Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
1.0 Einleitung. 1
2.0 Der Institutionsbegriff nach Gehlen 2
3.0 Kafkas Roman als Institutionsroman. 6
4.0 Der ideale Machtapparat. 8
4.1 Charakter des Machtapparates 8
4.1.1 Das Gesetz 8
4.1.2 Anschein der Undurchdringlichkeit. 10
4.1.3 Der Umgang mit dem Individuum. 12
4.2 Organisation des Machtapparates 14
4.2.1 Die Verhaftung 14
4.2.2 Die Wächter 15
4.2.3 Verhöre 16
4.2.4 Beamte und Agenten. 17
4.2.5 Der Untersuchungsrichter und höhere Instanzen. 19
4.2.6 Advokat. 20
4.2.7 Helfer 21
5.0 Die Schuldfrage 23
6.0 Der ideale Machtapparat: Eine totalitäre Institution 25
7.0 Schlussbetrachtung 27
8.0 Bibliographie: 28
I
1.0 Einleitung
Institutionen bestimmen auch heute noch in großen Bereichen das öffentliche Leben. Nach Gehlen handelt es sich bei diesen um ein ,,Gefüge sozialer Normen, an denen wir uns in unseren Handlungen zu orientieren haben’’. 1 Unter diesen Begriff fallen daher alle sozialen Gruppen, Freundschaften, Arbeitsgemeinschaften und die Familie. Institutionen sind aber auch der Staat und das Rechtssystem, die große Auswirkungen auf das Dasein des Einzelnen haben können. Vor allem das Rechtssystem liefert wichtige Grundlagen zum menschlichen Zusammenleben. So sind erlaubte Handlungen in Gesetzen festgeschrieben. Werden diese von jemandem überschritten, erfolgt eine Verhaftung, ein Gerichtsverfahren, ein Urteil und zuletzt die Verwahrung des Schuldigen. Dabei wird auf allen Stufen durch zum Beispiel vorzulegende Beweise beim Gerichtsverfahren oder durch das Recht, einen Rechtsvertreter benennen zu dürfen, darauf geachtet, dass dem Gefangenen kein Unrecht widerfährt und Gerechtigkeit hergestellt wird. Ein solches Rechtssystem wird in Kafkas Institutionsroman ,Der Proceß’ vorgestellt. Ob dieses allerdings ebenso, wie oben dargestellt, ,gerecht’ urteilt, ist die Fragestellung dieser Hausarbeit. Es soll geklärt werden, ob es sich bei dem Machtapparat in Kafkas Roman um eine totalitäre Institution handelt, die willkürlich verhaftet, verhört und urteilt. Eine solche besteht, wenn sie für sich einen idealen Machtapparat darstellt.
Um der Frage der Hausarbeit auf den Grund gehen zu können, muss zunächst diskutiert werden, ob es sich bei Kafkas Roman überhaupt um einen Institutionsroman handelt. Dafür ist es vonnöten zu Wissen, was Institutionen sind und wie sie entstehen. Dabei wird auf den Institutionsbegriff von Gehlen zurückgegriffen. Infolgedessen wird der Machtapparat im Roman auf seine Idealität hin untersucht. Damit einhergehend wird analysiert, ob es sich um eine totalitäre Institution handelt.
1 Thies, 2000, S. 122.
1
2.0 Der Institutionsbegriff nach Gehlen
Der Anthropologe Gehlen spricht in seinem Werk Urmensch und Spätkultur von einer ,,außerordentliche[n] Wichtigkeit’’ 2 und von einer ,,fundamentalen Bedeutung’’ 3 der Institutionen für die Menschheit. Fraglich ist, worin der Autor den Grund für diese Annahmen sieht. Hierzu muss zunächst die Institutionalisierung, das heißt die Entstehung von Institutionen, und der Grund, warum sie bis heute fortbestehen beleuchtet werden. 4 In seinem bereits oben genannten Werk lassen sich seine Hypothesen zur Entstehung von Institutionen finden. 5 Zur Institutionstheorie von Gehlen wird im Folgenden ein kurzer Überblick gegeben.
