1. Einleitung - Die Europapolitik der USA 1
1.1. Die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg. 2
1.2. Die Truman-Doktrin und die neuen Ziele in Europa 2
1.3. Mögliche Alternativen der amerikanischen Europapolitik 3
2. Die Zuspitzung 1949 4
2.1. Deutschland als zentrales Problem. 4
2.1.1. Das deutsche Wirtschaftspotential 5
2.1.2. Die Westbindung Deutschlands 6
2.1.3. Der Verteidigungsbeitrag Deutschlands 7
2.2. Die britische Sonderrolle 8
2.2.1. Großbritannien als amerikanischer Hauptverbündeter. 9
2.2.2. Das Verhältnis USA - Großbritannien mit Blick auf Europa. 11
2.3. Frankreich als Führungsmacht 14
2.3.1. Eine Union unter Frankreichs Führung. 15
2.3.2. Die Botschafterkonferenz und die französische Führung 17
3. Die Lösungssuche 18
3.1. Kennan: Das Modell der zwei Säulen. 19
3.2. Die Vorschläge der amerikanischen Botschafter in Europa 20
3.3. Die Analyse des Policy - Planning- Staffs im Januar 1950. 21
4. Die (Er-)Lösung: Der Schumanplan 21
4.1. Die Aufnahme des Plans in den USA. 22
4.2. Das Verhalten der USA während der Verhandlungen 22
5. Ein pragmatisches Vorgehen der Vereinigten Staaten 23
6. Quellen- und Literaturliste. 25
6.1. Quellenliste. 25
6.2. Literaturliste 25
1
1. Einleitung - Die Europapolitik der USA
Betrachtet man die amerikanischen Reaktionen auf den Schumanplan, so stößt man fast ausnahmslos auf positive bis überschwängliche Anteilnahme 1 . Das verwundert zunächst, scheint doch die Initiative Frankreichs nicht mit den bisherigen Plänen der USA übereinzustimmen: Bis jetzt hatte man in Amerika eine europäische Einigung ohne Großbritannien schlicht für unmöglich gehalten 2 , man wollte den Partner aus zwei Weltkriegen nicht vor den Kopf stoßen. Außerdem gab es eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber einer französischen Führung 3 . Dann war auch eine der Vorgaben des Marshallplans, daß er sich an alle europäischen Länder wendete, der Schumanplan bedeutete aber faktisch die Zweiteilung Europas. Und schließlich war das Ziel, das Amerika seit dem ersten Weltkrieg zu erreichen suchte, der freie und ungehinderte Zugang zu den europäischen Märkten, durch die Möglichkeit zur Kartellbildung, die im Schumanplan angelegt war, in Frage gestellt 4 . Diese Arbeit soll durch eine Untersuchung der amerikanischen Absichten in und mit Europa und der Alternativen, wie diese zu erreichen waren, die Gründe für die scheinbare Abkehr von feststehenden Positionen Amerikas in der Zeit zwischen Sommer 1949 und Frühjahr 1950 und das tatsächlich dahinterstehende Kalkül beleuchten.
Zunächst soll nach möglichen Alternativen der amerikanischen Europapolitik in der Nachkriegszeit gesucht werden, dann muß auf das „Problem Deutschland“ eingegangen werden, das gerade im untersuchten Zeitraum eine entscheidende Rolle spielt. Schließlich muß das Verhältnis zu den möglichen Partnern bei einer europäischen Einigung, Frankreich und Großbritannien, untersucht werden, um darauf aufbauend die möglichen Lösungsansätze darzustellen. Am Ende steht dann die Frage, wie der Schumanplan diese Vorgaben erfüllt und vielleicht sogar noch darüber hinausgeht, indem er nämlich zum Mittel für das amerikanische
1 Klaus Schwabe: „Ein Akt konstruktiver Staatskunst“ - die USA und die Anfänge des Schuman-Plans, S. 211
- 239 in: Klaus Schwabe (Hrsg.): Die Anfänge des Schumanplans, Beiträge des Kolloquiums in Aachen, 28.-
