Johann Wolfgang von Goethe verfasste mit dem „Werther“ 1 1774 nicht nur seinen ersten Roman, der ihm zu jähem literarischen Erfolg und Ruhm verhalf, sondern den Briefroman schlechthin und damit das populärste Zeugnis der Gattung des Briefromans, darüber hinaus ein exemplarisches Beispiel der durch Empfindsamkeit gekennzeichneten literarischen Strömung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Empfindsamkeit als literarische Strömung innerhalb der Aufklärung zwischen 1730 und 1800 mittels Goethes „Werther“ zu charakterisieren und aufzuzeigen, wie Goethe exemplarisch das Zeitgefühl der Empfindsamkeit in seinem Briefroman umsetzte.
Der Begriff der Empfindsamkeit besitzt eine umfangreiche Bedeutungsebene und kann sowohl literarisch als auch als ästhetisch und moralisch beschrieben und grundlegend als gefühlsbetonte Strömung innerhalb der Aufklärung bezeichnet werden, die die mitmenschlichen Gefühle und Empfindungen wie beispielsweise hinsichtlich Freundschaft, Liebe betont. Die Wortbildung des Begriffs stammt von der nach G. E. Lessing vorgeschlagenen Übersetzung des Wortes „sentimental“ mit „empfindsam“ im Buchtitel von Laurence Sternes Schrift „A Sentimental Journey Through France and Italy“ 2 und bezeichnet entgegen weitläufiger Meinungen keine Gegenpositionierung zur rationalistischen Vernunft der Aufklärung, sondern „eine nach innen gewendete Aufklärung“, die versucht, „mit Hilfe der Vernunft auch die Empfindungen aufzuklären“ 3 .
Die Empfindsamkeit kann demnach als Ergänzung der reinen Rationalität der Aufklärer mit Empfindungen begriffen werden. So liegt der Fokus, ähnlich der Konzentration der Aufklärer auf der Betonung des Verstandes, auf den Empfindungen, d. h. den „ausgeprägten Veranlagung[en] zur Sinneswahrnehmung
1 „Die Leiden des jungen Werthers“
2 Reisebericht, erschienen 1768 und übersetzt von J. J. Ch. Bode, der die Tendenzen der Strömung der Empfindsamkeit umfasst; mit Sternes Schrift nahm die Bewegung der Empfindsamkeit ihren Anfang in der englischen Literatur.
3 Günther & Irmgard Schweikle: Metzler Literatur Lexikon - Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1990, S. 122.
1
und zur moralischen Empfindung“ 4 . Es ist dementsprechend zu beachten, dass die Bewegung der Empfindsamkeit keinesfalls von der Strömung des Sturm und Drang zu trennen ist, ebenso wenig wie von der Aufklärung. Die Gemeinsamkeit aller drei Strömungen liegt nach Engel in dem bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen 5 , d. h., um einige der Empfindsamkeit angehörige Bemühen zu nennen, im Protest gegen die Dogmatisierung rationalistischer vernunftbetonter Prinzipien und gegen die starre Ständehierarchie. 6 Diese Besinnung kann durchaus als Rebellion des Gefühls bezeichnet werden, welches sich über das vernunftbetonte Denken zu erheben und stärken sucht. Literatur, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt und der Innerlichkeit des Menschen, d. h. dem Seelenleben, größte Wichtigkeit beimisst und eine Neubewertung des Gefühlslebens anstrebt, kann somit als empfindsam begriffen werden. So zeichnen sich zentrale literarische Figuren durch die Fähigkeit starker bis überhöhter Gefühlsregungen aus, die es im Folgenden anhand Goethes „Werther“ zu belegen gelte. Dabei soll auf wichtige Motive der Empfindsamkeit eingegangen werden, wobei diese am „Werther“ selbst veranschaulicht werden sollen.
Wie bereits angedeutet, zeichnet sich der empfindsame Mensch durch sein Bekenntnis zur Leidenschaft und Gefühlsbetontheit aus. Dieses vollzieht Werther explizit im Brief vom 12. August mit den Worten: „»Ach ihr vernünftigen Leute!« rief ich lächelnd aus. »Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn!«“ - „Ich bin mehr als einmal trunken gewesen“, indem er sich deutlich vom „vernünftigen“ Volk zu den leidenschaftlichen Menschen hin abgrenzt. Der Leser wird schnell durch die Form des Briefromans in die Gedanken- und Gefühlswelt Werthers ohne Einmischung des Autors eingeführt 7 , so dass ihm die Identifikation mit Werthers Situation durch den hohen Authentizitätsgrad ermöglicht wird. Da der Briefroman durch seine monologische Erzählperspektive
4 Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden: Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte. Saarbrücken 1986, S. 116.
5 Engel, Ingrid: Werther und die Wertheriaden: Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte. Saarbrücken 1986, S. 129.
6 Brief vom 24. Dezember 1771: „Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse.“
7 Eine Ausnahme bildet das Zuwortkommen des fiktiven Herausgebers im 2. Buch.
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Seelenschau ermöglicht, war er nicht ohne Grund die bevorzugte Form empfindsamer Schriften.
So sind Werthers Briefe als Zeugnisse seiner geistigen und emotionalen Situation zu betrachten, die durch die beschreibende nacherzählende Instanz nicht in dem gefühlsbetonten Maße hätte vermittelt werden können, wie aus folgendem Textbeispiel aus dem Abschiedsbrief an Lotte deutlich werden soll: „Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf. Sie sollen, ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein trüber, neblichter Tag hält sie bedeckt. So traure denn, Natur!“
Der Brief ist also das Medium zur Selbstdarstellung und Erläuterung Werthers Persönlichkeitsentwicklung, um empfindsame Regungen Werthers Inneren für den Leser ans Licht zu befördern.
Werther, der durch seine Insichgekehrtheit und einem in Subjektivität und Leidenschaft eingebundenem Typus entspricht, trägt alle Merkmale eines gefühlsüberschwänglichen Menschen: Er ist emotional, sensibel, labil und nicht zuletzt selbstkritisch veranlagt, was beim Leser ein starkes Gefühl von Mitleid und Bedauern hervorruft, ihn jedoch auch liebenswert erscheinen lässt. Eines der wichtigsten empfindsamen Motive finden wir in der Polarisierung von Natur, dem Landleben und der zivilisierten Bürgerlichkeit innerhalb der Stadt. 8 Während Werther einen gewissen Hang zur Idylle (man erinnere sich an die idyllische Szene am Brunnen) besitzt und düsteren wie aber auch frühlingshaft heiteren Naturstimmung freien Lauf lässt 9 , finden wir in Albert, dem aufgeklärten Bürger, den Modellfall gesellschaftlicher Einbindung 10 . Hier sind Leidenschaft bzw. die Rebellion des Gefühls dem einseitigen vernuftbetonten Denken Alberts gegenübergestellt. Werther, der sich in der starren Ständeordnung wie in einem
8 Brief vom 4. Mai 1771: „Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der Natur.“
9 Brief vom 10. Mai: „Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht […] ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle“.
10 Brief vom 30. Julius: „Ein braver, lieber Mann [Albert], dem man gut sein muß. […] Seine gelassene Außenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab, die sich nicht verbergen läßt.“
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Susanne Becker, 2005, Die Rebellion des Gefühls - Werther als Modellfall der Empfindsamkeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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