0. Einleitung
Der vorliegende Essay widmet sich der Reichsakademie für Jugendführung in Braunschweig, einer Einrichtung der Hitlerjugend (im Folgenden auch als HJ abgekürzt). Das Beispiel der Akademie soll Charakteristika nationalsozialistischer Pädagogik und hierbei insbesondere des Führungsstils in der HJ und des Ausleseverfahrens zur Eliteförderung darstellen. Zu Beginn des Essays ist jedoch vorgesehen, einen Einblick in die Konzeption der Reichsakademie und in ihre Nutzung durch die HJ zu geben. Die spezifische Baugeschichte des Gebäudes in Braunschweig findet schließlich in einem dritten Kapitel Beachtung.
1. Struktur, Konzeption und Nutzung der Akademie für Jugendführung An der Wolfenbütteler Straße in Braunschweig wurde „am 24.1.1936 […] der Grundstein für die Anlage gelegt“ 1 , auf welcher in den darauf folgenden zweieinhalb Jahren die Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend entstehen sollte. „Die Reichsakademie war die höchste Schule der Hitlerjugend (HJ) und sollte dazu dienen, junge Männer für eine hauptberufliche Führerschaft in der HJ auszubilden“ 2 . Somit war sie den Reichsführerschulen übergeordnet und sollte einem akademischen Anspruch gerecht werden, um „die Sicherung des Führernachwuchses“ 3 zu gewährleisten und „ein Führerkorps heranzubilden, das imstande sei, die Erziehung der kommenden Generation zu sichern“ 4 . In der „Entwicklung von der Führerschaft zum Korps“ 5 sah die NSDAP den unabdingbaren und zukunftsweisenden Weg, den die HJ zu gehen habe, um ihre „Aufgabe von heute bis in alle Zukunft zu meistern“ 6 . Der Beruf des HJ-Führers musste für nachfolgende Führergenerationen institutionalisiert und ansprechend gestaltet werden, um „nicht nur als eine ungesicherte Übergangstätigkeit angesehen“ 7 zu werden. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern sollten die zum Führer Auszubildenden nicht aus anderen Berufen in das Amt überwechseln, sondern bereits in jungem Alter derartige Positionen einnehmen. Die Akademie für Jugendführung war dazu vorgesehen, in diesem Verberuflichungsprozess die Rolle des zentralen Ausbildungsorgans einzunehmen. Der Jugendführer sollte nach der Vorstellung des Reichsjugendführers Baldur von Schirach „zum ‚Idealtyp des außerhalb der Schule wirkenden Gestalters der jungen
1 http://procyon.ionichost.com/orte4.php (Stand: 29.12.2006)
2 ebd.
3 Schultz, Jürgen: Die Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend in Braunschweig. Braunschweig, 1978. S.25
4 ebd.
5 ebd.
6 ebd.
7 ebd.
2
Generation’ werden“ 8 und somit das Äquivalent zum Jugenderzieher, dem Idealtypus eines Schullehrers, darstellen.
Mit der Verkündung der „Ausbildungsordnung für das Führerkorps der Hitler-Jugend“ 9 am 18.2.1938 und dem Einzug des ersten Lehrgangs in die Akademie am 2.8.1939 war „die Führerlaufbahn institutionalisiert“ 10 . Sie sah vor, dass der „Ernennung zum Gefolgschaftsführer-Anwärter“ 11 als Ziel der HJ-Laufbahn, die im 14.Lebensjahr beginnt, der Wehrdienst und anschließend verschiedene Lehrgänge und Einsätze in Einheiten, sowie die Berufung zum Gefolgschaftsführer folgten. Zwischen dem Grad des Gefolgschaftsführers und dem des Akademie-Bewerbers war ursprünglich noch „die Einberufung zur ‚Reichsschule für Stammführer’“ 12 vorgesehen. Die Einführung dieser Institution ließ sich aber aufgrund des Kriegsbeginns nicht mehr verwirklichen. „Eine viermonatige Arbeit in einer Gebietsführung und die Ableistung eines achtwöchigen Lehrgangs an der Reichsführerschule Potsdam“ 13 sollten dann für den zum Führeranwärter Auserwählten Voraussetzung für die einjährige Ausbildung in Braunschweig werden. Einhergehend mit der Aufnahme in die Akademie stand eine zwölfjährige Verpflichtung zum Dienst in der HJ. Die Abschlussprüfung an der Akademie bestand aus einer „Gesamtwertung aller bis dahin sichtbar gewordenen Eigenschaften und Leistungen des jungen Führers“ 14 , sowie aus der Aufgabe, „drei Wochen in der Inlandsindustrie und ein halbes Jahr im Ausland zu verbringen“ 15 , die wohl damit verglichen werden kann, was man heute unter einem Praktikum versteht. Anschließend folgten für den Absolventen „die Verleihung des sogenannten Jugendführer-Patentes und des Führerdolchs […] und [die] Berufung in das Führerkorps und damit in den hauptamtlichen Dienst der HJ“ 16 . Nach den zwölf Dienstjahren in der HJ sollte die Führungskraft dann weiterhin in die parteiliche oder staatliche Arbeit eingebunden werden. Ihrer Rolle als Institution zur Ausbildung des Führerkorps konnte die Akademie jedoch nicht lange gerecht werden. Schon im August und September 1939, also nur wenige Wochen nach dem Einzug des ersten Lehrgangs, wurden „fast alle Akademie-Schüler“ 17 , aber auch zahlreiche Angestellte zum Kriegsdienst einberufen. In den folgenden Jahren musste die HJ in ganz Deutschland und so folglich auch an der Braunschweiger Reichsakademie kriegsbedingt
8 ebd., S.26
9 ebd., S.31
10 ebd., S.26
11 ebd.
