1. Einleitung
Kaum ein anderer politischer Denker hat eine derart kontroverse Rezeption erfahren wie der Florentiner Niccoló Machiavelli. Während die einen ihn zum Vorreiter der modernen Demokratie erheben, wird er von anderen als Wegbereiter des Absolutismus und des Totalitarismus verteufelt. 1 Diese unterschiedlichen Standpunkte sind vornehmlich der Gegensätzlichkeit seiner beiden Hauptwerke - Il Principe und Discorsi - geschuldet. Il Principe lässt Machiavelli aufgrund der enthaltenen machtpolitischen Erwägungen, der Glorifizierung Cesare Borgias und der Legitimation von Gewalt gegenüber Untertanen und politischen Gegnern als einen Berater skrupelloser Machtpolitiker erscheinen. Discorsi hingegen, zeigt ihn als aufrechten Republikaner, der das Volk vor den Machenschaften der Fürsten warnt und Hinweise zur Verteidigung gibt. 2 Trotz der gegensätzlichen Thematik und Zielsetzung ist beiden Schriften eins gemeinsam - die Rolle, die Machiavelli der christlichen Religion beimisst. Was in Il Principe nur anklingt, wird in Discorsi ausführlicher behandelt. Er entwickelt das Konzept einer Republik nach dem antiken Vorbild der Römischen Republik, in der die menschliche Vernunft (virtú) das höchste Gut ist. Sie löst die Religion als Herrschaftslegitimation ab und macht sie stattdessen zu einem politischen Instrument. 3 Dieser Aspekt seiner Theorie ist in der Forschung bisher nur relativ oberflächlich betrachtet worden, da die meisten Autoren in erster Linie Machiavellis Republikbegriff, seiner Theorie der Staatsraison oder die Kontoverse um die Rezeption des Fürsten thematisieren. Dabei sind Machiavellis Ansätze im Hinblick auf die noch bevorstehende Reformation und die spätere Entwicklungen im Zeitalter der Aufklärung besonders bemerkenswert. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern man in den Schriften Niccoló Machiavellis von einer Säkularisierung der Politik sprechen kann. Unter Säkularisierung versteht man die „Überführung kirchlicher Regentenfunktion in weltliche Hände und die Lösung von Deutungsmustern, Wertvorstellungen und Normen von ihren kirchlichen und theologischen Prägungen (Verweltlichung)“ 4 .
1 Vgl. Schröder, Peter: Niccoló Machiavelli, Franfurt am Main, 2004, S. 76.
2 Vgl. Münkler, Herfried: Niccoló Machiavelli, in: Maier, Hans/ Horst Denzer (Hrsg.): Klassiker des
politischen Denkens Erster Band. Von Plato bis Hobbes, 2. Aufl., München 2004, S. 120.
3 Vgl. Münkler, Herfried: Im Namen des Staates. Die Begründung der Staatsraison in der Frühen Neuzeit,
Frankfurt am Main 1987, S. 110.
4 Schmidt, Manfred G.: Säkularisierung, in: Wörterbuch zur Politik, 2.Aufl., Stuttgart 2004, S. 626.
2
Um darzustellen inwieweit diese Definition zutrifft, wird zu Beginn der historische Kontext, d.h. das Denken des Humanismus und die Anfänge der Säkularisierung, näher betrachtet. Weiterhin wird die Rolle religiöser Akteure in der Politik und die Funktionalisierung der Religion in den Theorien Machiavellis untersucht. Abschließend wird die Thematik zusammengefasst, und es wird Bezug genommen auf die Kritik an Machiavellis Theorie.
