Inhaltsverzeichnis:
1 Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“: Allgemeines, Formales, Strukturelles
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2 Volker Brauns „Fragen eines Arbeiters während der Revolution“: Allgemeines,
Formales , Strukturelles. 7
3 Brecht in der Tradition der dialektischen Aufklärung 9
4 Braun in der Tradition Brechts. 13
5 Handelt es sich um eine Parodie? 15
6 Abschlussbetrachtung. 18
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Bertolt Brecht: Fragen eines lesenden Arbeiters
Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon -Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang, Die Ersaufenden nach ihren Sklaven. Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Phillip von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand? Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte. So viele Fragen.
Volker Braun: Fragen eines Arbeiters während der Revolution So viele Berichte. So wenig Fragen. Die Zeitungen melden unsere Macht. Wie viele von uns Nur weil sie nichts zu melden hatten Halten noch immer den Mund versteckt Wie ein Schamteil? Die Sender funken der Welt unsern Kurs. Wie, an den laufenden Maschinen, bleibt Uns eine Wahl zwischen zwei Hebeln?-Auf den Plätzen stehn unsere Namen. Steht jeder auf dem Platz Die neuen Beschlüsse Zu verfügen? Manche verfügen sich nur In die Fabriken. Auf den Thronen sitzen Unsre Leute: fragt ihr uns Oft genug? Warum Reden wir nicht immer?
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1 Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“: Allgemeines,
Formales, Strukturelles
Bertolt Brecht schrieb das Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ 1935 in Dänemark. Es steht am Anfang des dritten Kapitels der Svendsborger Gedichte. Die Überschrift gibt über die formalen Merkmale des Gedichts Auskunft, das zum großen Teil aus Fragen besteht. Inhaltlich ist sie typisch für Brecht: Ein Angehöriger der unteren sozialen Schicht liest in den Büchern und versucht so autodidaktisch, sich zu bilden. Diesen Prozess, der unpersönlich und damit beispielhaft und vorbildlich bleibt, zeigt Brecht mit seinem Gedicht. Das Gedicht ist in vier Strophen aufgeteilt. Es beginnt mit zwei langen Strophen mit dreizehn und acht Versen an die sich zwei kürzere mit vier und zwei Versen anschließen. Die Lektüre des Arbeiters wird in den ersten beiden Strophen deutlich. Er liest in einem gewöhnlichen Geschichtsbuch, in dem die Historie auf repräsentative Träger reduziert wird. Die erste Strophe besteht aus acht Fragen, die dreimal durch eine kurze Feststellung in Form von zwei selbständigen Aussagesätzen und einem Anakoluth ergänzt werden. Die Fragen und Aussagen beziehen sich ausnahmslos auf Bauwerke oder Städte. Die letzte Fragestellung bezieht sich wieder auf eine Stadt, und wie zuvor wird auch hier der in den Geschichtsbüchern vorhandenen Widerspruch zwischen den Repräsentanten der großen Kulturen und ihren Arbeitern von Brecht deutlich gemacht.
In der zweiten Strophe wird dreimal danach gefragt, wer den Sieg großer Feldherren wirklich errang und wen die Niederlagen schmerzten. Aus mehreren Gründen lässt sich der Ausschnitt, den Brecht aus der Geschichtsschreibung wählt, verallgemeinern: Die historischen Leistungen werden entweder von Personen oder von Bauwerken repräsentiert und umfassen sowohl die militärischen und zivilen Ereignisse der Geschichte. Der Anspruch der Allgemeingültigkeit wird dadurch verstärkt, dass keine chronologische Ordnung und auch keine Reihenfolge nach der Wichtigkeit des Geschehenen vorliegen. Die Ereignisse wirken deshalb wie willkürlich gewählt und stehen als pars pro toto.
Die Fragesätze sind in Brechts Gedicht Träger des Frag-Würdigen. Die Form unterstützt bei Brecht die intendierte Funktion des Gedichts, weil sie den Leser zum Nachdenken anregt. Es drängt sich die Frage auf, ob es sich bei den „Fragen eines lesenden Arbeiters“ überhaupt um ein Gedicht handelt. Es treten keine Reime auf und das daktylische Versmaß wird immer
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wieder unterbrochen, so dass beim Lesen ein gleichmäßiger Rhythmus verhindert wird, der sich jedoch in einigen Versen (z.B. 1, 12, 13) einstellt. Das mehrfach gebrauchte Enjambement als Spannungsbogen und das Stakkato vieler Sätze bringen wiederum einige lyrische Elemente in das Gedicht. Weil Brecht auf mehr rhetorische Mittel, Reime und ein durchgehendes Versmaß verzichtete, korrespondiert die Form mit dem Inhalt. Brecht wählt die prosaische Sprechweise des Arbeiters, der im Zentrum seines Gedichts steht. Besonders deutlich ist dies in Vers 7: Ein temporaler Nebensatz wird mit der Apposition „wo“ eingeleitet, die grammatikalisch richtig eigentlich einen lokalen Nebensatz einleiten müsste. Die Frage, ob Brecht dieser Fehler unterlief oder er ihn absichtlich als didaktisches Mittel einsetzte, ist nicht geklärt.
