2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung (S.3)
2. Zur vormodernen Nation (S.4) 2.1 Die vormoderne Nation aus dem Blickwinkel der Literaturgeschichte (S.5) 2.2 Die Rolle der Monarchie (S.7) 2.3 Die Rolle der Kirche (S.9) 2.4 Die Bedeutung des Staatsapparates (S.10) 2.5 Fazit: Zum nationalen Bewusstsein vor 1789 (S.13)
3. «Vive la Nation! » Zur (nationalen) Bewegung 1789 und ihrer Bedeutung (S.15) 4. Schlussbemerkungen zur europäischen Frage (S.18) 5. Fazit: viele offene Fragen (S.20)
3
1. Einleitung
Frankreich ist als der Nationalstaat „par excellence“ in die Literatur eingegangen. Dabei stellt sich die Frage, wie so viele verschiedenen Gruppen - die ethnische Landkarte war „hier noch sehr lange nach der Teilung des Frankenreichs mindestens so bunt […] wie im Osten“ 1 -
harmonisch unter der einen französischen Flagge vereint werden konnten.
„…for two centuries France has been the most strongly cohesive national unit in Europe. France, almost alone among all major European nations, can make the striking claim that in modern times, despite episodes of violent civil war, it has experienced no serious threat of regional secession (not counting Germany’s forcible, temporary annexation of Alsace- Lorraine).” 2
Natürlich wird diese Harmonie noch heute durch einen andauernden, wenn auch nicht ernsthaft bedrohlichen, Korsika-Konflikt gestört. Auch ist die in Frankreich spätestens Mitte der 1980er Jahre ausgebrochene Debatte über die eigene Identität 3 ein Zeichen dafür, dass das
französische Nationalbewusstsein Grenzen und Probleme kennt. Dennoch sorgt beispielsweise der jährliche Nationalfeiertag, wenn die Französinnen und Franzosen wie vor 200 Jahren in der Straßen tanzend und die Tricolore aus dem Fenster schwingend ihre Nation feiern, gerade in Deutschland immer wieder für Erstaunen.
Ich möchte versuchen, die Frage zu beantworten, warum und wie es damals möglich war, so viele verschiedene Menschen glaubend zu machen, sie würden zu der einen französischen Nation gehören. Natürlich stellt sich damit auch die Frage, wer überhaupt zur grande nation gehörte und wer nicht.
Es existieren viele allgemeine Theorien zur Nation, der Entstehung, ihrem Funktionieren und ebenso viele Definitionen. 4 Mit diesem speziellen Beispiel möchte ich versuchen, den Prozess
des nation-building näher zu beleuchten und verständlich zu machen. Das erlaubt einen tieferen Einblick in das französische Selbstverständnis, bleibt aber die Untersuchung eines Einzelfalls. Denn jede Nation hat bekanntlich ihre eigene Geschichte.
2 Bell (2001), S.9.
3 vgl. Christadler (1990), S.33.
4 vgl. Wodak (1998), S.20-39 geben einen Überblick über die verschiedenen Nationsverständnisse.
4
Im Rückblick auf die Konstruktion der französischen Nation 5 werde ich mich an die Frage
nach einer europäischen Nation und abschließend an einen kurzen Ausblick wagen.
2. Zur vormodernen Nation
Die wissenschaftlichen Ansichten gehen bereits bei der Geburtsstunde der französischen
Nation auseinander:
„Ist es das Jahr 987, die Begründung des französischen Königtums mit der Thronbesteigung des ersten Kapetingers? Oder das Jahr 496, als mit der Bekehrung des Frankenkönigs Chlodwig zum Christentum die älteste Tochter der Kirche aus der Taufe gehoben wurde? Von welchem Augenblick an haben sich die Bewohner des Hexagons 6 spontan und freiwillig Franzosen genannt? Folgt man Eugen Weber, dann hat es fast bis ins 20. Jahrhundert gedauert, bis die letzten Bauern aus der Provinz sich als französische Staatsbürger empfanden [...].“ 7
Die französischen Schulbücher machen es einem scheinbar einfacher: Vierzig Könige haben
hart an der nationalen Einheit gearbeitet, die Revolution hat sie zur Vollendung gebracht. 8
Sicher kommt der französischen Monarchie eine große, bedeutende Rolle bei der Schaffung
der französischen Nation zu. Im Folgenden werden die Monarchie und andere wichtige
Akteure der französischen Geschichte, die wesentlich zum nation-building beigetragen, näher
betrachtet - vorerst für den Zeitraum vor der Französischen Revolution, also die Vormoderne.
