Inhalt
Abbildungsverzeichnis 3
Tabellenverzeichnis 4
1. Die Debatte um die „neue Unterschicht“ 5
2. Der Begriff der sozialen Schichtung in der Soziologie 7
3. Daten und Methoden 9
3.1 Datenbasis 9
3.2 Das Konzept des Äquivalenzeinkommens 9
3.3 Die Operationalisierung von „Unterschicht“ 10
4. Einkommensungleichheit und Armut 11
4.1 Entwicklung der Einkommensverteilung in Deutschland 11
4.2 Armut in Deutschland 14
4.3 Deutschland im internationalen Vergleich 18
4.4 Ursachen für die Unterschiede 21
5. Die deutsche Unterschicht 23
6. Zusammenfassung 26
Quellenverzeichnis 29
Anhang 30
2
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Einkommensentwicklung in Deutschland 1990 bis 2005: mittleres monatliches
Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen in €..................................................................... 13
Abb. 2: Armutsquoten für Deutschland 1990 bis 2005 (in % der Bevölkerung; Armutsgrenze: 50% des arithmetischen Mittels des durchschnittlichen jährlichen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens, modifizierte OECD-Skala) ............................. 16
Abb. 3: Armutsquoten nach Geschlecht 1990 bis 2005 (in %; Armutsgrenze: 50% des arithmetischen Mittels des durchschnittlichen jährlichen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens, modifizierte OECD-Skala) ...................................................................... 17
Abb. 4: Armutsquoten nach Altersgruppen 2005 (in %; Armutsgrenze: 50% des arithmetischen Mittels des durchschnittlichen jährlichen
Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens, modifizierte OECD-Skala) ............................. 18
Abb. 5: Äquivalenzeinkommen pro Kopf in den EU-Ländern 1996 (umgerechnet in
Kaufkraftstandards)........................................................................................................ 19
Abb. 6: Die Ungleichheit der Einkommen in den europäischen Ländern 1999 (Nettoäquivalenzeinkommen; Anteil der reichsten 20% der Bevölkerung im Verhältnis zu dem
der ärmsten 20%) ........................................................................................................... 20
Abb. 7: Relative Armut in der EU 2001: Arme Menschen in % der jeweiligen Bevölkerung, die nach den Sozialtransfers über weniger als 60% des jeweiligen Durchschnittseinkommens (Haushaltsnettoeinkommen pro Person, gewichtet nach Alter) verfügen ..... 21
Abb. 8: Unterschicht nach Stichprobenregion, Anteile in % der jew. Bevölkerungsgruppe...... 24
Abb. 9: Unterschicht nach Geschlecht, Anteile in %.................................................................. 25
Abb. 10: Unterschicht nach Alter, Anteile in % ........................................................................... 26
3
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Gini-Koeffizient des jährlichen durchschnittlichen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens 1990 bis 2005, modifizierte OECD-Skala ............................................................ 12
Tab. 2: Einkommensentwicklung in Deutschland 1990 bis 2005: kategorisiertes monatliches Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen in €, Anteile an der Gesamtbev. in %................ 14
4
1. Die Debatte um die „neue Unterschicht“
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung gab 2006 mehrere Studien in Auftrag, die die Fragen klären sollten, auf welche Akzeptanz Reformen in Deutschland stoßen und welche Probleme bei ihrer Vermittlung aufgetreten sind. In seiner Publikation Politische Milieus in Deutschland zur Studie Gesellschaft im Reformprozess stellt Dr. Gero Neugebauer fest, es bestehe „eine Diskrepanz zwischen der staatlichen Reformpolitik und der Beurteilung des Reformprozesses durch die Bürger“. 