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Inhaltsverzeichnis
I.) Einleitung. 3
II.) Sartre und das Nichts. 4
II.1) Die Frage 4
II.2) Die Negationen. 8
II.2.1) Die Zerstörung. 8
II.2.2) Pierres Abwesenheit. 11
III.) Kommentar 15
IV.) Schluss 18
Literaturverzeichnis : 20
I.) Einleitung
Von Gustave Flaubert ist der Ausspruch überliefert, er wolle am liebsten einmal „ein Buch über nichts“ (un livre sur rien) schreiben. Das „nichts“, das dem Schriftsteller dabei vorschwebte, war in Wirklichkeit freilich kein „Nichts“, sondern „etwas“ - etwas Bedeutungsloses, etwas, das wegen seiner Alltäglichkeit bis dahin üblicherweise außerhalb des literarischen Interesses lag. 1 In diesem Sinne wird das Wort „nichts“ im Alltag ständig verwendet: Es bezeichnet nicht die vollständige Abwesenheit von Seiendem überhaupt, sondern lediglich von irgendwie „bedeutsamem“ Seienden. Was dabei als „bedeutsam“ gilt, liegt im Ermessen des Sprechers: Entscheidend für seine Verwendung des Wortes „nichts“ ist allein sein Bezug zu dem Seienden, das ihn umgibt. Ein Satz wie „Es gab nichts Interessantes zu sehen“ ist demnach in gewisser Weise die Urform aller alltäglichen Aussagen, in denen von „nichts“ die Rede ist. 2
Was im Alltag keine Probleme bereitet, stellte für die Philosophen lange Zeit ein Skandalon dar. Der Grund dafür liegt auf der Hand : Da sie im allgemeinen lieber vom Sein selbst als von ihrem Bezug dazu reden, musste ihnen das Wort „nichts“ als Verneinung jeglichen Seins von jeher suspekt sein. Bestenfalls diente es ihnen (wie z.B. Augustinus) als Grenzbegriff, der den Bereich des überhaupt denkbaren markierte. Im 20. Jahrhundert war es dann zunächst Martin Heidegger, der dem Nichts zu philosophischer Dignität verhalf. Hatte er schon in seinem Jahrhundertwerk Sein und Zeit (1926) dem Tod ein ganzes Kapitel gewidmet, erklärte er in seiner Freiburger Antrittsvorlesung (1929) die Frage „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts?“ zur „Grundfrage der Metaphysik“ überhaupt. 3 Ja, Dasein heiße geradezu „Hineingehaltenheit in das Nichts“. 4
1 Vgl. dazu Heideggers Betrachtung zu einem van Gogh-Gemälde: „Ein paar derbe Bauernschuhe, sonst nichts. Das Bild stellt eigentlich nichts dar.“ (Heidegger, Martin: Einführung in die Metaphysik, Tübingen 1953, S.27).
2 In einigen Fällen ist scheint das Wort „nichts“ allerdings tatsächlich eine absolute Verneinung auszudrücken, z.B. in einer Aussage wie „Sag jetzt bitte nichts!“.
3 Heidegger, Martin: Was ist Metaphysik?, 15. Auflage, Frankfurt a.M. 1998, S.45.
4 ebd., S:38.
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Auf das Nichts stößt Heidegger dank einer neuartigen Herangehensweise an die philosophischen Probleme, die in den ersten Jahren des Jahrhunderts von Edmund Husserl unter dem Namen „Phänomenologie“ begründet worden war. Wesentlich war hierbei die erkenntnistheoretische „εποχη“ als Außerkraftsetzung des Bezugs auf „transzendente“ Wirklichkeit. Ziel der sog. „phänomenologischen Reduktion“ war die Herausarbeitung des „reinen“ Phänomens als „absoluter Grundgegebenheit“, deren Evidenz auf einem „reinen Schauen“ ähnlich der clara et distincta perceptio Descartes beruhte. 5 Unter dem Schlagwort „Zu den Sachen selbst!“ begibt sich auch Husserls Schüler Martin Heidegger in Sein und Zeit auf die Suche nach der Wahrheit, unter der er ein „reines Sehenlassen“ der „ein-fachsten Seinsbestimmungen des Seienden als solchen“ versteht. 6 Dazu bedarf es der „Aufdeckung“ und „Auslegung“ der Phänomene als „ausgezeichneter Begeg-nisart von etwas“, hinter denen „wesenhaft nichts anderes“ steht als sie selbst, über die aber häufig in „entarteter“ Weise gesprochen wird. 7
Die Lektüre von Husserl und Heidegger prägt schließlich das Werk Jean-Paul Sartres, in dessen „Versuch einer phänomenologischen Ontologie“ 8 das Nichts sehr viel mehr Raum einnimmt als bei seinen philosophischen Vorbildern: Ein ganzes Kapitel ist darin dem „Problem des Nichts“ gewidmet. Thema der vor-liegenden Arbeit ist Sartres Exposition dieses Problems, die er anhand des Phäno-mens der „Frage“ und der „Negationen“ vornimmt. Dabei wird sein Vorgehen zunächst ausführlich dargestellt und dann kommentiert. Den Schluss bildet eine allgemeine Bewertung des „Nichts“ in der Bedeutung, die Sartre ihm gibt.
