Inhalt
0. Einleitung 3
1. Theoretischer Hintergrund 6
1.1. Begriffsdefinition 6
1.2. Individueller und kollektiver Selbstmord 8
1.3. Selbstmordtheorie nach Durkheim 9
1.4. Selbstmordtypen nach Durkheim 10
1.4.1. Egoistischer Selbstmord 10
1.4.2. Altruistischer Selbstmord 11
1.4.3. Anomischer Selbstmord 12
2. Gesellschaftlicher Umgang mit dem Thema Suizid 14
2.1. Historischer Rückblick des gesellschaftlichen Umgangs mit Suizid 14
2.2. Einstellungen der Kirche und Religion zum Suizid 15
2.3. Suizid und der Suizident - Wer bringt sich um? 18
2.3.1. Direktes Umfeld des Suizidenten - die Hinterbliebenen 24
2.3.2. Suizid eines Kindes und seine Auswirkungen 25
2.3.3. Suizid eines Partners und seine Auswirkungen 27
2.3.4. Gesellschaft und die gewählte Suizidmethode 28
2.3.5. Außenstehende Beobachter 31
3. Zusammenfassung und Schlussbetrachtungen 34
4. Literatur- und Quellenverzeichnis 39
5. Anhang 40
5.1. 15 Wünsche eines Trauernden 41
5.2. Anzahl der Gestorbenen (Todesursachenstatistik) 43
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0. Einleitung
Der Tod hat viele Gesichter. Neben dem natürlichen Tod gibt es noch weitere Formen des Sterbens. Katastrophen, Unfälle und Kriege kommen in Form des unnatürlichen Todes unerwartet vor. Der Suizid ist eine dieser unnatürlichen Todesarten.
Zu allen Zeiten haben Menschen Hand an sich gelegt. Das Thema wird von den verschiedenen Kulturen unterschiedlich behandelt. Die meisten sehen im Selbstmord jedoch etwas Verdächtiges, Verwerfliches. Die großen Weltreligionen verurteilen den Selbstmord. Sie argumentieren mit der Aussage, dass sich der Mensch das Leben nicht selbst gegeben hat und somit sich dieses auch nicht selbst nehmen darf. Nur wenige sehen im Freitod eine Handlung, die Respekt verdient. Die Gründe hierfür sind ebenso unterschiedlich und teilweise sogar historisch verankert. So werden Suizidenten nachsichtig behandelt, die sich aus Verzweiflung, zum Beispiel nach dem Tod eines Angehörigen, das Leben nehmen. Krieger, die es vermeiden wollen, ihrem Feind lebendig in die Hände zu fallen und sich aus diesem Grund das Leben nehmen, werden für ihre Handlung geachtet. Auch Selbstmördern, die den Suizid zur Vernichtung eines Gegners oder zur Verteidigung des Vaterlandes begangen haben, kommt die entsprechende Ehrung zu. Diese werden Teilweise als Helden gefeiert. Ein Beispiel dafür liefern die „Selbstmordattentäter“, die ihr Leben opfern, um einen Gegner zu schädigen. Respekt erlangen auch die, die ihr Leben zum Schutz der Ehre oder als Unschuldsbeweis lassen. Besonderer Respekt kommt Selbstmördern zu, die zur Stärkung des Glaubens ein Martyrium auf sich nehmen. In manchen Fällen wird die Selbsttötung sogar erwartet, so zum Beispiel, wenn die Fähigkeit der übernatürlichen Kräfte der afrikanischen sakralen Könige erlischt oder sich als wirkungslos erweist, erwartet die Gemeinschaftstradition die Selbsttötung. Auch in Hungerszeiten werden Selbstmorde erwartet. Betagte Mitglieder sollen zugunsten der Jüngeren auf die Nahrung und somit auf das Leben verzichten (Kunt 1990:77). Auch wenn der Suizid in allen Gesellschaften vorkommt, stellt er gleichzeitig einen unergründlichen Tatbestand dar, denn nur der Selbstmörder selbst kennt seine wahren Ursachen. Die Beweg-
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gründe der Suizidenten können sehr unterschiedlich sein und stellen die Individualität der Tat in den Vordergrund. Auch, wenn sich die Wissenschaft, vor allem die Gesellschaftswissenschaften, zu ihnen die Soziologie, Ethnographie, die Rechtswissenschaft und die Kriminologie zugehörig, eingehend mit diesem Thema befassen, bleibt es ein großes Rätsel und zeitgleich ein nicht zu ignorierendes gesellschaftliches Problem.
