1 Einleitung
Würde man heutzutage eine Umfrage zur weiblichen Emanzipation unter jungen Mädchen durchführen, so würde man über alle sozialen Unterschiede hinweg mit wenigen Ausnahmen ein einheitliches Bild, bezüglich der Vorstellungen und Assoziationen, erhalten, wobei ich behaupte, dass ein Großteil sich als emanzipiert bezeichnen würde.
„Sich von Männern nichts sagen lassen“, „selbstständig sein in Arbeits- und Privatleben“, „wissen was man will und sich das auch nehmen“, könnten geäußerte Gedanken sein, die die Mädchen mit Emanzipation in Verbindung bringen. Jene Aussagen bedingen aber das Wissen um andere soziale Verhältnisse.
Sei es den Mädchen auch nicht stets bewusst, aber das Bewusstsein um ein anderes Rollenbild der Frau wird meist schon von Kind auf an sie herangetragen.
Ob es in diesem Zusammenhang die Mutter oder große Schwester gewesen ist, die ihnen die Wichtigkeit einer eigenständigen Persönlichkeitsentfaltung, besonders unabhängig vom männlichen Einfluss, aufgezeigt hat, sei in diesem Zusammenhang dahingestellt. Wichtig ist nur, dass von einigen Ausnahmen abgesehen, die patriarchalisierte Weltstruktur zusehends aufgebrochen wird.
Dass dieses Verständnis und Weltbild noch vor rund 60 Jahren undenkbar gewesen wäre, möchte ich im Verlauf meiner Arbeit über den Bund Deutscher Mädel im 3. Reich eingehender beleuchten.
Im Rahmen meiner Arbeit habe ich mich drei Thesen aus meiner Sekundärliteratur verschrieben, die ich anhand ausgewählter Bereiche belegen möchte.
Es gilt darzulegen:
• „Mädchen wurden durch den BDM repressiv eingeengt, ,ausgerichtet`, im ,Volksinteresse` instrumentalisiert, für den Krieg funktionalisiert.
• Mädchen hatten im NS ihr Ich vollkommen aufzugeben; Subjektäußerungen hatten in den Erziehungsvorstellungen des BDM keinen Platz.
• Mädchen wurden vom BDM eingesetzt, von oben und durch Männer bevormundet sowie unselbstständig gehalten.“ 1 Folglich möchte ich die in den Reihen des NS- Staates vor Kriegsbeginn vorherrschende männliche Dominanz und den damit einhergehenden Antifeminismus aufweisen, indem ich deskriptiv vom Internen, sprich der Struktur, zum interpretativen Allgemeinen, dem Leben der Mädchen, überleite. Dabei wird das Ziel der Ausrichtung der Mädchen, mit Hilfe von
1 Klaus, Martin, Mädchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher Mädel, Köln ³1998, S.181.
2
zugesicherter „Scheinemanzipation“, die Hausfrauen und Mutterrolle zu übernehmen, sichtbar.
Von der typischen Art der Gliederung und meiner persönlichen Schwerpunktsetzung auf ausgewählte, wichtige Bereiche des Lebens der Mädchen, erhoffe ich mir einen klaren aber umfassenden Überblick über die damaligen Verhältnisse vermitteln zu können. Im selben Zuge ist es mir ein Anliegen mit eventuell bisher bestehenden falschen Eindrücken aufzuräumen.
Während der Beschäftigung mit dem Thema und der Recherchearbeit bin ich auf neue Erkenntnisse gestoßen, die mir zuvor nicht in dem Umfang geläufig waren. Obwohl ich der Annahme war, einen umfassenden Überblick über das Themenfeld aufgrund schulischer Vermittlung und privater Lektüre zu haben, waren mir gewisse Widersprüche von Ideologie zum BDM Selbstverständnis nicht bewusst.
Im Folgenden möchte ich u.a. auf jene verweisen, um das künftige Bild des „deutschen Mädel“ abzurunden.
2 Der Aufbau des BDM
2.1 Organisationsaufbau
Wenn ich im Folgenden die Abkürzung BDM für Bund Deutscher Mädel benutze, schließe ich mich der Definition von Martin Klaus an, der ihn in seinem Buch „Mädchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher Mädel“ den Gesamtverband aller weiblichen HJ-, sprich Hitlerjugend, Mitglieder damit bezeichnet. 2
Mit HJ bezeichne ich im Verlauf meiner Abhandlung den Gesamtverband aller männlichen und weiblichen Mitglieder; möchte ich das Geschlecht im Besonderen hervorheben, dann verwende ich entsprechende Adjektive.
Der BDM galt als Bestandteil der „Gesamt- HJ“ 3 und entsprach aufgrund dessen der
männlichen HJ weitgehend in Struktur und Organisation. Jede Organisationseinheit der weiblichen Jugend ging einher mit einer der männlichen.
Der BDM gliederte sich unter zwei Gesichtspunkten, dem Alter:
10-14 Jahre: JMB, wobei jene Abkürzung für „Jungmädelbund“ steht und alle 10–14 jährigen Mädchen im BDM meint.
2 Vgl. Klaus, Martin, Mädchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher Mädel, Köln ³1998, S.232.
3 Klaus, Martin, Mädchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher Mädel, Köln ³1998, S.72.
3
14-17/18 Jahre: BDM als „eigentlicher“ Bund Deutscher Mädel, der bis 1938 alle noch alle 14-21 Jahre alten Mädchen mit einschloss. Das BDM- Werk „Glaube und Schönheit“, welches sich einer speziell ,anmutig- weiblichen kontra einer vermännlicht- weiblichen Erziehung` 4 verschrieb nahm ab dem 19. Januar 1938 die 17/18 –21 Jahre alten Mädchen auf.
und der Region:
Der „Gauverband" (Zusammenschluss von 34 „Obergauen"), der ca. 7.500.000 Mädel umfasste, bildete die größte Einheit.
