Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
I. Einleitung und Hinführung zum Thema 1
I.1. Die Begriffe Kultur, Kritik und Kulturkritik. 1
II. Die symbolische Ordnung der Kultur nach Ernst Cassirer. 5
III. Mythos und Moderne 10
IV. Fazit - die Bedeutung der „Kritik der Kultur“ 15
Literaturverzeichnis 17
Werke von Ernst Cassirer: 17
Sekund ärliteratur: 17
I. Einleitung und Hinführung zum Thema
I.1. Die Begriffe Kultur, Kritik und Kulturkritik
Das Werk des Menschen ist die Welt, die er sich schafft, die Kultur. Diese Einsicht gewann auch Ernst Cassirer. Doch die ganze Kulturphilosophie und mithin die Kulturkritik sind ein umstrittenes Gebiet innerhalb der philosophischen Disziplinen. Schon die Einzelbegriffe Kultur und Kritik haben einen interessanten begriffsgeschichtlichen Hintergrund zu verzeichnen. Der lateinische Begriff cultura heißt übersetzt Bebauung oder Pflege. Der Begriff entstammt demzufolge aus dem Bereich der Landwirtschaft, genauer des Ackerbaus. 1 Cicero war es erst, welcher der Philosophie den Charakter einer „Cultura animi“ (Pflege der Seele) zuwies. Kultur und Philosophie waren in diesem Zusammenhang zum ersten Mal in Verbindung gebracht worden 2 . Doch bis in die frühe Neuzeit hinein bedurfte der Begriff der Kultur dieses Genitivattributs, erst danach konnte das Wort alleine stehen 3 .
Heute wird unter Kultur die Gesamtheit der typischen Lebensformen größerer Menschengruppen einschließlich ihrer geistigen Aktivitäten, besonders der Werteinstellungen verstanden. Kultur gilt im weitesten Sinn als Inbegriff für all das, was der Mensch geschaffen hat, im Unterschied zum Naturgegebenen. Im engeren Sinn bezeichnet Kultur alle Bereiche der menschlichen Bildung im Umkreis von Erkenntnis, Wissensvermittlung, ethischen und ästhetischen Bedürfnissen. 4
Der Begriff der Kritik entstammt ebenfalls der Antike, allerdings ist er griechischen Ursprungs. So bedeutete das Wort ursprünglich die Kunst des
1 Lat. Cultura, von colere: bebauen, pflegen. Siehe dazu Konersmann, Ralf, Kulturphilosophie, in: Pieper, Annemarie (Hrsg.): Philosophische Disziplinen. Ein Handbuch, 2. Aufl., Leipzig 2004, S. 165-184, hier S. 171 und vgl. Prechtl, Peter; Franz-Peter Burkard: Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen, 2. Aufl., Stuttgart u. Weimar 1999, S. 310f.
2 Siehe Rudolph, Enno, Zur Einführung, in: Rudolph, Enno; Küppers, Bernd-Olaf (Hrsg.): Kulturkritik nach Ernst Cassirer. Hamburg 1995; S. 1-11, hier S. 1.
3 Siehe Konersmann, Ralf, Das kulturkritische Paradox, in: Ders. (Hrsg.): Kulturkritik. Reflexionen in der veränderten Welt, S. 9-37, hier S. 11.
4 Trotz dieser Umschreibungen gibt es bis heute keine allgemeingültige Definition dessen, was Kultur ist. Siehe dazu: Konersmann, Ralf, (wie Anm. 3), S. 11f.
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Trennens, des Scheidens oder des Beurteilens. 5 Kritik beinhaltet demzufolge auch immer, eine Distanz zum Dargebotenen aufzubauen, um das Bewusstsein für den Ursprung eines Sachverhaltes zu gewinnen. 6
Kultur und Kulturkritik gehören in der Moderne aufs engste zusammen. Kulturkritik ist selbst ein Teil der Kultur, die sie kritisiert, aber auch die Kultur ist von ihrer Kritik abhängig. Während vor allem die Erfolge von Naturwissenschaft und Technik die Vorstellungen von Fortschritt und Kultur seit Beginn der Moderne beflügelten, wurde zugleich offenbar, dass von einem entsprechenden Höhenflug der moralischen Kompetenzen der Menschen nicht ebenso die Rede sein konnte. Die künstlerischen, wissenschaftlichen und philosophischen Thematisierungen von Kultur wurden daher seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts durch Kritik, Protest und Warnung begleitet. 7 Es war Jean-Jacques Rousseau, der mit seiner radikalen Kritik am Fortschrittsglauben den Aufklärern leidenschaftlich widersprach. Er machte für die soziale Not nicht den Mangel an Vernunft verantwortlich, sondern den menschlichen Willen, der im Verlauf des Prozesses der Zivilisation unnatürlich, künstlich, falsch und böse geworden sei. Damit wurde das soziale Problem zu einem moralischen Problem, und die Kulturkritik (und Fortschrittskritik) zu einer weit reichenden Anklage gegen die Unglaubwürdigkeit der Menschen. Rousseau verband seine Kritik an der menschlichen Natur allerdings gleichzeitig mit der Überzeugung, dass sie die Fähigkeit habe, sich zu vervollkommnen. Damit verfolgte er eine Kritik, die sich nicht, wie noch bei den Enzyklopädisten, auf einzelne Phänomene beschränkte, sondern diese als Ausdruck einer gesellschaftlichen Krisensituation zu begreifen suchte. Mit dieser Kulturkritik, welche die gesellschaftlichen Institutionen grundsätzlich der souveränen Entscheidung des Volkes anheim stellte, wurde Rousseau schließlich zum Inbegriff der Französischen Revolution.
