Universität Potsdam SoSe 2002 Historisches Institut HS: Rudolf Hess
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Abgabedatum: 26.08.2002
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Inhalt
1. Einleitung. 4
2. Zum methodischen Vorgehen. 5
3. Der frühe Heß 9
4. Ursachen für Heß’ Entwicklung zum Nationalsozialisten. 11
4.1. Das Erleben der Kriegsniederlage 1918 11
4.2. Entwicklungspsychologisch bedingte Motive 16
5. Zusammenfassung. 19
6. Anhang 22
7. Gegliedertes Literaturverzeichnis 23
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In Anlehnung an das Hauptseminar „Rudolf Heß“ möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit mit Heß’ Entwicklung zum Nationalsozialisten beschäftigen. Heß, als „Paladin“ 1 , „Tor“ 2 oder „Sonderling“ 3 bezeichnet, geistert den meisten als „Stellvertreter des Führers“ durch den Kopf. Aufsehen erregte er durch seinen Englandflug 1941 und seine Gefangenschaft in Spandau, wo er 1987 Selbstmord beging.
Es geht mir weniger um die Frage, was für ein Mensch er war, sondern mich interessieren vor allem die Motive, sich Hitler und seiner Partei anzuschließen. Joachim Fest nennt allgemein die nationale Deklassierung durch den Versailler Vertrag, Inflation und Weltwirtschaftskrise, die Schwäche der demokratischen Tradition und die Schrecken der kommunistischen Revolutionsdrohung, das Kriegserlebnis, den unsicher gewordenen Konservatismus und die Ängste beim Übergang in eine neue Ordnung als Faktoren für die Suche nach dem Schutz einer Autorität wie Hitler sie für so viele Menschen verkörperte 4 . „Als der Vereinigungspunkt so vieler Sehnsüchte, Ängste und Ressentiments ist Hitler zu einer Figur der Geschichte geworden“ 5 .
Den eigentlichen Anlass, mich mit dem Thema zu beschäftigen, gab mir der Dokumentarfilm „Im toten Winkel“ von André Heller über Hitlers Sekretärin Traudl Junge. Ihr Manuskript von 1947 liegt nun auch in dem Band „Bis zur letzten Stunde“ 6 vor und gewährt Einblicke in den Lebensabschnitt einer naiven jungen Frau, die von 1942 bis 1945 an der Seite des „Führers“ arbeitete. Ich möchte keinen Vergleich wagen zwischen Hess, dem Privatsekretär und Stellvertreter und Traudl Junge, der persönlichen Sekretärin im Führerbunker. Jedoch sind in ihrer Biografie und in ihren Aufzeichnungen Anhaltspunkte zu finden, wie sie mit dem Nationalsozialismus in Berührung gekommen ist.
1 Vgl. Görtemaker, Manfred: Der Flug des Paladins. In: Spiegel 23/2001.
2 Vgl. Schmidt, Rainer F.: Rudolf Heß. Botengang eines Toren? Der Flug nach Großbritannien vom 10. Mai 1941. Düsseldorf 1997.
3 Smelser, Ronald/ Zitelmann, Rainer (Hrsg.): Die Braune Elite I. 22 biografische Skizzen. Darmstadt 1989, S. 85.
4 Vgl. Fest, Joachim: Hitler. Eine Biografie. München 4 2001.
5 Ebd., S. 34.
6 Junge, Traudl: Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben. Unter Mitarbeit von Melissa Müller. München 2002.
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In Anbetracht der Tatsache, dass heute Rechtsextremismus 7 eine große Anziehungskraft auf Jugendliche und Erwachsene ausübt und immer wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerät, halte ich es als Lehramtsanwärterin für wichtig, sich mit dem Entstehen ideologischer Erscheinungen auseinander zu setzen. „ Fremdenfeindliche Übergriffe, Aufmärsche neonazistischer Organisationen, dominantes Auftreten rechtsextremer Jugendcliquen, Wahlerfolge rechtsextremer Parteien oder die Verbreitung von Rassismus im Internet sind nur einige der Facetten, in denen Rechtsextremismus in Erscheinung tritt“ 8 . „ Begleitet wurden die öffentlichen Debatten von einer intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema [...]“ 9 . Eine Bilanz von Wilfried Schubarth und Richard Stöss zum Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland werde ich für die zusammenfassende Betrachtung der Motive heranziehen.
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Die Entwicklung von Rudolf Heß zum Nationalsozialisten soll im Vordergrund der folgenden Seminararbeit stehen. Der Untersuchungsschwerpunkt wird auf dem Erleben der Kriegsniederlage 1918 liegen. Von da an suchten enttäuschte Menschen in Deutschland Halt und Ordnung. Der Frage, warum sich Heß, wie auch die vielen anderen, dem Nationalsozialismus anschloss und nicht einer anderen Denkweise, soll hier nachgegangen werden. Nicht alle Motive, die eine Hinwendung zu Hitler und der NSDAP bewirkten, sollen und können hier berücksichtigt werden. Leider habe ich erst zu spät eine Bibliografie gefunden, die auf den Stellenwert psychischer Faktoren für politische Einstellungen verweist. Titel wie „ Sind wir alle Nazis? Zum Potenzial der Unmenschlichkeit“ von Hans Askenasy 10 oder „ Sozialpsychologie des Rechtsextremismus“ von Jutta Menschik-Bendele und Klaus Ottomeyer 11 oder von Hans-Dieter König 12 waren mir in der Kürze der Zeit nicht
7 Einstellungen, Verhaltensweisen, Institutionen und Ziele, die sich gegen den demokratischen Verfassungsstaat richten und das Prinzip menschlicher Fundamentalgleichheit negieren, werden mit dem Begriff Rechtsextremismus bezeichnet (vgl. Neugebauer, In: Schubarth/Stöss 2000, S. 14). Extremismus ist der Oberbegriff für ein politisches „ Spektrum entlang einer Achse [...], die von links über die Mitte bis nach rechts (oder umgekehrt) reicht“ (ebd. S. 13).
