INHALT
I Vorwort S 2
II Herkunft und Geschichte des Sonne-Mond-Gleichnisses S 3
III Päpstliche Inanspruchnahme des Gleichnisses S 6
IV Weltliche Verwendung des Gleichnisses S 11
VI Schlussbemerkung S 18
Quellen S 19
Literatur S 21
1
I. Vorwort
Bei der Auswahl der Referatsthemen, über das Verhältnis von regnum und sacer- dotium im Mittelalter, fiel mir das Sonne-Mondgleichnis auf, weil ich damit ein jüdisches Märchen in Zusammenhang brachte, dass ich aus meinen Kindheitsta- gen kannte und in positiver Erinnerung behalten hatte. Dieses Märchen handelt davon, dass am Anfang der Schöpfung Sonne und Mond gleich groß gewesen wären und friedlich nebeneinander koexistiert hätten. Doch eines Tages sei dem Mond der Gedanke gekommen, größer sein zu wollen als die Sonne und so ging der Mond zu Gott um ihm seine Gedanken zu erläutern. Gott hörte geduldig zu und sagte, er werde etwas ändern und wandelte das sonnenhafte Aussehen des Mondes in das mondhafte Aussehen, das wir heute noch kennen. Da war der Mond sehr erzürnt und eilte zu Gott, um sich zu beschweren: ‚Du hast mir ver- sprochen mich größer zu machen als die Sonne. Nun hast Du mich kleiner und kälter gemacht und auch das Licht erhalte ich nun von der Sonne!’ Doch Gott antwortete: ‚Beruhige dich, du bist viel größer geworden als du denkst, denn nach dir werden sich die Weltmeere richten und die Menschheit wird ihren Ka- lender nach dir planen.’ Da war der Mond zufrieden. 1
Dieses Märchen beschrieb das jüdisch-theologische Wissen, dass augenschein- liche Größe täuschen kann. Doch dieses Wissen, dass der Mond eine innere Größe hat, die die äußerliche Größe der Sonne überragt, ging in der Kirche des Mittelal- ters und im besonderen in der Frage des Machtverhältnisses zwischen Papst und Kaiser bald verloren, und dies obwohl früh kirchliches Quellen die Kirche noch mit dem Mond vergleichen, die ihren Glanz von Gott empfängt. 2 Spätestens seit- dem die Kirche einen politischen Machtfaktor darstellte, war dieser Vergleich nicht mehr haltbar, weil es nun nicht mehr um ein theologisches Gleichnis ging, sondern um politischen Machterhalt, mittels einer weit hergeholten theologischen Begründung. So musste, nach kirchlicher Ansicht, um den weltlichen Einfluss der Kirche zu gewährleisten, die Sonne die Kirche darstellen und der Mond den Kai- ser. Nach einer weisen Interpretation, wie es das oben erwähnte Märchen vor- schlägt, wurde selten gefragt, weil es nun um hierarchische Machtfragen zwi- schen den zentralen Herrschaftsgewalten Regnum und Sacerdotium ging und nicht mehr um theologische Lösungsansätze.
Im Folgenden werde ich der Geschichte und den verschiedenen Interpretationen des Sonne-Mond-Gleichnisses im Mittelalter nachgehen und diese in den jeweili- gen zeitlichen Kontext einordnen.
1 Vgl. Heda Janson (Hrg.), Märchen aus Israel, S. 6.
2 Vgl. Hugo Rahner, Symbole der Kirche, S.98-173.
2
II. Herkunft und Geschichte des Sonne-Mond-Gleichnisses
Sonne und Mond stellten schon in den frühen Hochkulturen des Orients, sowie bei den Persern und Ägyptern als „Kosmokreatorsymbolik“ eine wichtige Rolle dar. Dies hieß, dass sie in ihrer Eigenschaft als die größten Gestirne des Himmels eine Art göttlichen Status und umfassende Machtfülle symbolisierten. Aus diesem Grund benützten schon früh die Könige, die sich
als Vertreter der Götter sahen, diese beiden Symbole, um damit ihren Machtansprüchen göttliche Begründung zu verleihen.
