Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung S 3
2. Hauptteil S 5
2.1 Impressionistische Personencharakteristik exemplarisch
an der Figur Adolfa Etvøs S 5
2.2 Impressionismus und Stilmittel sowie deren Bedeutung
für die Handlung und ihre Figuren S 9
3. Schluss S 15
4. Literaturverzeichnis S 17
2
1. Einleitung
Um zur Herausarbeitung der impressionistischen Personencharakteristik 1 in Herman Bangs „en dejlig dag“ 2 zu gelangen, bedarf es zunächst einleitender Worte zum Impressionismus im Allgemeinen und zum Impressionismus bei Herman Bang im Speziellen. Im Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte wird festgestellt, „daß „literar[ischer] I[mpressionismus]“ keine Epochen-Bezeichnung, keine Stil-Bewegung im eigentlichen Sinne ist, wie Symbolismus, Naturalismus, Expressionismus es sind, sondern ein zu bestimmten Zeiten besonders sichtbar werdendes Stilelement. Wo besonders Reizbarkeit des Auges und des Gefühls Voraussetzung der Dichtung ist, werden auch impr[essionistische] Stilsymptome deutlich.“ 3 Trotzdem ist der Impressionismus – wie es im Metzler heißt – „im Zusammenhang mit der Abkehr vom Naturalismus zu sehen. […] Ins Zentrum rückt der sinnlich-subjektive Eindruck, der einmalige unverwechselbare Augenblick, der flüchtige Reiz, der in allen seinen subtilen Nuancen und Differenzierungen mit höchster Präzision und Intensität wiedergegeben werden soll.“ 4 Dabei tritt „das zufällige Abbild“ 5 in den Vordergrund, welches an die Phantasie des Lesers appelliert, „der selber meist das Erforderliche assoziieren muß, das bewusst noch ungesagt geblieben ist“. 6 Harry Jacobsen beschreibt Bangs impressionistischen Stil folgendermaßen: „Hver lille Handling skulde være som et Glughul ind i det skildrede Mennsekes Tankeliv.” 7 Wenn Bang eine Person beschreibt, versucht er die für diese Person charakteristischen und typischen Situationen wie Repliken darzustellen, damit sich die darzustellende Person dem Leser als Ganzes offenbart. Jacobsen hebt in diesem Kontext besonders hervor, dass Bangs Stil innerhalb der Literatur Erinnerungskunst und seine Bilder vom Leben ausgeprägte Stimmungskunst seien, 8 womit er darauf hingedeutet haben dürfte, dass Bang dem Leser einen – von Bang gewollten, für den Leser aber (zunächst) unbewussten 1 Zeitgemäßer wäre mit Sicherheit der Terminus „Figur“ statt „Person“, weil es sich schließlich „um erfundene, fiktive Wesen handelt, selbst wenn sie alle Züge eines richtigen Menschen aufweisen“ (Schneider, Roman- analyse, S. 17). Dies soll aber als Hinweis auf eine möglicherweise empfundene terminologische Unzulänglichkeit genügen, der hier keine große Bedeutung beigemessen wird. Denn der Umgang mit den (faktischen) Figuren als (nicht reelle historische) Personen soll deutlicher herausstellen, wie Lebensnah die Figuren eigentlich dargestellt werden. Dazu aber im Kommendem mehr.
2 Bang, Herman: værker i mindeudgave (hrsg. Johan Knudsen und Peter Nansen, København und Kristiania (Dänemark), Gyldendal, nordisk forlag, 1912, Band 2. Alle Angaben zum Haupttext werden im Text nachgewiesen (z.B. „317“), alle anderen Nachweise werden in Fußnoten aufgeführt werden. Zitate werden kursiv dargestellt, in diesen enthaltene Hervorhebungen werden dem original folgend kenntlich gemacht. Auslassungen und Hinzufügungen werden durch Klammern „[…]“ gekennzeichnet.
3 Reallexikon S. 749.
4 Metzler S.218.
5 Reallexikon S. 749.
6 Ebd.
7 Jacobsen, Resignationens digter, S. 154.
8 Vgl. ebd. S. 153.
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– Einblick in die Psyche der Personen verschafft, ohne dessen eigenes, aktives Zutun tatsächlich zu erfordern. Mit Lauterbach lässt sich dies so ausdrücken, dass „der Eindruck erweckt werden [soll], a l s er z ä h l t e d a s Leb en s i ch s el b s t . “ 9 Später spezifiziert
Lauterbach, Bang zeige „die Menschen in so entscheidenden Situationen, daß sich ihr ganzes Leben offenbart“. 10 All dies weist darauf hin, dass es zur Herausarbeitung der
Personencharakteristik unter Berücksichtigung des Bangschen impressionistischen Stils Subtilität und Sorgfalt bedarf, da Bangs Darstellungskunst sich durch ebendiese Eigenschaften auszeichnet. 11 Der Forschungsstand zur Personencharakteristik in „en dejlig
dag“ beschränkt sich auf einige Untersuchungen in einer Magisterarbeit zur Funktion und Bedeutung des Essens in der skandinavischen Literatur 12 und auf wenige Bemerkungen bei
anderen Autoren, die sich überwiegend mit Bangs Leben und Werk als Ganzes beschäftigen und eher auf die größeren Romane abzielen. Allerdings lässt sich Generelles übertragen 13 und
zudem können einige Parallelen zu Beispielen aus anderen Werken Bangs aufschlussreich verwendet werden, die größtenteils im Zusammenhang mit der impressionistischen Personendarstellung Bangs stehen.
Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten einen Zugang zur impressionistischen Personencharakteristik in „en dejlig dag“ zu wählen. Beim Blick auf die Literatur über Bangs Werk (und seinen Impressionismus) wird deutlich, dass es sich wohl einfacher gestaltet, statt an seinen Figuren, vielmehr an bei ihm aufgeworfenen Themen und Stilmitteln orientiert zu sein. Dies geschieht meines Erachtens jedoch ein Stückweit auf Kosten der Erfassung der Ganzheit der Figuren. Der Leser bekommt zwar einen guten Überblick über das Impressionistische, es fehlt dann aber an einer ganzheitlichen Darstellung einzelner Figuren bzw. an einem Überblick über diese. Diese Untersuchung wird zunächst den Charakter der Adolfa Etvøs exemplarisch für das vollständige Erfassen der Figuren nachzeichnen, auch um einen Beweis dafür zu liefern, dass ein solches Nachvollziehen – wenn überhaupt – nur auf diesem Wege möglich ist. Da der Rahmen dieser Untersuchung aber begrenzt ist, muss auch hier ein Stückweit auf die angestrebte Gänze verzichtet werden. Daher wird der zweite Teil 9 Lauterbach, Bangs Impressionismus, S. 110.
10 Lauterbach, Bangs Impressionismus, S. 116.
11 Lauterbach ist der Meinung, dass „mit den wenigen, scheinbar absichtslosen, Bemerkungen, die an die Stelle des breiten Charaktergemäldes treten, zum Wesentlichen vorzudringen, das hat man bisher noch viel zu wenig gewürdigt.“ Lauterbach, Bangs Impressionismus, S. 132.
12 Muchowski, Festküche und Gastmahl.
13 Dies wird in der Untersuchung noch deutlich werden.
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der Analyse sich mit dem Impressionismus und Stilmitteln beschäftigen und herausarbeiten, welche Bedeutung diese für die Handlung und ihre Figuren haben. 14
2. Hauptteil
2.1 Impressionistische Personencharakteristik exemplarisch an der Figur
Adolfa Etvøs
Adolfa Etvøs wird zunächst über ihr Äußeres eingeführt (Vgl. 305). Das Bild der kleinen, brettflachen Frau, an der alles in Bewegung ist außer ihrer Augen, „de brændte altid ligesom af en anden Bekymring dybt inde i deres huler“ (ebd.), deutet sofort zweierlei an. Zum einen ist sie ständigen Sorgen ausgesetzt, was besonders durch die Worte „altid“ und „Bekymring“ angezeigt wird und in diesem Zusammenhang – der Verbindung zu ihrer Psyche – durch das „dybt inde“ und dem „huler“ – welche auf das Dunkel der Seele anspielen könnten – 15
verstärkt wird. Es wird außerdem eine Vorstellung von Zerbrechlichkeit des Äußeren geweckt, die sich anhand des weiteren Verlaufs durchaus auf ihr Inneres übertragen lässt. Andererseits kann hier schon ein erster Hinweis über den Grund ihrer Sorge vermutet werden: Ihre Ärmlichkeit bzw. die Armut ihrer Familie. Ihr äußeres Erscheinungsbild muss schließlich irgendwo herrühren. Wenig später bestätigt sich dieser Eindruck durch eine beiläufige Erklärung des nullfokalisierten Erzählers, 16 dass die selbst gestrickten Wollschals von Frau
Etvøs der einzige Schutz im Winter sind und sie sich hauptsächlich auf das Schützen des Halses beschränken (306), zu mehr Schutz scheinen die Mittel wohl nicht zu reichen. Es lassen sich noch viele weitere derartige Beispiele anführen, die zugleich gar noch Träger der räumlichen Stimmung sind und darstellen, warum das Etvøssche Heim tatsächlich ein ungeeigneter Ort zur Ausrichtung eines Mahls für eine derart gehobene Gesellschaft zu sein scheint. Um nur einige zu nennen: Die Tapetenfetzen (307), der verrostete Herd (314), die zu kurzen Gardinen (318) oder die in der Höhe ungleichen Stühle im Speisezimmer (328). Die Armut wird aber auch explizit thematisiert, so bspw. ausgedrückt im Gedankenzitat „var de s a a pauvre, s a a latterlige…“ (318), dem der Erzähler das „Aldrig havde hun set den [das Wohnzimmer] saa fattig“ (ebd.) vorausschickt. Deutlich wird die Thematisierung der Armut 14 Aus Platzgründen wird mit der Analyse „in medias res“ begonnen und auf eine überblicksartige Einleitung in die Handlung verzichtet.
15 Höhlen sind dunkel und daher geheimnisvoll. Beim „dybt inde“ ist die Möglichkeit der Allegorie wohl noch einfacher nachzuvollziehen und insgesamt auch deutlicher.
16 Termini zur Erzähltextanalyse orientieren sich an den Erzähltheoretischen Ausführungen von Martinez und Scheffel, vgl. Martinez/Scheffel, Erzähltheorie.
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Tim Christophersen, 2007, Impressionistische Personencharakteristik in Herman Bangs Novelle „en dejlig dag“, Munich, GRIN Publishing GmbH
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