Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Säuglingssterblichkeit als Problem der Gesellschaft 3
1.1. Der politische Gedanke zur Bevölkerungsentwicklung: 3
1.2. Veränderung des Bewusstseins 4
2. Ursachen der Säuglingssterblichkeit 5
2.1. Muttermilch und Ersatznahrung. 5
2.2. Wohnverhältnisse 6
2.3. Vorsätzliche Vernachlässigung der Säuglinge 7
3. Erste Initiativen entstehen 9
3.1 Die Milch als universelles Problem? Das Eingreifen von Reich, Stadt und Kommunen 9
3.2. Privates Engagement: die Entstehung der Fürsorgevereine 11
4. Rückgang der Sterblichkeit aufgrund der Fürsorgevereine? 13
5. Kritik und Bewertung der Säuglingsfürsorge. 16
5.1 Rassenhygiene. 16
5.2 Politik 17
5.3 Mütter 18
Fazit. 19
Literatur 21
Einleitung
Die Geschichte der Säuglingsfürsorge beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurde das Problem der hohen Säuglingssterblichkeit erstmals von Bevölkerung und Politik wahrgenommen, wodurch man sich sowohl von Seiten der Regierung, noch mehr aber von bürgerlich-privater Seite, zum sofortigen Handeln gezwungen sah. Möchte man die Säuglingssterblichkeit und die Säuglingsfürsorge auf genderspezifische Akteure untersuchen, so muss man zuerst einmal die Themenbereiche differenzieren. Es stellt sich die Frage, in wie fern nur der Bereich des Handelnden in das Thema „Fürsorge“ einfließen soll, denn die Reaktion resultiert auf ein gegebenes Problem - nämlich das der hohen Säuglingssterblichkeit. Da diese Säuglingssterblichkeit mit ihren Ursachen bekämpft wird, muss auf diese Ursachen ein Themenschwerpunkt gelegt werden. Denn kennt man erst die Ausgangslage, kann man das Intervenieren von Staat und Fürsorge verstehen. Folglich kann man in beiden Bereichen, also Säuglinge und Fürsorge, den Gender- Schwerpunkt aufführen. Hierbei ist natürlich auch zu beachten, dass man das Geschlechterverhältnis der lebend geborenen Säuglinge unter anderen Gesichtspunkten als das Geschlechterverhältnis der Akteure betrachten muss, denn, so trivial es auch klingt, die Eltern sind für die Kinder verantwortlich. Genauer gesagt, ist ein direktes Geschlechterverhältnis, beispielsweise eine höhere Sterblichkeit der weiblichen Säuglinge, ein Zeichen für die indirekten Verhaltensweisen der Eltern. Spricht man also von Geschlechterverhältnissen bei den Säuglingen, so spricht man zwar auch über die biologischen Hintergründe, jedoch muss immer im Bewusstsein bleiben, dass das Geschlechterverhältnis in den Händen der Eltern lag, die in bestimmten Zeiten dafür gesorgt haben, dass die Überlebenschancen der Jungen besser sind als die der Mädchen. Auf diesen Punkt werde ich später noch genauer eingehen. Mitte des 18. Jahrhunderts bis Anfang des 19. Jahrhunderts galt es, die Säuglingssterblichkeit in ihrem enormen Ausmaß zu bekämpfen, wobei keine besondere Sensibilisierung auf das Geschlecht des Kindes stattfand.
Der Schwerpunkt der Arbeit wird also sowohl auf den Ursachen der Säuglingssterblichkeit, als auch auf den Methoden der Bekämpfung liegen. In wie weit sich nun die Geschlechterrollen differenzieren lassen, ist die Hauptfrage, die sich wie ein roter Faden durch die Arbeit ziehen soll. Oftmals, und darin liegt die Problemstellung, wird die Geschlechterrolle in der Literatur nicht speziell thematisiert, was dazu führt, dass ein ungenaues Bild entsteht, in dem man den Genderaspekt unter den Akteuren nicht
1
spezifizieren kann, da es kaum genaue Zahlen gibt. Im Folgenden soll nun die Frage beantwortet werden, in wie weit die Geschlechterrolle für die Säuglingsfürsorge eine Rolle spielt, d.h. war die Erziehung reine Frauensache? Wer waren die Initiatoren der Fürsorgevereine? Hier gilt es zwischen dem direkten und indirekten Einwirken auf den Säugling zu unterscheiden, wobei unter der direkten Einwirkung die Einwirkung der Kontaktperson zum Kind, also die Familien, gemeint ist, und unter der indirekten Einwirkung das Eingreifen der Fürsorgestellen, wobei sowohl staatliche Initiativen als auch Vereinstätigkeiten gemeint sind. Indirekt deshalb, weil es vorrangig darum geht, die Eltern umzuerziehen und damit das Überleben des Säuglings zu sichern.
Nun soll festgestellt werden, in wie fern Gender eine Rolle spielt unter Berücksichtigung der verschiedenen Gruppen: die Säuglinge selbst, die direkten und die indirekten Akteure. Die Strukturierung der Arbeit erfolgt nicht nach geschlechtsspezifischen Aktionsfeldern, sonder ist chronologische aufgebaut, wobei die beiden Themenschwerpunkte Ursachen und Maßnahmen zur Säuglingssterblichkeit ein großes Gewicht haben. Diese Strukturierung erfolgt deshalb, weil der Gender-Aspekt im Thema Säuglingsfürsorge sowohl in der Primär-, als auch in der Sekundärliteratur keine maßgebliche Rolle spielt. Meist sind Institutionen die Akteure, bei denen sich nicht genau sagen lässt, wie die Geschlechterverteilung ist. Deshalb wird in der Arbeit das Hauptthema „Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit“ intensiver behandelt als der Untertitel, d.h. das geschlechtsspezifische Aktionsfeld muss zwingend in den Hintergrund treten, wird aber dennoch immer wieder in den einzelnen Kapiteln thematisiert.
