Heidegger ist ein Philosoph, der aus dem Zerfall heraus geboren wurde. Seine
Philosophie findet ihren Spiegel in der Kunst jener Jahre, dem Expressionismus. Das es sich hier um etwas radikal neues handelte, kündigte sich schon in den Namen seiner Zeitschriften an: „Die Aktion“, „Der Sturm“ oder „Die Revolution“. Die Welt schien, mit dem ersten Weltkrieg und der damit erreichten umfassenden Technisierung endgültig aus den Fugen geraten zu sein. Auch in Heideggers Biographie spiegelt sich dieser Umbruch, der gleichzeitig ein Ausbruch war, wieder. Er, der zu Beginn noch katholische Theologie studiert hatte, wendet sich im Laufe der Zeit mehr und mehr vom Katholizismus ab der Philosophie, dem „freien Denken“ zu. Am 9. I. 1919 schreibt er in einem Brief an seinen Freund Engelbert Krebs: „Erkenntnistheoretische Einsichten, übergreifend auf die Theorie des geschichtlichen Erkennens haben mir das System des Katholizismus problematisch und unannehmbar gemacht - nicht aber das Christentum und die Metaphysik, diese allerdings in einem neuen Sinne. [...] Ich glaube, den inneren Beruf zur Philosophie zu haben...“ 1 Die alten Systeme des Christentums sind für Heidegger also nicht mehr relevantdoch geht er weit über die Tradition der Entdeckung der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts, die durchaus auch antichristliche Züge hatte 2 , hinaus: „Ich will mindestens etwas anderesdas ist nicht viel: nämlich was ich in der heutigen faktischen Umsturzsituation lebend als ‘notwendig‘ erfahre, ohne Seitenblick darauf, ob daraus eine ‘Kultur‘ wird oder eine Beschleunigung des Untergangs.“ 3 Heidegger geht es um die Wirklichkeit, das „faktische Leben“ 4 und um unsere zeitliche Existenz, die historische Faktizität. Er strebt eine
1
zitiert nach: Safranski, Rüdiger:
Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit.
München 1995, Seite 133
2 Das klassische Beispiel ist Ludwig Feuerbach und seine Vorlesungen über „Das Wesen der Religion“, die er in der Hoffnung schließt, „Sie aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkern, aus Betern zu Arbeitern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus Christen, welche ihrem eigenen Bekenntnis und Geständnis zufolge ‘halb Tier, halb Engel‘ sind, zu Menschen, zu ganzen Menschen zu machen.“ Zitiert aus: Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion. Dreißig Vorlesungen. Leipzig 11.-15. Tsd.
3 so in einem Brief von 1920. Zitiert nach: Löwith, Karl: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. Stuttgart 1986, Seite 28
4 siehe Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles. Einführung in die phänomenologische Forschung. Frankfurt am Main 1994
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Rückführung der Philosophie auf ihre Wurzeln an, die er bei den Vorsokratikern, vor allem bei Parmenides findet.
Gott hingegen ist unbestimmbar, unverfügbar, und im faktischen Leben nicht mehr vorhanden; „man ist nicht [einmal] imstande gewesen, Gott und Tod als bloße Ideen sich im Geistigen fernzuhalten“ 5 , so schreibt Rilke im schon eingangs zitierten Brief. Heidegger zieht daraus die Konsequenzen. Während der Tod für ihn nach wie vor als endlicher Bezugspunkt eine wesentliche Rolle spielt, denn der Tod bildet den Endpunkt unserer Existenz, bedeutet der Sturz ins faktische Leben das Ende aller metaphysischen Weltfluchten. Diese Verabsolutierung der Faktizität ist für Heidegger mehr als nur ein bloßes „Sollen“. Es ist ein „Müssen“, eine Verpflichtung gegenüber der eigenen Existenz: „Ich mache lediglich, was ich muß und was ich für nötig halte, und mache es so, wie ich es kann - ich frisiere meine philosophische Arbeit nicht auf Kulturaufgaben für ein allgemeines Heute. Ich habe auch nicht die Tendenz Kierkegaards. Ich arbeite aus meinem ‘ich bin‘ und meiner geistigen, überhaupt faktischen Herkunft. Mit dieser Faktizität wütet das Existieren.“ 6 Dies alles bedeutet für Heidegger aber keine Abkehr von Gott, im Gegenteil. „Jede Philosophie, die in dem, was sie ist, sich selbst versteht, muß als das faktische Wie der Lebensauslegung gerade dann, wenn sie dabei noch eine ‘Ahnung‘ von Gott hat, wissen, daß das von ihr vollzogene sich zu sich selbst Zurückreißen des Lebens, religiös gesprochen, eine Handaufhebung gegen Gott ist.“ 7 Diese Handaufhebung ist die Trennung des je eigenen Seins in der Zeit, der wirklichen Wirklichkeit - von der Ewigkeit, der Metaphysik - dem, das außerhalb der menschlichen Erfahrungen von Geworfenheit, cura, Tod und Weltflucht liegt. Hier ist der Bereich Gottes angesiedelt, Gott, von dem der Philosoph „nichts weiß“ 8 .
