweils übereinstimmen oder differieren. In einem letzten Punkt wird die Existenz einer Diskrepanz zwischen Schein und Sein, die in der Forschungsliteratur und nicht zuletzt von Fontane selbst als Grundfehler der im Roman durch die Familien Treibel und Schmidt vertretenen bürgerlichen Gesellschaft dargestellt wird, 4 zusammenfassend analysiert.
2 Definitionen
Die Schwierigkeit der Definition und Abgrenzung der beiden Ausdrücke Wert und Norm schlägt sich nieder in einer nahezu unüberschaubaren Vielzahl an Literatur und unterschiedlichen Begriffsbestimmungen. Zur Eingrenzung werden im Folgenden wahlweise die Ausführungen aus der Theologischen Realenzyklopädie (TRE) zugrunde gelegt. Aus philosophischer Sicht definiert Wolfhart Henckmann in der TRE Werte als „diejenigen Gegebenheiten irgendwelcher Art (…), die ein Bedürfnis oder Interesse befriedigen, ein Lustgefühl hervorrufen, Anerkennung verdienen, wünschenswert, erforderlich oder erstrebenswert erscheinen“ 5 . Dabei unterscheidet er ökonomische Werte (Umsetzung durch Befriedigung von natürlichen und kulturellen Bedürfnissen durch bestimmte Güter), hedonistische Werte (Umsetzung durch Streben nach allen möglichen Arten von Lustgefühlen), moralische Werte (Umsetzung durch Pflichterfüllung oder Befolgung der anerkannten Sitten), künstlerische Werte (Umsetzung durch Kunstschaffen) und religiöse Werte (Umsetzung durch Erfüllung religiöser Vorschriften und ein Lebenswandel in Frömmigkeit). Alle Werte und Wertungsweisen unterstehen einer übergeordneten Wertordnung, die ein Urteil über positiv oder negativ, höher oder niedriger einer Denk- oder Handlungsweise ermöglicht. Konstituiert wird eine individuelle Wertordnung durch immer wiederkehrende situationsbedingte Entscheidungen des wertenden Subjekts über entsprechende Wertungsweisen, die sich je nach persönlichem Ermessen auch an einem einzelnen ausgesuchten Wert als allgemeinem Maßstab orientieren können. Daraus kristallisiert sich eine „sich allmählich ausgestaltende persönliche Wertrang-ordnung (heraus), aus der habituell vollzogene Wertungen folgen können.“ 6 Im theologischen und ethischen Sinne lassen sich Werte, als äquivalente Bezeichnungen gelten auch Ausdrücke wie Grundwerte, Leitbilder oder Orientierungswissen, als „Maßstäbe
4 Schäfer, S. 12; Cowen, S. 342; Aust (1998), S. 153; Bae, S. 84.
5 Henckmann, S. 648.
6 Henckmann, S. 651.
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des Sollens und als Zielbestimmungen des sittlich Anzustrebenden“ 7 definieren. Obwohl sie als perspektivisch und kulturell einzustufen sind und deshalb stetigen Veränderungen und verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten unterliegen, kommt ihnen eine besonders hohe Allgemeingültigkeit und Verbindlichkeit zu. Ihre vorrangige Aufgabe ist es, motivierend, orientierend, entlastend und steuernd auf das menschliche Handeln und Denken einzuwirken. Der sprachliche Ausdruck Norm ist abgeleitet vom lateinischen Wort norma ›Winkelmaß‹, ›Richtschnur‹. Er bezeichnet in philosophischer Hinsicht einen „Maßbegriff, der es erlaubt, Ereignisse, Zustände, Dinge als normal oder anormal zu klassifizieren“. 8 Rechtlich und moralisch gesehen, betrifft dies vor allem das rechtlich oder moralisch Erlaubte, an dem das menschliche Handeln gemessen werden kann. In einer Gesellschaft geben Normen aufgrund ihres Befehlscharakters ein Erwartungsmuster an „normalen“, d. h. der Norm gemäßen Verhaltensweisen vor, dessen Entstehung und Geltung von der Haltung der Normproduzenten und Normadressaten abhängig ist. 9 Hierbei wird eine allgemeine prinzipielle Übereinstimmung und Anerkennung des als richtig und normal Empfundenen vorausgesetzt. 10 Der Zusammenhang zwischen Normen und Werten kann darin gesehen werden, dass Normen durch Werte begründet werden und dass die Normen einer Gesellschaft ein sich aus verschiedenen allgemein akzeptierten Werten allmählich herausgebildetes vorherrschendes Wertesystem bezeichnen. 11 Umgekehrt kann sich eine Werteordnung im Sinne der obigen Darstellung jedoch auch in Anlehnung an gesellschaftliche Normen herausbilden. Normen und Werte stehen also in diesem Sinne in einer engen Korrelation zueinander. Differieren jedoch gesellschaftliche Norm und individuelle Werteinsicht, so verlangt das eine persönliche Prioritätensetzung, die entweder zu einem möglicherweise folgenschweren Bruch mit den sanktionierten Normen oder zur Missachtung und Verletzung der eigenen Wertvorstellungen führen muss. 12
7 Kreß, S. 654. Ethische Werte können z. B. Leitbilder wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden oder Toleranz sein, vgl. Kreß, S. 654.
