Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................... 2
2. Der Islam 5
3. Scharia - die muslimische Rechtsprechung 8
3.1. Geschichte der Scharia 8
3.2. Die Rolle und die Rechte der Frau im Koran. 9
3.3. Islamische Ehe- und Familiengesetze 12
4. Der Islam und die Menschenrechte. 18
5. Das Frauenbild im Islam 23
6. Ehre und Schande, die Frau als Trägerin der Ehre. 25
6.1. Ehrenmorde 26
6.2. Gründe und Auslöser. 27
6.3. Formen der Gewalt. 27
7. Die Situation in Deutschland. 31
8. Prävention und Hilfsmöglichkeiten für Frauen in Deutschland. 33
9. Schlussfolgerung 34
10. Literaturverzeichnis. 39
2
1. Einleitung
„Mit Kopfschüssen wurde eine junge Türkin offenbar von ihren Brüdern hingerichtet, um die "Ehre" der Familie wiederherzustellen.“, Süddeutsche Zeitung 1
So oder ähnlich lauten die Schlagzeilen, die wir in letzter Zeit öfter lesen. Innerhalb von Migrantencommunities in Deutschland kommt es immer wieder zu so genannten „Ehrenmorden“. Dabei spielt das Tatmotiv „Ehre“ eine große Rolle. Was aber ist die „Ehre“, die ein Familienangehöriger so verletzen kann, dass er dafür hingerichtet wird? Und wie kommt es zu solchen Taten, welchen Einfluss haben Religion und Kultur der Herkunftsländer? Wie ist die Stellung der Frau in diesen Gesellschaften? Welche Rechte haben Frauen, wo aber werden diese nach unserer westlichen Sicht verletzt? Damit wird sich meine Hausarbeit beschäftigen.
Schon der Titel meiner Arbeit „Frauen zwischen Familien(ehre) und Selbstbestimmung; Ehrenmord“, weist auf ein Problem hin: Familienehre und Selbstbestimmung sind im Leben vieler Frauen auch hier in Deutschland nicht vereinbar. Sie können sich dafür entscheiden die Familienehre nicht zu verletzen, nach den Vorgaben ihrer Familien, also fremdbestimmt zu leben, oder sie entscheiden sich für ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, was fast zwangsläufig die Ehre der Familie verletzt und zum Bruch mit der Familie und in einigen Fällen sogar zu ihrer Ermordung führt - eine recht provokante These, die ich aber in der Hausarbeit belegen werde.
Laut Studien der UN werden jährlich 5000 Mädchen und junge Frauen in mindestens 14 Ländern der Welt ermordet, weil sie die „Ehre“ des Mannes bzw. ihrer Familie beschmutzt haben. Die Dunkelziffer liegt allerdings um ein vielfaches höher, die wenigsten Fälle kommen tatsächlich vor Gericht. Die Morde werden oft als Selbstmord oder Unfall getarnt. Die Gesellschaft, Verwandte, Freunde und auch oft die Polizei schauen tatenlos zu. 2 Auch hier in Deutschland.
Wie das Beispiel der Deutschkurdin Hatun Sürücü zeigt, die sterben musste, weil sie ein selbst bestimmtes Leben führen wollte, genauso wie andere junge deutsche Frauen auch.