30. Mai 1986, S. 215. Im folgenden: Schwabe, Staatskunst und Seitenzahl.
2 Klaus Schwabe: Die Vereinigten Staaten und die Europäische Integration: Alternativen der amerikanischen Außenpolitik (1950-1955), S. 41 - 54 in: Gilbert Trausch (Hrsg.) u. a.: Die europäische Integration vom Schuman-Plan bis zu den Verträgen von Rom, Baden-Baden 1993. (Veröffentlichungen der Historiker-Verbindungsgruppe bei der Kommission der europäischen Gemeinschaften, Bd. 4), S. 41. Im folgenden: Schwabe, Alternativen und Seitenzahl
3 Holger Schröder: Jean Monnet und die amerikanische Unterstützung für die europäische Integration 1950 -1957, Frankfurt am Main 1994. (Reihe Europäische Hochschulschriften: Reihe 31, Politikwissenschaft, Bd. 263), S. 83. Im folgenden: Schröder und Seitenangabe 4 Schwabe, Staatskunst, S. 228.
2
Hegemoniestreben in Europa wie für die europäische Integration selbst wird und damit quasi eine gewollte Hegemonie oder ein „Empire by invitation“ begründet 5
1.1. Die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Krieg hatte Amerika erkannt, daß es unumgänglich sein würde, eine aktive Rolle in der Weltpolitik zu spielen. Gleichzeitig gab es sich einer illusorischen Sicht der kommenden Weltordnung hin: Sie sollte durch die Allianz der „Weltpolizisten“ USA, Großbritannien und Sowjetunion gewährleistet werden, die UN sollten als Friedenswächter fungieren 6 . Dabei setzte Präsident Roosevelt vor allem auf die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion 7 , wobei er deren aggressiven Expansionismus unterschätzte und die S chwäche Europas, vor allem Großbritanniens, nicht richtig einordnete 8 . Der wirtschaftliche und politische Machtverfall Großbritanniens, hinter dessen Weltherrschaftsanspruch die USA bis jetzt ihrer außenpolitischen Zurückhaltung hatten frönen können, zwang Amerika schließlich zur Abkehr von der Monroe-Doktrin 9 . Das Ende des alten Europas bedeutete gleichzeitig eine aktivere, aber auch mehr an den eigenen Interessen orientierte Europapolitik der USA 10 . Die Schwäche Europas war für Amerika die Chance zur Errichtung einer amerikanischen Hegemonie 11 .
1.2. Die Truman-Doktrin und die neuen Ziele in Europa
Für Europa bedeutete die Truman-Doktrin vor allem die wirtschaftliche Hilfe im Rahmen des am 12.3.47 vom Präsidenten dem Kongreß vorgestellten Marshallplans 12 . Amerika hoffte, mit diesem Mittel gleichzeitig politische und strategische Ziele der amerikanischen Diplomatie zu erreichen. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung würden die teilnehmenden Länder gegen die kommunistische Versuchung immunisiert. Außerdem würden die eingesetzten Mittel eine groß genuge Einheit schaffen, um Deutschlands Wiederaufbau mit Garantien für Frankreichs militärische und wirtschaftliche Sicherheit zu verbinden. Deshalb wurde es zur festen Überzeugung der Amerikaner, daß Integration das verbindende Element für die
5 Michael J. Hogan, The Marshall-Plan - America, Britain and the Reconstruction of Western Europe 1947-52, Cambridge 1987, S.444. Im folgenden: Hogan und Seitenzahl.
6 Ernest H. Van der Breugel: From Marshall Aid to Atlantic Partnership - European Integration as a concern of American Foreign Policy, Amsterdam, London, New York 1966, S. 18. Im folgenden Breugel und Seitenangabe. 7 Schröder, S. 74.. 8 Breugel, S. 19. 9 Schröder, S. 73.
10 Eckart Conze, Hegemonie durch Integration? in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 43 (1995), S. 300, im folgenden: Conze und Seitenangabe. 11 Conze, 306.
3
wirtschaftlichen und strategischen Ziele der USA in Europa war 13 . Die USA hatten ein dreifaches Interesse an der Einigung, wirtschaftlich, militärisch und politisch. Allerdings war auch klar, daß die Integration nur ihre Rolle spielen könnte, wenn Deutschland ein Teil davon wäre 14 . Deshalb war die Frage, wie eine Integration des alten Kontinents, die allen amerikanischen Vorstellungen gerecht wurde, durchzusetzen war.