5 griechisch „krinein“ od. „kritike“ . Siehe dazu Prechtl, Peter; Franz-Peter Burkard, (wie Anm. 1), S. 307 und vgl. Konersmann, Ralf, (wie Anm. 3), S. 13.
6 Vgl. ebda., S. 13.
7 Siehe Konersmann, Ralf, (wie Anm. 3), S. 21ff.
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Das strikte historische Denken sollte erst eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts werden. Auf dieses neue Denken stützte sich nun jene andere Form von Kulturkritik, die der Idee des Fortschritts selber. Die Kritik an Kultur und Fortschritt kann zusammenfassend verschiedene Formen annehmen: als Kritik am Fortschrittsglauben oder als Kritik an der Fortschrittsidee. So wird der unreflektierte Glaube an den Fortschritt kritisiert, mit dem fälschlicherweise von einzelnen, fortschrittlichen, Bereichen auf andere geschlossen wird, oder der die negativen Neben- und Rückwirkungen einzelner positiver Entwicklungen ausblendet. Andererseits kann aber auch diese Idee selbst infrage gestellt werden. 8 Etwa durch die Annahmen, dass jeder Fortschritt in einem Bereich zugleich auch Zerstörung und Verlust in einem anderen Bereich bedeutet, und dass die Vorstellung einer linearen Entwicklung der Menschheit in Richtung Vervollkommnung selbst ein Fehlschluss ist, so dass Individuen und Kulturen in ihrer Entwicklung Formen ausbilden, die grundsätzlich gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Erweitert man seinen Blick über diese Einstellungen hinaus, lässt sich folgende Unterscheidung von Kulturkritik vornehmen: A.) Die normative Kulturkritik, deren Horizont auf die „Tragik des Niedergangs und auf die Verklärung vormoderner Lebensformen beschränkt bleibt“.
B.) Die deskriptive Kritik der Kultur, die den Prozess kultureller Selbstbeobachtung rekonstruiert und selbst vorantreibt. 9 C.)
In dieser Arbeit soll es nun darum gehen, wie Ernst Cassirer 10 sich in dem Themenkomplex verorten lässt.
8 Vgl. Ebda., S. 16f.
9 Siehe dazu: Konersmann, Ralf, (wie Anm. 3), S. 18.
10 Cassirer, Ernst, Philosoph, geb. in Breslau am 28.07.1874, gest. in New York am 13.04.1945; war 1919-1933 Professor in Hamburg. Cassirer emigrierte nach England und lehrte von 1933-35 in Oxford, dann in Schweden in Göteborg, seit 1941 in den USA an der Yale University und schließlich von 1944-45 an der Columbia University in New York. Cassirer kam von der Marburger Schule des Neukantianismus her (Schüler von H. Cohen). In Weiterbildung des transzendentalphilosophischen kritischen Idealismus Kants deutete er die gesamte kulturell-geistige Wirklichkeit als eine Vielheit von Bildwelten, deren symbolische Formen autonome Schöpfungen des Geistes darstellen; denn erst durch dessen sinnverleihende Formung werden die Erscheinungen zur Welt als einem objektiven Sinnzusammenhang. Die Geistesgeschichte wird in diesem Sinn als symbolgestaltender Ideenprozess gedeutet. In ihm komme der Mensch zur Freiheit wachsender Selbstbewusstheit und Selbstbestimmung. Cassirer schrieb neben seinen systematischen Werken richtungweisende Arbeiten zur Geschichte der Philosophie (Renaissance, Aufklärung, Descartes, Leibniz, Rousseau und Kant) und zur Geistesgeschichte (Goethe, Hölderlin, Kleist). Siehe zu Cassirers Leben: Graeser, Andreas: Ernst Cassirer. München 1994, S. 11-28.
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Daher ist herauszuarbeiten, wie die Kulturphilosophie Cassirers beschaffen ist. Cassirer selbst schreibt über die Kulturphilosophie: „Von all den einzelnen Gebieten, die wir innerhalb des systematischen Ganzen der Philosophie zu unterscheiden pflegen, bildet die Kulturphilosophie vielleicht das fragwürdigste und das am meisten umstrittene Gebiet. Selbst ihr Begriff ist noch keineswegs scharf umgrenzt und eindeutig festgelegt.“ 11 Mit Cassirer beginnt im 20. Jahrhundert eine neue Phase der Kulturphilosophie und der Kulturkritik, die Phase der „Kritik der Kultur“. 12
11 Cassirer, Ernst, Naturalistische und Humanistische Begründung der Kulturphilosophie, in: Cassirer, Ernst: Aufsätze und kleine Schriften (1936-1940). Text und Anmerkungen bearbeitet von Claus Rosenkranz (Gesammelte Werke Bd. 22), S. 140-166, hier S. 140.
12 Siehe Konersmann, Ralf, (wie Anm. 3), S. 31. Und siehe zum weiteren Verlauf der Diskussion um den Kulturbegriff im 20. Jahrhundert: Rudolph, Enno: Ernst Cassirer im Kontext. Kulturphilosophie zwischen Metaphysik und Historismus, Tübingen 2003, S. 257-268.
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Arbeit zitieren:
Tobias Thiel, 2006, Kulturkritik nach Ernst Cassirer, München, GRIN Verlag GmbH
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