So wurde schon um 2300 v. Chr. auf der Siegessäule des Königs Narâm-Sin von Agade, der seinen Sieg über Lullubi feierte, Sonne und Mond als Zeichen von großer Machtfülle und Machtlegitimation verwendet.
Auch Antonius gab nicht ohne Grund seinen Zwillingskindern Alexander und Kleopatra den Beinamen Helios und Selene, denn mit diesen Namen symbolisierte er quasi ihre zukünftige Herrschaftslegitimation. 3 christlich-theologischer Umdeutung von Sonne und Mond, hielt sich auch noch im Mittelalter die Kosmokreatorsymbolik von Sonne und Mond. S o kann man diese Symbole auch auf dem Kaisermantel Heinrich II. im Domschatz zu Bamberg finden, bei denen auffällt, dass „gerade die im Krönungsmantel des deutschen Kaisers und in dem dem Mantel des jüdischen Hohenpriesters Aron nachgebildeten Papstmantel, die beide gewebte und geschickte Darstellungen des Himmels mit seinen Sternen, mit Sonne und Mond wieder[gegeben werden], verkörper[n] sich Tendenz und Grundanschauung dieses alten mythischen Bildes: Der Sternenmantel machte nach der Auffassung des Mittelalters ‚seinen Träger zum Kosmokreator nach dem Bilde Gottes, zu einem heiligen, priesterlichen König’“ 4
3 Vgl. Wolfgang Weber. S. 150.
4 Ebd., S. 151.
3
Kaisermantel Heinrich II. im Domschatz zu Bamberg
Sonne und Mond in ihrer Bedeutung als Kosmokreatorsymbole finden sich auch auf weiteren Darstellungen des Mittelalters, so wie Münzen und Siegeln. Als Beispiel sei das Siegel König Richard Löwenherz genannt, das auf dem Deckblatt der hiesigen Arbeit abgebildet ist. Recht zahlreich sind auch mittelalterliche Bildnisse des gekreuzigten Jesus Christus, der mit Sonne und Mond abgebildet wird.
Alle oben genannten Beispiele implizieren die gemeinsame Vorstellung, dass mit der Darstellung oder Beigabe von Sonne und Mond die höchste göttliche Macht, symbolisiert in Sonne und Mond, als Bildnis göttlicher Regierung und Lenkung des Universums dem jeweiligen Herrscher verliehen werden. So entstand schon allein aus dieser kulturellen Vorgabe die Frage, wer von den beiden Herrschergestalten des Mittelalters die Himmelssymbole für sich in Anspruch nehmen konnte. 5 Hierbei wurde als Argumentationsgrundlage in dieser Streitfrage immer die Genesisstelle I,
16 „Fecitque Deus duo magna luminaria: luminare maius, ut praeesset diei,
et luminare minus, ut praeesset nocti, et stellas.” in Anspruch genommen. Der Grund hierfür ist nicht ganz klar, denn die oben genannte Stelle beschreibt in keinerlei Weise, wer das große Licht und wer das kleine Licht symbolisiert. Andere Bibelstellen wären zur Begründung einer Zuordung wesentlich brauchbarer gewesen, wie zum Beispiel aus der Apokalypse des Johannes 12, 1: “Et signum magnum apparuit in caelo: mulier amicta sole, et luna sub pedibus eius, et super caput eius corona stellarum duodecim”, das, wenn man Maria als Bild für die Kirche nimmt, eine klare Zuordung begründen würde. Auch mit Psalm 89, 37/38 “Semen eius in aeternum manebit, et thronus eius sicut sol in conspectu meo et sicut luna firmus stabit in aeternum et testis in caelo fidelis” wäre eine klarer Abgrenzung und Zuordnung zu begründen, doch wird die zentrale Anfangsposition und vielleicht auch die große Inter - pretationsbreite der Genesisstelle für ihre häufige Verwendung verantwortlich gemacht werden können. 6
5 Vgl. Wolfgang Weber, S. 153.
6 Vgl. Wolfgang Weber, S. 156.
4
In der Frage um das Machtverhältnis wurden von den Päpsten auch andere
Gleichnisse bemüht, wie das Bild von den zwei Gewalten unter Papst Gelasius I.