Gehlen versucht die Institution aus sich selbst zu begründen. Dafür leitet er sie aus anthropologischen Bedingungen ab, die er zunächst aus individuellen Aspekten herausarbeitet. Er begreift den Menschen als Mängelwesen, das nicht wie die Tiere durch Instinkte geleitet wird. 6 Aufgrund der fehlenden Triebe geht er bei ihm von einer fundamentalen Unsicherheit aus, die nur durch ein System, das auf verschiedenen Stufen gefestigte Instanzen enthält, stabilisiert werden kann. Dieses Ordnungsprinzip sieht er in den verschiedenen Formen von Institutionen. 7 Das Individuum versucht damit, eine bestimmte Verhaltenssicherheit herzustellen. 8 Ohne die Schaffung eines geeigneten Systems und eines Zustandes von Verhaltenssicherheit ist die dauerhafte Existenz des Menschen nicht möglich. Institutionen stellen daher das Ergebnis von kollektiver Selbsterhaltung dar. 9
Die Erläuterung von Gehlens Institutionstheorie beginnt auf der Ebene des Werkzeuges, wobei er eine wichtige Grundvoraussetzung trifft, die für jeden Menschen gleichermaßen gilt, nämlich ,,den Menschen als handelndes Wesen aufzufassen’’. 10 Diese Tatsache ist in der Hinsicht grundlegend, da durch sie erst eine Theorie über die Entstehung von
2 Gehlen, 1986b, S. 6.
3 Gehlen, 1986b, S. 6.
4 Vgl. ebenda, S. 7.
5 Vgl. Thies, 2000, S. 118.
6 Vgl. Gehlen, 1986a, S. 96.
7 Vgl. ebenda, S. 97.
8 Vgl. Pösl, 1992, S. 42.
9 Vgl. Gehlen, 1986b, S. 6 ff.
10 ebenda, S. 6.
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Institutionen möglich wird. Primäre und neu entstehende Bedürfnisse werden durch gesellschaftliche Arbeit erfüllt, wobei diese beinhaltet, die vorgegebenen Dinge der Natur so zu verändern, dass sie für den Menschen nutzbar gemacht werden können. Zwischen dem Bedürfnis und dessen Erfüllung tritt daher ein ,,intelligentes, praktisches Verhalten, ein Handeln’’. 11 Damit wird deutlich, dass der Mensch seine durch die Natur bedingte Benachteiligung umgehen kann, indem er handelt. 12 Um eine solche Veränderung der Natur für die Bedürfnisbefriedigung durchführen zu können, bedient sich der Mensch der Werkzeuge, welche bei der Benutzung in den Bereich der Sachebene fallen. Dabei wird deutlich, dass Motiv und Zweck nicht unmittelbar miteinander verknüpft sein müssen, sondern durchaus voneinander abweichen können. Eine Verknüpfung von Handlung und Werkzeug ergibt sich daher meist aus dem situativen Entstehungskontext. Der Handlungsvorgang und die Benutzung eines speziellen Werkzeuges wird zur Gewohnheit, was in einer Habitualisierung resultiert, die dem Menschen wiederum Wissen und Sicherheit bietet. 13 Dadurch gewinnt das Werkzeug an Eigenstabilität und wird für den jeweiligen Handlungsvorgang wie das Schneiden zu einer stabilisierenden Instanz, da es gleichgültig ist, ,,wer es benutzt’’. 14 Diese Stabilität kann der Unstabilität durch das Fehlen von Instinkten entgegengesetzt werden. Weiterhin erfolgt dadurch wiederum eine Trennung von Motiv und Zweck. Zunächst wurde die Handlung durch ein Primärbedürfnis wie Nahrung motiviert und das Werkzeug zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung eingesetzt. Durch die Bildung von Gewohnheiten und die damit einhergehende Eigenstabilität des Prozesses kann eine Loslösung vom zugrunde liegenden Motiv erfolgen. Der Mensch kann nun das Werkzeug benutzen, auch wenn dessen Hunger gestillt ist. Deshalb führt die Gewohnheit der Handlung zu einer Verselbstständigung.