Tagtäglich sterben an die Tausend Menschen durch Selbsttötung. Die Dunkelziffer ist hoch. Allein in der Bundesrepublik stirbt jeder vierte an Folgen einer vorsätzlichen Selbstbeschädigung (Suizid), was 26 Prozent der Todesfälle ausmacht (Siehe Anhang: Todesursachen 2000, Quelle: Statistisches Bundesamt). Meist schweigen die Hinterbliebenen aus Scham, um das Geschehene zu verdrängen oder einfach nur aus Angst vor finanziellen Nachteilen, denn viele Versicherungen zahlen nicht, wenn es sich um Selbsttötung handelt. Daran wird mitunter deutlich, dass das Phänomen des Selbstmordes stark mit Peinlichkeit behaftet ist. Der Selbstmord stellt ein spezifisch menschliches Phänomen dar. Nur dem Menschen ist es möglich, über sich selbst zu reflektieren, somit eine Vorstellung vom eigenen Ich zu erlangen und die Fähigkeit des Bewusstseins zu entwickeln, die eigene Existenz selbst beenden zu können. Der Suizid tritt als unnatürlicher Tod auf. Für die Angehörigen kommt er überraschend. Der Entschluss eines Suizidenten wird oftmals nicht verstanden und akzeptiert. Dies liegt mitunter daran, dass er sich mit seiner Handlung der Logik der Natur widersetzt, denn die Gesetze der Natur und der Gesellschaft, für religiöse Menschen auch des Glaubens, bejahen das Leben und fordern das Weiterleben. So erscheint der Suizid mit der Natur des Menschen, mit seiner Existenz als Teil der Gemeinschaft und mit dem Glauben an Gott, unvereinbar. Als Teil der Gemeinschaft übt der Selbstmörder nicht nur sich selbst gegenüber Unrecht, sondern übt Unrecht an der Gemeinschaft. Als sozialisiertes Wesen verpflichtet die Gesellschaft den Menschen, in einer von ihr legitimierten Art, zu sterben. Die gesellschaftlich aufgezwungene Form des Sterbens, hat für das Individuum selbst, den von der Gesellschaft erwünschten Verlust von Unmittelbarkeit und Intimität, zur Folge (Wackerfuss 1988:31).
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In meiner Hausarbeit möchte ich auf die Thematik des Suizids aus der soziologischen Sichtweise eingehen. Vordergründig soll es hierbei nicht um die Beweggründe der Suizidenten gehen. Vielmehr möchte ich auf die Aspekte der Selbsttötung eingehen, die einen Zusammenhang zwischen der Tat und der Gesellschaft erkennen lassen. Es soll geprüft werden, woher die gesellschaftlichen Vorstellungen, die mit Suizid zusammenhängen, rühren und wie heute mit der Thematik umgegangen wird. Meine Ausführungen stützen sich dabei auf Durkheims Selbstmordtheorie, an der sich bis zum heutigen Tage zahlreiche Untersuchungen orientieren. Im ersten Teil meiner Arbeit möchte ich auf den individuellen und kollektiven Selbstmord eingehen, mich dann mit der Selbst-mordtheorie nach Durkheim beschäftigen, bevor ich dann auf die drei Haupt-Selbstmordtypen, nach Durkheim, eingehen werde. Im zweiten Teil meiner Hausarbeit lenkt sich das Augenmerk auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema. Dabei nehme ich als erstes einen historischen Rückblick des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Thema vor, untersuche dann ausgehend davon die Einstellungen der Kirche und Religion, die für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema prägend sind. Zum Schluss betrachte ich den Umgang der Suizidenten selbst mit dem Thema, gehe dann auf sein direktes Umfeld, die Hinterbliebenen, auf die Auswirkungen der vom Suizidenten gewählten Selbst-mordmethode, sowie auf die außenstehenden Beobachter ein.
