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Inhalt
Einleitung Seite 1
1. Die Voraussetzungen
I. Schrift II. Buch
2. Die Bibliotheken
I. Antike Bibliotheken II. Klosterbibliotheken III. Universitätsbibliotheken IV. Renaissancebibliotheken V. Privatbibliotheken VI. Neunzehntes und zwanzigstes Jahrhundert Seite 13
VII. Die digitale Bibliothek Resümee Verwendete Literatur Seite 19
Einleitung
So beschreibt Richard de Bury, der erste bekannte Bibliophile, im vierzehnten Jahrhundert die Macht der Bücher: die Sammlung und Bewahrung von Wissen – die Bücher sind das Mittel gegen das Vergessen. Im ersten Kapitel „Der Schatz der Weisheit ist vornehmlich in Büchern zu suchen“ seines Traktats „Philobiblon“ schreibt de Bury, dass nur durch die Bücher das Vorrecht genos- sen werden kann, der Nachwelt bekannt zu sein. Seit alters her ist es die Auf- gabe der Bibliothek, Bücher zu sammeln, aufzubewahren, zu ordnen und wei- terhin deren Nutzung zu ermöglichen. Da die Schriftkommunikation spätestens seit Gutenbergs Erfindung die dominierende gesellschaftliche Kommunikati- onsform ist, ist ihre Institution, die Bibliothek, das Kollektivum der Bücher, auch unser kulturelles Gedächtnis. So ist die Geschichte der Bibliotheken un- trennbar mit der Geschichte der europäischen Kultur verbunden. Daher wird nun im Folgenden nach einführenden Exkursen zu Schrift und Buch als den Voraussetzungen von Bibliotheken eine kleine Kulturgeschichte der Bibliothe- ken nachgezeichnet.
1. Die Voraussetzungen
1. Schrift
Schrift entstand bereits vor Tausenden von Jahren, und immer noch ist sie das weitest reichende und präsenteste Medium. Sie hat große Veränderungen er- lebt: von der Sumerischen Bilderschrift, die um 3500 v. Chr. entstand, über die Entstehung des griechischen Alphabets aus dem phönizischen bis hin zur auf das binäre System von 1 und 0 veränderten Form des Informationstrans- ports in der Gutenberg Galaxis 2 .
1 De Bury 1989, S. 28.
2 Marshall McLuhan prägte 1962 diesen Begriff mit seinem Buch „The Gutenberg Galaxy“ und
bezeichnet damit eine Welt, die grundlegend vom Buch als Leitmedium geprägt ist.
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Um 3000 v. Chr. entstanden die ägyptischen Hieroglyphen parallel aber asyn- chron mit der sumerischen Keilschrift. 3 Um 2700 v. Chr. datiert man die baby- lonische Bilderschrift in Ton, 700 Jahre später entwickelten sich die Ideo- gramme, die chinesische Schrift, die aber ohne Einfluss auf unsere abendlän- dische Schriftkultur blieben. Mit der semitischen Buchstabenschrift gab es um 1500 v. Chr. erste Versuche, ein Alphabet zu entwickeln. Im achten Jahrhun- dert entstand dann das uns bekannte griechische Alphabet, welches das erste phonetische Alphabet ist, aus dem phönizischen. Aus dieser griechischen Wur- zel entwickelten sich dann die römisch-lateinische und die kyrillische Schrift. Im zweiten Jahrhundert nach Christus wurde die Unziale eingeführt, die den Übergang zu einer leichteren Schreibschrift markiert.
Karl der Große verbesserte durch die Einführung der karolingischen Mi- nuskel die Lesefähigkeit, die daraus entwickelte gotische Minuskel diente Gu- tenberg als Vorlage für seine beweglichen Metalllettern. Befördert durch die Entdeckung der Neuen Welt und der damit notwendigen Anpassung an fremde Sprachen entstand eine enorme Typenvielfalt, so dass Ende des fünfzehnten Jahrhunderts 5.000 Typenalphabete gezählt werden konnten. Von großer Be- deutung ist die Übernahme der arabischen Zahlen, die seit dem elften Jahr- hundert auftauchten und von der wirtschaftlichen Entwicklung und dem damit verbundenen schnellen Rechnen gefordert und gefördert wurden.
Die kulturelle Leistung der Schrift besteht darin, die gesprochenen Worte dau- erhaft verfügbar und transportabel zu machen. 4 Schrift ermöglicht, die Schwä- chen der mündlichen Kommunikation, also ihre Unzuverlässigkeit und Flüch- tigkeit, aufzuheben und die Informationen dauerhaft zu fixieren. Diese Literali- tät durch die Revolution des phonetischen Prinzips im antiken Griechenland, so der Literatur- und Medienwissenschaftler Günther Stocker 5 , ist mit dem logi- schen, formalen Denken und der abendländischen Philosophie zusammen zu denken, da erst die Schrift die Planung und Gestaltung längerer Texte, das wiederholte Lesen, Überarbeiten, Korrigieren und Perfektionieren überhaupt ermögliche. Weiterhin vermutet er, dass für die Entstehung der Demokratie die phonetische Schrift von Bedeutung sei, da sie durch ihre leichte Lern- und Schreibbarkeit und einfache Verbreitung dazu befähige, Gesetze zu lesen und
3 Vgl. Stocker, S. 21.
4 Vgl. Rehm 1994.
5 Stocker 1997, S. 22ff.
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aktiv an Wahlen teilzunehmen. Die Schrift bildet die Grundstruktur, auf der sich gesellschaftliche Kommunikationspraktiken weiterentwickeln. 6
Heute hat die phonetische Schrift durch die Einführung neuer Kommunikati- ons- und Speichermedien starke Konkurrenz bekommen. Dies hat natürlich ebenfalls Auswirkungen auf das Buch und seine organisierte Sammlung, die Bibliothek, und wird im weiteren Verlauf der Arbeit thematisiert.
