A GLOBALISIERUNG ALS GESELLSCHAFLICHE NARRATION
Auf den ersten Blick erscheint die Globalisierung als natürliche Entwicklung und historisches Fakt der Menschheitsgeschichte. Doch mit etwas Abstand handelt es sich nur um eine mögliche Geschichte die Welt sinnhaft zu erzählen, d.h. um eine Narration von vielen. Globalisierung, wie wir sie verstehen, ist ein Klischee, aber eines mit ungeheurer Wirkung: Weil wir glauben, dass auf der ganzen Welt alles eins wird und durch diesen Filter
Unterschiede nicht mehr wahrnehmen können, verhalten wir uns auch so. 1 Das Klischee der Globalisierung ist mittlerweile so verankert in der Alltagswahrnehmung, dass es nicht mehr ernsthaft hinterfragt wird. Der Globalisierungs-Diskurs ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie über den sozialen Diskurs die gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert und legitimiert wird. Der Begriff Globalisierung eignet sich scheinbar besonders gut, um der modernen Geschichte der Menschheit Sinn zu verleihen. Es handelt sich dabei um ein genügend vages Schlagwort, damit es ein nicht fassbares Phänomen bleibt. Der Begriff verbirgt dennoch eine positive Zukunftsvision, indem er eine progressive Fortentwicklung der Menschheit suggeriert. Es ist dies der lang gehegte Traum von der Einheit in der Vielfalt. Die Menschheit erreicht demnach in der Globalisierung ihre Bestimmung, ihren zivilisatorischen Höhepunkt – und krönt sich selbst. All dies erscheint als nur allzu logische Konsequenz der menschlichen Entwicklung und wird ermöglicht durch den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt. Die neuen Informationstechnologien und die weltweite Vernetzung ermöglichen das Zusammenwachsen der verschiedenen Kulturen auf dem Prinzip der Chancengleichheit über den freien Zugang zu den Märkten. All das in absehbarer, aber dennoch unbestimmter Zukunft. Dies ist die positive, die gute Seite des Begriffs. Gerade weil er aber auch die negative und dunkle Seite zu bedienen weiß, eignet sich der Begriff Globalisierung so hervorragend als Narration der modernen Menschheitsgeschichte. Überall lauern Gefahren - es entsteht eine neue elementare Unsicherheit in Form einer existentiellen Bedrohung durch die Ungewissheit. Wo Chancen sind, da sind immer auch Risiken. Wo Gewinner, da auch Verlierer und Betrüger. Mit dem Begriff werden also gleichzeitig Hoffnungen geweckt und Ängste geschürt. Es entsteht ein Zwang, nämlich der Zwang zur Handlung – auf dem Spiel steht das eigene Schicksal, die eigene Identität. Und jeder ist davon existenziell betroffen: » Globalisierung: das bedeutet: Die Welt wächst zusammen, und wer nicht mitmacht, verliert – Macht, Aufträge, Arbeitsplätze,
Verbündete, ja, sogar Kultur und damit letztlich das Leben, an das wir uns gewöhnt haben. « 2
1 Vgl. Lotter W./Sommer C. : Einmal große Welt und zurück, 2001
2 Lotter W./Sommer C. : Einmal große Welt und zurück, 2001, S.74
- 1 -
Der Erfolg der Narration Globalisierung beginnt mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Ost-West Konflikts. Erst mit der Wende wird der Begriff benutzt und medial ausgefüllt. Er setzt sich durch gegen andere Schlagwörter wie Internationalismus, Transnationalismus oder Imperialismus. Er ersetzt das stabile Bild des Kalten Krieges und schafft damit ein neues Gut und Böse. Der Begriff gibt der Welt wieder Sinn, schafft Orientierung, füllt eine Leere. Er stülpt eine neue Ordnung über das frei gewordene Chaos. Aber er ist nur eine mögliche Interpretation der Welt von vielen und die Geschichte könnte auch anders oder gar nicht erzählt werden. Natürlich soll die Internationalisierung im Handel und auf Finanzmärkten hier nicht in Frage gestellt werden. Aber gibt es deswegen schon eine Entwicklung hin zu einer Vereinheitlichung der Welt? Wächst die Welt wirklich zusammen? Gibt es nicht im Gegenteil ein immer größeres Voneinander-Abgrenzen? Treten Unterschiede nicht immer deutlicher zutage, werden bestehende Klüfte nicht sogar tiefer?