Die „Obergaue“, die in ihrer Gesamtheit den Gauverband ausmachten, ließen sich in „Untergaue“, „Mädelringe“ (3-5 Mädelgruppen= ca. 600 Mädchen), „Mädelgruppen“ (4 Mädelscharen= ca.150 Mädchen), „Mädelscharen“ (4 „Mädelschaften“= ca. 50
Mädchen) und „Mädelschaften“ zergliedern .
Die kleinste Einheit, die Mädelschaft, umfasste gerade einmal 10-15 Mädchen, denen die Mädelschaftsführerin vorstand. 5
Es galt das gleiche hierarchische Prinzip wie in der männlichen HJ: das „Führerprinzip“, welches der proklamierten Selbstführung („Jugend soll Jugend führen“) strikt entgegenstand und sie somit als bloße Floskel entlarvt. 6 Die strikte Ausrichtung erfolgte stets von oben nach
unten und hatte nur eine Funktion: das Gefügigmachen in Folge bedingungsloser Unterordnung unter den Befehl.
Insgesamt lassen sich acht solcher Hierarchieebenen im BDM festmachen: 1) BDM-Reichsreferentin (Trude Mohr bis 1937, Jutta Rüdiger bis 1945) 7
2) Gebietsmädelführerinnen
3) Hauptmädelführerinnen
4) Mädelringführerinnen
5) Unterführerin A
6) Unterführerin B
7) Unterführerin C
8) Mädel (ohne Befehlsgewalt) 8
Betrachtet man den Aufbau eingehender liegt eine Beobachtung bezüglich der Organisationsstruktur nahe.
4 Klaus, Martin, Mädchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher Mädel, Köln ³1998, S.100.
5 Vgl. Dr. Kleinhans, Bernd, BDM. Bund Deutscher Mädel, (http://www.shoa.de/rezensionen/klein__klaus_020611.html ), [abgerufen am 15.12.2003].
6 Vgl. Schreckenberg, Heinz, Erziehung, Lebenswelt und Kriegseinsatz der deutschen Jugend unter Hitler. Anmerkungen zur Literatur, in: Klönne, Arno (Hrsg.), Geschichte der Jugend (Bd. 25), Münster 2001, S.215.
7 Siehe Personenverzeichnis.
8 Vgl. Dr. (http://www.shoa.de/rezensionen/klein__klaus_020611.html ), [abgerufen am 15.12.2003].
4
An dieser Stelle sei sich an Klaus angelehnt, der eine dieses Phänomen beschreibende soziologische Auffälligkeit erwähnt. Er verweist auf die Divergenz von Aufbau der Gesamtorganisation zu dem der Basis. Während die zahlenmäßig überschaubaren Gruppen an der Basis des Bundes dynamische Komponenten aufweisen, lässt sich doch die Gesamtstruktur als starr und unbeweglich bezeichnen.
Soziologisch betrachtet ist dieses Gefüge eine Besonderheit, da es sich trotz seiner Gegensätzlichkeit nicht zu behindern scheint. 9
Noch des Öfteren wird man im Verlauf der Arbeit feststellen, dass scheinbar klar gegliederte Verhältnisse in sich nicht stimmig zu sein scheinen oder einem zweckbedingten Wandel unterliegen.
2.2 Die „geschlechterspezifische „Aufgabenteilung“
„Ein Frauenzimmer, das sich in politische Sachen einmischt, ist mir ein Gräuel.“ (Hitler, 1942) 10
Es bedarf nicht mal einer genaueren Untersuchung, bis man feststellt, dass hier die nationalsozialistische Geschlechtsrollenfixierung zum Tragen kommt. Getreu dem Motto „Mädchen von heute- Mütter von morgen“ wurde die junge weibliche Generation in das Regime eingebunden, oder um es vielleicht provokanter zu formulieren (von politischen Tätigkeiten) entbunden.
Von insgesamt 30 unterschiedlichen Posten innerhalb der HJ wurde lediglich 1/10 vom weiblichen Geschlecht besetzt. 11
Entsprechend blieb der BDM der männlichen Jugend in der HJ auch klar untergeordnet, obwohl Mädchen auf allen Gliederungsebenen personell vertreten waren. Die letzten Instanzen waren grundsätzlich von Männern besetzt– eine Frau an oberster Stelle wäre undenkbar gewesen. Den Frauen und Mädchen blieb damit jegliche Eigenständigkeit bezüglich der Entscheidungsgewalt in den Führungsebenen des Staates und der Partei untersagt. Selbst die Reichsreferentin unterstand dem Reichsjugendführer unmittelbar, hatte damit ausschließlich beratende Funktion und diese auch nur in Sachverhalten, die unmittelbar Mädchen betrafen. Die Führungspositionen auf oberster Ebene blieben den Frauen und Mädchen für die Gesamtdauer des NS- Regimes konsequent verwehrt. Die
9 Vgl. Klaus, Martin, Mädchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher Mädel, Köln ³1998, S.74.
10 Knopp, Guido, Hitlers Kinder, München 2000, S.135.
11 Vgl. Klaus, Martin, Mädchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher Mädel, Köln ³1998, S.74.
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Joana Peters, 2004, Bund Deutscher Mädel, Munich, GRIN Publishing GmbH
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