8 Schrader, S. 620.
9 Ebd., S. 621.
10 Ebd., S. 622.
11 Henckmann, S. 651.
12 Henckmann, S. 651.
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3 Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts
Zwar wird in Frau Jenny Treibel ein bestimmtes Jahr, in das das Romangeschehen einzu-ordnen ist, nicht genannt, doch aus verschiedenen Textstellen (vgl. 14, 38) 13 lässt sich ableiten, dass die Vorgänge sich im Jahre 1888 abspielen, dass Fontane in seinem Roman also die damalige Gegenwart abzubilden beabsichtigte. 14 Um die Frage nach den Wertvorstellungen und Normen, die sich hinter Aussagen und Verhaltensweisen der handelnden Personen verbergen, hinreichend beantworten zu können, ist es daher wichtig, sich ein Bild über die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und ihre geistigen und ideellen Grundlagen zu machen.
3.1 Geistige und ideelle Grundtendenzen
Das 19. Jahrhundert wird von vielen Historikern häufig als das „lange“ 19. Jahrhundert, das 1789 mit der Französischen Revolution begann und erst 1914 mit Beginn des Ersten Weltkrieges endete, bezeichnet. 15 Dafür, die Französische Revolution an den Anfang dieses Jahr-hunderts zu setzen, spricht die unbestrittene Tatsache, dass sie ganz Europa in einem beträchtlichen Maße geprägt und verändert hat. Die Schlagworte liberté, égalité, fraternité fanden auf breiter Basis Eingang in das Denken der Menschen, prägten die allgemeinen Wert- und Normvorstellungen und gaben Raum für Veränderungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art, die das gesamte Jahrhundert kennzeichneten.
Aufklärerisches Gedankengut, aus dem vornehmlich auch die Ideen der Französischen Revolution hervorgegangen waren, übte maßgeblichen Einfluss auf Denk- und Verhaltensweisen der Gesellschaft und trug wesentlich zur Emanzipation des Bürgertums im 18. Jahrhundert bei.
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Autoritäten, die sich aus bloßer Tradition und Überlieferung begründeten, wurden nicht mehr kritiklos akzeptiert. Es entwickelte sich ein individualistisches Gesellschaftsverständnis, das im Befriedigen der individuellen Bedürfnisse das Wohlergehen der Gesamtheit begründet sah. Umgekehrt zeigte sich im Prozess der Nationsbildung und Nationalstaatengründung die Idee der Einbindung des aus der tendenziellen Auflösung freier ständischer Formen entstandenen freien Individuums in eine neue Kollektivpersönlichkeit: in die der Nation. Die über-
13 Alleeingeklammerten Seitenangaben beziehen sich auf die im Literaturverzeichnis aufgeführte Reclam-Ausgabe.
14 Mehrkens, S. 171; Schäfer, S. 14.
15 Frevert/Haupt, S. 9.
16 Schweikle, S. 30.
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wältigenden Erfolge in Wissenschaft und Technik führten zu einem Fortschrittsoptimismus und zum Glauben an die bedingungslose Beherrschbarkeit der Natur. Gleichzeitig konnte eine fortschreitende Säkularisierung beobachtet werden, die einem durch den menschlichen Verstand und die naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnisse sich verändernden Weltbild Rechnung trug. Man trachtete danach, sich von den „durch Überlieferung, Gewohnheit und Dogma, durch überkommene Rechtsverhältnisse, durch monarchische Prärogative oder fürstlichen Despotismus gesetzten Beschränkungen der Denk- und Handlungsfreiheit“ 17 zu emanzipieren. Die bürgerlichen Schichten strebten mehr und mehr eine Verfassung und die damit verbundene Partizipation an der politischen Macht an.