Die transnationale Entwicklung der Welt hat jedenfalls schon lange vor der heutigen Zeit begonnen. Mit der Entdeckung Amerikas 1492 dehnte sich die Wirtschaft über den eurasischen Raum hinaus aus, es begann die Internationalisierung des Handels. Auch damals schon ging es um Geschäfte und Märkte. Und betrachtet man das heutige Geschehen in der internationalen Wirtschaftswelt genauer, so lässt sich feststellen, dass es sich im Wesentlichen auch heute noch auf die damaligen drei Regionen beschränkt, nämlich auf Europa, Asien und
die USA. 3 Der Löwenanteil der größten multinationalen Konzerne der Welt entstammt immer noch diesem Block. Auf das Konto dieser Konzerne gehen dann wiederum rund 90 % aller Auslandsdirektinvestitionen. Und davon sind schließlich um die 40 Prozent nur scheinbar
dem globalen Handel zuzurechnen, da es sich um sog. interfirm trades 4 handelt. All dies widerspricht also den für die Globalisierung so zentralen Hypothesen von einer zunehmenden Ausbreitung des Kapitals über alle Grenzen hinweg sowie von globaler Angleichung. Das Kapital scheint eher exklusiv zu zirkulieren und auch von Chancengleichheit ist nur wenig zu sehen. Alles nur ein Märchen? Es bestehen jedenfalls ausreichend Zweifel, um die Narration Globalisierung kritisch zu hinterfragen. Wie jede Erzählung von Welt ist auch sie mythisch, da sozial konstruiert. Einmal etabliert, färbt sie unsere Wahrnehmung. Nicht in erster Linie Fakten lassen uns demnach an die Globalisierung glauben – sondern Angst vor dem Neuen und Ungewissen, dem Fall ins Nichts. Ihr Erfolg ist dennoch nicht zufällig, sondern beruht auf gewissen Gesetzmäßigkeiten von Macht und Interesse. Die Offenlegung dieser verborgenen Kräfte hinter der Erfolgsstory ist das Ziel einer narrativen Diskursanalyse der Globalisierung.
3 Vgl. Lotter W./Sommer C.: Einmal große Welt und zurück, 2001, S.79
4 D.h. Transaktionen, die innerhalb eines globalen Konzerns über die Grenzen hinweg abgewickelt werden. Meist zwischen
Tochtergesellschaften.
- 2 -
B EXPOSÉ EINER NARRATIVEN ANALYSE DES
GLOBALISIERUNGS-DISKURSES
I. DIE METHODOLOGIE
Diskursanalytische Ansätze sind in der sozialwissenschaftlichen Methodendiskussion bisher eher randständig geblieben - und auch andersrum gilt, dass die methodologische Debatte in
der Diskurstheorie noch ziemlich unterentwickelt ist. 5 Die Diskurstheorie selbst trägt starke strukturalistische Züge in sich. Doch neben der Struktur prägt auch die Handlung der Subjekte, denen zumindest ein gewisser Grad an Autonomie zugestanden werden muss, die soziale Wirklichkeit. Die Herausforderung in methodologischer Hinsicht besteht demnach vor allem darin, einen Ansatz zu entwickeln, der die beiden Ebenen sinnvoll miteinander
verknüpft. 6 Eine Diskursanalyse ist im Allgemeinen ein erklärender Ansatz, im Gegensatz zur Hermeneutik als einem verstehenden Ansatz. In der vorliegenden Arbeit soll zwar in erster Linie erklärt werden, welche Machtmechanismen sich hinter der Narration Globalisierung verbergen – es ist also eine vorurteilsfreie Herangehensweise sowie ausreichend Distanz zum Diskurs notwendig. Es besteht jedoch auch ein grundlegendes Erkenntnisinteresse durch die übergreifende Frage dieser Arbeit, ob und inwieweit die Narration Globalisierung überhaupt zutrifft. Es geht also sowohl darum, den Erfolg dieser Narration und damit die gesellschaftliche Wirklichkeit diskursanalytisch zu erklären, als auch darum sie hermeneutisch zu verstehen - wobei das erklärende Moment in Form der Diskursanalyse eindeutig im Vordergrund steht. Auf den ersten Blick mögen vielleicht Bedenken bezüglich einer Kombination dieser beiden Ansätze erscheinen, aber auf der Ebene der konkreten Textbearbeitung ist der Gegensatz zwischen Hermeneutik und Diskurstheorie laut Anne
Waldschmidt dann gar nicht so groß. 7 Es kommt dabei nämlich in erster Linie auf die richtige Methodik an.
