1. Einleitung
In der folgenden Arbeit werde ich anhand der Werke Tite et Bérénice von Pierre Corneille und Bérénice von Jean Racine, beide Texte aus dem Jahr 1670, die Art und Weise der Heldenkonstruktion dieser beider Autoren untersuchen. Dazu werde ich ganz kurz und oberflächlich auf die jeweiligen Biographien eingehen um eine Begründung dafür zu finden, warum beide Autoren zur gleichen Zeit das gleiche Thema in einem Stück aufgriffen und warum Racine damit so viel mehr Lob erntete. Zu dieser Fragestellung werde ich mehrere Quellen zitieren und verschiedene Möglichkeiten offerieren.
Im weiteren Verlauf werde ich dann den Schwerpunkt auf die Konstruktion der weiblichen Helden, sprich der beiden Berenikes, legen und eventuelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigen. Berücksichtigen werde ich dabei natürlich besonders wie sowohl Racine und Corneille ihre Heldinnen aufbauen und präsentieren. Im Zuge der Tatsache dass diese Arbeit einem Seminar über Racine angehörig ist und dass das Werk von Corneille in der Forschung nicht eine solche Achtung wie das von Racine gefunden hat, wird Bérénice im folgenden eine anteilmäßig etwas größere Beachtung und Ausarbeitung zuteil werden.
2. Konstruktion der weiblichen Helden in Jean Racines Bérénice und Pierre Corneilles
Tite et Bérénice
2.1. Racine und Corneille - zwei Leben, zwei Autoren
Pierre Corneille wurde am 06.06.1606 in Rouen geboren. Er besuchte ein Jesuitenkolleg, deren dort verbreitete Lehre einen großen Einfluss auf ihn und seine Werke hatte, was an anderer Stelle näher erläutert wird. Er absolvierte danach erfolgreich ein Studium der Rechte und hatte auch jahrelang Justizämter inne.
Ab 1629/30 kann er erste Erfolge als Dramatiker verzeichnen, jedoch zunächst als Verfasser von Komödien wie Mélite. Mit Le Cid schafft er dann 1637 den Übergang von der Komödie zur Tragödie und der Erfolg dieses Stückes beschert ihm die Aufnahme in den Adelsstand durch den König. Mit dem Erfolg kamen aber auch Neider und Streitigkeiten über den Cid, die sogenannten Querelles du Cid, im Zuge welcher sogar die Académie Française involviert
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war. Corneille machte daraufhin eine vierjährige Schaffenspause, nach welcher er sich mit Horace zurückmeldet „doch sein Ruhm verblasst allmählich neben dem der neuen Star-Dramatiker Molière und vor allem Racine“ 1 . Er starb am 01.10.1684 in Paris.
Jean Racine wurde im Dezember 1639 in La Ferté-Milon geboren. Er verlor sehr früh und kurz nacheinander beide Elternteile und wurde nach Port-Royal geschickt wo er eine humanistische Ausbildung genoss. Welchen Einfluss das auf seine spätere künstlerische Entwicklung hatte, wird, wie bei Corneille, später genauer erläutert. Erwähnt sei an dieser Stelle noch, dass er sich 1666 von der Lehre Port-Royals distanzierte um sich dann 13 Jahre später dieser wieder anzunähern.
1664 erhielt er die königliche Gratifikation und wurde später zum königlichen Historeographen ernannt. 1667 feierte er seinen Durchbruch mit der Tragödie Andromaque, welche im Hôtel de Bourgogne aufgeführt wurde. Nach der Verfassung von insgesamt elf Tragödien und einer Komödie starb er am 21.04.1699 ebenfalls in Paris und wurde in Port-Royal bestattet.
Wie es nun dazu kam, das diese beiden großen Autoren zeitgleich das gleiche Thema für ein Stück wählten, darüber ist man sich in der Forschung bis heute nicht ganz einig.