1 Darauf aufbauend werden unter anderem die Fragen aufgeworfen, wie sich die Stimmung der deutschen Bevölkerung in Bezug auf Reformen charakterisieren lässt, was die Deutschen von Reformen erwarten, wie sie die Reformpolitik beurteilen und woraus mögliche Differenzen zwischen staatlicher Reformpolitik und gesellschaftlicher Reformbereitschaft resultieren. Die Befunde offenbaren ambivalente und zum Teil widersprüchliche Haltungen der Menschen. Allgemein sinkt das Vertrauen in das politische System und seine Institutionen. Als Grund für die kritische Haltung der deutschen Bevölkerung zur Reformpolitik wird die „Diskrepanz zwischen den durch Reformankündigungen erweckten Erwartungen und den dann realisierten Ergebnissen“ genannt. 2 Im Hinblick auf die Zukunft besteht eine massive Verunsicherung und es wird bezweifelt, dass der Politik die Beseitigung von Problemen, wie beispielsweise der Arbeitslosigkeit, gelinge. Allgemein bestehen zwischen Politik und Gesellschaft erhebliche Kommunikationsprobleme. 3 In einer der Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde anhand einer repräsentativen Befragung von rund 3000 wahlberechtigten Personen in Deutschland zu Alltagseinstellungen, politischen Einstellungen, Werteorientierungen, Religiosität und sozialstrukturellen Merkmalen eine Typologie neun politsicher Milieus der deutschen Gesellschaft erstellt. Bei einem dieser Milieus handelt es sich um das so genannte „abgehängte Prekariat“, das der Studie zu Folge 8% der deutschen Bevölkerung ausmacht. Das „abgehängte Prekariat“ ist durch einen niedrigen gesellschaftlichen Status, überwiegend einfache bis mittlere Schulbildung, einem hohen Arbeitslosenanteil und Armut gekennzeichnet und gehört meist der Unter- bzw. unteren Mittelschicht an. Dieser Gruppe gehören viele Männer, Ostdeutsche und Bewohner des ländlichen Raumes an. Personen, die dem „abgehängten Prekariat“ angehören, verfügen über ein sehr geringes monatliches Nettohaushaltseinkommen und empfinden ihre Lebenssituation allgemein als prekär. Sie sorgen sich, gesellschaftlich abzusteigen, fühlen sich auf der Verliererseite und ins Abseits gedrängt. 4 Das „abgehängte Prekariat“, das in der
1 Neugebauer (2007): 7
2 Neugebauer (2007): 136
3 vgl. Neugebauer (2007): 132ff
4 vgl. Neugebauer (2007): 82ff
5
Öffentlichkeit auch als „neue Unterschicht“ bezeichnet wurde, löste eine vehemente politische Diskussion aus, und zwar nicht nur der Wortwahl wegen, sondern auch auf Grund des Bildes, das die Studie von den Betroffenen zeichne. 5 Kurt Beck, Parteichef der SPD, sprach von einem wachsenden „Unterschichten-Problem“, Arbeitsminister Franz Müntefering hingegen lehnte den Begriff „Unterschicht“ ab, es gebe keine Schichten in Deutschland. Unionsfraktionschef Volker Kauder wies die Bezeichnung „Unterschicht“ ebenfalls zurück, dieser Ausdruck sei stigmatisierend. 6 Der SPD-Linke Ottmar Schreiner gibt der Hartz-IV-Politik des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder eine Mitschuld an der gesellschaftlichen Misere, Schröder habe zu kurz gedacht. 7
An diese Diskussion anschließend wird das Phänomen der „Unterschicht“ in einer deskriptiven Analyse beleuchtet. Im zweiten Kapitel werden daher vorab der Begriff der sozialen Schichtung und seine Verwendung in der Soziologie beschrieben, sowie zentrale Theorien und Problematiken des Schichtbegriffs dargestellt. Im dritten Kapitel werden die Datengrundlage und u.a. das methodische Vorgehen bei der Operationalisierung von „Unterschicht“ erläutert.
Im vierten Abschnitt wird zunächst die Entwicklung der Einkommensverteilung in Deutschland untersucht. Hat das Ausmaß der Armut zugenommen? Sind eher Männer oder Frauen bzw. Westdeutsche oder Ostdeutsche von Armut betroffen? Welche Altersunterschiede lassen sich feststellen? Wie sieht der Trend in anderen europäischen Ländern aus und wie lassen sich mögliche Unterschiede erklären? In Kapitel fünf wird überprüft, wie sich der Umfang der Unterschicht in Deutschland im Laufe der Zeit entwickelt hat. Lassen sich dabei Geschlechts- und Ost-West-Unterschiede feststellen? Gehören eher Männer oder Frauen bzw. Ost- oder Westdeutsche der Unterschicht an? Welche Altersstruktur kennzeichnet die Unterschicht? Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst.