Nun fehlt es nur noch an einer Definition des Begriffes „Nation“. Christadler (s.o.) bietet
einen guten Anhaltspunkt: sich spontan und freiwillig Franzose nennen. Solange sich die
Bretonen in erster Linie als Bretonen und die Provençales als Provençales verstehen, fällt es
schwer von einer französischen Nation zu reden. Desweiteren halte ich es hier mit der
Definition von Ernest Renan, da diese, wie sich später zeigen wird, auf Frankreich abzielt und
auch von den französischen Intellektuellen oft herangezogen wird:
„A nation is a soul, a spiritual principle. Only two things, actually, constitute this soul, this spiritual principle. One is in the past, the other is in the present. One is the possession in common of a rich legacy of remembrances; the other is the actual consent, the desire to live together, the will to continue to value the heritage which all hold in common. […] The nation,
5
Es wird hier davon ausgegangen, dass Nationen von Menschen konstruiert sind und nicht „real“ existieren. Das französische Volk, wie jedes andere, bildet unter soziologischen Gesichtspunkten absolut keine Einheit. Diese wird von den staatstragenden Eliten und Historikern auf Basis von „raw material“, wie wichtige historische Ereignisse, Liedern, Symbolen, konstruiert und durch Staatsapparate, Schulen, Medien etc. an das Volk kommuniziert. „Dass die identische Nation, von innen besehen, eine „Erfindung“ ist, an deren Zustandekommen Generationen von Historikern und an deren Popularisierung die Schule entscheidenen Anteil haben, wird inzwischen von niemandem mehr bestritten…“ (Christadler (1990), S.40).
6 Bezeichnung für Frankreich, welches, idealtypisch, der Form eines Hexagons gleicht.
7 Christadler (1990), S.39.
8 Weber (1976), S.95.
5
even as the individual, is the end product of a long period of work […] our ancestors have made us what we are.” 9
Der Ausdruck der nationalen Einheit ist also vor allem der gemeinsame Wille und die gemeinsame Geschichte einer Wertegemeinschaft. Die Problematik, dass diese Definition auch auf einen Verein, eine Partei oder ähnliches zutrifft, kann hier nicht weiter vertieft werden.
2.1 Zur vormodernen Nation aus dem Blickwinkel der Literaturgeschichte
Der Literaturgeschichte soll nicht der höchste Stellenwert zugemessen werden, aber sie bietet einen ersten guten Überblick über die Entwicklung des vormodernen Frankreichs und wurde deshalb hier als einleitendes Kapitel gewählt.
Erster Ansatzpunkt der französischen Literaturgeschichte, der hier eine Rolle spielt, ist das Rolandslied (Ende des 11. Jahrhunderts). An ihm zeigt sich deutlich der vorherrschende Königsmythos: Gott verleiht Karl dem Großen für die entscheidende Schlacht zur Rückeroberung Spaniens für das christliche Europa neue Kräfte. Die Bedeutung dieses Liedes wächst im 12. Jahrhundert mit der entstehenden höfischen Kultur, in der die Dichtung eine „gemeinschaftsstiftende und -bestätigende Funktion“ 10 bekommt und ein kollektives
Gedächtnis der Adligen schafft:
„Das Selbstverständnis der Adelsgesellschaft speist sich aus der Gemeinschaft mit einer Galerie heldenhafter, realer und fiktiver Ahnen, die in der genealogischen Literatur fixiert wird. Hierdurch wurzelt das Bewusstsein des französischen Adels in der ruhmreichen karolingischen Vergangenheit.“ 11
Mit der höfischen Kultur erleben die „Chansons de Geste“ ihre Blütezeit, deren Thema vor allem die „Fusion von Nation und Christentum“ 12 ist: in ihnen werden die Französinnen und Franzosen als auserwähltes Werkzeug Gottes begriffen. 13
Nach der Definition von Renan (s.o.) ist also bereits im 12. Jahrhundert mindestens ein Kriterium der „Nation“ erfüllt: Das Rückgreifen auf eine gemeinsame Geschichte, die karolingische Vergangenheit.
