Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatte Deutschland Ende 2004 82,501 Mio. Einwohner, darunter ungefähr 3 Mio. in der letzten Zeit zugewanderte Aussiedler. Dies entspricht ca. 3,6 % der Gesamtbevölkerung. 2004 gab es in Deutschland 1.385 Todesopfer im Zusammenhang mit Drogenkonsum, sogenannte Drogentote. Mit 123 Personen lag der Anteil der Spätaussiedler bei 9 % und ist damit in Relation zum Anteil an der Gesamtbevölkerung auf relativ hohem Niveau. Während die Zahl der Drogentoten insgesamt sinkt, ist sie bei Aussiedlern im Jahr 2003 um 25,3 % gestiegen.
Dieser alarmierende Tatbestand ist aber nur die Spitze des Eisbergs der „Drogen, Sucht und Migration“ umfasst viele nicht beschriebene Problemursachen und Problemfolgen. Einige davon sind Drogen, Alkohol, Kulturschock, Sprachbarrieren, schulische und berufliche Eingliederung, Status- und Integrationsprobleme. Jugendliche aus Migrantenfamilien erfahren diesen Stress doppelt. Bedingt durch die alterstypischen Entwicklungsaufgaben sind ihre Belastungen im Vergleich mit einheimischen Jugendlichen gewaltig. Für den größten Teil der jugendlichen Aussiedler verläuft die Integration aber erfolgreich. Für den anderen Teil begünstigen die Folgen auftretender Integrationsprobleme den Rückzug in die eigene Community und setzen jugendliche Migranten der Gefahr aus, im Drogenkonsum einen Kompensationsmechanismus für ihre Akzeptanzprobleme zu suchen. Die Drogen konsumierenden jugendlichen Spätaussiedler fallen durch einige Besonderheiten auf, wie z. B. wesentlich höhere Kritiklosigkeit und Unwissenheit über die Gefahrenpotenziale, schnellerer Verlauf vom Missbrauch zur Abhängigkeit, Mischkonsum von Heroin und Alkohol, hohes Niveau an Beschaffungskriminalität.
Es ist richtig, dass die Suchthilfe für alle, auch für die jugendlichen Aussiedler, ihre Unterstützungsleistungen anbietet. Die Frage ist, ob die für Einheimische entwickelten Präventions-, Beratungs- und Unterstützungsangebote in gleichem Maß für Aussiedler, aber auch für andere Migranten hilfreich bzw. angeboten werden können.Es gibt eine Reihe von Zugangsbarrieren, die das Suchthilfesystem unbewusst und weitgehend unreflektiert für drogengefährdete und drogenabhängige jugendliche Aussiedler errichtet hat.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Zur Wortwahl
2 Lebens- und Migrationserfahrungen jugendlicher Aussiedler
2.1 Jugend in Russland
2.2 Rechtlicher Status von Aussiedlerjugendlichen
2.3 Integrationsverläufe jugendlicher Aussiedler und Risikofaktoren, die Drogenkonsum und Suchtentwicklung bedingen
2.4 Drogenabhängigkeit von Aussiedlerjugendlichen
2.5 Zugangsbarrieren und Probleme jugendlicher Aussiedler im System der Suchthilfe
3 Sucht und Abhängigkeit
3.1 Zum Begriff „Drogen“
3.2 Definition der Begriffe Sucht und Abhängigkeit
3.2.1 Stoffgebundene und Stoffungebundene Abhängigkeit
3.2.2 Physische Abhängigkeit
3.2.3 Psychische Abhängigkeit
3.3 Erklärungsansätze zur Entstehung von Sucht – und Drogenabhängigkeit
3.3.1 Psychoanalytische Suchttheorie
3.3.2 Lerntheoretisches Modell
3.3.3 Soziologische Theorien
3.3.4 Multifaktorieller Ansatz
3.4 Drogengebrauch in den Jugendphasen
3.5 Einfluss der Peer-group auf das Konsumverhalten
4 Zum Begriff der Prävention
4.1 Primäre Prävention
4.2 Sekundäre Prävention
4.3 Tertiäre Prävention
4.4 Suchtpräventionen als integrativer Bestandteil der Gesundheitserziehung und –Förderung bei jugendlichen Spätaussiedlern
4.5 Berücksichtigung rechtlicher Aspekte
4.6 Aufgaben und Ziele pädagogische Suchtprävention: Abstinenz oder Konsumtoleranz?
4.7 Erziehung zur Genussfähigkeit
5 Handlungskonzepte für Soziale Arbeit mit Suchtgefährdeten jugendlichen Spätaussiedlern
5.1 Case Management
5.2 Streetwork
5.3 Mobile Jugendarbeit bei Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien
6 Interkulturelle Öffnung der Suchthilfe
6.1 Die Notwendigkeit der interkulturellen kompetenten Sozialen Arbeit mit den Migranten
6.2 Mitarbeiter mit Migrationshintergrund und die Bedeutung der Muttersprache
6.3 Anforderungen an das System der Suchthilfe
7 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht, wie das Suchthilfesystem jugendliche Aussiedler besser erreichen und präventiv unterstützen kann, indem sie Schwellenängste abbaut und suchtpräventive Konzepte unter Berücksichtigung von Migrationserfahrungen, kulturellen Hintergründen und den Anforderungen der interkulturellen Öffnung adaptiert.