1 http://www.sueddeutsche.de/,polm3/deutschland/artikel/160/48112/ vom 21.02.2005
2 Myria Böhmecke, TERRE DES FEMMES e.V., Studie: Ehrenmord, S. 3
3
Hatun Sürücü wuchs in Berlin auf und wurde im Alter von 23 Jahren von ihrer Familie mit einem Cousin in der Türkei zwangsverheiratet. Sie floh mit ihrem Sohn aus der Ehe, kam nach Berlin zurück, legte das Kopftuch ab, lebte in einer eigenen Wohnung und absolvierte eine Elektroinstallateurlehre. Kurz vor ihrer Gesellenprüfung wurde sie von ihrem jüngsten Bruder erschossen, weil sie durch ihre westliche Lebensart die Ehre der Familie verletzt hatte. 3
Natürlich darf man auch bei diesem Thema nicht verallgemeinern. Nicht alle Frauen mit Migrationshintergrund werden unterdrückt, zwangsverheiratet und bei Rebellion ermordet. Und nicht alle Opfer von Ehrenmord stammen aus einem muslimischen Land. In meiner Hausarbeit werde ich mich aber auf die Gruppe der traditionellen, muslimischen Frauen konzentrieren. In einigen Teilen wird es speziell um türkische Frauen gehen, da sie in Deutschland mit 1,88 Millionen die größte Gruppe darstellen und sich in letzter Zeit „Ehrenmorde“ an türkischen Mädchen häuften. Mit 77% machen die Ehrenmorde innerhalb der türkischen Migrantengesellschaft den größten Anteil aus, gefolgt vom Libanon und Jugoslawien. Dass auch Männer Opfer dieser Morde werden, sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. 4
Wenn wir über die Selbstbestimmung der Frau sprechen, dann müssen wir uns zunächst anschauen, welchen Stellenwert und welche Rolle die Frau in ihrem Herkunftsland hat, um nicht vorschnell westliche Maßstäbe anzusetzen. So müssen wir zuerst einmal alles vergessen, was uns die „Zeit der Aufklärung“ an Normen und Werten gebracht hat und was 30 Jahre Frauenbewegung im Kampf um die Gleichberechtigung von Mann und Frau für uns in Deutschland zur Selbstverständlichkeit haben werden lassen. Es folgen vorab einige Definitionen und religiöse, geschichtliche und gesellschaftliche Hintergründe.
3 Ebenda, S. 22
4 Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann, S. 207f
4
2. Der Islam
Der Islam wurde vom Propheten Muhammad in der Zeit von 610 bis 632 n. Chr. auf der arabischen Halbinsel gestiftet. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er gleichzeitig Gesetz und Sitte festlegt, welche als ewig, gottgegeben und vom menschlichen Willen unabhängig gelten. Der Islam ist mit ca. 1,2 -Milliarden Anhängern nach dem Christentum (ca. 2,0 Milliarden Anhänger) die zweitgrößte Religion der Welt. Der Islam, was so viel wie „Unterwerfung“ oder „Hingabe an Gott“ bedeutet, kennt keine Trennung von Religion und Staat.
Der Prophet Muhammad schuf eine monotheistische, patriarchalische Gesellschaftsform in der die Gemeinschaft der Gläubigen, die Umma, den größten Stellenwert hat. Dies tat er, um die zur damaligen Zeit üblichen Stammesfehden zu unterbinden und einen Zusammenhalt zu schaffen. Wer besiegt wurde, wurde nicht mehr versklavt, sondern in den Clan aufgenommen, sofern er sich dem islamischen Glauben unterwarf. Damit war für eine schnelle Ausbreitung des Islam gesorgt.
Für den Propheten war es für den Aufbau der Gesellschaft wesentlich, dass der Mann die Autorität in der Familie ist, der sich alle unterzuordnen haben. Laut Mernissi sind die Grundlagen dieser Struktur: männliche Überlegenheit, Angst vor der sexuellen Anziehungskraft (fitna) der Frau, die Notwendigkeit einer sexuellen Befriedigung für alle Gläubige und die Notwendigkeit für männliche Muslime Gott an erste Stelle zu setzen und sich ihm zu weihen. Grundprinzip der islamischen Familie so sagt Mernissi weiter, sei zudem die systematische Unterbindung der Selbstbestimmung der Frau, denn diese und die Initiative von Frauen innerhalb wie außerhalb des Hauses symbolisieren die Abwesenheit von Ordnung und islamischen Gesetzen. 5 Und vor dieser Abwesenheit „fürchten“ sich die Muslime. Mernissi spricht von einem hysterischen Verhalten der arabisch-moslemischen Führung, sobald weibliche Selbstbestimmungsforderungen im Zuge von ökonomischem und politischem Wandel laut werden. 6
5 Fatima Mernissi, 1987, S.84f
6 Ebenda, S.87,
5
Schauen wir einmal, warum man im Islam solch große Angst vor fitna, vor der Macht der weiblichen Reize hat und deswegen die Sexualität der Frauen unter Kontrolle zu bringen versucht.
