Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Sprache und Wandel 3
3. Vom Wesen der Sprache 4
4. Wandel versus Innovation 6
5. Bedeutung des Sprechers für den Sprachwandel 6
6. Sprache als Phänomen der dritten Art 8
7. Soziale Einflüsse 9
8. Abschließende Betrachtungen 11
9. Anmerkungen 12
10. Bibliographie 17
1. Einleitung
"Du kannst nur denken durch den Mittler Sprache,/ nur mit dem Sinne schauen die Natur." So hatte einst der deutsch-französische Dichter Adelbert von Chamisso (1781- 1838) die Bedeutung der mentalen Repräsentation von Sprache charakterisiert. Universell ist den Menschen, dass sie die Fähigkeit zur verbalen Kommunikation besitzen, sich die Sprache nutzbar machen können, um mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten und nicht zuletzt auch, um ihre äußere und innere Welt zu beschreiben.
Sprache ist ohne ihre Zweckgebundenheit und die Verbindung zu den Sprachbenutzern nicht vorstellbar, sie definiert sich über die Individuen, die sie gebrauchen. Aus diesem Grunde möchte ich in der vorliegenden Arbeit in besonderer Weise die wesentliche Rolle der Institution Sprecher für alle Sprachwandelprozesse herausarbeiten, um darauf aufbauend unter Einbezug einiger repräsentativer Forschungsarbeiten generelle Überlegungen zur "Natur" des sprachlichen Wandels anzustellen.
2. Sprache und Wandel
Obgleich die empirische Forschung bisher nicht leisten konnte, alle Sprachen, die auf der Erde gesprochen werden, eingehend auf das Phänomens des Sprachwandels zu überprüfen (nicht zuletzt weil die Studien in manchen Fällen erst seit jüngerer Zeit betrieben werden), ist davon auszugehen, dass jede menschliche Sprache Wandelprozessen unterliegt, die irgend eine Form der Umstrukturierung nach sich ziehen 1 . Die Umstellung kann dem System Sprache (d.h. der langue, wie Saussure sie definiert) Elemente hinzufügen, bereits vorhandene modifizieren und neutralisieren, und auch einmal vorgenommene Änderungen wieder zurücknehmen. Die offensichtliche Frage, die sich dem Linguisten aufdrängt, ist die nach den Gründen sprachlichen Wandels. Ist es so, dass zunächst eine Notwendigkeit oder Kausalität bestehen muss, ein Moment, das die Änderung des status quo zwingend erforderlich macht oder lässt sich das Phänomen des Wandels, das so oft und in so vielen Sprachen beobachtet werden konnte, mit diesen Erklärungsversuchen nicht fassen?
In erster Instanz kann man konstatieren, dass Sprachwandel ein Vorgang ist, der ein bestehendes Zeichen A, das zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte existiert, durch ein (entweder neu geschaffenes oder bereits in anderem Kontext bestehendes)
3
Zeichen B ersetzt. Denn bliebe Sprache durch die Zeit unverändert, wie ließe sich erklären, dass beispielsweise das mittelhochdeutsche Lexem "minne" vollkommen aus unserem gegenwärtigen Vokabular verschwunden ist und allenfalls noch in Komposita wie "Minnelied" oder "Minnedichtung" anzutreffen ist (und auch dies beinahe ausschließlich in wissenschaftlichem Diskurs), während das ebenfalls aus dem Mittelhochdeutschen stammende "liebe", wenn auch in monophthongierter Form und mit Bedeutungsverengung, noch immer (als eines der am häufigsten verwendeten Wörter der deutschen Sprache) verwendet wird? Es kann für gesichert gelten, dass auf das System der Sprache modifizierende Einflüsse wirken. Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, aus welchem Grund dies so ist, beziehungsweise ob sich alle Sprachveränderungen überhaupt objektiv erklären lassen und sie tatsächlich auf bestimmte Ursachen zurückgeführt werden können. 2 In jedem Falle besteht ein enger Zusammenhang zwischen Sprache und Wandel 3 .
