1 Einleitung 4
2 Positionen von Ure 6
2.1 Einleitendes 6
2.2 Die Fabrik 7
2.2.1 Der Automat 8
2.2.2 Die Fabrik - ein Organismus. 8
2.2.3 Arbeitsdisziplin. 9
2.2.4 Das Prinzip der Arbeitsteilung 10
2.3 Kinderarbeit 11
2.3.1 Gewalt. 11
2.3.2 Bildung 13
2.4 Gesundheit des Fabrikpersonals 15
2.5 Fabrikgesetzgebung 18
2.6 Gewerkschaften 20
2.7 Freihandel und Wettbewerb 22
3 Positionen von Karl Marx 25
3.1 Einleitendes 25
3.2 Die Fabrik 25
3.3 Kinderarbeit 27
3.3.1 Bildung 29
3.4 Fabrikgesetzgebung 30
3.5 Gewerkschaften 32
3.6 Konkurrenz 34
4 Fazit 36
2
4.1 Pindar. 36
4.2 Vergleich der beiden Autoren 36
4.3 Ist Ure der Pindar? 38
4.4 Ausblick. 39
Nachtrag. 40
Gesellschaftliche Hintergründe 40
Bedeutung der Baumwollindustrie 40
Entrepreneurial ideal. 41
Bibliographie 45
3
1 Einleitung
Ziel dieser Hausarbeit ist es, die verschiedenen Sichtweisen von Andrew Ure (1778-1857) und Karl Marx (1818-1883) als bedeutenden Exponenten der Industriellen Revolution in England zur ungefähren Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hinsichtlich der Auswirkungen der Fabrikarbeit auf den Menschen zu untersuchen. Andrew Ure ist ein glühender Befürworter der Industrialisierung, deren menschliche Kosten (Armut, Ausbeutung, Arbeitszeiten, Arbeitsunfälle, Rechtlosigkeit) er nicht weiter betrachtet und sich statt dessen völlig auf die technische Seite konzentriert. Hierzu vertritt Karl Marx die maximal entgegengesetzte Betrachtungsweise. Er setzt sich für die Arbeiterschaft ein und versucht, ihr ein Klassenbewußtsein zu vermitteln und somit ihr Schicksal zu verbessern. Doch er teilt auch viele Ansichten Andrew Ures. Ein besonders wichtiges Problem, das sich bei der Bearbeitung der Literatur aufzeigt, ist die zeitliche Distanz und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Lebensumstände und -gewohnheiten. In heutiger Zeit sind beispielsweise geregelte Arbeitszeiten von 37,5 Stunden für deutsche Leser eine Selbstverständlichkeit, und Gewerkschaften haben ihre klar definierte rechtliche Rolle und Position, besonders in Arbeitskämpfen. Was heutzutage völlig selbstverständlich erscheint, mag um 1830 herum geradezu unvorstellbar gewesen sein. Hieraus können sich massive Verständnisprobleme ergeben. Dies gilt ganz besonders für den ungeheuren Wandel in der gesellschaftlichen Struktur, der Lebens- und Produktionsweise, der zur Zeit der Industriellen Revolution stattfand, den E.P. THOMPSON (207ff) dokumentiert. Aus der hieraus entspringenden zeitgenössischen Unsicherheit und Besorgnis lassen sich viele Ansichten Andrew Ures erklären. Außerdem wird es schwierig sein, nicht parteiisch zu werden, wie THOMPSON (226ff) schildert - die Industrielle Revolution verleitet analog zur Umwälzung der Lebensumstände zu einer gewissen Polarisierung, die sich auch bei der Gegenüberstellung von Marx und Ure geradezu aufdrängt.