2. Historischer Hintergrund
2.1. Der Italienische Humanismus
Im 15. Jahrhundert setzte im Zuge der Renaissance eine politische und kulturelle Wende ein. Die unumschränkte Herrschaft der Kirche wurde beendet, und es begann ein neues Zeitalter, geprägt von der Rückbesinnung auf antike Werte und Ideale. Die zentrale geistige Strömung dieser Zeit war der Humanismus, der sich von Italien aus in ganz Europa ausbreitete. Seine Blüte fand der Humanismus in dem von den Medici regierten Florenz, welches im Gegensatz zu den meisten anderen Kulturzentren jener Zeit, über keine starke scholastische Tradition verfügte. Das geistige Leben spielte sich vorrangig in lockeren Gesprächszirkeln ab. An den Gesprächen in einem derartigen Humanisten-Zirkel, dem um Cosimo Rucellai in den Orti Oricellari, nahm auch Niccoló Machiavelli teil. 5
Der Humanismus ist geprägt von einer scharfen Ablehnung der christlichscholastischen Vergangenheit, welche die Humanisten als Mittelalter bezeichneten und einer bedingungslosen Hinwendung zur römischen und griechischen Antike und ihrer Denker. Die Schriften von Platon und Aristoteles wurden neu, zum Teil zum ersten Mal übersetzt. Im Zentrum steht nicht mehr Gott, sondern das menschliche Individuum, sodass man von einem antropozentrischen Weltbild spricht. Als Ideal gilt weiterhin das leidenschaftliche Streben nach Erkenntnis und die Erforschung der Frage, nach dem was der Menschen ist betrachtet. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die Humanisten sich mit Platon und dem Platonismus verbunden fühlen und Aristoteles eher kritisch, wenn nicht sogar ablehnen gegenüberstanden. 6
5 Vgl. Schröder, Peter: Niccoló Machiavelli, Frankfurt am Main 2004, S. 164.
6 Vgl. Vollmann, Benedikt Konrad: Renaissance und Humanismus, in Kuester, Hildegard (Hrsg.): Das 16.
Jahrhundert. Europäische Renaissance, Regensburg 1995, S. 23.
3
Das Ziel humanistischer Bestrebungen war die politische Umwälzung durch die geistige Befreiung. Die altrömische Staats- und Gesellschaftsordnung fungierte als Vorbild, ohne dass diese genauer hinterfragt wird. Sie ist, wie auch bei Machiavelli, das zu erreichende Ideal. Es wird auch deutlich, dass der Humanismus keine revolutionäre, sondern eine rein geistige Strömung war. „Der Humanismus machte weder »mittelalterlichem« politischen Denken ein Ende […] noch macht er mit der Säkularisierung politischen Denkens den Anfang“. 7
2.2. Der Beginn der Säkularisierung in Europa
Die Säkularisierung, welche später im Absolutismus gipfelte, begann bereits im Mittelalter, obwohl sie weder als solche verstanden noch beabsichtigt war. Man kann jedoch nicht von Säkularisierung im modernen Sinne sprechen, sondern vielmehr von einer wachsenden »Eigengesetzlichkeit des Weltlichen«. 8 Das Gottesgnadentum hatte weiterhin große Bedeutung, doch mit der Entstehung moderner Nationalstaaten und dem damit verbundenen »Wachstum der Staatsgewalt« und dem Erstarken und der Ausbreitung monarchischer Strukturen, wurden einige Bereiche, wie Recht und Philosophie, in eine relative Eigenständigkeit versetzt. 9 Das säkulare Erbe der Antike erzeugt besonders im lateinischen Westen Spannungen und bewirkt Veränderungen. Als Reaktion auf die Erscheinungen des politischen Wachstums entstanden neue Analysen politischen Verhaltens, welche sich vornehmlich mit der Brauchbarkeit und der Legitimation »unmoralischer« Politik beschäftigten und Herrschaftswissen vermittelten. 10
Die Einheit von sacerdotium und regnum, in der die Politik nur eine heilsgeschichtlich-religiöse Funktion hatte, wird umgewandelt in ein ungelöstes Spannungsverhältnis von geistlicher und weltlicher Gewalt. Mit dem Investiturstreit wird die weltliche Gewalt aus ihrer unmittelbar religiösen Funktion verdrängt, und es zeichnet sich eine politische Wende ab.
7 Vgl. Mertens, Dieter: Geschichte der politischen Ideen im Mittelalter, in: Fenske, Hans (Hrsg.) u.a.:
Geschichte der politischen Idee. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2.Aufl., Frankfurt am Main 2004, S.
237.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. Reinhard, Wolfgang:Vom italienischem Humanismus bis zum Vorabend der Französischen Revo-
lution. in: Fenske, Hans (Hrsg.) u.a.: Geschichte der politischen Idee. Von der Antike bis zur Gegenwart,
2.Aufl., Frankfurt am Main 2004, S.241.
10 Vgl. ebd..
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Bianca Hühnerfuß, 2006, Niccoló Macchiavelli - Die Säkularisierung der Politik, München, GRIN Verlag GmbH
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