5 Zitiert aus: Brief Rilkes vom 8. XI. 1915 an L.H.. Aus: Rilke, Rainer Maria: Briefe aus den Jahren 1914 bis 1921. Leipzig 1938, Seite 90
6 aus einem Brief an Karl Löwith aus dem Jahre 1921. Zitiert nach: Löwith, Seite 30
7 Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles (Anzeige der hermeneutischen Situation). In: Dilthey-Jahrbuch für Philosophie und Geschichte der Geisteswissenschaften. Göttingen 1989, Seite 246
8 So Heidegger in einem Vortrag vom Juli 1924. Vgl. Löwith, Seite 36
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Genau da stößt Heidegger auf die Theologie, die unter der „Forderung der Ausweisung und der Angemessenheit ihrer Begriffe an das Seiende, das auszulegen sie als Aufgabe übernommen hat“ 9 steht. Ihre Aufgabe ist es, „das Wort zu suchen, das imstande [ist], zum Glauben zu rufen und im Glauben zu bewahren.“ 10 Es ist die „positive Aufgabe der Theologie, in ihrem eigenen Bereich des christlichen Glaubens aus dessen eigenem Wesen zu erörtern, was sie zu denken und wie sie zu sprechen hat.“ 11 Um auf Heideggers Aufgabenzuteilung einzugehen, muß man sich ein wenig mit dem Wesen der Sprache auseinandersetzen: Sprache ist eine Reaktion auf unsere Umwelt, sie ist sogar oftmals eine reflektierte - also durchdachte - Reaktion. Heidegger setzt Denken und Sagen zusammen und beruft sich dabei auf das griechische Paar λογος und λεγειν - auch Denken ist letztlich Gespräch, Gespräch mit der Welt und dem eigenen Ich. Λεγειν ist demnach das Paradebeispiel für objektivierendes Sprechen im Heideggerschen Sinne. Doch die „Leute [...] sagen viel Schönes, haben aber keine Einsicht in das, was sie sagen“ 12 . Während noch Sokrates dies auf göttliche Inspiration zurückführt, wirkt bei Heidegger das Sein der Sprache - die Sprache hat den Menschen im Besitz, wirkt durch ihn und eröffnet ihm die Welt. Dennoch liegt dem Theologen - und damit dem glaubenden Christ - die nur dem Anschein nach naivere sokratische Vorstellung viel näher, denn der Verstand, der „Atem des Lebens“ ist im Glauben als Gottesgabe gekennzeichnet - Milton schreibt in „Paradise Lost“ in Anlehnung an die Schöpfungsgeschichte: „...a creature who not prone / And brute as other creatures, but endued / With sanctity of reason, might erect / Hist stature, and upright with front serene / Govern the rest, self-knowing, and fron thence / Magnanimous to correspond with heaven / [...] / This said, he formed thee, Adam, thee O man / Dust of the ground, and in thy nostrils breathed / The breath of life...“ 13 Während das Denken und damit das
9
zitiert aus: Heidegger, Martin:
Phänomenologie und Theologie.
In:
Wegmarken.
Frankfurt 1976, Seite 62
10 So Heidegger in einer Diskussionsveranstaltung. Zitiert nach: Safranski 1995, Seite 163
11 zitiert aus: Heidegger, Martin: Phänomenologie und Theologie. Seite 77
12 zitiert aus: Platon: Apologie des Sokrates. Göttingen 2002, 22c.
13 zitiert aus: Milton, John: Paradise Lost. Harlow 1998, Seite 421 (Buch VII, Verse 506ff.)
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Arbeit zitieren:
Jan Schenkenberger, 2004, Heideggers Philosophie und die Theologie, München, GRIN Verlag GmbH
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