Durch die Verselbstständigung der Handlung und die damit zusammenhängende Trennung von Motiv und Zweck ist es nun möglich, die zuvor gegebene Bedürfnislage zu überschreiten und ein Werkzeug in einem anderen Zusammenhang als den zunächst gedachten zu benutzen. An diesen neuen Arbeitszusammenhang können weiterhin neue
11 Gehlen, 1986b, S. 10.
12 Vgl. Pösl, 1992, S. 44.
13 Vgl. ebenda, S. 44.
14 Gehlen, 1986b, S. 11.
3
Tätigkeiten und Verhaltensmuster angehängt werden, wodurch die vorher beabsichtigte Aufgabe der stabilisierenden Instanz in den Hintergrund rückt. Das zuerst erreichte Handlungsmuster geht bei dieser Ablösung von Motiv und Zweck aber nicht verloren, sondern bleibt durch ihre Verselbstständigung erhalten. 15 Damit ergibt sich für die stabilisierende Instanz, also für die Institution, eine Eigenlogik und Autonomie 16 , die gleichzeitig unabhängig von Motiven und Motivkrisen agieren kann. Dies führt zu einer prinzipiellen psychischen Entlastung, da nicht ständig über den Sinn oder Unsinn bestimmter Handlungen nachgedacht werden muss. 17 Damit wirkt sich die Entlastung positiv aus, da geistige Energien freigesetzt werden, die sich entfalten können. 18 Institutionen garantieren demnach ein bestimmtes Maß an Leistungsfähigkeit. Diese Freisetzung der Energien kann jedoch eine Freistellung von angestauter Antriebsmenge herbeiführen, die wiederum geordnet werden muss. 19 Dies ist auch an der Basis von Institutionen erkennbar: die Arbeitsteilung. Diese konnte bereits in primitiven Kulturen beobachtet werden, sodass Männer für die Jagd zuständig waren und Frauen Kleidung herstellten, wodurch die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft erhöht wurde. 20 Früh kristallisierten sich Spezialisten wie Schmiede oder Töpfer heraus, die für alle Menschen Waren produzierten. Die anderen Menschen, die nicht zu ihnen zählten, waren für die Versorgung der Spezialisten mit Nahrungsmitteln verantwortlich. Diese entstehende Bedürfnisentlastung bildete sich demnach als gegenseitig heraus, die Nahrungsmittelbeschaffung rückte in die Hintergundserfüllung. 21
Des Weiteren liefern Institutionen eine Entlastung durch ihre Stabilität, weil der Mensch sich auf die festgelegten Handlungsmuster verlassen und darauf aufbauend neue entwerfen kann. Der dauerhafte Erhalt der Institutionen ergibt sich aus ihrer Anpassungsfähigkeit an verschiedene Sinnzuschreibungen und der Tatsache, dass deren Bestehen überhaupt ein Sinn zugesprochen wird. Durch die Eigenlogik und Selbstständigkeit von Institutionen erscheinen sie dem Betrachter wie ein übergeordnetes