Fitna ist arabisch und bedeutet „Anfechtung“ oder „schöne Frau“. Diese soll Unordnung und Chaos bringen. Der Mann hat Angst durch die Verführungskünste der Frau seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Verhaltensregeln und die Ausgrenzung der Frau im Rahmen der Geschlechtertrennung, permanente Überwachung und Bedeckung sind Vorsichtsmaßnahmen. Die „Überwachung und Beherrschung der Frau soll verhindern, dass die Männer sich von ihren gesellschaftlichen und religiösen Pflichten abwenden“, so Mernissi weiter. Deshalb sind in der Öffentlichkeit der islamischen Gesellschaft meist (natürlich gibt es Ausnahmen) nur Männer zu finden. Frauen finden weniger statt, bzw. haben die Rolle der Mutter und Ehefrau. 7
Aus westlicher Sicht heißt das für mich, bin ich in eine Familie geboren, die den islamischen Glauben in traditioneller Form lebt, habe ich von Geburt an als Mädchen/Frau eine gewisse, meiner Meinung nach schlechtere Stellung in der Gesellschaft. Mein Wert ist, laut Koran geringer als der eines Mannes, ich habe weniger Rechte und weniger Freiheit, kann weniger Entscheidungen selber fällen. Und ich lebe eine Religion, die ich nicht freiwillig gewählt habe, sondern in die ich hineingeboren bin. Diese betrifft sämtliche meiner Lebensbereiche und wollte ich mich einer anderen Glaubensgemeinschaft anschließen, würde ich von meiner Familie verstoßen. Ich habe also keine freie Wahl, kann nicht selbst bestimmen, wie mein Leben aussieht. Völlige Hingabe an Gott und das Unterordnen meiner Wünsche unter die der Gemeinschaft scheinen die einzige Alternative. Und Necla Kelek schreibt dazu: „Das Recht auf persönliche Entscheidungen ist Muslimen…nur in engen Grenzen gegeben. In erster Linie trägt jedes Mitglied der Gemeinde mit seinem Handeln Verantwortung gegenüber der Familie, der Gemeinschaft und Gott. Der Einzelne ist nicht für sich da, sondern für die Gemeinschaft.“ 8
In Ägypten zum Beispiel ist der „Wert des Lebens für eine Frau…nach traditioneller Denkart die Heirat, und das Ziel jeder Ehe…das Zeugen von Kindern“. 9 Alternative Lebensentwürfe fehlen oder sind von Frauen dort schwer umsetzbar, der Sinn des Lebens und sein Verlauf scheinen vorgezeichnet.