- Lebens- und Migrationserfahrungen junger Aussiedler
- Theoretische Erklärungsansätze für Sucht und Abhängigkeit
- Handlungskonzepte wie Case Management und Streetwork
- Interkulturelle Öffnung der Suchthilfe und Sprachbarrieren
Auszug aus dem Buch
2.3 Integrationsverläufe jugendlicher Aussiedler und Risikofaktoren, die Drogenkonsum und Suchtentwicklung bedingen
Migration wird oft mit dem Bild der „Entwurzelung“ verglichen. Das Gewohnte hat keine Gültigkeit mehr. Mit der Umsiedlung von den Herkunftsländern verlieren viele Migranten an psychischer Stabilität und stehen vor den Anforderungen, in einem neuen Sozialisations- und Integrationsprozess diese Stabilität wieder herzustellen. Die gesellschaftliche Integration und psychische Stabilität wird aber von vielen Integrationsproblemen belastet. Tuner stellt in seinem Artikel mögliche Belastungen und Stress fördernde Faktoren zusammen, die in der Praxis relevant sein können. Darunter sind solche wesentlichen Integrationsprobleme wie Trennungsschmerz, Verständnisprobleme, enttäuschte Erwartungen, Ablehnung durch die neue Umgebung, Diskriminierung, der Mitnahmeeffekt, Rollendiffusionen und Konflikte in der eigenen Umgebung oder in der Familie, erschwerte Schul- und Ausbildungsbedingungen, ungünstige Wohn- und Arbeitssituation oder auch Verlust der nationalen Identität (vgl. Tuna, 1999, S. 94 ff). Diese Integrationsprobleme stellen für jugendliche Migranten unter Umständen Belastungen dar, die als besondere Gefährdung angesehen werden könnten und den Drogengebrauch und die Drogenabhängigkeit erklären.
Nach der Kulturkonflikt- bzw. Kulturschock-Hypothese wird die Ursache für psychische Unstabilität in nicht erreichter Anpassungsleistung in der neuen Kultur gesucht. Identitätskrisen entstehen durch das Leben in zwei unterschiedlichen, divergierenden Wertmaßstäben, die aufeinandertreffen und sich unvereinbar gegenüberstehen. Eine mögliche Folge davon ist die Tendenz zu einer erhöhten Suchtgefährdung. Entscheidungskonflikte zwischen erstrebter und verhafteter Kultur, unterschiedliche Erziehungssysteme verwirren Jugendliche. Familienkrisen, bedingt durch Rollenkonfusion, Unselbstständigkeit der Eltern (z. B. aufgrund von Sprachbarrieren) und Identitätsdiffusion bei den Jugendlichen treten zunehmend auf. In einer Situation, dominiert von Unsicherheit in persönlicher, sozialer und kultureller Identität, kann exzessiver Konsum als Bewältigungsversuch nahe liegen (vgl. Bundesministerium für Gesundheit, 2002, S. 27 ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Stellt das Problem des Drogenkonsums bei Aussiedlerjugendlichen dar und definiert die Zielsetzung der Arbeit.
2 Lebens- und Migrationserfahrungen jugendlicher Aussiedler: Analysiert die Belastungsfaktoren der Migration und deren Einfluss auf Suchtgefährdung.
3 Sucht und Abhängigkeit: Erläutert theoretische Grundlagen und Ursachenmodelle von Sucht und Drogengebrauch.
4 Zum Begriff der Prävention: Beschreibt verschiedene Präventionsformen und deren Bedeutung für die Suchthilfe.
5 Handlungskonzepte für Soziale Arbeit mit Suchtgefährdeten jugendlichen Spätaussiedlern: Stellt Case Management und Streetwork als Methoden der Sozialarbeit vor.
6 Interkulturelle Öffnung der Suchthilfe: Diskutiert die Notwendigkeit interkultureller Kompetenz und die Anpassung des Suchthilfesystems.
7 Schlusswort: Fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit integrativer, kultursensibler Präventionsangebote.
Schlüsselwörter
Suchtprävention, Jugendliche, Spätaussiedler, Migration, Integration, Drogenabhängigkeit, Sozialarbeit, Case Management, Streetwork, interkulturelle Öffnung, Migrationserfahrungen, Suchthilfe, Gesundheitsförderung, Pubertät, Peergroup
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Suchtprävention bei jugendlichen Spätaussiedlern und analysiert, warum bestehende Suchthilfeangebote diese Zielgruppe oft nicht erreichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Migrationserfahrungen, Integrationsverläufe, theoretische Ansätze zu Sucht und Abhängigkeit sowie spezifische sozialarbeiterische Handlungskonzepte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie das Suchthilfesystem für jugendliche Aussiedler interkulturell geöffnet und effektiver gestaltet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung und Literaturanalyse, die bestehende Erkenntnisse und Handlungskonzepte zusammenführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ursachen von Suchtverhalten bei Aussiedlern, erörtert Präventionsbegriffe und vergleicht Handlungsmethoden wie Case Management und Streetwork.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Suchtprävention, Spätaussiedler, interkulturelle Öffnung, Migration und Soziale Arbeit.
Warum fällt es Aussiedlerjugendlichen oft schwer, Hilfe bei Drogenproblemen zu suchen?
Es existieren diverse Zugangsbarrieren, wie Sprachschwierigkeiten, Misstrauen gegenüber dem Hilfesystem aufgrund von Erfahrungen im Herkunftsland und die Stigmatisierung als kriminell oder suchtkrank.
Welche Rolle spielt die Peergroup für das Drogenkonsumverhalten dieser Jugendlichen?
Die Peergroup fungiert als wichtige Sozialisationsinstanz, die bei Jugendlichen Stabilität, aber auch Druck zur Anpassung an risikoreiches Konsumverhalten ausüben kann.
- Quote paper
- Elena Kott (Author), 2007, Suchtprävention bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76463