15 Vgl. Gehlen, 1986a, S. 96.
16 Vgl. Gehlen, 1986b, S. 6.
17 Vgl. Pösl, 1992, S. 46.
18 Vgl. Gehlen, 1986a, S. 97.
19 Vgl. Pösl, 1992, S. 45.
20 Vgl.Gehlen, 1986b, S. 35 f.
21 Vgl. ebenda, S. 35 f.
4
System, 22 das jedoch nur durch ihre Repräsentanten fassbar gemacht wird. 23 Diese Repräsentanten stellen wiederum nur Teile beziehungsweise Funktionen von den jeweiligen Institutionen dar. Dadurch wird der Anschein erweckt, dass selbst die Mitarbeiter keinen Einfluss auf die Eigenlogik der Institution besitzen. Somit ist die Institution selbst nicht greifbar. Weiterhin wird durch ihre eigene Stabilität deutlich, dass sie nicht von äußeren Bedingungen abhängig ist, wodurch eine Unantastbarkeit und Unsichtbarkeit entsteht. Dadurch bildet sie einen starken Kontrast zum Individuum, das durch seine fehlenden Instinkte nicht zu eigener Stabilität fähig ist. Zusätzlich wird ihm durch die Verselbstständigung von Handlungsmustern eine Handlung vorgegeben. Hierin liegt der Grund, warum Institutionen dem Individuum an Autonomie entziehen, ihm aber gleichzeitig eine Bedürfnis- und Motiventlastung beschaffen.
22 Vgl. Gehlen, 1986a, S. 98.
23 Vgl. Gehlen, 1978, S. 145.
5
3.0 Kafkas Roman als Institutionsroman
Institutionen, wie wir sie im heutigen Sprachgebrauch kennen, sind: ,,der Staat, die Familie, die wirtschaftlichen, rechtlichen Gewalten usw.’’. 24 Allgemein sind hierunter Gefüge sozialer Normen gemeint, ,,an denen wir uns in unseren Handlungen zu orientieren haben’’. 25 Dabei sind sie nicht mit Organisationen gleichzusetzen, die im Gegensatz zu Institutionen nicht souverän sind. Gehlen unterteilt den Institutionsbegriff in eine enge und eine weite Bedeutung. Im weitesten Sinne handelt es sich um Verhaltensmuster, die von der Gesellschaft sanktioniert werden. Institutionen im engeren Sinn erbringen wesentliche Leistungen für die Lebensgestaltung der Menschen: soziale Stabilität und zeitliche Kontinuität. Letzteres meint den dauerhaften Fortbestand von Institutionen wie bei den Olympischen Spielen, deren Motivation sich zwar über die Dauer gewandelt hat, die aber dennoch weiterhin bestehen und den Menschen zu Handlungen antreiben. Weiterhin handelt es sich bei der Wortbedeutung im engeren Sinn um den Staat, die Kirche oder das Heer. Zu den fundamentalsten Institutionen gehört allerdings das Rechtssystem, das ,,die Grammatik einer Lebenswelt’’ 26 bildet. 27 Dieses spielt in Kafkas Roman ,Der Proceß’ in Form von Gerichten, Gesetzen, deren Vertretern und Helfern ebenfalls eine bedeutende Rolle. Hierbei wird jedoch ,,weder der Kreis der Betroffenen umschrieben, noch die Agenten erkennbar, noch sogar die Tendenz, der herrschende Wille desselben deutlich’’. 28 Dennoch handelt es sich nicht nur um einen Institutionsroman, weil in ihm die Institution eines Rechtssystems vorgestellt wird, sondern es lassen sich noch andere Begründungen für diese Klassifizierung finden. Der Protagonist des Romans, von dem mit dem Kürzel K. gesprochen wird, plant eine Verteidigungsschrift für seine Unschuld, nachdem er einen Rechtsvertreter, den Advokaten, gefunden hat. Diese soll
24 Gehlen, 1986b, S. 6.
25 Thies, 2000, S. 122.
26 ebenda, S. 123.
27 Vgl. Thies, 2000, S. 115-125.
28 Gehlen, 1978, S. 145.
29 Kafka, 2006, S. 102.
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Maria-Carina Holz, 2007, Kafkas Institutionenroman ,Der Proceß’ - ein idealer Machtapparat: Eine totalitäre Institution, München, GRIN Verlag GmbH
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