II.) Sartre und das Nichts
II.1) Die Frage
In der umfänglichen Einleitung zu seinem philosophischen Hauptwerk Das Sein und das Nichts begibt sich Jean-Paul Sartre mitten im Zweiten Weltkrieg (1943) auf die „Suche nach dem Sein“. Das Unternehmen endet in einer Sackgasse, nämlich mit der problematischen Feststellung, dass es „zwei absolut voneinander getrennte Seinsbereiche“ gibt. 9 Da ist zum einen das Sein des Suchenden selbst, das menschliche Sein, das als Bewusstsein immer auf
5 Husserl, Edmund: Die Idee der Phänomenologie, Hamburg 1986, S.49.
6 s. Heidegger, Martin: Sein und Zeit, 18. Auflage, Tübingen 2001, S.33f.
7 s. ebd. S.31ff.
8 So der Untertitel von Das Sein und das Nichts.
9 «deux régions d’être absolument tranchées» (Sartre, Jean-Paul: L’être et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique, Paris 2001, p.30). / dt. zitiert nach: Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, übers. v. Hans Schöneberg u. Traugott König, Reinbek 1991, S.39.
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ein anderes Sein bezogen ist. Denn das Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, daher ist
„die Transzendenz konstitutive Struktur des Bewusstseins (...); d.h. das Bewusstein entsteht als auf ein
Sein gerichtet, das nicht es selbst ist.“ 10
Das Bewusstsein weiß von sich selbst - nichts. Es weiß nur, was es nicht ist. Es ist von vorn herein außerhalb seiner selbst, hat mithin Abstand zu sich selbst, es ist nicht in sich, sondern für sich (pour soi). Damit ist es sich selbst fraglich:
„Das Bewusstsein ist ein Sein, dem es in seinem Sein um sein Sein geht, insofern dieses Sein ein
Anderes-sein als es selbst impliziert.“ 11
Von diesem permanent mit sich selbst und seiner Umwelt beschäftigten Für-sich-sein (être pour soi) unterscheidet sich das selbstgenügsame, ganz und gar in-transitive Sein der Dinge, wie sie dem Bewusstsein erscheinen: Dieses „massive“ Sein, das keinerlei Beziehungen zur Außenwelt noch zu sich selbst unterhält, das kein Innen oder Außen kennt, nennt Sartre das An-sich-sein (être en soi): Es ruht in sich (en soi), es ist es selbst (soi), kurz: „Es ist, was es ist.“ 12
Auf der Suche nach einer Verbindung zwischen diesen beiden Regionen des Seins stößt Sartre dann im ersten Hauptteil seines Buches auf das „Problem des Nichts“. Dabei wird die zuvor so sehr betonte Trennung zwischen An-sich- und Für-sich-sein gleich zu Beginn wieder aufgehoben: Da nämlich beide Seinsweisen (êtres) offenbar in einem wie auch immer gearteten Verhältnis (rapport) zueinander stehen, braucht man nur dieses Verhältnis selbst in seinen konkreten Erscheinungsformen zu untersuchen, um seiner Natur auf die Schliche zu kommen: „Das Verhältnis ist Synthese.“ 13 Statt auf die einzelnen Seinsregionen, die nur in der (nachträglichen) Abstraktion analytisch getrennt sind, richtet sich das Interesse also auf das „Konkrete“, d.h. auf
„die synthetische Totalität (...), von der das Bewusstsein wie auch das Phänomen lediglich Momente bilden.“ 14
Das menschliche Verhalten ist demnach am besten geeignet, die ursprüngliche Beziehung der nur scheinbar streng getrennten Seinsregionen, d.h. den „tiefen Sinn der Beziehung ,Mensch-Welt’“ 15 , zu erhellen:
10 «La conscience est conscience de quelque chose: cela signifie que la transcendance est structure constitutive de la conscience; c’est à dire que la conscience naît portée sur un être qui n’est pas elle.» (Sartre, EN, p.28) / Sartre, SuN, S.35.
11 «La conscience est un être pour lequel il est dans son être question de son être en tant que cet être implique un être autre que lui.» (Sartre, EN, p.29) / Sartre, SuN, S.37.
12 s. Sartre, EN, p.29ff / Sartre, SuN, S.37ff.
13 «Le rapport est synthèse.» (Sartre, EN, p.37) / Sartre, SuN, S.49.
14 «la totalité synthétique dont la conscience comme le phénomène ne constituent que des moments» (Sartre, EN, p.37) / Sartre SuN, S.50.
15 s. Sartre, EN, p.38 / Sartre, S.51.