4
Ferner ist die zeitliche Differenz von zirka dreißig Jahren zwischen Marx und Ure zu berücksichtigen. Andrew Ure schrieb sein Werk ungefähr zum Durchbruch der Fabrikarbeit. Karl Marx Werk datiert ungefähr dreißig Jahre später, zu einer Zeit, als sich Fabrikarbeit als vorherrschende Arbeitsform durchgesetzt hat. Andrew Ure schreibt hauptsächlich noch vor dem Hintergrund der Heimweber, die bei Karl Marx nur noch Bestandteil der Geschichte sind - hier ist die Proletarisierung der Arbeiterschaft schon weit fortgeschritten; ebenso, wie die Fabrikgesetzgebung, die sich zu Andrew Ures Zeiten in den sprichwörtlichen Kinderschuhen befindet.
Der ursprüngliche Plan, die gesellschaftlichen Hintergründe zu durchleuchten, muß leider wegen der dürftigen Sekundärliteratur zu Andrew Ure aufgegeben werden. Statt dessen stelle ich in dieser Arbeit seine Positionen detailliert dar und beschränke mich aus Platzgründen auf einen Vergleich mit Marx Positionen zu Ures Kernthesen, wo dies möglich ist. Das ursprüngliche Anliegen dieser Arbeit und weitere Möglichkeiten der Vertiefung finden sich im Kapitel Ausblick (siehe Kapitel 4.4). Ure ist ein von der Geschichtsschreibung kaum berücksichtigter Autor, dessen Bedeutung John CHODES folgendermaßen beschreibt:
„a lonely pioneer who promoted the great advantages of international free trade and its
corollary, unregulated internal industry“
Ure ist für ihn einer der Pioniere des Freihandels, und seine zeitgenössische Bedeutung läßt sich aus der Beachtung, die Marx ihm schenkte, erahnen. Anmerkung: Zur Terminologie muß noch gesagt werden, daß ich vereinheitlichend den modernen Terminus „Fabrik“ durchgängig verwende, auch wenn Ure und Marx häufig von Manufaktur oder „mill“ sprechen. Vereinheitlichend spreche ich auch von „Fabrikanten“, wenn Marx von Kapitalisten und Ure von „entrepreneur“ oder „manufacturer“ spricht - auch wenn dies im eigentlichen Sinne nicht zutreffend ist. Zur Form: Marx verwendet häufig Fußnoten; diese sind im Text hochgestellt hinter der Seitenzahl in dieser Form aufgeführt: 274 98 bedeutet Fußnote 98 auf Seite 274.
5
2 Positionen von Ure
2.1 Einleitendes
Andrew Ure möchte mit seinem Werk ‚The Philosophy of Manufactures’ das Bewußtsein der Gesetzgeber und der Bevölkerung Großbritanniens zu Gunsten der Industrialisierung beeinflussen. Hierzu zählt maßgeblich sein Engagement für den Frei-handel und gegen staatlichen Protektionismus. Er sieht England als führende Industriemacht (URE: 6), deren Interessen jedoch ‚one ancient and powerful order of the commonwealth’ entgegenarbeitet - die sich problemlos als die landbesitzenden Aristokraten identifizieren lassen (siehe Kapitel 2.7).
Andrew Ure sieht in der Industrialisierung eine Möglichkeit, das Leben der Menschheit maßgeblich zu verbessern: ‚The blessings which physico-mechanical science has bestowed on society, and the means it has still in store for ameliorating the lot of mankind’ (URE: 7). Dies kann nur durch die wohlwollende Leitung durch die Industriellen geschehen. Passen sich die Arbeiter an und stellen sie keine übermäßigen Lohn-forderungen, so wird sich das Wohl aller in kurzer Zeit verbessern. Kommt es zu Aufruhr und Streiks, so muß der Fabrikant wegen Produktionsausfällen und Gewinn-schwundes die Löhne senken und sich gegebenenfalls durch neue Erfindungen von den Arbeitern unabhängig machen.
