Inhaltsverzeichnis
I.) Einleitung. 3
II.) Sprache und Sprachnormen. 4
II.1) Was ist Sprache? 4
II.2) Welche Sprache ist die richtige? 7
III.) Sprachnormen bei der Arbeit. 10
III.I) Vom Flittchen zur grande dame : die französische Sprache. 10
III.2) Die Juden im deutschen Sprachraum: assimiliert, nicht akzeptiert. 15
IV.) Sprachnormen und Sprachdidaktik. 18
Literaturverzeichnis. 21
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Pierre Bourdieu, Ce que parler veut dire (1977)
I.) Einleitung
Britta Altenkamp-Nowicki will in den Landtag. Doch im Mai 2000 weht ihr in ihrem Wahlkreis im Essener Westen ein rauer Wind entgegen: Nicht nur, dass das gemeine Wahlvolk durch die jüngsten Finanzskandale in Bund und Land reichlich vergrätzt ist, nein, auch in der eigenen Partei hält sich die Begeisterung für „Britta“ in überschaubaren Grenzen. Auf einer Versammlung ihres SPD-Ortsvereins geht eine schon etwas betagtere Genossin die ungeliebte Kandidatin scharf an. Doch nicht etwa um Schmiergeldaffären, Vetternwirtschaft oder gar politische Inhalte geht es in ihrem Beitrag - als Stein des Anstoßes erscheint vielmehr der charakteristischen Ruhrgebietsdialekt der 34-Jährigen: „Und dann deine Aussprache: immer ,dat’ und ,wat’! Hast du das denn an der Schule nicht gelernt? So kannst du uns doch in Düsseldorf nicht vertreten!“ Für ihre Antwort bekommt Britta Altenkamp-Nowicki dann jedoch zum ersten Mal an diesem Abend ehrlichen Beifall: „Ich spreche eben so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Ein Bayer oder ein Schwabe schämt sich ja auch nicht für seinen Dialekt.“ 1 Am Wahltag darf die selbstbewusste Ruhrgebietstochter sich dann tatsächlich über ein Landtagsmandat freuen - ob wegen oder vielleicht doch eher trotz ihrer Aussprache mag hier dahingestellt bleiben.
Die vorangehende kleine Anekdote steht am Beginn dieser Arbeit, da in ihr eine Vermutung über den Zusammenhang zwischen einer bestimmten sprachlichen Varietät und der in einer spezifischen Kommunikationssituation zu erwartenden Akzeptanz des mittels dieser Varietät transportierten Inhalts geäußert wird. Einfacher ausgedrückt: „Wer ,dat’ und ,wat’ sagt wird im Landtag nicht ernstgenommen.“ Mit der Schule wird zugleich auch die Institution benannt, der vermeintlich die Aufgabe zufällt, sprachliche Varietäten mit einer erwartungsgemäß niedrigeren Akzeptanz auszumerzen. Gelingt ihr dies nicht, hat
1 Ein Bericht über diesen Vorfall findet sich in der WAZ Essen, Stadtteil-Zeitung, vom 5.5.2000.
entweder sie oder ihr Zögling selbst versagt. Hinter dem (offensichtlich als Provokation gemeinten) Einwurf verbirgt sich also eine linguistische Hypothese mit weitreichenden Konsequenzen für die Sprachdidaktik: 1.) Die Benutzung bestimmter sprachlicher Varietäten verschafft ihren Sprechern in bestimmten kommunikativen Zusammenhängen eine höhere Akzeptanz, die Benutzung anderer Varietäten dagegen ist geeignet diese Akzeptanz von vorn herein zu untergraben.
2.) Da es die Aufgabe der Schule ist, die Schüler mit möglichst gleichen Chancen ins Berufsleben zu entlassen, muss sie diese dazu anhalten, sprachliche Charakteristika mit einer erwartungsgemäß niedrigen Akzeptanz abzulegen und sich statt dessen anderer sprachlicher Varietäten mit erwartungsgemäß höherer Akzeptanz zu bedienen. Die Untersuchung dieser zweigliedrigen Hypothese ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Dazu wird in einem ersten Schritt ein Blick auf die Geschichte sprachlicher Normen und ihrer Durchsetzung geworfen. In einem zweiten Schritt wird dieser Prozess dann am Beispiel des Französischen, das im Laufe der letzten 500 Jahre sehr weitgehenden und ausdauernden Versuchen einer Normierung ausgesetzt war, näher beleuchtet. Das Schicksal des Jiddischen und seiner Sprecher im 19. Jahrhundert wirft ein Licht auf den Zusammenhang zwischen Sprachnorm und sozialer Diskriminierung. Im dritten und letzten Schritt werden dann die Konsequenzen aus dem Vorangegangenen für den Fremdsprachenunterricht an deutschen Schulen erörtert. Es wird also im ersten Abschnitt zunächst der erste Teil der oben genannten Hypothese auf seine wissenschaftlichen und historischen Voraussetzungen hin überprüft. Im zweiten Abschnitt folgen dann praktische Beispiele für das im ersten Abschnitt Ausgeführte; der dritte Abschnitt ist der Diskussion des auf die Rolle der Schule bezogenen zweiten Teils der Ausgangshypothese gewidmet.
II.) Sprache und Srachnormen
II.1) Was ist eine Sprache?
