Europa-Universität Viadrina, Juristische Fakultät
Veranstaltung: Recht und Religion
Sommersemester 2006
Was ist Bioethik?
Eine Analyse der Bioethik als Machtinstrument
von
Philipp-K. Appel
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Von der Macht des Schwertes zur Lebensmacht 4
2.1 Der Foucaultsche Machtbegriff 4
2.2 Von der Macht des Schwertes zur Lebensmacht 5
2.2.1 Der Machtmodus der Biomacht 5
3. Was ist Bioethik? 7
3.1. Gegenstand der Bioethik 8
3.2. Äußerungsmodalitäten der Bioethik 9
3.3. Begriffe der Bioethik 10
3.4. Strategien der Bioethik 11
4. Bioethik als Teil der Biomacht/Biopolitik 12
4.1. Bioethik als „Grenzwissenschaft“? 12
4.2. Bioethik, Recht und politische Macht 13
4.3. Was ist Bioethik? 15
5. Bibliographie 17
1. Einleitung
„Heilen- eine Frage des Gewissens“ lautete die Überschrift eines Artikels in der Wochenzeitung „Die Zeit“1. Dieser Artikel beschrieb, wie Schweizer Wissenschaftler die medizinische Nutzbarkeit von abgetriebenen Föten erforschten und das aus den Föten gewonnene Humanmaterial zur Therapie von Verbrennungsopfern nutzten. Solche und andere medizinische und wissenschaftliche Entwicklungen sind vermehrt Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, die im Allgemeinen als Bioethik umschrieben werden. Der technische und medizinische Fortschritt wirft Fragen auf und je mehr der Fortschritt die Menschen bezüglich ihres "nackten Lebens" oder auch "Überlebens" betrifft, desto notwendiger erschient es über die durch die technische Entwicklung hervorgerufenen Fragestellungen zu diskutieren. Doch auch verschiedenste Interessensgruppen aus Politik, Medizin und Industrie nutzen bioethische Foren, um medizinische Neuentwicklungen wie die oben genannte Transplantationstechnik, „politische Kontrollwerkzeuge“ wie biometrische Pässe oder auch die Gentechnik einem breiten gesellschaftlichen Diskurs zu stellen. Betrachtet man populäre Fragestellungen der Bioethik, wie man sie in Zeitungen, in Fernsehdebatten oder in anderen Medien beobachten kann, so tauchen die folgenden Themenbereiche immer wieder auf: Was darf der Mensch, wie weit darf die Wissenschaft überhaupt gehen und wie wird „das Leben“ bezüglich seines Anfangs oder Endes definiert? Oder konkreter gefragt: Was soll man von genetischer Manipulationen bei Pflanzen oder auch bei Menschen halten? Darf man biomedizinische oder biometrische Daten (genetischer Fingerabdruck, Krankheitsdaten) für wirtschaftliche (zum Beispiel zur Einstufung in eine bestimmte Risikoklasse in einer Lebens- oder Krankenversicherung) oder sozialpolitische Zwecke benutzen?