(492-490), der in einem Brief an Kaiser Anastasius I. erstmals die Frage nach dem
Machtverhältnis aufwarf und auch direkt beantwortete, indem er zugab, dass es
zwei Gewalten gäbe die die Welt regierten, die geistliche Gewalt jedoch die
wichtigere Aufgabe habe, weil die weltliche Macht schließlich von ihr abhänge. 7
Ein anderes Gleichnis über das Verhältnis von Papst und Kaiser ist das Bild der
Zweischwerterlehre, das auch wie das Sonne-Mond-Bild auf eine recht un -
eindeutige Bibelstelle verweist 8 und auch erst ab dem 11. Jahrhundert durch
Gregor VII. (1073-85) politisch im Bezug auf das Papst-Kaiser-Verhältnis
ausgelegt wurde.
Wahrscheinlich führte der hohe symbolische Wert der beiden Gestirne Sonne und
Mond dazu, dass die Sonne-Mond-Metapher in der mittelalterlichen
Auseinandersetzung zwischen Papst und Kaiser eine so große Bedeutung
beigemessen wurde und regelmäßig in den intellektuelle Auseinandersetzungen der
beiden Herrscher als theologische Metapher auftauchte und Anlass zu weiteren
Auseinandersetzungen war. 9
7 Andreas Thiel (Hg): Epistolae romanorum potificum genuinae et quae ad eos scriptae sunt, Gelasii pape ad Anastasium Augustum. Bd.1 Nachdruck der Ausgabe Braunsberg 1867 (1974) S. 349 „...Duo quippe sunt, imperator auguste, quibus principaliter munus hic regitur: auctoritas sacrata pontificum, et regalis potestas. In quibus tanto gravius est pondus sacerdotum, quanto etiam pro ipsis regibus hominum in divino reddituri sund examine rationem. Nosti etenim, fili clementissime, quod licet praesideas humano generi dignitate, rerum tamen praesulibus divinarum devotus colla submittis, atque ab eis causas tuae salutis exspectas, inue sumendis coelestibus sacramentis eisque ut competit disponendis, subdi te debere cognoscis religionis ordine potius quam praeesse, itaque inter haec ex illorum te pendere judicio, non illos ad tuam velle redigi voluntatem. Si enim, quantum ad ordinem pertinet publicae disciplinae, cognosentes imperium tibi superna dispositione collatum, legibus tuis ipsi quoque parent religionis antistes, ne vel in rebus mundanis exclusae videantur obviare sententiae; quo, oro te, decet affectu eis obedire qui praerogandis venerabilis sunt attributi mysteriis?
8 Lukas, 22, 35-38 35 “Et dixit eis: ‘Quando misi vos sine sacculo et pera et calceamentis, numquid aliquid defuit vobis?’. At illi dixerunt: ‘Nihil’. Dixit ergo eis: ‘ Sed nunc, qui habet sacculum, tollat, similiter et peram; et, qui non habet, vendat tunicam suam et emat gladium. Dico enim vobis: Hoc, quod scriptum est, oportet impleri in me, illud: ‘Cum iniustis deputatus est’. Etenim ea, quae sunt de me, adimpletionem habent ‘. At illi dixerunt: ‘Domine, ecce gladii duo hic’. At ille dixit eis: ‘Satis est’.
9 Vgl. Wolfgang Weber. S.153.
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Joseph Badde, 2002, Das Sonne-und-Mond-Gleichnis: Über das Verhältnis zwischen Papst und Kaiser im Mittelalter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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