Eine sinnvolle Kombination dieser beiden Ansätze auch auf methodologischer Ebene erlaubt
das Verfahren der narrativen Diskursanalyse nach Willy Viehöver 8 , indem es an den hermeneutischen Strukturalismus Paul Ricouers 9 anknüpft. Viehöver ergänzt in seinem Ansatz das Diskursmodell Ricoeurs um das Konzept der Narration, um es für soziologische
5 Vgl. Keller, R./Hirseland, A./Schneider, W./Viehöver, W.: Diskursanalyse, 2001
6 Vgl. Waldschmidt, A.: Werkzeugkasten der Diskursanalyse, 2003, S.148-152
7 Waldschmidt, A.: Werkzeugkasten der Diskursanalyse, 2003, S.150
8 Vgl. Viehöver, W.: Diskurse als Narrationen, 2001
9 Vgl. Ricoeur, P.: Text als Modell, 1972
- 3 -
Analysen fruchtbar zu machen. Eine Narration ist gewissermaßen eine Interpretation der Wirklichkeit in Form einer Erzählung. Das Erzählen von Narrationen ist dabei zu verstehen als » Prozess der Narrativiserung […], in dem Ereignisse, Personen, Objekte oder Handlungen von
10
individuellen oder kollektiven Akteuren zu einer bedeutungsvollen Narration konfiguriert werden. «
Eine Narration ist also letztlich zu verstehen als das Ergebnis einer sinnstiftenden Narrativisierung von Ereignissen. Um den Text als zentrales Dokument der Analyse nicht von der sozialen Praxis abzukoppeln, verweist Viehöver auf die Bedeutung der sozialen Akteure
für die Praxis der Narrativisierung. 11 Damit ist gleichzeitig dem für diese Arbeit gefordertem Kriterium einer sinnvollen Verknüpfung von Handlung und Struktur genügend Folge geleistet. Der Ansatz einer narrativen Diskursanalyse wird beiden Ebenen gerecht, indem er den gesellschaftlichen Diskurs als einen virtuell konflikthaften Prozess versteht, » in dem unterschiedliche Akteure als Diskurskoalitionen auftreten können – die Rollen als Sprecher und
Rezipienten (Interpreten) dabei ständig wechselnd – und um die Dominanz und Anerkennung ihrer
spezifischen, in der Narration konfigurierten Deutungsordnung ringen. « 12 Dieser Kampf der Akteure (Diskurskoalitionen) um Deutungsmacht findet natürlich innerhalb der herrschenden Ordnung bzw. Struktur statt – Struktur und Handlung prägen sich wechselseitig. Die narrative Diskursanalyse eignet sich durch diese Verknüpfung von Handlung und Struktur sowohl zur Erklärung von gesellschaftlicher Stabilität als auch von sozialem Wandel. Dies ist insofern für die vorliegende Arbeit von zentraler Bedeutung, als geklärt werden soll, inwieweit die Narration Globalisierung an die bestehende Ordnung anknüpft und diese stabilisiert, aber auch inwiefern sie die soziale Ordnung transformiert hat. Nur die Akteure können durch ihr Handeln die Narrationen im Diskurs für Innovationen und Transformationen öffnen – oder eben auch nicht. Eine Narration kann nach Viehöver nämlich unterschiedliche Funktionen einnehmen, die von der sozialen Integration, der Distinktion sozialer Kollektive oder deren Mobilisierung, bis hin zur Transformation bestehender (Wissens-) Ordnungen reichen. Welche Funktion die jeweiligen Narrationen in einem Diskurs dann auch immer einnehmen, im Widerstreit dieser Narrationen kristallisiert sich letztlich die gesellschaftliche Ordnung heraus. Die Narrationen prägen dabei unser Bewusstsein, unsere Wahrnehmung und somit auch die soziale Praxis. So schreibt Viehöver: » Das Prinzip der Narrativisierung schafft – in pragmatischer Perspektive – Modelle für die Welt, greift in die Praxis hinein und macht die Dinge im
