Inhaltsverzeichnis
I Einleitung und Hinführung zum Thema 3
I 1 Die Verortung Platons in einer Kritik des Sehens 3
II Sehen und Erkennen in Platons Sonnen- und Liniengleichnis 5
III Das Auge als edler Sinn in Platons Timaios 11
IV Fazit - Platons Philosophie im Spannungsfeld von Sehen und Denken 14
V Literaturverzeichnis 16
2
I. Einleitung und Hinführung zum Thema
I.1 Die Verortung Platons in einer Kritik des Sehens
Der Topos des Sehens hat im Rahmen der Philosophie eine lange und abwechslungsreiche Geschichte hinter sich. Dabei ist dieser historische Prozess durch eine sich wandelnde positive oder negative Deutung des Sehens selbst gekennzeichnet.
Die griechischen Philosophen schufen die Vorstellung des Sehens durch eine Zerlegung in Sehstrahlen, die vom Auge ausgehen und das anvisierte Ziel treffen. Von Euklid, also gegen Ende des vierten Jahrhunderts vor Christus bis zum zehnten Jahrhundert nach der Zeitenwende ist dieses Paradigma des Sehstrahls für das Verständnis des Sehens ausschlaggebend gewesen. 1 Aus diesem gedanklichen Umfeld geht auch die Konzeption
Platons hervor, auf die in dieser Arbeit näher eingegangen werden soll. Konkret sollen Platons Vorstellungen anhand des Sonnen- und Liniengleichnisses aus der Politeia und den entsprechenden Ausführungen in seinem Spätwerk Timaios veranschaulicht werden. Diese Textauszüge bieten zum einen die Möglichkeit, die ganze Spannbreite der Stellung und Bedeutung des Sehens in Platons Denken hervorzuheben. Zugleich befindet man sich an einem entscheidenden Ausgangspunkt der Geschichte des Sehens. Von Platon bis in die Moderne reicht eine Traditionslinie, die Zweifel gegenüber dem Gesichtssinn und seinen Fähigkeiten hegt. Sehen und Denken bilden in dieser Tradition gleichsam ein Spannungsverhältnis. Es geht Platon darum, die umgebende Welt gerade nicht als das hinzunehmen, was sie den augenscheinlichen Eindrücken zufolge zu sein scheint. So stellt Platon das Sichtbare in Frage und unterwirft es dem Logos, dem es nachgeordnet wird. 2 Da
die Erkenntnis und die Einsicht von den Sinnen unabhängig sein soll und damit nicht in Phänomenen oder Erscheinungen gefunden werden kann, die immer abhängig vom wahrnehmenden Subjekt sind, muss es neben der „Dingwelt“ etwas von der Wahrnehmung des Subjekts Ausgeschlossenes geben, dem Platon einen höheren Wahrheitsgehalt zumessen kann. Diese zweite Welt firmiert als das „Reich der Ideen“. Platon ist infolgedessen der Begründer eines philosophischen Intellektualismus, der in einem Dualismus von Schauen und Sehen gipfelt. Schauen wird dabei als ein metaphorisches Sehen verstanden, als ein Sehen des Sehens. 3
1
Siehe Simon, Gerard: Der Blick, das Sein und die Erscheinung in der antiken Optik. München 1992, S. 30.
2
Siehe Konersmann, Ralf, Die Augen der Philosophen. Zur historischen Semantik und Kritik des Sehens, in: Konersmann, Ralf (Hrsg.): Kritik des Sehens. 2. Aufl., Leipzig 1999, S. 9-47, hier S. 19.
3 Vgl. ebda., S. 20.
3
Auf der anderen Seite hält Platon an dem in der griechischen Philosophie üblichen Primat des Sehsinns vor dem Hören fest. Er steht damit in einem Gegensatz zur hebräischen Tradition, die dem Gehorsam und dem Vernehmen des Wortes einen Vorzug gibt. 4 Im
Timaios betont Platon den vornehmen Charakter der Augen und er zeigt auf, in welch engem Zusammenhang Philosophieren und Sehen stünden. 5 Das Sehen entfaltet sich bei
Platon demzufolge zwischen übertragenem und begrifflichem Wortgebrauch. Es wird an diesen einführenden Passagen sogleich deutlich, dass die Geschichte des Sehens bereits bei Platon eine Kritik des Sehens einschließt. 6 Beides ist nicht isoliert
voneinander zu betrachten. Die Leitfrage der Arbeit ist es daher, herauszuarbeiten, wie Platons Sehtheorie genau beschaffen ist und welche Bedeutung sie in seinem Werk einnimmt.