1.3. Mögliche Alternativen der amerikanischen Europapolitik
Der in Abschnitt 1.1. dargestellten „gesamteuropäisch-neutralistischen“ Alternative eines entmilitarisierten Europas unter Verwaltung der Supermächte 15 konnte im Kontext des Kalten Krieges kein Bestand beschieden sein. Statt dessen suchten die USA, Europa gegen den Sowjetkommunismus aufzubauen. Es boten sich zwei Möglichkeiten an, von denen die erste im Marshallplan verwirklicht worden war: Die Zusammenarbeit aller nichtkommunistischer Staaten, auch der „Neutralen“, sozusagen die „Atlantische Alternative“ 16 . Dabei sollte Großbritannien die Führungsrolle zukommen, was sich aus Sicht des Königreichs jedoch auf die Koordination der Marshallhilfe beschränkte 17 .
Für Amerika wurde hingegen eine politische und wirtschaftliche Integration Europas 1949 immer dringlicher: Die B undesrepublik und die DDR waren gegründet worden, die Sowjetunion hatte ihre erste Atombombe gezündet, der Kommunismus trat besonders in Südostasien und China immer offensiver auf 18 . Es ging also darum, die Europäer gegen den Kommunismus zu einen und Deutschland im Westen zu verankern, möglichst auch seine Ressourcen den eigenen Industrien zuzuführen 19 und ein containment nicht nur gegen Rußland, sondern auch gegen das neuerlich aufstrebende Deutschland einzuführen 20 . Ein Übergewicht Deutschlands in Westeuropa schien nur abwendbar durch die Einführung supranationaler Strukturen, das heißt, in den Nationalstaaten übergeordneten Gremien sollten bindende Entscheidungen mit Mehrheit und ohne Vetomöglichkeit getroffen werden können 21 .
12 Breugel, S. 27. 13 Hogan, 429.. 14 Conze, S.307. 15 Schwabe, Alternativen, S. 42.. 16 ibid. 17 Schwabe, Alternativen, S. 43. 18 ibid.
19 Pierre Melandri, Les États-Unis face à l´unification de l´Europe 1945-54, Paris 1980, S. 229. 20 Klaus Schwabe: Die Vereinigten Staaten und die Einigung Europas 1945-52, S. 166 - 182 in: Otmar Franz (Hrsg.): Europas Mitte, Göttingen 1987, S. 182. Im folgenden: Schwabe, Einigung und Seitenzahl. 21 Schwabe, Staatskunst, S. 215.
4
Da diese Forderungen für Großbritannien unannehmbar waren, wurde nach einer dritten Alternative gesucht, die eine Einigung ohne Mitgliedschaft der Briten ermöglichen sollte. Sie beginnt sich im Herbst 1949 abzuzeichnen und kann als „westeuropäisch-kontinentale“ Alternative bezeichnet werden 22 .
Es muß jetzt darum gehen, das Aufkommen dieser dritten Alternative im Laufe des Jahres 1949 aus den Quellen herauszuarbeiten und das Schwanken der amerikanischen Haltung zwischen der zweiten und dritten Alternative (die erste fiel wegen des Kalten Krieges ja bald weg) nachzuvollziehen. Dabei muß zuerst die Dringlichkeit einer schnellen Lösung für die USA aufgrund des „Problemfalls Deutschland“ gezeigt werden, sodann das Verhältnis der USA zu Großbritannien und Frankreich, denen, je nach verfolgtem Plan, die wichtigste Rolle in dieser Lösung zugedacht war. Schließlich bleibt zu klären, wie es tatsächlich zu dem „,karolingisch-katholischen‘ Kleinsteuropa“ 23 der Montanunion kam.
2. Die Zuspitzung 1949
Verschiedene Gründe führten 1949 dazu, daß das „Problem Europa“ für Amerika besonders akut wurde: Die Marshallhilfe war nach einem ersten Hoch mehr und mehr in eine Krise in Hinblick auf ihr Ziel der viability, der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit der Nehmerländer, geraten 24 . Gleichzeitig machte der Kongreß d ie Bewilligung weiterer Mittel von einer weitgehenden Einigung Europas abhängig, da diese als Grundvoraussetzung für den Erfolg der Marshallhilfe gesehen wurde 25 . Zusätzlich verschärfte sich der weltweite Druck der Sowjetunion auch in Europa. Im Brennpunkt dieser ganzen Entwicklung kann Deutschland gesehen werden, wo sich alle genannten Probleme wie unter einem Vergrößerungsglas bündelten.