8 Schubarth/Stöss 2000, S. 7.
9 Ebd.
10 Askenasy, Hans: Sind wir alle Nazis? Zum Potenzial der Unmenschlichkeit. Frankfurt/Main 1979.
11 Menschik-Bendele, Jutta/Ottomeyer, Klaus: Sozialpsychologie des Rechtsextremismus. Entstehung und Veränderung eines Syndroms. Opladen 1998.
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zugänglich, so dass ich mich auf allgemeinere Aussagen von Schubarth und Stöss 13 sowie Zimbardo und Gerrig 14 stützen werde. Die Autoren gehen unter anderem auf entwicklungspsychologische Ursachen ein, sich einem „ Führer“ zu unterwerfen. Bei Rudolf Heß möchte ich mich auf Motive konzentrieren, die sich aus seiner Persönlichkeit und aus der Sozialisation in seinen jungen Jahren 15 ergeben können.
Die Verstehensgrundlage für alle nachstehenden Betrachtungen soll ein biografischer Abriss der ersten Lebensjahre von Rudolf Hess bis zu seiner Begegnung mit Hitler sein. Eine zuverlässige Lebensbeschreibung liegt bis heute nicht vor. Aufgrund fehlender oder unzugänglicher Akten gibt es lediglich Versuche, Hess’ Charakter darzustellen. Dazu gehören die Veröffentlichungen von seinem Sohn Wolf Rüdiger Heß 16 , Peter Padfield 17 , Wulf Schwarwäller 18 , James Douglas-Hamilton 19 , Ronald Smelser und Rainer Zitelmann 20 , Eugene K. Bird 21 und Rainer F. Schmidt 22 . Die Abschnitte über die frühen Jahre von Hess fallen meist recht knapp aus. Die ausführlichste Darstellung liefert Wulf Schwarzwäller. Das Hauptaugenmerk liegt bei den meisten Verfassern auf dem Flug nach England und der Gefangenschaft in Spandau, also dem späteren Heß. Mit Hilfe der vorliegenden Aussagen genannter Autoren werde ich ein Kapitel zur Biografie des frühen Rudolf Heß erstellen, welches ein erstes Bild von der Person vermitteln soll. Bei meiner Analyse der Motive für eine Entwicklung zum Nationalsozialisten konzentriere ich mich aus platz- und zeitökonomischen Gründen ebenfalls auf den jungen Heß.
Für die Analyse möglicher Motive bietet sich dann ein Vergleich mit den Biografien Hitlers 23 und Junges 24 an. Sie liefern wertvolle Hinweise auf das Entstehen
12 König, Hans-Dieter (Hrsg.): Sozialpsychologie des Rechtsextremismus. Frankfurt/Main 1998.
13 Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.): Rechtsextremismus in der BRD. Eine Bilanz. Bonn 2000.
14 Zimbardo, Philip G./ Gerrig, Richard J.: Psychologie. Berlin, Heidelberg, New York 7 1999.
15 Ich betrachte etwa den Zeitraum von seiner Geburt an bis 1924 (gemeinsame Gefangenschaft mit Hitler in Landsberg).
16 Heß, Wolf Rüdiger: Mein Vater Rudolf Heß. Englandflug und Gefangenschaft. München, Wien 1984. Heß, Rudolf: Briefe 1908-1933. Hrsg. von Wolf Rüdiger Heß. München, Wien 1987.
17 Padfield, Peter: Hess. Flight for the Führer. London 1991.
18 Schwarzwäller, Wulf: „ Der Stellvertreter des Führers“ Rudolf Hess. Der Mann in Spandau. Wien, München, Zürich 1974.
19 Douglas-Hamilton, James: Geheimflug nach England. Düsseldorf 1973.
20 Smelser, Ronald/ Zitelmann, Rainer (Hrsg.): Die Braune Elite I. 22 biografische Skizzen. Darmstadt 1989.
21 Bird, Eugene K.: Hess. Der Stellvertreter des Führers. Englandflug und britische Gefangenschaft. Nürnberg und Spandau. München, Wien, Basel 1974.
22 Schmidt, Rainer F.: Rudolf Heß. Botengang eines Toren? Der Flug nach Großbritannien vom 10. Mai 1941. Düsseldorf 1997.
23 Fest, Joachim: Hitler. Eine Biografie. München 4 2001. Haffner, Sebastian: Anmerkungen zu Hitler. Jubiläumsedition. München 2002.
24 Junge 2002.
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Arbeit zitieren:
Nicole Schulz, 2002, Das Erleben der Kriegsniederlage 1918 als Motivation, sich dem Nationalsozialismus anzuschließen - am Beispiel von Rudolf Heß, München, GRIN Verlag GmbH
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