4 Dies mündet schließlich in die im Christentum vorgenommene Bevorzugung des Hörsinns, insbesondere in der protestantischen Konvention. Siehe dazu Konersmann (wie Anm. 2), S. 18. 5 Zudem ist die wortgeschichtliche Nähe von Idee (gr. idéa) und Sehen (gr. eidénai) ein weiterer interessanter Aspekt.
6 Siehe Konersmann (wie Anm. 2), S. 21.
4
II. Sehen und Erkennen in Platons Sonnen- und Liniengleichnis
Die Funktion der beiden eingehend zu beleuchtenden Gleichnisse, wie auch des Höhlengleichnisses ist es, die Idee des Guten darzulegen. Dies ergibt sich bereits aus den Passagen vor den Gleichnissen am Ende des sechsten Buches der Politeia. 7 Mit dem
Sonnengleichnis versucht Platon zum einen, sowohl die sinnliche Welt als auch die Welt der Ideen vorzustellen, aber auch, und dieses wird im Liniengleichnis weiter ausgeführt, den Weg zur Schau und zur Erkenntnis dieser Ideen aufzuzeigen.
In dem Gespräch mit Glaukon gibt Sokrates als Gesprächsführer zu verstehen, dass es ihm nicht möglich sei, das Gute direkt zu thematisieren. Vielmehr spricht er über einen ,,Sprößling“ des Guten, der ihm am meisten ähnele, nämlich die Sonne. 8 Diesbezüglich hat
man es hier mit einem Beispiel zu tun, etwas Unsichtbares durch den Verweis auf etwas Sichtbares zu veranschaulichen. Mit Hilfe von Vorstellungsinhalten der sinnlichen Welt möchte Platon Verhältnisse im Bereich des Denkbaren verdeutlichen. Neben dieser Funktion der Veranschaulichung dient das Sonnengleichnis zudem der Darstellung einer fundamentalen Hierarchisierung dieser beiden Hemisphären. Sinnliche und intelligible Welt sind einerseits aufeinander bezogen andererseits aber deutlich voneinander zu trennen. Schließlich bildet Platon Verhältnisgrößen, so dass sich sagen lässt, dass sich die Sonne in der sinnlichen Welt zum Sichtbaren (und Sehvermögen) so verhält wie die Idee des Guten zum Denkbaren (und zur geistigen Erkenntnis) in der intelligiblen Welt. 9
Beginnen lässt Platon das Sonnengleichnis mit einer Beschreibung des Sehvorganges. Dabei wird die Ausnahmestellung des menschlichen Sehvermögens gegenüber den anderen Sinnesorganen hervorgehoben. 10 So bedürfe in Relation zum Hören das Sehen
einer Vermittlungsinstanz, die Platon aber nicht als einen Makel des Sehvorganges ansieht, sondern vielmehr als ein Vorzug hervorgehoben wird. Die menschliche Wahrnehmung erscheint im Sonnengleichnis wie eine Synthese aus Strahlen, die sowohl vom Wahrnehmungsgegenstand als auch vom Auge ausgehen und die den Wahrnehmungsvorgang begründen. Als drittes für die Wahrnehmung unverzichtbares Element führt Platon die Lichtstrahlen der Sonne an, die es dem Menschen erst ermöglichten, sich in der sinnlichen Welt mit den Augen zurechtzufinden. Obwohl also
7
Siehe Platon: Der Staat. Übersetzt und erläutert von Otto Apelt (Philosophische Bibliothek Bd. 80). 8. Aufl., Hamburg 1961, 504a ff.
8 Vgl. ebda., 506e 9 Siehe Wieland, Wieland: Platon und die Formen des Wissens. Göttingen 1982,, S. 199.
10 Siehe Völcker, Matthias: Blick und Bild. Das Augenmotiv von Platon bis Goethe, Bielefeld 1996, S. 36 und vgl. Beierwaltes, Werner: Lux intelligibilis. Untersuchung zur Lichtmetaphysik der Griechen, München 1957, S. 39.
5
Arbeit zitieren:
Tobias Thiel, 2007, Platons Begriff des Sehens, München, GRIN Verlag GmbH
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