In den fünfziger Jahren erschien der Roman „Herr der Fliegen“ von William Golding. Diese Schrift vertrat jene trübselige Sichtweise über den Zustand der Menschheit. Dem Autor zufolge ist Barberei der natürliche Zustand der Menschheit. Man befreie eine Gruppe durchschnittlicher Schuljungen von den üblichen Fesseln der Zivilisation und sie werden innerhalb von wenigen Wochen – wenn nicht sogar n och schneller – auf das Stadium der Menschenfresserei zurückfallen. Dieses misanthropische (menschenfeindliche) Werk Goldings war ein Ergebnis dessen Schlußfolgerungen, welche er aus den Erfahrungen des 2. Weltkrieges gezogen hatte. Golding schrieb später:
„Wer diese Jahre durchgemacht hat ohne zu begreifen, daß der Mensch das Böse hervorbringt, wie die Biene den Honig, muß entweder blind oder geistesgestört sein“.
Die Popularität des Romans „Herr der Fliegen“ wiederspiegelte die durch den 2. Weltkrieg entstandene Verwirrung und das Entsetzen. Diese Stimmungen wurden durch die politischen Beziehungen, die nach dem Krieg entstanden, bestärkt. Nach dem Jahre 1945 wurde es noch schwieriger, objektiv über den Charakter des Dritten Reiches zu diskutieren, als zuvor schon war. Das politische Klima des „Kalten Krieges“ war reaktionär und war nicht dazu angetan, sich allzu gründlich mit dem Zusammenhang zwischen dem modernen Kapitalismus und dem Faschismus zu befassen.
In der dreißiger Jahren verstanden klassenb ewußte und politisch gebildete Menschen, daß der Aufstieg des europäischen Faschismus nach dem 1. Weltkrieg die direkte Antwort der kapitalistischen Gesellschaft auf die revolutionäre Gefahr war, die ihr von den sozialistischen Massenbewegungen der Arbeiterseite drohte. Zu deutlich haben die Beispiele Hitler- Deutschland und Mussolini-Italien gezeigt, daß der Faschismus im wesentlichen die konterrevolutionäre politische Mobilisierung der erzürnten Mittelklassen (Kleinbürgertum) gegen die sozialistische Arbeitebewegung war. Wo der Faschismus an die Macht kam, hörte die Existenz der Arbeiterklasse als organisierte politische und gesellschaftliche Kraft auf. Auch warnten die Sozialisten immer wieder davor, daß die kapitalistische Weltwirtschaftskrise die Gefahr der physischen Vernichtung der Juden brachte. Leo Trotzki schrieb 1940:
„Die Periode des schwindenden Außenhandels ist gleichzeitig die Periode der ungeheuerlichen Verstärkung des Chauvinismus, insbesondere des Antisemitismus. In der Epoche seines Aufstiegs holte der Kapitalismus das jüdische Volk aus dem Ghetto und benutzte es als Werkzeug seiner kommerziellen Expansion. Heute ist die verfaulende kapitalistische Gesellschaft bemüht, das jüdische Volk aus allen Poren herauszupressen, siebzehn Millionen Individuen von wie Milliarden Erdbewohnern, also weniger als ein Prozent, können auf unserem Planeten keinen Platz mehr finden! Inmitten unermeßlich weiter Gebiete und inmitten der Wunder der Technik, die Himmel und Erde für den Menschen erobert, hat es die Bourgeoisie geschafft, unseren Planeten in ein widerwärtiges Gefängnis zu verwandeln“. 1)
Wurde aus dem Holocaust überhaupt eine Lehre gezogen, dann die, daß der Mensch zu unausprechlicher Brutalität fähig ist, wird ihm auch nur ansatzweise dazu Gelegenheit geboten, und daß der Glaube an Fortschritt und die Möglichkeit, bessere Menschen „zu schaffen“, nach dem kaltblütigen Mord an Millionen eine Selbsttäuschung darstellt. So wurde der Holocaust dazu benutzt, die Nachkriegsverhältnisse zu rechtfertigen und den Kampf für eine Verbesserung herabzuwürdigen. Soweit zum Einklang des Themas „Faschismus und Holocaust“ dem ich das Werk „Hitlers willige Vollstrecker“ von Daniel Goldhagen als Kritik zugrundelege.
A)
Das Hauptthema :
Die Ursache des Holocaust findet sich in der Geistesverfassung und den Überzeugungen der Deutschen. Getrieben von einer rein deutschen antisemitischen Ideologie, verübte das deutsche Volk den Holocaust als ein „germanisches Unterfangen“. Die systematische Ermordung der Juden wurde zum nationalen Zeitvertreib, an dem alle Deutsche denen Gelegenheit dazu geboten wurde, mit Begeisterung beteiligten. Die Grundlage der allgemein akzeptierten Weltanschauung der Deutschen, war der Haß auf die Juden. Sie töteten sie, weil sie als Deutsche von einem unkontrollierbaren germanischen Antisemitismus aufgezehrt wurden.
1)
Documents of the Fourth International: The Formative Years 1933-1940. New York, Pathfinder, 19773,
Demgegenüber war die Politik des Regimes zweitrangig. Mit Nachdruck betont Goldhagen, Bezeichnungen wie „Nazi“ und „SS-Männer“ seien „unangemessene und vernebelnde Etikettierungen“, mit denen man Mörder nicht versehen sollte. Goldhagen scheint zu glauben, die einzige wesentliche Kausalbeziehung zwischen der Vernichtung der Juden und dem Dritten Reich bestand darin, daß dieses den Deutschen gestattete, sich hemmungslos als Deutsche im Einklang mit ihren „deutschen Überzeugungen“ zu betätigen. So schreibt Goldhagen:
„Der in vergleichbaren Fällen übliche Wortgebrauch und die Genauigkeit der Beschreibung erlauben es nicht nur, sondern verlangen geradezu, hier von „Deutschen“ zu sprechen. Die Täter waren deutscher Nationalität und handelten im Namen Deutschlands und seines höchst populären Führers Adolf Hitler“.
Im Widerspruch dazu sei erwähnt, daß Hitler selbst Österreicher war, seine Rassentheorien ein Plagiat der S chriften Gobineau´s aus dem 19.Jh. waren, sein Chefideologe Alfred Rosenberg aus einer baltischen Provinz des zaristischen Rußlands stammte, sein politisches Vorbild Mussolini Italiener war, und sein engster Kampfesgefährte Rudolf Heß in Ägypten geboren war.
Goldhagens Schlußfolgerung lautet:
„daß der Antisemitismus viele Tausende ‚gewöhnlicher Deutscher‘ veranlaßte, Juden grausam zu ermorden, und daß auch Millionen anderer Deutscher nicht anders gehandelt hätten, wären sie in entsprechende Positionen gelangt. Nicht wirtschaftliche Not, nicht die Zwangsmittel eines totalitären Staates, nicht sozialpsychologisch wirksamer Druck, nicht unveränderliche psychische Neigungen, sondern die Vorstellungen, die in Deutschland seit Jahrzehnten über Juden vorherrschten, brachten ganz normale Deutsche dazu, unbewaffnete, hilflose jüdische Männer, Frauen und Kinder zu Tausenden systematisch und ohne Erbarmen zu töten“.
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Helene Bockschneider, 1990, Faschismus und Holocaust, Munich, GRIN Publishing GmbH
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