10 Jöckel und Wunderli (1999), S.5.
11 ebd.
12 ebd., S.34.
13 vgl. Estel (2002), S.47.
6
Im 16. Jahrhundert, mit der Abkopplung vom Papsttum, erlebt Frankreich eine Aufwertung seiner eigenen Geschichte und Sprache: die Renaissance. 1539 wird Französisch Amtssprache. Mythen und Rückgriffe auf die großen Helden der Vergangenheit sollen den Französinnen und Franzosen Selbstbewusstsein geben. So wird zum Beispiel die Gründung Frankreichs auf die Trojaner zurückgeführt:
„Nach dem Fall von Troja und seiner [Astyanax, der Sohn Hektors, Anm.d.A.] Verschleppung durch Pyrrhus nach Epirus segelt er im Auftrag Jupiters nach Frankreich und landet bei Aigues Mortes in der Provence. Später gründet er in Erinnerung an seinen Onkel Paris die gleichnamige Hauptstadt der Franken, deren Stammvater er wird. Vorher muss er jedoch zahlreiche Abenteuer bestehen…“ 14
Diese Mythen hatten damals, wie heute, die Aufgabe, ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit in historischer Kontinuität zu schaffen. Mythen reduzieren die Komplexität, deuten die Welt und helfen bei der Ausbildung persönlicher und politischer Identität. 15 Dafür wurde die eigene Geschichte verfälscht – was für den Erfolg der Mythen
nicht von Bedeutung war, solange diese sozial geteiltes „Wissen“ waren.
Das 17. Jahrhundert bildet den Höhepunkt der französischen Geschichte in machtpolitischer, kunst- und literaturhistorischer Hinsicht. Die Literatur diente aber vor allem der Unterstützung des politischen Systems, war einer königlichen Druckerlaubnis und allgemeiner Intoleranz unterworfen. Einen eigenen beeinflussenden Charakter entwickelt die Literatur der Aufklärung: Es beginnt damit, dass sich das kulturelle Leben von Versailles nach Paris und in seine Salons verlagert. Die Salons bieten Diskussionsforen in denen die überkommenen religiösen, politischen und ökonomischen Dogmen in Frage gestellt werden. Die Literatur bekommt eine moralisierende Rolle und schafft die für die Revolution so bedeutenden Ideale, z.B. die Volkssouveränität und die Gleichheit vor dem Gesetz. Jean Jacques Rousseaus Contrat social, 1762, sei hier als ein wichtiges Beispiel genannt. 16
„The philosophical conceptions of the eighteenth century have rightly been regarded as one of the chief causes of the revolution and it is undeniable that our eighteenth-century philosophers were fundamentally anti-religious.” 17
Ein anderer interessanter Punkt gerät im Zusammenhang mit der Aufklärung leider oft in Vergessenheit: Die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und nationalen Stereotypen. Zum
14
Eine kurze Zusammenfassung der „Franciade“ von Pierre de Ronsard, damaliges Oberhaupt der Dichtergruppe Pléiade (1560-1585). In: Hausmann (1999), S. 116.
15 vgl. zum Thema Mythos und politische Identität: Schubert (1990), S.73f.
16 vgl. Rieger (1999), S.183-210.
17 Tocqueville (1955), S.6.
Quote paper:
M.A. Mareike Bibow, 2004, Die Konstruktion der französischen Nation von den Anfängen bis zur Revolution, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Vergleich von Anna Seghers "La lumière sur le gibet" und Hei...
Romance Languages - Comparative Studies
Termpaper, 15 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Mareike Bibow has published the text Die Konstruktion der französischen Nation von den Anfängen bis zur Revolution
Mareike Bibow has uploaded a new text
Thema Geschichte kompakt. Französische Revolution und Napoleon
Die Umgestaltung Europas. Die ...
Saint-Domingue und die Französische Revolution
Das Ende der weißen Herrschaft...
Oliver Gliech
Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restaurat...
Das Zeitalter der französische...
Gerhard Schulz
0 comments