12 ebd.
13 ebd., S.31
14 ebd.
15 ebd.
16 ebd.
17 ebd., S.167
3
immer wieder schwere personelle Verluste hinnehmen und sich der Notwendigkeit der Improvisation stellen. Im Januar 1940 wurden schließlich nicht nur die Schulungen, sondern auch die kurzzeitig durchgeführten Kriegs-Sonderlehrgänge eingestellt. In den nächsten beiden Jahren wurden in den Gebäuden der Akademie Lehrgänge des Bundes Deutscher Mädel veranstaltet. Anschließend folgte von Januar bis August 1942 eine Verwendung als Lazarett. Erst dann wurde die Nutzung der Anlage wieder der HJ übertragen, welche in Braunschweig fortan bis zur amerikanischen Besatzung im April 1945 Lehrgänge für kriegsversehrte HJ-Führer durchführte.
2. Pädagogische Grundsätze und Aspekte des Ausleseverfahrens der Akademie Wie bereits im ersten Kapitel erläutert, sah die NSDAP, bzw. die Reichsjugendführung die Notwendigkeit, den neuen Berufsstand des Jugendführers zu etablieren bzw. ein Führerkorps auszubilden. „Nach den Grundsätzen der Führererziehung […] sollte weniger Theorie als vielmehr, das Rüstzeug für die weitere praktische Tätigkeit’ vermittelt werden“ 18 . Neben dem Sportunterricht, dem in der nationalsozialistischen Pädagogik ohnehin besondere Bedeutung zukommt, sollten die künftigen Führer auch in politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, sowie natur- und geisteswissenschaftlichen Belangen unterrichtet werden. Ein besonderer Fokus lag naturgemäß auf der Pädagogik, um eine angemessene Beschäftigung mit „Fragen der Jugendführung“ 19 zu gewährleisten. Der Biologie- und der Kunstunterricht waren bedeutsam, da ihre Aufgabe darin bestand, den „Gesichtspunkt der Verschiedenartigkeit der Rassen“ 20 zu vermitteln. Schließlich wurden auch diverse Sprachen gelehrt, um den Führeranwärter für den Auslandsdienst zu präparieren. Ziel der Ausbildung war nach von Schirach „daß der Jugendführer der Zukunft ‚ein Priester des nationalsozialistischen Glaubens und ein Offizier des nationalsozialistischen Dienstes’ sein würde“ 21 . Zudem sollte ihm die Zugehörigkeit zum Führerkorps der HJ ein besonderes Gefühl der Ehre vermitteln. Um dessen Mitglieder von der Masse abzuheben, war es unabdingbar, „innerhalb dieses Korps ein elitäres Selbstgefühl entstehen“ 22 zu lassen.
In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Akademieschüler in einem Alter zwischen 23 und 35 Jahren befanden, war es von besonderer Schwierigkeit, ihre Schulung einerseits in einem vermeintlich „relativ freien und weltoffenen Stil“ 23 durchzuführen, sie andererseits aber auch
18 ebd., S.31
19 ebd., S.32
20 ebd.
21 ebd., S.33
22 ebd., S.188
23 ebd.
4
Arbeit zitieren:
Florian Reifenrath, 2006, Die Braunschweiger Reichsakademie für Jugendführung - Zur Struktur, Konzeption und Geschichte einer Institution der Hitlerjugend, München, GRIN Verlag GmbH
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