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1. Säuglingssterblichkeit als Problem der Gesellschaft
Dass die Zahl der Neugeborenen, die im ersten Lebensjahr verstarben, hoch war, war schon im ausgehenden 19. Jahrhundert bekannt. Doch erst in der Mitte des 19. Jahrhundert begann man etwas dagegen zu unternehmen. Man fragt sich, warum erst so spät gehandelt wurde, wo doch das Problem schon immer bestand. Der Zeitpunkt, an dem zum ersten Mal eingegriffen wurde, lässt sich so erklären: Zwei verschiedenen Faktoren - Bevölkerungsentwicklung und Religion - waren dafür verantwortlich das Denken und das Bewusstsein der Menschen zu ändern. Die in Deutschland einsetzende industrielle Revolution zog einen massiven Geburtenrückgang mit sich, während die Sterblichkeit, vor allem die Säuglingssterblichkeit, temporär weiterhin auf hohem Niveau blieb. Außerdem änderte sich zu dieser Zeit auch das Verantwortungsgefühl gegenüber dem Säugling.
1.1. Der politische Gedanke zur Bevölkerungsentwicklung
Aufgrund der einsetzenden Industriellen Revolution und dem damit zusammenhängenden demographischen Übergang entstand ein temporäres Ungleichgewicht der
Bevölkerungsstruktur. In der ersten Phase sinkt die Mortalität, die Fertilität bleibt zunächst auf gleichem Niveau, um in der nächsten Phase auch zu sinken 1 . Dieser Vorgang, also das Sinken der Geburtenrate, beschleunigte sich enorm, während die Säuglingssterblichkeit auch im internationalen Vergleich immer noch extrem hoch war, was bedeutete, dass die Bevölkerung drastisch zu schrumpfen drohte, wenn man die Säuglingssterblichkeit nicht in den Griff bekommen würde. Die Obrigkeiten befürchteten den Verlust an wehrkräftigen Männern, die im Falle eines Krieges ein starkes Land repräsentieren sollten. Außerdem nahm mit der Anzahl der Bevölkerung auch die repräsentative Macht ab. Denn nicht nur nach außen hin, gerade zum Feind Frankreich wollte man sich mit einer starken Bevölkerung zeigen, auch die Innenpolitik wäre von einem Schrumpfen der Bevölkerung betroffen. Denn dann würden dem Staat Arbeiter und somit potenzielle Steuerzahler fehlen. Man sieht, allein aus politischem Interesse bestand Ende des 19. Jahrhunderts dringender Handlungsbedarf. Hier stellt sich heraus, dass die Politik eine „Männerwelt“ war. Den Obrigkeiten ging es zwar um das Volk im Allgemeinen, im Speziellen aber sahen sie das Militär gefährdet und bangten um Arbeiter und Steuerzahler - was beides Männerdomänen sind - die von einer Männerpolitik aufrecht gehalten werden sollten.
1 Vgl. Buchheim, Christoph: Einführung in die Wirtschaftsgeschichte. München 1997. S. 25 f
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1.2. Veränderung des Bewusstseins
Das Bewusstsein der Verantwortlichkeit gegenüber Säuglingen veränderte sich erst in den 1870er und 1880er Jahren. 2 Ein Grund für diese Bewusstseinsänderung ist die Kirche und der Glaube, der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr an Einfluss verloren hat. Die Religiosität, vor allem der katholische Glaube, trug nicht unwesentlich zur hohen Säuglingssterblichkeit bei. Imhof 3 stellt fest, dass die Säuglingssterblichkeit in den protestantischen Gebieten Deutschlands nicht so hoch ist wie in den katholischen. Er erklärt dieses Phänomen damit, dass in den katholischen Gebieten das Leben und Sterben als von Gott gewollt akzeptiert wurde, während der protestantische Glaube durchaus das Bewusstsein schaffte, eine Mitverantwortung gegenüber dem Säugling zu besitzen. 4 Natürlich muss man hierbei von einer indirekten Einwirkung sprechen, die sich nicht direkt auf die Säuglinge auswirkt, wie zum Beispiel eine Hungersnot oder Kriege, sondern hier handelt es sich um das Verhalten der Eltern, das zum Überleben des Säuglings beitragen kann.
Das Zusammenwirken dieser beiden Faktoren, die Politik als vorantreibende Kraft und das neue Bewusstsein als Zuspruch, war der Grundstein für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. Man begann nun, große Aufklärungskampagnen zu starten, in denen Ärzte und Wissenschaftler versuchten, die Ursachen herauszufinden und zu bekämpfen. An dieser Stelle soll nun auf einige Hauptursachen der hohen Sterblichkeit eingegangen werden um dann im darauf folgenden Kapitel die Handlungsmotive der Fürsorge erkennen zu können.
2 Vgl. Woelk, S.149
3 A.E. Imhof: Säuglingssterblichkeit im europäischen Kontext, 17.-20. Jahrhundert. Überlegungen zu einem
Buch von Anders Bränström.
4 Vgl. Imhof, S. 39
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Arbeit zitieren:
Franziska Kraus, 2006, Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit - Geschlechtsspezifische Verteilung von Verantwortlichkeiten , München, GRIN Verlag GmbH
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