3. Vom Wesen der Sprache
Um letzteren verstehen zu können, erscheint es daher folgerichtig, zunächst darüber zu reflektieren, was mit Sprache gemeint ist. Der Freiburger Linguist Peter Koch bietet gleich acht Definitionen für den Begriff der Sprache an, um zu demonstrieren, wie weit oder eng man diesen Terminus auslegen kann. Grundsätzlich und im allgemeinsten Sinne, so Koch, handelt es sich bei Sprache um die Sprech-und Sprachfähigkeit des Menschen 4 . Damit ist eine Aussage über zwei wesentliche Fähigkeiten des Menschens gemacht: erstens mithilfe der Artikulatoren Lautsequenzen zu erzeugen, welche aufgrund von Konventionen innerhalb der Sprachgemeinschaft jeweils eine (oder mehrere) Bedeutung(en) erhalten. Und zweitens diese sprachlichen Zeichen auch der jeweiligen Situation angemessen einzusetzen. Dabei ist - unter Berücksichtigung der von Ferdinand de Saussure aufgezeigten signifiant / signifié-Relation - zu bedenken, dass die "Verknüpfung" von Ausdrucks- und Inhaltsseite (abgesehen von onomatopoeischen Lexemen) vollkommen arbiträr ist. 5 Es besteht objektiv keine Notwendigkeit dafür, weshalb man beispielsweise einen Hund Hund nennt und nicht Katze. Gesellschaftliche Konventionen sorgen dafür, dass sich keine Individualsprachen entwickeln können, die interpersonelle Kommunikation verhindern würden. Denn im Grunde ist jeder Mensch in der Lage, sich eine eigene Sprache zu schaffen, die sich in manchen Eigenschaften von anderen historischen Sprachen unterscheiden könnte.
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Sprache allerdings dient in erster Linie der Kommunikation. Sie ist Mittel zum Zweck und hatso Keller - keine bloße Abbildungsfunktion, sondern ermöglicht dem Benutzer die Beeinflussung seiner Umwelt 6 .
Kommunizieren ist entsprechend mehr als bloßes regelgeleitetes Handeln: denn Sprache wird zweckhaft eingesetzt: sie dient den Menschen als Problemlösungsinstrument 7 , ohne doch von vornherein und notwendigerweise ein solches zu sein. 8 Damit sprachliche Verständigung überhaupt möglich ist, müssen sich die mentalen Repräsentationen von Sprache in den Gehirnen der Einzelsprecher einer Sprachgemeinschaft einander zumindest weitgehend ähneln.
Wie bereits Sapir (1921) richtig bemerkt, stimmen "zwei Individuen derselben Gegend, die exakt denselben Dialekt sprechen und sich in denselben gesellschaftlichen Kreisen bewegen, in ihren Sprachgewohnheiten niemals vollkommen überein" 9 (übersetzt aus dem Englischen, T.R.). Weil dies so ist und sich neben der Kompetenz auch die Performanz, d.h. die Verwendung von Sprache, trotz faktisch bestehender gesellschaftlicher Zwänge (die gewisse Strukturen in bestimmen Situationen vorschreiben und andere unter Androhung von Sanktionen verbieten) 10 von Individuum unterscheiden kann, ist es nur folgerichtig, dass es bei der Sprachbenutzung auch zu Missgriffen und Verständigungsproblemen kommen kann. Die auf diese Weise zusammengetragenen negativen Erfahrungen, die der Sprecher im Laufe seiner persönlichen Sprachgeschichte macht, führen ebenso wie seine Erfolgerlebnisse zu einer kontinuierlichen Aktualisierung der eigenen Sprecherkompetenz. 11
Aufgrund der Reaktionen der Außenwelt auf die individuelle Sprache, wird der Sprecher ständig dazu angehalten, sein sprachliches Handeln zu evaluieren und gegebenenfalls nachzubessern. Diese soziale Anpassung ist eine Triebkraft, die bereits beim Spracherwerb im Kindesalter eine entscheidende Rolle spielt 12 : nicht nur lernen Kinder mit der trial-and-error-Methode die Sprache der Erwachsenen einzuschätzen und sich anzueignen (durch die immer größer werdende Menge an Daten entsteht ein immer feinmaschigeres Netz der Sprachsicherheit), sondern sie imitieren auch deren sprachliches Verhalten. Ändert sich die Sprache des Referenzsubjekts (sprich: des (meist erwachsenen) Sprechers, an dem das Kind sich orientiert), so ist davon auszugehen, dass auch die Sprachstruktur des Kindes sich in derselben Richtung verändert. 13 Deutlich wird am kindlichen Spracherwerb, dass Sprache (und im selben Maße Sprachwandel) stets auf das Prinzip der Interaktion zurückgeführt werden muss und es daher unangemessen wäre, wenn man es gänzlich sprecherunabhängig betrachten wollte.
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Arbeit zitieren:
Tobias Rösch, 2006, Sprecher und Sprachwandel, München, GRIN Verlag GmbH
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