Ziel der Industrialisierung muß eine stetige Verbesserung der Maschinerie sein. Dank der Mechanisierung der Arbeit ist es jetzt grundsätzlich möglich, Produkte herzustellen, die es zuvor nicht gab. Außerdem kann ein Arbeiter in gleicher Zeit viel mehr produzieren als zuvor - bei gleichbleibender Qualität und gleichem Arbeitseinsatz. Des weiteren kann auf diese Weise mehr Arbeit für ungelernte Arbeiter geschaffen werden, da die siebenjährige Ausbildungsdauer zum Gesellen entfällt (30).
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2.2 Die Fabrik
Ure beschreibt zunächst, wie sich eine Gesellschaft bei geänderten Produktionsverhältnissen ändert: so hatten ihm zufolge die früheren „nomadisierenden Wilden“, als sie Bürger wurden, gewisse Freiheiten und Vergnügungen zu opfern, um Ruhe und Schutz genießen zu können. Analog haben dann auch die Handwerker im Austausch von harter Arbeit und schwankenden Löhnen mit leichterer und besser bezahlter Fabrikarbeit ihr altes Vorrecht, die Arbeit nach Belieben ruhen zu lassen, aufzugeben (278f). Also müssen sich die Arbeiter für sichere Arbeitsplätze und gleichmäßige Löhne an die Vorschriften halten, um in den unten beschriebenen Organismus (siehe Kapitel 2.2.2) hineinzupassen.
Anschuldigungen, daß Fabrikarbeit ermüdend, langweilig, belastend und unablässig ist, widerspricht Ure vehement. Ganz im Gegenteil wird die ganze schwere Arbeit von Maschinen übernommen, so daß die Arbeiter praktisch keine schwere Arbeit zu verrichten haben. Dies kann beispielsweise das Flicken gerissener Fäden oder das Auswechseln der Spindeln sein. Da die Maschine die ganze Arbeit erledigt, ist nicht die Arbeit unablässig, sondern nur die Bewegung der Maschine. Mag die Arbeit auch etwas langweilig sein, so sei es doch nichts im Vergleich zum Heimweben, wo wesentlich schlechtere Arbeitsbedingungen herrschen; dies gilt im besonderen für die Kinderarbeit. In einer Fabrik wird während zwölf Stunden Arbeit neun Stunden nichts gemacht, die Pausen zwischen den Arbeitsgängen betragen bis zu vier Minuten. Dies läßt den Kindern Zeit zum Spielen, und den Webern Zeit zum Lesen (309f). Ure betont ganz besonders den Wegfall schwerer körperlicher Arbeit in der Fabrik. Er bezeichnet zudem von Dampfmaschinen unterstützte Arbeiten als eine höhere Art von Arbeit, weil geistige die körperliche Arbeit ersetzt. Hier folgt die Bezahlung noch nach dem Muster der Arbeitsteilung (siehe Kapitel 2.2.4): gelernte Arbeit bringt mehr Lohn als ungelernte. Aus diesem Grunde ist die Fabrikarbeit auch eine relativ hochbezahlte, und im Vergleich zum Heimweben eine recht gesunde dazu (311).
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2.2.1 Der Automat
Um sich Ures Vorstellung einer Fabrik anzunähern, ist die Funktionsweise eines Automaten hilfreich. Unter Automaten versteht Ure mechanische Imitationen natürlicher Lebewesen (S. 10), also Gerätschaften, die wie natürliche Lebewesen funktionieren. Er gibt verschiedene zeitgenössische Beispiele erstaunlicher technischer Spielereien. Beispielsweise den Flötenspieler Vaucansons: eine menschliche Gestalt normaler Größe, die auf einem Stein sitzt und durch Bewegungen der Lippen, Finger und Zunge die Töne der Flöte beeinflußte und zwölf verschiedene Melodien spielen kann. Oder eine Ente vom selben Künstler, die nicht nur die natürlichen Bewegungen einer Ente imitiert, sondern auch deren Ernährung: sie kann dem Anschein nach sowohl trinken als auch Körner fressen, die im Magen verkleinert und danach ausgeschieden wurden. Der ganze Körper wurde Knochen für Knochen nachgebildet. Solche selbsttätigen Erfindungen sind zwar bewundernswerte Beispiele der Anwendung mechanischer Wissenschaften, doch sind sie wenig geeignet, menschliche Bedürfnisse nach Kleidung, Nahrung, Brennstoffe und Unterkunft zu befriedigen. Die zugrundeliegenden Prinzipien sind aber diejenigen der automatischen Fabrik. Aus Vaucansons mechanischen Erfindungen, der in Frankreich mit der Einführung eines Fabriksystems gescheitert ist, zieht Ure die Lehre, daß technische Entwicklung nicht gleichbedeutend mit der Schaffung eines erfolgreichen Fabriksystems ist.