Die weit reichenden Veränderungen im Zuge der industriellen und technischen Revolution, zu denen Verstädterung und Entstehung von Großstädten, Aufwertung des Sekundärfaktors Industrie zuungunsten des Primärfaktors Landwirtschaft und die Herausbildung der Industriearbeiter- und Angestelltenklasse gehörten, führten auch in mentaler Hinsicht zu grundlegenden Veränderungen: Wertesysteme, Einstellungen und Denkhaltungen bedurften vielfach einer Neuorientierung und Umgestaltung. 18
3.2 Das Bürgertum
Als vorrangiger Träger dieser Entwicklungen galt das Bürgertum, das das 19. Jahrhundert in einem solchen Maß prägte, dass zuweilen auch vom bürgerlichen Jahrhundert gesprochen wird. 19 Zwar war der zahlenmäßige Anteil der bürgerlichen Schicht an der gesamten Gesellschaft vergleichsweise gering, doch spielte sie in Gewerbe und Handel, Kultur und Politik eine bedeutende Rolle. Die beiden Kerngruppen bildeten das Wirtschafts- oder Besitzbürgertum, zu dem Kaufleute, Fabrikanten und Bankiers, Kapitalbesitzer, Unternehmer und Direktoren zählten und das Bildungsbürgertum, das Ärzte, Juristen, Gymnasiallehrer, Professoren, Richter, Beamte, Naturwissenschaftler und Diplom-Ingenieure einschloss. 20 Obwohl innerhalb des Bürgertums große Heterogenität bezüglich Bildung, Einkommen, sozialer Herkunft und gesellschaftlicher Funktion bestand, verbanden seine Angehörigen aber die vom Grund-
17 Bauer,Franz J., S. 42.
18 Bauer, Franz J., S. 61.
19 Kocka, S. 11.
20 Die kleinen Selbstständigen (Handwerker, Kleinhändler, Gastwirte etc.) gehörten im weiten Sinn auch zum Bürgertum, doch fiel ihre Bedeutung immer mehr hinter Besitz- und Bildungsbürgertum zurück, so dass sie schließlich zum Kleinbürgertum gezählt wurden, vgl. Kocka, S. 12 f.
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satz her von allen akzeptierten weltanschaulichen, ästhetischen, moralischen und politischen Werte. 21
Als „überlokale, gesamtgesellschaftliche, nachständische Formation“ 22 hat sich das Bürgertum zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhundert im Zuge des gemeinsamen Wunsches einer deutlichen Distanzierung von den traditionellen Autoritäten herausgebildet. Diese Abgrenzung wurde vor allem mit der Setzung neuer Schwerpunkte demonstriert: So sollte das Selbstverständnis beispielsweise über individuelle Leistung und Bildung anstatt über eine geburtsständisch oder transzendental gedachte Legitimierung definiert werden. Ganz im Sinne des Kantschen Aufklärungsgedankens galt es, sich von jeglicher Beherrschung von oben zu lösen und die Gesellschaft selbst aus eigener Vernunft heraus zu organisieren. 23 Der Wider-stand gegen Adel, Absolutismus und Kirche schuf ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das das Prinzip der allgemeinen Freiheit und Gleichheit auch für die niedrigeren nicht dem Bürgertum angehörenden Schichten einschloss.
Der technisch-industrielle Prozess veränderte dieses Selbstverständnis mit all seinen Grundprinzipien. Aufgrund der neuen Möglichkeiten, zu Reichtum und Ansehen zu gelangen, blieben viele Idealvorstellungen auf der Strecke. Aus der Forderung nach individueller Leistung und Bildung resultierte der Anspruch auf Anerkennung finanzieller, sozialer und politischer Art. 24 Entsprechend definierten sich die Angehörigen des Bürgertums zum Ende des 19. Jahr-hunderts mehr und mehr über ihre Position als Wirtschaftsbürger, die großen Wert auf Vermögen und gesellschaftliches Ansehen legten. 25 Selbst der Bildungsanspruch verlor gegenüber dem Besitzstreben an Gewicht. Bildung wurde vielfach nur noch als Mittel zur Verbesserung der materiellen und finanziellen Situation gesehen. 26 Die Folge davon war das zunehmende Bemühen um eine deutliche Abgrenzung nicht mehr nur nach oben, sondern vor allem nach unten. 27 Die Mittelstellung des Bürgertums zwischen der Arbeiterschicht und dem Adel ließ häufig die Angst aufkommen, auf der sozialen Leiter abzusteigen, was eine freundschaftliche oder gar devote Haltung gegenüber dem Adel zur Folge hatte. Angesichts dieser sich abzeichnenden Orientierung an Adel, Militär und Bürokratie, solchen Modellen, die den bür-
21 Bauer,Franz J., S. 66.
22 Kocka, S. 20.
23 Schäfer, S. 11.
24 Kocka, S. 27.
25 Grevel, S. 181.
26 Grevel, S. 180 f.
27 Schäfer, S. 16.
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Arbeit zitieren:
Ella Plett, 2006, Werte und Normen in Fontanes 'Frau Jenny Treibel', München, GRIN Verlag GmbH
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