performativen Akt des Erzählens überhaupt erst kommunikabel. « 13 Entscheidend für den Erfolg einer Narration ist dann insbesondere die narrative Form. Eine Narration muss in der richtigen
10 Viehöver W.: Narrative Diskursanalyse, 2003, S.236
11 Viehöver, W.: Diskurse als Narrationen, 2001, S.178 ff
12 Viehöver W.: Narrative Diskursanalyse, 2003, S.237
13 Viehöver W.: Narrative Diskursanalyse, 2003, S.237
- 4 -
Quote paper:
Helmut Wagner, 2007, Globalisierung als gesellschaftliche Narration, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Qualitätssicherung durch die Reform des Wirtschaftsprüferexamens
Business economics - Revision, Auditing
Scholary Paper (Seminar), 56 Pages
Pedagogy - Pedagogic Sociology
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Geschlechtsspezifische Arbeitsmarktsegregation
Sociology - Work, Profession, Education, Organisation
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Zu: Thomas Hobbes - "Von der Religion"
Philosophy - Early Modern Philosophy (approx. 1350 - 1600)
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Die Debatte um eine "weibliche Moral" - Gertrud Nunner-Winkl...
Termpaper, 19 Pages
Die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen
Welche Auswirkungen hätte ein ...
Politics - Political Systems - Germany
Termpaper, 18 Pages
Die definitorische Darstellung der Begriffe Pädagogik, Qualität und Ko...
Termpaper, 28 Pages
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Das Parteienverbot in der wehrhaften Demokratie
Politics - Political Systems - Germany
Termpaper, 16 Pages
Requirements Engineering - Begriffe und Prozesse des Requirements Engi...
Computer Science - Commercial Information Technology
Scholarly Research Paper, 28 Pages
Thomas Hobbes (engl. Philosoph, 1588-1679)
Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries
Presentation / Essay (Pre-University), 6 Pages
Kommunikative Rationalität nach Habermas
Quelle der "wahren" ...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Essay, 6 Pages
Über "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" –...
1. Kapitel: „Die Grundlagen de...
Sociology - Knowledge and Information
Termpaper, 13 Pages
Helmut Wagner's text Globalisierung als gesellschaftliche Narration is now available as a printed book
Helmut Wagner has published the text Globalisierung als gesellschaftliche Narration
Helmut Wagner has uploaded a new text
Was bedeutet der demografische Wandel für die Gesellschaft?
Perspektiven für eine alternde...
Monika Reichert, Eva Gösken, Anja Ehlers
Perspektiven der politischen Soziologie im Wandel von Gesellschaft und...
Festschrift für Theo Schiller
Thomas von Winter, Volker Mittendorf
Die Dynamik tiefgreifenden Wandels in Gesellschaft, Wirtschaft und Unt...
Sigrid Bekmeier-Feuerhahn, Albert Martin, Joachim Merz, Ursula Weisenfeld
Die Oper im Wandel der Gesellschaft
Kulturtransfers und Netzwerke ...
Sven Oliver Müller, Philipp Ther, Jutta Toelle, Gesa zur Nieden
0 comments