7 Fatima Mernissi, 1987, S.12ff,
8 Necla Kelek, „Die fremde Braut - Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“,
Goldmann Verlag, Münschen, 2006, S.247f
9 Abdulkarim Sabbagh,1983 S. 210,
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Andererseits bin ich in einem Familiensystem aufgehoben, das mir in Notsituationen beisteht und mich nicht allein lässt. „In islamisch geprägten Gesellschaften ist die Unterstützung durch die Familie im Krankheits- oder Notfall in aller Regel ebenso grenzenlos wie die Kontrolle lückenlos ist.“ 10
Der Islam ist sehr prägend für die Menschen, denn er ist nicht nur Religion, sondern auch Lebensweise. Kultur, Religion und Gesetzgebung sind kaum voneinander zu trennen. Eine strikte Trennung von Kirche und Staat wie bei uns gibt es wie schon erwähnt nicht. Die Grundlage der islamischen Rechtssprechung ist die Scharia. Sie gilt für alle islamischen Staaten, außer der Türkei (offiziell). Aus ihr kann auf die Stellung der Frau in der Vergangenheit und der heutigen Zeit geschlossen werden. 11
Natürlich gibt es „den Islam“ nicht. Er ist in jedem Land anders, hängt von politischen Faktoren genauso wie von wirtschaftlichen ab. Die Ausprägung und Auslebung des Glaubens kann auch innerhalb eines Landes stark variieren, abhängig davon, ob man im ländlichen, eher konservativen, oder städtischen, eher fortschrittlichen, modernen Bereich lebt. Doch wer gibt diese Regeln vor? Wer bestimmt darüber, ob eine Frau einen Mann heiraten muss, den sie nicht selbst gewählt hat? Wer legt die soziale Stellung der Frau in der Familie, in der Gesellschaft und in der Öffentlichkeit fest und wer entscheidet über ihre Chancen und Möglichkeiten in Ausbildung, in der Wahl des Freundeskreises, ihren Einfluss auf die Politik und Wirtschaft? Wie wir sehen werden haben Scharia, Koran und Tradition großen Einfluss auf das Leben eines Menschen, auf das einer Frau im speziellen.
10 Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann, S. 175
11 Abdulkarim Sabbagh, S. 34f,
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3. Scharia - die muslimische Rechtsprechung
„Die Scharia ist die Gesamtheit des islamischen Gesetzes, wie es im Koran, in der islamischen Überlieferung und in den Auslegungen maßgeblicher Theologen und Juristen vor allem der frühislamischen Zeit niedergelegt wurde.“ 12 Sie ist von Gott selbst erlassen und besitzt somit uneingeschränkte Autorität. Grundlage dafür legen Koran und Sunna und ihre oftmals zu Ungunsten der Frau interpretierten Gesetze zu Ehe und Familie. Die Stellung der muslimischen Frau und ihr Bewegungs- und Entscheidungsspielraum in der Gesellschaft wird durch die Scharia geprägt. Sie ist in islamischen Ländern (Außer der Türkei, die seit den Reformen Kemal Atatürks offiziell die Trennung von Staat und Religion im Gesetz verankert hat. Der Alltag sieht allerdings noch immer ganz anders aus.) und in Teilen Afrikas und Südostasiens einzige Grundlage des Personenstandsrechts. Kernpunkt sind das Familien- und Erbrecht. Eine zivile, von religiösen Normen abgetrennte Rechtssprechung existiert nicht. Je nach Auslegung der Theologen gestaltet sich die Situation der Frauen in den verschiedenen Ländern unterschiedlich. 13
Doch nicht nur die strenge Auslegung der Scharia, sondern auch die tief verwurzelten gesellschaftliche Normen beschränken die Freiheit der Frauen und so werden nicht selten die Interessen der Familie oder der Gesellschaft denen des Individuums übergeordnet. 14 Die Scharia existiert also in fast allen muslimischen Ländern, variiert in ihrer Auslegung allerdings stark. So ist die Situation der Frau abhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihrem familiären Umfeld. Von Bedeutung ist ebenfalls, ob die Frau Zugang zu Bildung und Wissen besitzt und wie stark der Islam in ihrer Familie praktiziert wird. 15
3.1. Geschichte der Scharia
Um die islamische Rechtssprechung verstehen zu können, machen wir einen kurzen geschichtlichen Diskurs und schauen uns die Entstehung der Scharia an.
12 Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann,
13 Ebenda, S. 12
14 Ebenda, S. 13
15 Ebenda, S. 63
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Kerry Herrmann, 2007, Frauen zwischen Familien(ehre) und Selbstbestimmung; Ehrenmorde, München, GRIN Verlag GmbH
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