Die leitende Frage hierbei soll lauten: Liegen die Gründe für Suizid in der individuellen Veranlagung des Menschen, sind sie als ein Entschluss in einer bestimmten Lebenssituation, zu sehen, oder liegen die Ursachen für Selbsttötung vielmehr in sozialen Kräften einer Gesellschaft?
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1. Theoretischer Hintergrund
1.1. Begriffsdefinition
Beschäftigt man sich mit dem Thema Suizid, so bietet es sich gerade zu an, sich an erster Stelle mit der Begrifflichkeit an sich auseinander zu setzen, denn bei einer genaueren Betrachtung lässt bereits die Begrifflichkeit an sich eine moralische Wertung der Handlung vermuten. Eine negative Wertung der Handlung wird in der im Volksmund üblichen Bezeichnung „Selbstmord" zum Ausdruck gebracht. Das Verhalten des Suizidenten wird hier begrifflich mit dem Straftatbestand eines Mordes, der als unmoralisches menschliches Verhalten betrachtet wird, gleichgestellt. Mord an sich „Selbst", eben anstelle von Mord an einer anderen Person. Im Gegensatz hierzu steht der aus der Prosa stammende Begriff des „Freitods", welcher durch seinen Wortlaut und seine Geschichte dem selbst bestimmten Tod als Ausdruck menschlicher Autonomie eine moralische Aufwertung verleiht. Jean Améry plädiert in seinem Werk „Hand an sich Legen. Diskurs über den Freitod“ für diesen (Freitod). In diesem Zusammenhang müsste jedoch die Frage erörtert werden, ob der Suizident eine freie Handlung vollzieht, oder ob er eher als Opfer seiner Tat gesehen werden kann. Wertneutraler erscheinen in diesem Zusammenhang die Begriffe „Selbsttötung" und „Suizid". Die Bezeichnung „Suizid“ (sui caedere) stammt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel, wie „Zu-Fall-Bringen“ des eigenen Ichs. Sieht man im Brockhaus nach, was unter Selbstmord, Selbsttötung, Freitod, Suizid aufgeführt wird, so ist darunter die „gewaltsame und überlegte Vernichtung des eigenen Lebens, oft aufgrund von Normen- oder Orientierungskonflikten des Individuums“ (Brockhaus 2000:826) vorzufinden. Und weiter heißt es dann: „Nach dem deutschen StGB werden Selbstmord, Selbstmord-Versuch, Anstiftung und Beihilfe zum Selbstmord nicht bestraft. In Österreich wird die Mitwirkung am Selbstmord als Verbrechen bestraft. Das Schweizer. StGB bestraft die Anstiftung und Beihilfe aus selbstsüchtigen Gründen.“ (Brockhaus 2000:836).
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Das Soziologische Lexikon definiert Selbstmord folgendermaßen: Selbst-mord, auch: Selbsttötung „seit E. Durkheim (1897) als Phänomen sozikultureller Entwicklung gedeutet. Durkheim differenziert zwischen „altruistischem“, „egoistischem“ und „anomischem“ Selbstmord. Der altruistische Selbstmord findet sich in traditionellen Gesellschaften, in den die Familie absoluten Vorrang genießt (z.B. in Japan). Der egoistische Selbstmord ist typisch für Gesellschaften, in denen emotionale Bindungen wenig Halt und Orientierung bieten und → soziale Kontrolle fehlt (Industriegesellschaften Westeuropas und N-Ameika), während der anomische Selbstmord sich in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs häuft (Flucht und Vertreibung).“ (Reinhold 1997). „Von einer suizidalen Handlung soll dann gesprochen werden, wenn eine Person durch aktive oder passive Handlungen den eigenen Tod oder die eigenen Verletzung herbeiführt.“ (Lindner-Braun 1990:29).