2.2.2 Die Fabrik - ein Organismus
Für Ure ist das technologische Hauptmerkmal einer Fabrik (S. 13) ein zentrale Kraft. Diese Kraft muß ununterbrochen von seiner Quelle zu den ausführenden Maschinen übertragen werden, an denen viele Arbeiter unterschiedlichen Geschlechts, Alters und Geschicks gemeinsam arbeiten. Unter Fabrik im engeren Sinne versteht er jedoch die Funktionsweise eines Automaten, der aus mechanischen (Maschinen) und intelligenten (Menschen) Teilen besteht, die ununterbrochen ein gemeinsames Objekt produzieren, angetrieben von einer übergeordneten selbstregulierenden Kraft.
8
In heutiger Begrifflichkeit läßt sich sagen, daß er eine Mensch-Maschine-Metapher benutzt, die seine eigene Faszination technologischen Fortschritts widerspiegelt. Eine Fabrik ist im Grunde genommen ein kybernetischer Organismus aus organischen und künstlichen Bestandteilen, der einem Orchester gleich ein Konzert aufführt. Ure gibt seinen Lesern einen Einblick in die Anatomie einer Fabrik am Beispiel einer Fabrik in Stockport: sie hat ein zweifaches Herz bestehend aus zwei Dampfmaschinen, das so für eine gleichbleibende Kraftverteilung sorgt. Auf diese Weise gibt es kein arterielles Beben, das sich verletzend auf die Arbeit der empfindlichen Maschinen auswirkt. Etwas weiter unten (S.36) beschreibt er Achsen als kleine sehnige Arme, die die Kraft der Dampfmaschine durch die ganze Fabrik tragen.
2.2.3 Arbeitsdisziplin
Grundlage eines funktionierenden Fabriksystems ist, wie bereits oben beschrieben, nicht nur die technische Seite, es müssen auch die sozialen Voraussetzungen stimmen. Dies bedarf zweier Komponenten:
1. es müssen die gesetzgeberischen Grundlagen geschaffen werden (siehe Kapitel 2.7)
2. die Arbeiter müssen einer fabrikgemäßen Arbeitsdisziplin unterworfen werden
Das Hauptproblem, die für die damalige Zeit ungeheure Produktivkraft der Fabriken ausnutzen zu können, ist nach Ures Darstellung weniger die Anzahl an Erfindungen. Vielmehr ist die Schaffung eines kooperativen Körpers (siehe Kapitel 2.2.2) und die Aufgabe der individualistischen Arbeitsgewohnheiten zugunsten einer Identifikation mit dem unvariierbaren Arbeitsablauf des Automaten notwendig. Die Schaffung der Fabrikdisziplin gesteht Ure dem Produzenten Richard Arkwright zu, der damit eine herkulische Arbeit (S. 15) geleistet hat.
Ure vertritt den Standpunkt, daß es fast unmöglich ist, Arbeiter jenseits der Pubertät zu nützlichen Fabrikarbeitern zu machen, ungeachtet, ob sie agrarischer oder
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Arbeit zitieren:
M.A. Thorsten Witting, 2003, Karl Marx und Andrew Ure: Die menschlichen Kosten der Fabrikarbeit auf die Arbeiterschaft zur Zeit der Industriellen Revolution - Ist Ure der Pindar der automatischen Fabrik? , München, GRIN Verlag GmbH
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