5 vgl. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,442859,00.html, 19.03.2007
6 vgl. http://www.focus.de/politik/deutschland/spd_nid_37517.html, 20.03.2007
7 vgl. http://www.focus.de/politik/deutschland/unterschicht-debatte_nid_37460.html, 20.03.07
6
2. Der Begriff der sozialen Schichtung in der Soziologie
Rainer Geißler bezeichnet den Schichtungsbegriff als einen der „schillerndsten [Grundbegriffe] der Soziologie“, da dieser nicht nur in der Schichtungssoziologie, sondern auch in Nachbarwissenschaften und fast allen soziologischen Spezialdisziplinen gebraucht werde. 8 Schichtkonzepte versuchen, die Gesamtbevölkerung von Gesellschaften in so genannte Schichten zu untergliedern. Schichten differieren hinsichtlich ihrer Lebenslagen und den damit verbundenen Chancen auf Einkommen, Bildung, Prestige etc. Schichten werden meist vertikal angeordnet und unterscheiden sich demzufolge in ihrer Rangordnung. So verfügen Menschen beispielsweise über mehr/weniger Bildung, über ein höheres/niedrigeres Einkommen und bessere/schlechtere Lebensbedingungen. Jedoch lassen sich die einzelnen Schichten nur schwer voneinander abgrenzen, da sie sich überlappen können und die Übergänge fließend sind.
Schichtmodelle und -konzepte können auch hinsichtlich ihrer Komplexität stark variieren, je nach Art und Menge der Schichtmerkmale und -grenzen. In einfachen Modellen werden Schichten nur nach wenigen Merkmalen unterschieden, wie z.B. nach dem Einkommen, dem Ausbildungsabschluss oder dem Berufsprestige. Personen, die sich in diesen Schichtmerkmalen ähneln, werden den entsprechenden Schichten zugeordnet. Komplexere Modelle hingegen gliedern die Bevölkerung nicht nur nach sozioökonomischen Gesichtspunkten, sondern auch nach schichttypischen Einstellungs- und Verhaltensmustern, die aus verschiedenen Lebensverhältnissen resultieren.
Die Schichtungstheorie Theodor Geigers (1891 - 1952) gehört zu den zentralen Theorien sozialer Ungleichheit. Geiger war der erste deutsche Soziologe, der um 1930 die deutsche Bevölkerung auf der Grundlage repräsentativer statistischer Daten in Schichten einzuteilen versuchte. Nach Geiger besteht jede Schicht „aus vielen Personen (Familien), die irgendein erkennbares Merkmal gemein haben und als Träger dieses Merkmals einen gewissen Status in der Gesellschaft und im Verhältnis zu anderen Schichten einnehmen“. 9 Der Schichtungsbegriff dient somit bei Geiger als Oberbegriff zur Analyse sozialer Ungleichheiten und Charakterisierung der Sozialstruktur einer Gesellschaft. Schichten werden in Geigers Theorie in drei Aspekte unterschieden: 1. Soziallagen, 2. Schichtdeterminanten und 3. Schichtmentalitäten. Schichten umfassen Personen mit ähnlichen Soziallagen, das bedeutet, sie ähneln sich im Hinblick auf Lebensstandard und -chancen und Ansehen etc. Schichtdeterminanten wie beispielsweise die Berufsposition oder das Bildungsniveau beeinflussen
8 Geißler (1994): 7
9 Geiger zit. nach Burzan (2004): 27
7
wiederum die Soziallagen. Welche Determinanten bedeutsam sind, kann zwischen einzelnen Gesellschaften unterschiedlich sein und sich im Laufe der Zeit wandeln. Schließlich führen ähnliche Lebensbedingungen und -lagen dazu, dass Schichtangehörige typische Schichtmentalitäten ausbilden. 10
Eine weitere Theorie sozialer Ungleichheit stellt die funktionalistische Schichtungstheorie dar, die in ihren Grundzügen von Talcott Parsons entwickelt wurde. Sie „fragt nicht, wie man möglicherweise Ungerechtigkeit oder Unterdrückung beseitigen könnte, sondern sie denkt darüber nach, wofür soziale Schichtung wohl nützlich sein könnte, ob sie für ein geordnetes gesellschaftliches Zusammenleben einen - vielleicht sogar notwenigen - Beitrag leistet“. 11 Kingsley Davis und Wilbert E. Moore bezeichnen soziale Ungleichheit als ein „unbewusst entwickeltes Werkzeug, mit dessen Hilfe die Gesellschaft sicherstellt, dass die wichtigsten Positionen von den fähigsten Personen gewissenhaft ausgefüllt werden“. 12 Zu den Hauptfunktionen der zu besetzenden Positionen gehören beispielsweise die Aufgaben von Staat und Regierung. Aufgrund der Schwierigkeit und Wichtigkeit der Aufgaben müssen Anreize wie hohes Einkommen, Privilegien, Rechte, Anerkennung und Sicherung des Arbeitsplatzes geboten werden, die geeignete Personen dazu motiviert, diese Positionen zu besetzen. Welchen Rang die einzelnen Positionen inne haben, hängt zum einen von der Bedeutung oder der Funktion der Position für die Gesellschaft ab, zum anderen von der erforderlichen Begabung oder Ausbildung, die eine angemessene Ausübung der Position ermöglicht. Im Ansatz von Moore und Davis erscheint also soziale Ungleichheit in Form eines gesellschaftlichen Belohnungssystems.