„Warum sprechen die Menschen verschiedene Sprachen?“ Unter den zahlreichen Fragen, die Kinder ihren Eltern stellen, wird sich früher oder später sicher auch diese befinden - und wie viele Kinderfragen wirft sie ein Problem auf, welches die Menschheit seit den Anfängen ihrer Geschichte begleitet. Ein Beispiel hierfür
4
bietet etwa die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel, in der die Menschen zunächst eine (!) Ursprache sprechen, bevor Gott diese sprachliche Einheit als Strafe für ihr hybrides Verhalten zerstört. Allgemein ist zu beobachten, dass Sprache sehr häufig eng mit der Sphäre des Religiösen verbunden ist: mitunter gelten bereits ausgestorbene Sprachen als „heilig“, da die fundamentalen Texte einer Religion in ihnen aufgezeichnet wurden, so etwa Sanskrit, Sumerisch, Hebräisch oder auch das Arabische des Koran. In anderen Fällen ist die Wirksamkeit magischer Rituale an die korrekte Verwendung einer festgelegten sprachlichen Formel gebunden: so etwa in der römischen Religion - und auch im Mittelalter machten sich karolingische Mönche Sorgen über die Gültigkeit des Messopfers angesichts des offensichtlich falschen Lateins der Zelebranten. Selbst wenn man ein solches Denken heute als mythologisch oder vormodern abtut und seinem Kind die Antwort auf das „warum“ verweigert, bleibt doch die Frage nach der Verschiedenheit der Sprachen. „Wie viele Sprachen gibt es denn?“ könnte ein besonders hartnäckiger Sprössling weiterbohren und seine Eltern damit in arge Bedrängnis bringen. Dabei scheint die Sache zunächst ziemlich einfach: ein Blick in den Atlas oder ins Lexikon verrät, welche Sprache in welchem Land gesprochen wird. In Deutschland spricht man Deutsch, in Frankreich Französisch usw., und auch dort, wo die Landesgrenze nicht mit der Sprachgrenze zusammenfällt, gibt es auf der Karte eine klare Trennungslinie zwischen der einen und der anderen Sprache. Ein etwas genauerer Blick verrät freilich schnell, dass dies so nicht stimmen kann: Wer etwa am Niederrhein die Grenze nach Holland überquert, wird feststellen, dass die Bewohner zweier benachbarter Dörfer auf der einen und der anderen Seite problemlos in der Lage sind, sich zu verständigen, sofern sie ihren lokalen Dialekt benutzen. Bedienen sie sich dagegen des „Deutschen“ oder des „Niederländischen“, wie sie es in der Schule gelernt haben, fällt ihnen eine Kommunikation bedeutend schwerer. Andererseits kann der Niederrheiner sich mit Hilfe seines Standard-Deutschen eventuell anwesenden Schwaben oder Schweizern verständlich machen, was ihm kaum möglich wäre, wenn alle Personen nur ihren Heimatdialekt sprächen. Das Beispiel zeigt die Schwierigkeiten, die sich dem Versuch einer klaren Abgrenzung zweier Sprachen in den Weg stellen. Das Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit ist offensichtlich nicht tauglich, denn abgesehen davon, dass „gegenseitige Verständlichkeit“ wissenschaftlich nicht definierbar
5
ist 2 , gibt es innerhalb eines Dialekt-Kontinuums keine scharfen linguistischen Brüche, die eine Verständigung zwischen den Bewohnern zweier Nachbardörfer unmöglich machen - dennoch ist eine Verständigung zwischen Sprechern vom einen und vom anderen Ende dieses Kontinuums nicht möglich. 3 Dabei sind solche in mehrere „Sprachen“ zerfallenden Dialekt-Kontinuen durchaus keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel: so gibt es etwa in Europa neben dem deutsch-holländischen noch das skandinavische, das westromanische und das nordslawische Kontinuum 4 , und auch Finnisch, Estnisch und die karelischen Dialekte sind so eng miteinander verwandt, dass eine klare Abgrenzung kaum möglich erscheint. Die einzig verlässliche Definition für „Sprache“ scheint also die des Romanisten Herbert Weinreich zu sein, der den Status einer „Sprache“ den sogenannten „Amtssprachen“ vorbehält: „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einem Heer und einer Flotte.“ 5 Besonders treffend ist diese Beschreibung wohl für das Französische, wie weiter unten gezeigt werden wird. Doch angesichts der Tatsache, dass nur ein Bruchteil der sprachlichen Varietäten dieser Erde das Privileg genießt, die amtliche Sprache eines Staates zu sein, ist diese Definition freilich wenig befriedigend. Hinzu kommt, dass Amtssprachen in der Regel (wenn überhaupt) nur für spezielle kommunikative Zusammenhänge benutzt werden - im Alltag wird ein Sprecher immer seinen persönlichen Sozio- bzw. Dialekt gebrauchen, der von der „amtlich“ festgelegten Sprachnorm mehr oder weniger stark abweicht. So bleibt nur der - zunächst sicher überraschende - Schluss übrig, dass „Sprache“ im Rahmen der linguistischen Theorie nicht definierbar ist: „No firm boundary can necessarily be drawn between one language and another and one language may contain vast differences of pronunciation, grammar and vocabulary.” 6
Die Welt der Sprache ist also wesentlich bunter, als sie sich im Lexikon gemeinhin darstellt. Ein Bewohner der nordwestspanischen Region Galicia etwa kann sich aussuchen, ob er die von ihm bevorzugte sprachliche Varietät nun Spanisch, Portugiesisch, oder doch lieber Galizisch nennt - ein wissenschaftliches
2 s. Simpson, J.M.Y.: Language, in: Asher, R.E. (Ed.): The Encyclopedia of Language and
Linguistics, Vol.4, Oxford 1994, p.1894.
3 Zur Definition von «dialect continuum»: ebd.
4 dies., p.1895.
5 s. Lippi-Green, Rosina: English with an Accent. Language, ideology and discrimination in the
United States, London 1997, p.43.
6 Simpson, p.1896.
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Arbeit zitieren:
Martin Feyen, 2001, Sprachnormen - ihre Geschichte, Funktion und Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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