Völkerrechts nahm man in ihren Reihen angesichts der zu erwartendenden territorialen Wieder- und Zugewinne billigend in Kauf.“[4]
II. In allen drei zitierten Texten gibt es sowohl eine zentrale gemeinsame Auffälligkeit als auch jeweils bestimmte Besonderheiten: Balakian zitiert, als US-faction-Autor scheinbar unbekümmert, eine in dieser Form auch in der US-amerikanischen Wissenschaft, Literatur und Publizistik kaum verbreitete Satzformel, die ich selbst zuletzt – dem vulgär- triumphalischen Charakter dieser Hitler-Rede entsprechend, bewußt plastisch als „Who the fuck is, after all, today speaking about the destruction of the Armenians ?“[5] übersetzt habe. Bergner erkennt wohl die politikhistorische Bedeutung des von ihm zitierten und seiner christlicher Versöhnungsabsicht antagonistisch entgegenstehenden Hitler-Satzes, betont aber ausdrücklich (und gleich zweimal), daß Hitler diesen Schlüsselsatz vorgetragen haben soll, um Skrupel, Zurückhaltung und Bedenken der damaligen Wehrmachtsführer zu zerstreuen – was, wie ich meine, beim Berufspolitiker Bergner, der weder „gelernter“ Geisteswissenschaftler noch Historiker, sondern Agraringenieur und Technikwissenschaftler ist, zur (durchaus nachsehbaren) doppelten Fehleinschätzung führt, daß nämlich die damalige Wehrmachtsführung durch den zitierten Hitlersatz beeinflußt werden sollte, während Hitler diesen Satz jedoch eher psychologisch-triumphalisch in (s)einer zweiten Rede am 22. August 1939 vortrug, nachdem während seiner ersten die für möglich gehaltenen wehrmachtlichen Skrupel und moralischen Bedenken gegen sein „brutales Vorgehen“ unterblieben. Zeitgeschichtler Böhler schließlich, der Hitlers „zweite Ansprache des Führers“ nach den offiziellen „Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik“ referiert, zitiert, im Wissen des professionellen Historikers um eine nach wie vor umstrittene Quelle, den Schlüsselsatz erst gar nicht, kennzeichnet gleichwohl aber „Hitlers Pläne für einen Angriffskrieg“ durchaus angemessen.
Das aber nun meint: Bei allen Unterschiedlichkeiten haben alle drei Hinweise auf Hitlers Rede vor den Oberkommandierenden vor dem Angriff auf Polen eine zentrale Gemeinsamkeit: das Wissen um die Unsicherheit, was Hitler am 22. August 1939 wirklich sagte ...
III. In (m)einem Hinweis zum geplanten und nächstens gedruckt vorliegenden dritten Band von „Genozidpolitik im 20. Jahrhundert“ (Aachen: Shaker, 2007 [=Allgemeine Rechtswissenschaft]) vom 15. November 2006 wurde „die erste wissenschaftliche Verifikation der berüchtigten Hitler-Rede vor den Oberkommandierenden am 22. August 1939 und damit auch des Schlüsselsatzes ´Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier ?´“ angekündigt und, im Zusammenhang mit dem Internationalen Militärtribunal 1945/46 in Nürnberg, weiter ausgeführt:
„Indirekt spielt der Armenozid im Zusammenhang mit Hitlers Rede/n vor den Oberkommandierenden auf dem Obersalzberg am 22. August 1939 zur Rechtfertigung des Angriffs(krieges) auf den polnischen Staat, der dann schließlich am 1. September 1939 begonnenen wurde, eine wichtige Rolle. Diese tatsächlich aus zwei Teilen bestehende „Ansprache des Führers“ ist in den Nürnberger Prozeßdokumenten L-3, PS-789 und PS-1014 dokumentiert und als eine seiner auf den Angriffskrieg bezogenen „Schlüsselbesprechungen“ gewertet worden (in den IMT-Dokumentenbänden finden sich 65 Fundstellen mit Verweis aufs Datum dieser „Dschingis-Khan-Rede“ Hitlers am 22. August 1939). Und auch wenn die Aufgabe des Gerichtshofs nicht die Ahndung des faschistischen „Judenmords“ als „Verbrechen gegen die Menschheit, verübt am jüdischen Volk“ (Hannah Arendt) war, sondern die nationalsozialistischen (Haupt-) Kriegsverbrecher wegen „Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit“
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anzuklagen [...] - so kann doch davon ausgegangen werden, daß, ebenso wie Hitler selbst, der US-Anklägerstab um Robert H. Jackson über ausreichendes geschichtliches Wissen zum „Armeniermord“ während des Ersten Weltkriegs verfügte, um sich im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden von Einzelheiten des Völkermord an europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs an den „Armeniermord“ während des Ersten Weltkriegs „hinten in der Türkei“ erinnern zu können.“[6]
