zu einem Verschwinden der Vergangenheit geführt, vielmehr haben sie sie im deutschen Wesen zu einem allgegenwärtigen Mene tekel werden lassen mit dem wir kaum mehr fertig werden. Nicht umsonst heißt es in der Bibel: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen“. Für das Fortwirken und die Verleugnung der deutschen Schuld könnte man unzählige Beispiele nennen; das manifestierteste ist wohl die mittlerweile schon gar nicht mehr geführte Diskussion um die zum Dogma erstarrte Frage, inwieweit das Kriegsende als Niederlage oder als Befreiung aufzufassen sei. Dabei kann es auf diese Frage nur eine Antwort geben, nämlich die, daß das Kriegsende unter allen Umständen als Niederlage zu gelten hat. Dabei spielt das Faktum der militärischen Niederlage natürlich die geringste Rolle, viel wichtiger ist die Tatsache der menschlichen Niederlage, der letztlich auch ganz spezifisch deutschen Niederlage, um nicht zu sagen Vernichtung, die sich im 8. Mai 1945 widerspiegelt. Das Dritte Reich war kein Naturereignis, das über die Deutschen kam wie ein Wolfsrudel über eine Schafherde. Wir sollten uns daran erinnern, was Thomas Mann 1944 schrieb: „Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, daß der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren seelischen Investierung von Glauben und Begeisterung war.“ 1 Wir dürfen nicht vergessen, daß vieles, was den Nationalsozialismus kennzeichnet, unter Anderem die deutschen Großmachtsträume der Kaiserzeit, die im ersten Weltkrieg gipfelten und nach dem zweiten Weltkrieg zunächst in Form des deutschen Revanchismus, letztlich aber bis in die heutige Außenpolitik hinein immer wieder zu spüren war (man betrachte nur das hybride deutsche Engagement auf dem Balkan, im Kampf gegen den Terror oder schlicht Schröders „deutschen“ Weg). Dasselbe gilt für den gewaltbereiten Antisemitismus, der sich ebenfalls schon lange vor dem Dritten Reich äußerte, so zum Beispiel 1923 mit Pogromen im Berliner Scheunenviertel. Vor diesem Hintergrund kann man nur konstatieren, daß der Nationalsozialismus offensichtlich nicht nur von breiten Bevölkerungsschichten bewußt gewählt wurde, sondern daß er ihnen auch gab, was sie von ihm erwarteten; freilich mit
2
einem völlig anderen Ergebnis als erwartet. Die eigentliche deutsche Niederlage konstituiert sich also aus zweierlei Komponenten; zum einen die menschlich-moralische, das Dritte Reich ermöglicht und es bis in die letzten Kriegstage hinein getragen zu haben; die zweite ist das Ergebnis des wohl größten Verbrechens der Nationalsozialisten, des Krieges: der Verlust der eigenen Heimat, der angestammten Kultur und Identität im Bombenhagel und auch der Verlust des nur zu gern angenommenen „neuen“ Weltbildes von der germanischen Herrenrasse, der man angehörte und die zur Herrschaft über die anderen Völker bestimmt war. Wie der Begriff der „Stunde Null“ so treffend zeigt, standen die Deutschen 1945 vor einem Nichts, das im Wortsinne total war. Wie anders als mit Niederlage sollte dies bezeichnet werden?
Doch sowohl die nachträgliche Umdeutung der Niederlage in eine Befreiung wie auch die aktuelle Luftkriegsdebatte sind gerade Symptome dessen, was Giordano als „den Verlust der humanen Orientierung“ 2 bezeichnet und unter dem die Deutschen seit 1945 in besonderer Weise leiden. Zunächst ist dieser Verlust zunächst verständlich als Flucht vor einer Realität, die unsagbar und untragbar ist. Die Deutschen konzentrierten sich auf das Individuum und versuchten, jeweils ihre eigene Person von dem Geschehenen abzutrennen. Das gelang zum einen, in dem man der Institution Staat dauerhaft den Rücken kehrte; bis heute haben weite Teile des deutschen Volkes eine sehr indifferente Haltung gegenüber der Demokratie, die hauptsächlich als Wohlstandsfaktor gesehen wird und nicht als ein Gut, das schützenswert ist und nach Beteiligung verlangt. In Deutschland ist die Republik bislang alles andere als die Sache des Volkes, das politische Bewußtsein und Gespür erstaunlich gering. Politisch motivierte Kundgebungen und Aktivitäten wie jüngst aus Anlaß des Irakkrieges bleiben die Ausnahme und tragen (siehe „deutscher Weg!“) schon beinahe selbst wieder einen Charakter, der aus ebendiesem Verlust entspringt. Es ist zumindest sehr auffällig, daß man „für“ einen brutalen Diktator auf die Straße ging; wann immer es „nur“ um einen Genozid wie im Kongo oder seinerzeit in Ruanda geht, fühlt sich der
1 Aus seinem Tagebuch vom 17. VII 1944, zitiert nach Giordano, Ralph: Die zweite Schuld oder
Von der Last Deutscher zu sein
2 Vgl. ebd.
3
Arbeit zitieren:
Jan Schenkenberger, 2003, Schuld ohne Sühne - Die Deutschen und ihre Vergangenheit, München, GRIN Verlag GmbH
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