2.1. Deutschland als zentrales Problem
Im Bezug auf Deutschland standen mehrere richtungsweisende Entscheidungen bevor. Gerade war die BRD gegründet worden, kurz darauf kam es zur Gründung der DDR. Wohin
22 Schwabe, Alternativen, S. 44. Pierre Melandri: Le rôle de l´unification européenne dans la politique extérieure des États-Unis 1948-50, in: Raymond Poidevin, Histoire des débuts de la construction européenne, Mars 1948 - Mai 1950, Baden-Baden 1986, S. 62f. 23 Schwabe, Einigung, S. 166. 24 Schwabe, Staatskunst, S. 213.
25 Max Beloff: The United States and the Unity of Europe, Washington 1963, S. 58; Breugel 26, 244. Schröder, S. 97.
5
sich dieses Gebilde wenden würde, war noch offen 26 . Dazu kam die Frage der wiederaufstrebenden Industrien, die eine deutsche Dominanz auf dem Kontinent wahrscheinlich machten 27 . Eine Einbindung schien dringend geboten, um das Potential dem eigenen Lager zugänglich zu machen. Dabei mußte zwischen den von Frankreich befürworteten autoritären Restriktionen und der von Amerika gewünschten aktiven Einbindung Deutschlands in ein europäisches System von Partnern eine Lösung gefunden werden. Als dritter, noch in der Zukunft liegender Punkt, stand die Frage eines deutschen Verteidigungsbeitrags an 28 . Es war klar, daß vor allem Frankreich sich dagegen mit allen Mitteln wehren würde. Andererseits sahen die USA im Kontext der weltweiten Ost-West-Konfrontation die Notwendigkeit der Ausschöpfung sämtlicher Ressourcen für das eigene Lager als gegeben an.
Diese Punkte - Westbindung, Industriepotential, Verteidigungsbeitrag - wollte Amerika alle im europäischen Rahmen lösen, sie finden sich auch als Diskussionspunkte in den Quellen des amerikanischen Außenministeriums, sie sind ein wichtiger Grund für die forcierte Lösungssuche im Jahr 1949.
2.1.1. Das deutsche Wirtschaftspotential
In einem vom Außenministerium der Vereinigten Staaten vorbereiteten Memorandum werden die Möglichkeiten und Implikationen, die eine Integration Deutschlands und Westeuropas mit sich bringen würde, analysiert 29 . Leider ist das Papier nicht näher datiert, es stammt aber wohl von Anfang März 1949 30 . Für den Autor ist die Bedeutung der westdeutschen Wirtschaft so groß, daß Deutschland in kürzester Zeit den Kontinent wieder dominieren könnte und neues Unheil drohen würde 31 . Eine Einbindung in einen gemeinsamen Wirtschaftsraum mit Westeuropa ist also unumgänglich, zumal auch die Möglichkeiten, die deutsche Wirtschaft weiter unter (Besatzungs-)Kontrolle zu halten, langfristig als unrealistisch eingeschätzt werden. Da die Volkswirtschaften der westlichen europäischen Staaten schon jetzt eng miteinander verbunden seien, würde sich die noch engere wirtschaftliche Integration als Möglichkeit zu einer weitergehenden politischen Integration anbieten, um so den
26 Breugel, S. 240. Schwabe, Staatskunst, S. 214 und 222
27 Klaus Schwabe: Der Marshall-Plan und Europa, S. 64 in: Raymond Poidevin (wie Anm. 19)..Im folgenden: Schwabe, Marshallplan und Seitenanzahl.
28 Dell, S. 92f. Breugel, S. 234. Roger Bullen: The British Government and the Schuman Plan May 1950-March 1951, S. 204 in: Schwabe, Anfänge...(wie Anmerkung 18)
29 Foreign Relations of the United States, 1949, Volume III, S. 131ff. Im folgenden: FRUS, Jahr, Band, Seite. 30 siehe Anm. 9 in der Quelle.
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Stefan Seidendorf, 1997, Großbritannien und Frankreich als Faktoren der Europapolitik der Vereinigten Staaten 1949-50, München, GRIN Verlag GmbH
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