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„Die Beziehung der Seinsregionen ist ein ursprüngliches Hervorbrechen, das der Struktur dieser Seinsweisen [êtres] selbst zugehört. Wir entdecken sei gleich zu Beginn unserer Untersuchung. Man braucht nur die Augen aufzumachen und in aller Naivität jene Totalität zu befragen, die der Mensch-
in-der-Welt ist.“ 16
Dieses Befragen macht Sartre nun gleich wieder selbst zum Thema, indem er die Frage - sein (metaphysisches) Fragen 17 - als „primäres Verhalten“ wählt, das als Leitfaden der weiteren Untersuchung dienen soll:
„Wenn ich diesen Menschen, der ich bin, erfasse, wie er in diesem Augenblick in der Welt ist, stelle
ich fest, dass er sich gegenüber dem Sein in einer Fragehaltung befindet.“ 18 Die Frage - genauer: der Akt des Fragens als ein Verhalten des Menschen-in-der-Welt - wird somit von Sartre selbst auf ihre ontologischen Implikationen hin befragt. Dabei gilt es zunächst einmal festzuhalten, dass jedes Fragen ein Sein voraussetzt, das fragt, und ein anderes, das befragt wird. 19 Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird deutlich, dass es sich bei jenem zweiten Sein keineswegs um einen Menschen handeln muss: Gegenstand der Frage kann jedes Sein werden, von dem der Fragende eine „Enthüllung“ (dévoilement) über sein Sein bzw. seine Seinsweisen erwartet. 20 Voraussetzung ist „eine der Frage vorausgehende Vertrautheit“ 21 mit dem Sein, d.h. die Kenntnis zumindest einer seiner Seins-weisen, die es dem Fragenden ermöglicht, es auf die weiteren Aspekte seines Seins hin zu befragen. Diese Aspekte sind dem Fragenden im Moment seines Fragens verborgen, gehören mithin zur „Transzendenz“ des Objekts. 22 Die Frage besitzt demnach die Idealform: „Gibt es einen Aspekt x dieses Seins, der mit zurzeit verborgen ist?“ Die Antwort auf eine solche Frage lautet entweder „ja“ oder „nein“. Der Fragende sieht sich also mit zwei „gleichermaßen objektiven und kontradiktorischen Möglichkeiten“ konfrontiert: Wer auch immer eine (ernst gemeinte) Frage stellt, gibt somit „grundsätzlich die Möglichkeit einer negativen Antwort“
16 «La relation des régions d’être est un jaillissement primitif et qui fait partie de la structure même de ces êtres. Or nous la découvrons dès notre première inspection. Il suffit d’ouvrir les yeux et d’interroger en toute naïveté cette totalité qu’est l’homme-dans-le-monde.» (ibd) / Sartre, SuN, S.50. Das „In-der-Welt-Sein“ bezeichnet Heidegger in Sein und Zeit als grundlegende Struktur des Daseins. Für Heidegger gehört es grundsätzlich „zum Wesen jeder Befindlichkeit, je das volle In-der-Welt-sein nach allen seinen konstitutiven Momenten (Welt, In-Sein, Selbst) zu erschließen.“ (Heidegger, Sein und Zeit, S.190.) Ein „ausgezeichnetes“ Erschließen sei jedoch nur in der Angst möglich, „weil sie vereinzelt“ (ebd.).
17 Im Stellen der „metaphysischen Grundfrage“ (s.o. S.3) sieht auch Heidegger in seiner Vorlesung Einführung in die Metaphysik den entscheidenden Hinweis auf die Möglichkeit von Nicht-sein überhaupt: „Mit unserer Frage stellen wir uns so in das Seiende, dass es seine Selbstverständlich-keit als das Seiende einbüßt. Indem das Seiende innerhalb der weitesten und härtesten Ausschlags-möglichkeit des ,Entweder Seiendes - oder Nichts’ ins Schwanken gerät, verliert das Fragen selbst jeden festen Boden.“ (Heidegger, Einführung, S.22).
18 «Cet homme que je suis, si je le saisis tel qu’il est en ce moment dans le monde, je constate qu’il se tient devant l’être dans une attitude interrogative.» (Sartre, EN, p.38) / Sartre, SuN, S.51.
19 s. ibd. /ebd.
20 s. Sartre, EN, p.41f / Sartre, SuN. S.56.
21 «une familiarité préinterrogative avec l’être» (Sartre, EN, p.39) / Sartre, SuN, S.51f.
22 s. ibd. / ebd. Die Frage, wie das Bewusstsein überhaupt zu der Auffassung gelangt, dass es „Erscheinungen über die Erscheinung des Augenblicks hinaus gibt“ kann hier nicht erörtert werden (s. Danto, Arthur C.: Sartre, übers. v. Ulrich Enzensberger, Göttingen 1993, S.59).
Arbeit zitieren:
Martin Feyen, 2003, Sartre und das Nichts, München, GRIN Verlag GmbH
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