Betrachtet man die Funktionsweise der Bioethik näher, könnte man zu dem Schluss kommen, dass das Ziel der Bioethik sein könnte, moralische Dilemmata, die durch die technische Entwicklung erzeugt wurden, zu benennen, eine breite gesellschaftliche Debatte zu erzeugen und ggf. eine zukünftige, in der Gesellschaft akzeptierte(n) Marschrichtung/Konsens in Sachen Biotechnologien zu ermöglichen.2
Unter zur Hilfenahme des Biomachtkonzepts des französischen Philosophen, Psychologen und Historikers Michel Foucault, möchte diese Arbeit eine Verbindung zwischen Biomacht und Bioethik suchen. Foucault beobachtete in seinen Untersuchungen eine zunehmende Einbeziehung des menschlichen Lebens in die Sphäre der Macht und Politik. Diese spezielle Machttheorie soll helfen zu verdeutlichen, welchen Machtgehalt der bioethische Diskurs in der heutigen Gesellschaft entfalten kann. Denn gerade die Bioethik, die neben den Fragen „zur optimalen Verwaltung des menschlichen Lebens [...]“ (hierbei bezieht sich Leben zunächst auf das (Über)Leben einer ganzen Gattung)“ auch jene Fragen behandelt, „[...]wer wann und von wem (Anmerkung: unter Umständen im Namen und um des Gemeinwohls aller) getötet werden darf, sollte als Machtinstrument nicht unterschätzt werden“3 Zunächst wird sich diese Hausarbeit mit der Machttheorie der Biomacht von Foucault auseinandersetzen. In einem zweiten Schritt soll das Feld der Bioethik näher erläutert werden. In einem dritten Schritt sollen Biomacht/Biopolitik/Bioethik zusammengeführt werden. Grundlegend für diese Hausarbeit ist das Buch „Was ist Biomacht“ von Petra Gehring und das Werk „Menschenwürde und Biomedizin“ von Kathrin Braun. Der Theorieansatz der Biomacht von Michel Foucault sind seinem zweibändigem Werk „Sexualität und Wahrheit“ und der Abschrift seiner Vorlesungen am College de France mit dem Titel „In Verteidigung der Gesellschaft“ entnommen.
2. Von der Macht des Schwertes zur Lebensmacht
2.1 Der Foucaultsche Machtbegriff
Zentral im Werk des französischen Philosophen, Psychologen und Historikers Michel Foucault war, insbesondere in seiner letzten Schaffungsphase, die Analyse von modernen Machtstrukturen. Im Zuge seiner Theorienbildung führte Foucault den Begriff der Biomacht ein, der die Strukturen und die Funktionsmechanismen der modernen Machtverhältnisse umschreiben hilft. Dennoch wirft der Machtbegriff Foucaults einige Fragen auf, die in aller Kürze erklärt werden müssen. Macht wird von Foucault nicht personalisiert, d.h. es gibt keine Personen, die Macht haben und andere, die keine Macht haben. „Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert“4 beschreibt Foucault, sondern vielmehr sei Macht ein organisierendes Prinzip von Beziehungen und Kräfteverhältnissen, welches immer wieder reproduziert wird und sich stetig modifiziert. Macht geht demnach nicht von einem Zentrum aus, sondern erzeugt sich in den „Produktionsapparaten, Familien, sexuellen Beziehungen, Gruppen und Institutionen [...].“5 Die verschiedensten Machtbeziehungen interagieren und es entstehen Machtmechanismen, Wiederholungen und damit Verfestigungen – es können Angleichungs- und Homogenisierungseffekte entstehen. „Statt von Herrschenden und Beherrschten zu sprechen, wird bei Foucault Macht also eher als ein sich selbst beständig erzeugendes, in internen Konfrontationen veränderndes und sich immer wieder neu ausbalancierendes System von Beziehungen und Kräften beschrieben. In diesem System haben Individuen Positionen, aber sie kontrollieren und steuern dieses System selbst nicht.“6
2.2 Von der Macht des Schwertes zur Lebensmacht
[...]
1 DIE ZEIT, Ausgabe Nr. 29 vom 13. Juli 2006, S. 27.
2 Vgl. Gehring, Petra: Was ist Biomacht, Frankfurt 2006, S. 7f bzw. Ach/Runtenberg: Bioethik: Disziplin und Diskurs, Frankfurt 2002, Fußnote 12, S. 17.
3 Braun, Kathrin: Menschenwürde und Biomedizin – Zum philosophischen Diskurs der Bioethik, Frankfurt 2000, S. 34.
4 Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit, Bd.1, Der Wille zum Wissen, Frankfurt a. Main 1983, S. 115f.
5 Theoriensammlung auf den Internetseiten des Lehrstuhls für Interkulturelle Kommunikation an der Europa-Universität Viadrina, http://ik.euv-frankfurt-o.de/module/modul_I/, Absatz Foucault.
6 Ebenda.
Arbeit zitieren:
Philipp Appel, 2006, Was ist Bioethik?, München, GRIN Verlag GmbH
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