Der Schichtungsbegriff wurde in der Vergangenheit vielfach diskutiert, wie beispielsweise in den 50er Jahren durch Helmut Schelsky, der sowohl den Klassen- als auch den Schichtbegriff ablehnte und die These vertrat, die Gesellschaft sei nivelliert, in ihr habe quasi ein Ausgleich sozialer Unterschiede stattgefunden. Diese Nivellierung wurde nach Schelsky durch soziale Aufstiege der Arbeiter und Abstiege des Besitz- und Bildungsbürgertums hervorgerufen, die zum Abbau von Klassengegensätzen und einer Entdifferenzierung alter, ständischer Berufsgruppen führte. 13 Doch nicht nur in wirtschaftlichen sondern auch in politischen, kulturellen und sozialen Bereichen würden schichttypische Verhaltensstrukturen verschwinden und es bilde sich ein relativ homogener Lebensstil aus.
10 vgl. Geißler (1994): 9
11 Burzan (2004): 34
12 Davis/Moore zit. nach Burzan (2004): 37
13 vgl. Burzan (2004): 44ff
8
Arbeit zitieren:
2007, Einkommensungleichheit, Armut und die Unterschicht in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Armut und Ungleichheit in Deutschland
Ein kurzer Einblick in die Pro...
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 17 Seiten
Konfliktmanagement - Umgang mit Konflikten, in Unternehmen
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Seminararbeit, 23 Seiten
Was ist Armut und wie kann sie bekämpft werden?
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 18 Seiten
Theodor Fontanes "Effi Briest" - Eine Analyse
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Potential Marketing Approaches for ISA (Intelligent Speed Adaptation)
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Diplomarbeit, 145 Seiten
Darstellung und Bedeutung der Artusgesellschaft in Hartmanns "Ere...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 11 Seiten
Armut im Wohlfahrtsstaat Deutschland
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 25 Seiten
Höfische Liebe - die Beziehung zwischen Erec und Enite in Hartmanns &q...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 18 Seiten
Kreatives Schreiben im Deutschunterricht
Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Personenbeschreibungen in Theodor Fontanes 'Effi Briest'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Soziale Ungleichheit in Deutschland: Armut
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Seminararbeit, 21 Seiten
"Legendarisches" und "Höfisches" in Hartmanns Bear...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Die Behandlung des Übernahmegewinnes und -verlustes nach der Reform de...
BWL - Rechnungswesen, Bilanzierung, Steuern
Seminararbeit, 30 Seiten
Reproduktion sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem.Warum t...
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit (Hauptseminar), 37 Seiten
Anonym hat den Text Einkommensungleichheit, Armut und die Unterschicht in Deutschland veröffentlicht
Kirchen aktiv gegen Armut und Ausgrenzung
Theologische Grundlagen und pr...
Johannes Eurich, Gerhard Wegner, Florian Barth, Klaus Baumann
Inklusionsverhältnisse und Ink...
Nicole Burzan, Brigitta Lökenhoff, Uwe Schimank, Nadine M. Schöneck
Die BGB-Gesellschaft im Vergleich zu den französischen Zivilgesellscha...
unter Berücksichtigung der akt...
Thomas Richter
Soziale und wirtschaftliche Bedingungen des Studiums. Deutschland im e...
Eurostudent IV | 2008-2011
0 Kommentare