1. Die Hauptthesen Lacans
Das Bewusste ist wie eine Sprache strukturiert, denn Sprache strukturiert unsere Wahrnehmung. Aber auch das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert. Tropen, also Formen uneigentlichen Sprechens, bedeuten ein Abgleiten von einem bewusstem zu einem unbewussten Zeichen und bilden deshalb eine Schnittstelle von Bewusstem und Unbewusstem. Unter den zahlreichen Tropen favorisiert Lacan Metapher und Metonymie. Sie entsprechen Freuds Gesetzen der Traumarbeit von Verdichtung und Verschiebung.
In der Literatur tritt das Unbewusste gehäuft zu Tage, denn hier geht Konnotation über Denotation, Signifikanten haben mehrere Signifikate, die Form der Aussagen konstituieren und modifizieren Bedeutung; Literatur ist ein Ort des uneigentlichen Sprechens. (Lacan geht von der Unmöglichkeit aus, einen Signifikanten auf ein Signifikat zu fixieren.) Das Unbewusste wird als „Diskurs des Anderen“ bezeichnet. Dieser Diskurs hat seinen Ursprung in der symbolischen Präsenz väterlicher Autorität, d.h. in der Figur des Gesetzes oder auch des „non / nom du père“. Denn der Vater ist in den frühen Stadien der Kindheit für die Unterdrückung von Verlangen verantwortlich. Er zeitigt die Neurose des „Diskurs des Anderen“, deren Symptome metaphorisch sind.
Literatur gestattet uns, rhetorische Figuren unter Laborbedingungen und in ungewöhnlich konzentrierter Form zu untersuchen. Lacans Literaturanalyse geht nun darauf aus, den Diskurs des Anderen im Text freizulegen und nachvollziehbar darzustellen.
2
2. Eine Lacan’sche Interpretation von Albert Camus’ „Der Fremde“
Genauere Betrachtung der Schlüsselszene: Die Szene am Strand. Beschreibung Meursault - kleiner Angestellter aus Algier. Tod der Mutter. Teilnahmslosigkeit Meursaults. Einladung von Raymond. Zusammentreffen mit Araber, als mit Raymond am Strand spazierengeht. Handgemenge, Revolver an sich genommen, Raym. verletzt. Rückkehr allein zum Strand. Er will zur Quelle, die sich dort in der Nähe befindet. Trifft wieder auf Araber. Sonne sticht ihn ins Auge, unsägliche Hitze. Das Meer scheint bedrohlich, Araber blitzt mit Messer. Alles dreht sich um Meursault, 1. Schuß. Nach einigen Sekunden 4 weitere Schüsse. Vor Gericht sagt Meursault: „Die Sonne war schuld.“ Das Gericht lacht, aber Lacan wird uns sagen, dass tatsächlich die Sonne schuld ist.
Aus Lacanschem Blickwinkel ist dies eine symbolische Manifestation der Urszene. Ein Indiz hierfür ist etwa das rapide Ansteigen der Metaphernzahl (auf 83 Seiten 15 Met., dann auf 4 Seiten 25 Met.)
Diese Urszene ist als klassishes ödipales Dreieck aufgebaut: Plätze von Vater und Mutter je doppelt besetzt:
1. Die Sonne. Im Frz. Maskulin, steht für den Vater. Er steht für Autorität, die quasi von oben aus überwacht, für das Gesetz und damit für die Sphäre der Gesellschaft. Auch Araber steht für Vater, weil er den Zugang zur Quelle verstellt.
2. Das Meer, (la mer / mère). Im Frz. feminin, steht für die Mutter, auch den Ursprung des Lebens und Sinnlichkeit. Meursault wird als Person beschrieben, die die sinnlichen Genüsse liebt. Er badet gerne im Meer, es bietet ihm eines seiner wenigen Vergnügungen. Der Platz der Mutter ist doppelt belegt. Auch die Quelle (la source), das Ziel Meursaults, steht für die Mutter in zweierlei Sinn: als Quelle, die den Durst stillt, und als Anfang, Ursprung des Lebens.
3. Meursault selbst steht für das Kind. Die Pistole, die er zur Quelle trägt, ist ein Phallussymbol.
Im Text erkennbar: Sonne und Meer erwachen zum Leben. Rede von „Der brennende Atem des Meeres“, der „Himmel öffnet sich, um Feuer regnen zu lassen“. Sonne und Meer sind Schuspieler auf der Bühne des Unbewußten geworden.
3
Arbeit zitieren:
2000, Jacques Lacan - Eine Einführung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Kultur(?)Industrie - Aufklärung als Massenbetrug
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Hausarbeit, 14 Seiten
Irmgard Keun: "Das kunstseidene Mädchen" - Frauentyp der Neu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 13 Seiten
„Magie des Zerfalls“ - Der geopoetische Kosmos des Andrzej Stasiuk
Magisterarbeit, 105 Seiten
Der malerische 'Hochwald' - Farben und Begriffe einer Stiftere...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Psychoanalyse und Kino. Was hat Freud gegen das Kino?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Zwischenprüfungsarbeit, 30 Seiten
The fairy mythology in William Shakespeare's "A Midsummer Nig...
Hausarbeit, 18 Seiten
Reflexivität und Selbstreferentialität als narrative Techniken im Kino...
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion bzw. Lacans Begriff des...
Kunst - Allgemeines, Kunsttheorie
Seminararbeit, 13 Seiten
Die Diskussion um Guido Knopps Geschichtsdokumentationen - Das Beispie...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Betrachtung der Liebespaare in William Shakespeares "A Midsummer ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Die Dialektik des Jazz oder Warum Adorno den Jazz nicht mögen konnte
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Hausarbeit, 23 Seiten
Die RAF als Mythos und Pop-Phänomen
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Hausarbeit, 16 Seiten
Das Bildungsideal Wilhelm von Humboldts und die Reform der Universität...
Hausarbeit, 15 Seiten
Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 22 Seiten
Franz Kafka: Das Urteil. Vier Interpretationsansätze
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Das literarische Feld aus Sicht der Bourdieuschen Feldtheorie
Seminararbeit, 13 Seiten
Frauenliteratur! Gibt es die tatsächlich?
Medien / Kommunikation - Sonstiges
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Anonym hat den Text Jacques Lacan - Eine Einführung veröffentlicht
Eine klinische Einführung in die Lacan'sche Psychoanalyse
Theorie und Technik
Bruce Fink, Erik M. Vogt
The Seminar of Jacques Lacan: Freud's Papers on Technique
Jacques Alain-Miller, Jacques Lacan, Jacques-Alain Miller
The Seminar of Jacques Lacan: The Psychoses
Jacques Lacan, Jacques-Alain Miller, Russell Grigg
The Seminar of Jacques Lacan: The Ethics of Psychoanalysis
Jacques Lacan, Jacques-Alain Miller, Dennis Porter
The Seminar of Jacques Lacan: The Four Fundamental Concepts of Psychoa...
Jacques Lacan, Jacques-Alain Miller, Alan Sheridan
The Seminar of Jacques Lacan: Book XVII: The Other Side of Psychoanaly...
Jacques Lacan, Jacques-Alain Miller, Russell Grigg
Feminine Sexuality: Jacques Lacan and the Ecole Freudienne
Jacques Lacan, Juliet Mithell, Juliet Mitchell
Zusammenfassende Wiedergabe der Seminare IV-VI von Jacques Lacan
J. Pontalis, Hans-Dieter Gondek, Peter Widmer, Johanna Drobnig
0 Kommentare