Den Antagonismen Geschichtsschreibung (Repräsentanten) / Arbeiter wird durch die Ausdrucksweise ein weiterer zugefügt. Brecht gibt die Berichte der Geschichtsbücher so wieder, wie sie üblich sind: Das „siebentorige Theben, das „goldstrahlende Lima“ und das „sagenhafte Atlantis“ sind Beispiele für eine idealisierende und klischeehafte Ausdrucksweise. Sie steht im Gegensatz zu der einfachen Ausdrucksweise, die Brecht neben die pathetische setzt. Der zentrale Gegensatz Herrschende / Arbeiter wird somit von der Wortwahl unterstrichen. Dadurch wirkt das Gedicht an einigen Stellen komisch und grotesk, wodurch die Illusion der Geschichtsschreibung aufgehoben wird, indem ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit entgegengesetzt wird, der eigentlich unbedeutend ist, aber durch sein Maß an Realität die Verhältnisse erleuchtet. Brecht schreibt: „Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ (V: 16 / 17)
Die Gegenüberstellung wirkt grotesk, weil die Vorstellung komisch ist, dass ein großer Feldherr wie Cäsar in einem Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Koch stand. Diese Komik wird dadurch unterstützt, dass der pathetischen Ausdrucksweise in Vers 16 eine umgangssprachliche folgt. Ebenso, wie Cäsar dem Koch gegenübergestellt wird, werden andere semantische Gruppierungen gewählt, wie zum Beispiel „Könige“ / „Felsbrocken herbeischleppen“, „goldstrahlendes Lima“ / „Wohnung der Bauleute“ und „Sieg“ / „Siegesschmaus“. Die Gegensatzpaare haben auf den Leser eine desillusionierende Wirkung, durch die die Wirklichkeit deutlicher wird.
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Die Korrespondenz von Form und Funktion ist der Grund, warum Reime fehlen. Das Gedicht kritisiert die Schönheit und entlarvt sie als Fassade. Der Glanz des Großen wird als Grund für das Elend der Kleinen beschrieben, und deshalb ist der Anspruch der sprachlichen Ästhetik an das Gedicht nicht angebracht.
Ebenso wie der sprachliche Ausdruck ist auch die Anzahl der Verse ein didaktisches Mittel, das zur Kernaussage führt. Die Anzahl der Verse pro Strophe nimmt an Umfang ab, die Konzentration der Aussage nimmt zu. Die statischen Denkmäler der Geschichte werden in den 13 Versen der ersten Strophe beschrieben. Es folgt eine Einengung der Form und im Druckbild bei den acht Versen der zweiten Strophe, die inhaltlich die dynamischen Persönlichkeiten behandelt. Den acht Versen folgen vier in der dritten Strophe. Der erste der vier Verse schlägt einen Bogen zum Titel und hebt die dort angedeutete Situation ins Gedächtnis. Die Frage, die nun folgt, verlangt als Antwort wie die vorigen die im Titel genannte Person des Arbeiters. Der vierte Vers der dritten Strophe gleicht einem Fazit: „Wer bezahlte die Spesen?“ (V: 25). Die Gedankenpyramide endet in der vierten Strophe, die nur noch aus zwei Versen besteht, scheinbar genauso, wie das Gedicht anfing: „So viele Berichte. So viele Fragen.“ (V: 26 / 27)
Kurt Bräutigam schreibt dazu: „Isoliert man den ersten Vers des Gedichts, dem kein Bericht zugeordnet ist, so ergibt sich für die einzelnen Strophen (Versblöcke) ein Zeilenverhältnis von 12:8:4:2, ein Bauschema, das wie ein Trichter den Gedankenfluss auf den lapidaren Schluss hinlenkt. Der Kreis schließt sich, die Fragen bleiben offen.“ (1977, S.51). Damit hat Bräutigam nur bedingt Recht. Die Fragen bleiben nicht völlig offen und der Bogen zum Titel wird am Ende nur geschlagen, um die Antwort zu verdeutlichen. Durch die Fragen wird die Geschichtsschreibung als Illusion und die Geschichte als ungerecht kritisiert. Im Folgenden wird gezeigt, dass für Brecht die Frage, welche Lösung es aus diesen Antagonismen gibt, keineswegs offen blieb.
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Arbeit zitieren:
Felix Göpel, 2000, Bertolt Brecht: „Fragen eines lesenden Arbeiters“ und Volker Braun: „Fragen eines Arbeiters während der Revolution“ - eine parodistische Beziehung zwischen den Gedichten?, München, GRIN Verlag GmbH
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