IV. Da das Buch, dessen erste Recherchen 1987, also vor zwanzig Jahren, begonnen wurden, nach der (NRW-) Sommerpause gedruckt vorliegen soll, wäre es autorisch zu trivial, was dort auch unter fachdidaktischen Aspekten dokumentiert und nachlesbar ist, hier nachzuerzählen ... auch wenn dies eine weitere Facette zum Komplex „Historiker als
Detektiv“[7] einschließlich einer Weyrauch-analogen Zufälligkeit beim Ersterschließen von Quellen[8] beibringen könnte. Spannend(er) dagegen könnten, auch unter Einvernahme noch unpublizierter zusätzlicher Materialien[9], vier zusätzliche Aspekte sein, die sich, jeweils in doppelter Form, auf jeweils zwei rezeptionsrelevante Diskursfelder beziehen: auf (1) historische und (2) aktuelle: Einmal könnte angeschlossen werden an zwei zur Hitler-Rede- Verifikation selbst sicherlich nicht zentrale, aber gleichwohl doch zeithistorisch und geschichtswissenschaftlich bedeutsame und weiterführende Untersuchungsbefunde, nämlich, (1.1.) warum zum Komplex „Angriffskrieg“ im Nürnberger IMT-Verfahren das erstmals am 22. 11. 1945 erwähnte L-3-Dokument [= US-exhibit 28] wohl damals schon
(teil)verifiziert war[10], der US-Journalist Louis P. Lochner (1887-1975), der´s unter so abenteuerlichen wie gefährlichen Umständen im August 1939 aus Deutschland herausbekam und´s in den USA als erster 1942 publizierte[11], aber gleichwohl nicht als prozessualer (Zeit- ) Zeuge fungierte; und weiter, (1.2.) warum der ursprüngliche Termin der Militäraggression gegenüber Polen nicht, wie von Hitler geplant, am 26. August 1939 in Angriff genommen und verwirklicht, sondern der kriegerische Angriff aufs inzwischen ´historische´ Datum 1. September 1939 verschoben wurde ... aber wie auch immer:
Zweitens sind (2.1.) endlich in systematisch-kritischer Absicht auch die Gründe anzusprechen, die dazu führten, daß einerseits vier Jahrzehnte lang als ´gesichertes historisches Wissen´ ein damals scheinbar richtungsweisender Aufsatz[12] gilt – und daß andererseits das geschichtswissenschaftliche Wissen nun in der Tat durch einen „outsider“ (Norbert Elias), der seit Jahrzehnten vorwiegend in Bereichen gegenwartsdiagnostischer Politiksoziologie und kritisch-investigativen Kultur-, Wissenschafts- und Qualitätsjournalismus´ engagiert war/ist und der, weil er keinerlei öffentliche Mittel zur ´Beforschung´ von Hitlers Dschingis-Khan-Rede erhielt, zwei Jahrzehnte lang bis zum Abschluß seiner Studien in Form der Verifikation eines - und nur eines - der verschiedenen vorliegenden Rede(text)varianten benötigte ... wobei dieses Problem in der Tat nicht so leicht lösbar war wie das in der bekannten „bahnbrechenden“ Gerlach-Studie vor zehn Jahren durch erstmalige gründliche Lektüre und Deutung zweier seit Jahrzehnten bekannter Tagebuchpassagen führender Nazifunktionäre, um einen mündlichen Hitler-Befehl zum Holocaust (oder Shoa) genannten Völkermord (oder Genozid) an den europäischen Juden zu plausibilisieren und auf den 12. 12. 1941 zu datieren...[13]
Weiter sind (2.2.) mögliche Gründe fürs jahrzehntelange Versagen insbesondere der deutschen akademischen Geschichtsschreibung und ihrer Lehrstuhlmandarine mit Blick auf die Textverifikation von Hitlers Dschingis-Khan-Rede anzusprechen – wobei einmal, was oft erst noch zu beweisen wäre, hier (auch vom Autor) impliziert wird, daß, unabhängig von der Bereitschaft, geschichtswissenschaftlich zu arbeiten, wenigstens die Fähigkeit, dies auch zu können, vorhanden ist; zum anderen ist in der Tat höchstauffällig, was sich prominente(ste) Vertreter der deutschen akademischen Geschichtsschreibung über
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Dr. Richard Albrecht, 2007, "Wer redet denn heute noch von der Vernichtung der Armenier ?“ Adolf Hitlers zweite Rede vor den Oberkommandierenden auf dem Obersalzberg am 22. August 1939 - Eine wissenschaftliche Skizze, Munich, GRIN Publishing GmbH
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