Durkheim selbst definiert Selbstmord als „jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei er das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte“. (Durkheim 1999:27). „Der Selbstmordversuch fällt unter dieselbe Definition, bricht die Handlung aber ab, eher der Tod eintritt.“ (Durkheim 1999:27). Durkheim sieht den Selbstmord als ein individuelles Phänomen mit sozialen Ursachen an. Für ihn gibt es Selbstmordströmungen, welche die gesamte Gesellschaft durchströmen. Der Ursprung dieser Strömungen hier in der Gemeinschaft gesehen wird und nicht im Individuum, wird hier die Gemeinschaft zur Ursache der Selbstmorde. Für Durkheim liegen somit die wahren Gründe der Selbstmorde in den sozialen Kräften einer Gesellschaft, wobei sie von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Religion zu Religion und von Gruppe zu Gruppe durchaus variieren können. Für Durkheim spielt es dabei keine Rolle, ob der Tod gewaltsam, zum Beispiel durch ein Messer, oder gewaltfrei, zum Beispiel durch Hungern, herbeigeführt worden ist. Jedoch geht er davon aus, dass das Opfer im Besitz seiner geistigen Kräfte ist. Um Selbstmord handelt es sich tatsächlich, wenn das Opfer im Augenblick der Tat mit aller Sicherheit weiß, was seiner Handlung folgen wird.
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Der Suizid ist also das Resultat einer abstoßenden Wirkung der Alternative „Weiterleben.“ (Lindner-Braun 1990:71). Er ist eine „überlegte und aus freiem Willen praktizierte gewaltsame Selbstvernichtung“ (Kunt 1990:77). In meiner Hausarbeit möchte ich mich jedoch nicht auf eine Bezeichnung des Tatbestandes beschränken, es wäre mir schon rein aus praktischen Gründen unmöglich, auf den, hier als wertend dargestellten Begriff des Selbstmordes, bzw. der Selbsttötung zu verzichten und mich nur für den Begriff des Suizides zu entscheiden. Da sich meine Arbeit hauptsächlich auf Durkheims Ausführungen stützt und sein Werk vom Begriff des Selbstmordes nicht absieht, was sicherlich auch zeitlich begründbar wäre, worauf ich hier jedoch im Einzelnen nicht weiter eingehen werde, erscheint es mir als angemessen, die Begrifflichkeiten zu mischen.
1.2. Individueller und kollektiver Selbstmord
Selbstmord stellt an sich den Akt eines einzelnen, eines Individuums dar. Er berührt an sich auch nur den einzelnen. So scheint es, dass er ausschließlich von individuellen Faktoren abhängt und folglich seinen Ursprung im Bereich der Psychologie hat. Meist wird die „Erklärung für den Entschluss des Selbstmörders in seinem Temperament, seinem Charakter, den Ereignissen seines privaten Lebens und in seiner persönlichen Entwicklung“ (Durkheim 1999:30) gesucht. Es stellt sich dabei zeitgleich die Frage, ob der Selbstmord überhaupt eine rein individuelle Erscheinung sein kann. Keinesfalls betrifft er nur den einzelnen, denn jedes Individuum ist in soziale Kontexte eingebunden und muss folglich auch in diesen betrachtet werden. Zwischen den beiden Selbstmordtypen, dem individuellen und dem kollektiven, lässt sich eine Unterscheidung vornehmen.
Der individuelle Selbstmord ist ausschließlich von individuellen Faktoren abhängig und findet seinen Ursprung in der Psychologie weil er Akt des Einzelnen ist. Der Grund für den Entschluss des Selbstmörders zum Selbstmord wird in
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Arbeit zitieren:
Anna Eckert, 2002, Suizid - Gesellschaftlicher Umgang mit Selbsttötung, München, GRIN Verlag GmbH
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