Inhaltsverzeichnis
1. Syrisch-Arabischer Nationalismus vor dem ersten Weltkrieg. 3
2. Das Königreich Syrien 7
3. Bibliographie. 13
2
1. Syrisch-Arabischer Nationalismus vor dem ersten Weltkrieg
Während im 18. Jahrhundert das osmanische Reich noch halbwegs stabil
gewesen war, war die Haltung der Untertanen der Pforte von einer völligen Abhängigkeit von der Obrigkeit geprägt. War der Sultan gerecht, so hatte man Glück, im anderen Fall konnte man nichts daran ändern - das war die weitverbreitete Einstellung. Maßstäbe, an denen man die Administration des Reiches als sein Subjekt messen konnte und die akzeptierte Normen im Umgang mit den Untertanen waren, gab es nicht. Dies änderte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf den Niedergang des osmanischen Reiches zwar allmählich, aber diese Veränderung erfaßte nur einen ganz kleinen Teil der Reichsbevölkerung, die Oberschichten und die Intelligenz, die in Kontakt mit den Ideen des aufklärerischen und revolutionären Europa kamen und teilweise auch ihre Kinder im Westen ausbilden lassen konnten. Die breite Masse des Volkes kam mit diesen Ideen jedoch nicht in Berührung und konnte an der Debatte um den sich anbahnenden kulturellen Umbruch nicht teilhaben. Die Debatte an sich jedoch umfaßte die wichtigsten gesellschaftlichen Bereiche. Liberalistische und säkuläre Ideen waren weit verbreitet und wurden intensiv diskutiert. Doch zugleich bestand das Bestreben, die eigenen Werte nicht zu verlieren und die Vorzüge der westlichen Zivilisation mit dem Islam zu vereinbaren. Ob dies möglich und wie dies zu bewerkstelligen sei, prägt die Debatte in der islamischen Welt bis heute.
Einer der frühesten Autoren in diesem Zusammenhang ist Rifa'a Tahtawi, der sich bereits 1834 mit Frankreich und seiner politischen Kultur
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auseinandersetzte und sich offen für Religions- und Meinungsfreiheit aussprach. Fundamente einer guten Politik sollten Gerechtigkeit und eine leistungsfähige Verwaltung sein. Dazu gehört auch ein gewisser Patriotismus, wie er von Zeitschriften wie al-Jinan gefordert wurde, ein Patriotismus, der sich allerdings, in der Unterscheidung von bilad und watan, in zwei Richtungen wendet: auf das Reich als ganzes wie auf die engere Heimat 1 . Dabei wurde schon frühzeitig der Unterschied zwischen Türken und Arabern wahrgenommen, wenngleich dieser Gegensatz zunächst noch überdeckt werden konnte:
„The ... dwellers in towns are a mixed race of various origins, but there are among them families entitled to the name Arab, their ancestors having been immigrants from Arabia at the time of the Mohammedan conquest. This class forms but a small proportion of the population; but these people are proud of their descent: they know, even the ignorant among them, something about their system of religion, and look back to its Arabian source.
They are on this very account unable to comprehend how a Sultan of Turks, an alien race coming from Tartary, can rightly be regarded as Caliph (successor) of Mohammed the Koreish Arab, or exercise the power of appointing or displacing the Shereef of Mecca. [...] These Arabs, as they consider themselves, detest and hate the Turks with an ancient hatred which goes back to the period of the Ottoman conquest of ‘Arabistân‘. [...]
But loyalty to Islâmis a powerful and pervading principle which keeps in check every other feeling. The Sultan is de facto Caliph to the learned Arabs; he is also Caliph de jure. As a matter of religious obedience they acknowledge and obey him.“ 2
Religion und Politik galten als untrennbar, zugleich aber wurde nach Gründen gesucht, warum die umma den Kolonialmächten zum Opfer fiel. So schrieb der syrische Autor Abdurrahman Al-Kawakibi, daß die Überlegenheit des Westens darauf beruhe, daß „the adoption of logical and well-practised rules that
1 Vgl. Hourani, Seite 274
2 aus: Finn, J.: Stirring Times. London 1878, Seite 215. Zitiert nach: Hourani, Seite 266f.
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have become social duties in these advanced nations which are not harmed by what appears to be a division into parties and groups, because such a division is only over the methods of applying the rules and not over them.“ 3 Nach Muhammad Raschid Rida haben auf der anderen Seite die Muslime „lost the truth of their religion, and this has been encouraged by bad political rulers, for the true Islam involves two things, acceptance of the unity of God and consultation in matters of State, and despotic rulers have tried to make Muslims forget the second by encouraging them to abandon the first.“ 4 So lange sich die umma zu den islamischen Werten bekannte, war sie der Sitz der Zivilisation. 5 Zentrum der politischen Überlegungen war also für lange Zeit der Islam, und so tauchten antitürkische Sentiments zwar immer wieder einmal auf, es dauerte jedoch bis 1905, bis sie so deutlich geäußert wurden wie von Négib Azoury, der die Unabhängigkeit der arabischen Nation von der türkischen, die nicht nur den Arabern in allen Belangen unterlegen sei, sondern sie auch noch verdorben habe, fordert. So fordert er die Unabhängigkeit der Araber vom osmanischen Reich und die Gründung eines eigenen Staates. Allerdings hat er keine genauere Vorstellung von der Struktur dieses Staates. 6 Diese Struktur eines arabischen Staates, von den geographischen Grenzen bis hin zum politischen System. Das erschien zunächst auch nicht als sonderlich wichtig; vor Beginn des ersten Weltkrieges waren die Hoffnungen auf
3
aus: Abdurrahman Al-Kawakibi: Taba'i' al-Istibdad. Algiers 1988, Seite 187. Zitiert nach: Tamimi, Azzam: Democracy in Islamic Political Thought. http://www.jamaat-e-islami.org/rr/democracy_tamimi.html
4 Zitiert nach: Hourani, Seite 228
5 Nur am Rande erwähnt werden soll hier Huntington: „The West won the world not by the superiority of its ideas or values or religion (to which few members of other civilizations were converted) but rather by its superiority in applying organized violence. Westerners often forget this fact; non-Westerners never do.“ Huntington, Samuel: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York 1996, Seite 51
6 Vgl. Hourani, 277ff.
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Arbeit zitieren:
Jan Schenkenberger, Birgit Schäbler, Andreas Weber, Stefan Winter, Steffen Diefenbach, 2003, Syrien im Querschnitt: Antike Kornkammer, osmanische Provinz, moderner Staat - An der Schwelle zum Nationalstaat - Syrisch-arabischer Nationalismus und das Königreich Syrien von 1918 - 1920, München, GRIN Verlag GmbH
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