2.2. Zweimal Bérénice?
Racines Bérénice wurde am 21.11.1670 uraufgeführt, acht Tage später folgte Tite et Bérénice im Palais Royal. Manche Theoretiker sind der Meinung, das Racine durch die Heirat von Henriette d’Angleterre mit dem Herzog von Orléans zu seinem Stück inspiriert wurde, da Henriette diese Ehe aus Gründen des Pflichtgefühls gegenüber dem Staat einging. Fontenelle auf der anderen Seite ist der Überzeugung dass eben diese Henriette sowohl Racine als auch Corneille diese Thematik für ein Stück angeboten hat und somit die Rivalität der beiden zum Höhepunkt brachte. Laut Racines Sohn Louis wiederum offerierte Henriette diese Idee nur gegenüber Racine und Molière; beide standen unter ihrem Protektorat. Freunde von Corneille hätten davon gehört und diesem darüber berichtet, woraufhin er dann ein eigenes Bérénice- Stückverfasste 2 .
1 Www.frankreich-experte.de/fr/6/lit/corneille.html (Gert Pinkernell)
2 Knapp 1971, 108
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Der heutige Forschungsstand gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Racine bei Corneille oder Corneille bei Racine abgeschaut hat, oder ob Henriette für die „doppelte Bérénice“ verantwortlich ist. Im Zuge dieser weiteren Arbeit wird das auch nicht relevant sein. Wichtig ist dass Racines Stück wesentlich häufiger aufgeführt wurde und mehr Erfolg brachte.
2.3. Allgemeiner Überblick über die Helden Corneilles
Das 17. Jahrhundert lässt sich künstlerisch und literarisch als das Jahrhundert des Barock und der Klassik bezeichnen. Corneille gerät damit genau zwischen diese beiden Epochen, wird aber häufig als „Beginner der Klassik“ 3 bezeichnet. Typisch für den Barock ist bei ihm „die Tendenz des Helden zur Ostentation, strukturell, der Sinn für Dynamik und Antithetik und, stilistisch, die ausgeprägte Schmuck- und Prunkfreude“ 4 .
Er gestaltet seine Helden als rationale Menschen, die selbst in der Tragödie Fassung bewahren können und das sogar soweit dass sie ihre eigenen Leidenschaften verleugnen. Sie streben nach gloire und honeur und halten sich streng an die starre hierarchische Ordnung, nach der zu aller erst der Staat kommt, dann die Familie und ganz zum Schluss die Liebe. Dieses tun sie um Achtung und Würde vor sich selbst zu bewahren. Im Zuge seines Besuchs eines Jesiutenkollegs war er davon überzeugt, das der Mensch durchaus in der Lage ist, gute Taten zu tun um Seelenheil zu erlangen. Er steht dadurch in der Selbstverantwortung und ist nicht, wie bei den Jansenisten, allein und vollkommen von Gottes Gnade abhängig. Dieses Bild ist auch in seinen Helden wiederzufinden. Im Unterschied zum Racineschen Helden setzt der Held seinen eigenen Willen durch und unterliegt keiner Fremdbestimmung.
Neben dem Streben nach gloire gibt es noch die devoir, das heißt die Pflicht eines Individuums. Diese Pflicht ist eng mit Ruhm verbunden, da man Ruhm nur erwirbt wenn man die Pflicht erfüllt. Aufgrund der oben erwähnten Wertehierarchie muss der Held seine Pflicht seiner Geliebten gegenüber der der Familie unterordnen und diese der des Staates, was bedeutet dass er zur Konfliktlösung immer die Familie oder die Geliebte „opfern“ muss. Sein Ziel ist die admiratio, das heißt die Bewunderung durch andere. Auch der Zuschauer soll den
3 Krause 1969, 8
4 Krause 1969, 8
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Arbeit zitieren:
Steffanie Bauer, 2005, Die Konstruktion der weiblichen Helden in Jean Racines "Bérénice" und Pierre Corneilles "Tite et Bérénice", München, GRIN Verlag GmbH
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