2. Das Buch
Schon im alten Ägypten hatte das Buch, damals in Gestalt der Papyrusrolle, sakralen Charakter, und die Ägypter verehrten den Schriftgott Thot. 7 Die äu- ßere Form des Buches erfuhr seitdem eine Entwicklung von der Tontafel über die Papyrusrolle und den Pergamentkodex bis zu seiner heutigen Gestalt. Dementsprechend unterlag auch die Form der Aufbewahrung Veränderungen. Das Pergament, das Papyrus abgelöst hatte, wurde ab dem vierzehnten Jahr- hundert durch das preiswertere und leichter zu produzierende Papier ersetzt. Die erste Papiermühle auf deutschem Boden ist die des Kaufmannes Ulman Stromer an der Pregnitz und wurde 1389/90 errichtet.
Wenige Jahre nach den ersten nachweisbaren Buchstabenstempeln auf Ein- bänden, erfand Johannes Gensfleisch zum Gutenberg im Jahre 1440 in Mainz den Buchdruck aus beweglichen Lettern. In den Jahren 1452 bis 1455 ent- stand dann das wichtigste Druckerzeugnis Gutenbergs: die B42, eine Bibel mit dem Text der lateinischen Vulgata mit Kolumnen zu je 42 Zeilen. Vorbild der Textura war die geschriebene karolingische Minuskel, da Gutenberg ja ein Ab- bild der mittelalterlichen Handschriften anstrebte. Von Mainz aus verbreitete der Buchdruck sich rasch: Innerhalb weniger Jahre entstanden Druckereien in Bamberg, Straßburg, Augsburg und in vielen anderen Städten.
Die Bücher, die vor 1500 gedruckt wurden, werden Inkunabeln genannt und finden sich in dem Bestreben der Drucker vereint, ästhetisch ansprechende und künstlerisch wertvolle Bücher zu produzieren. Einige enthalten reiche
6 Vgl. ebd., S. 17.
7 Vgl. Rieger 2002, S. 166.
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Buchillustrationen, die zum besseren Verständnis des Textes beitragen und somit auch Leseunkundigen einen Einblick in den Inhalt des Buches geben sollten. Besondere Bedeutung erfuhr der Buchdruck auch in der Reformation: Ohne den Buchdruck hätte Martin Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Chris- tenmenschen“ im Jahr 1520 nicht ihre Reichweite gehabt. Die Reformation wä- re vielleicht ohne die Erfindung des Buchdruckes in der Frühen Neuzeit, ohne die dadurch gegebene Verbreitung von Flugblättern und Schriften nicht mög- lich gewesen.
Der Buchdruck markiert den entscheidenden Wendepunkte in der Geschichte der Kommunikation, und eine große Anzahl von Veränderungen folgt der Ein- führung des Buchdruckes: Die Buchproduktion vervielfältigt sich, die Lesefä- higkeit breitet sich rasch aus, das Lernen wird erleichtert, Wissen wird zum Allgemeingut, Gründungen und Sammlungen von Bibliotheken sind nun einfa- cher, und die Schrift spaltet sich in Druckschriften und Handschriften. Guten- bergs Erfindung brachte die Auflösung der Jahrtausende alten Verbindung von Skiptorium und Bibliothek mit sich – die Produktion von Büchern wurde ein kommerzielles Unternehmen.
Insbesondere aber ändern sich die Informationsbedürfnisse und die Wahr- nehmung des Menschen dramatisch. So geschah es im ausgehenden acht- zehnten Jahrhundert in der so genannten Leserevolution. Das „Wertherfieber“ meint die enorme Lesewut, die Johann Wolfgang von Goethe mit seinem Brief- roman „Die Leiden des jungen Werther“ (1774) auslöste. Dieses „Fieber“ war neben anderen Faktoren durch die im achtzehnten Jahrhundert stark gestie- gene Anzahl der Lesekundigen, die insbesondere Lust an der „Romanleserey“ fanden, bedingt – eine Tatsache, die Johann Georg Heinzmann zu der Publika- tion „Appell an meine Nation. Über die Pest der deutschen Literatur“ animierte, die 1795 erschien. Heinzmann schreibt: „So lange die Welt stehet, sind keine Erscheinungen so merkwürdig gewesen als in Deutschland die Romanlese- rey.“ 8 Er partizipierte damit an „einer Kontroverse um Vielschreiberei, Lese- seuche und Buchfabrikanten“ 9 , die bereits in den 1770er Jahren begann. Vor- aussetzung hierfür war insbesondere der expandierende Buchmarkt, der auf einer Veränderung des Buchdruckes basierte und der das Buch zu einem mas-
8 Heinzmann 1977, S. 139.
9 Wittmann 1977, S. 15.
Quote paper:
Julika Zimmermann, 2005, Eine kleine Kulturgeschichte der Bibliotheken, Munich, GRIN Publishing GmbH
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