Kurzfassung
Die vorliegende Magisterarbeit beschäftigt sich mit der Darstellung des nordirischen Friedensprozesses in der irischen, britischen und deutschen Presse. Allen Texten liegt dasselbe Ereignis zu Grunde: die Auszeichnung der nordirischen Politiker John Hume und David Trimble mit dem Friedensnobelpreis. Dabei werden folgende Berei- che analysiert: thematische Struktur des Textes, Isotopien, rhetorische Figuren und Präsuppositionen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, worin auffäl- lige Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede in der Berichterstattung begründet sind. In diesem Zusammenhang wird sowohl die Nation, der die Pressetexte ent- stammen, als auch die politische Ausrichtung der jeweiligen Zeitung in der Analyse berücksichtigt.
Abstract
This M.A. thesis deals with the presentation of the peace process in Northern Ireland in Irish, British and German newspapers. These texts report on the same event: the award of the Nobel Peace Prize for the two Northern Irish politicians John Hume and David Trimble. The analysis is based on the theme structure of press articles, key words, rhetorical terms and presuppositions. A special emphasis is put to the ques- tion, whether the political stance of the newspapers or the nation they belong to lead to noticeable similarities and/or differences in presentation.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung 9
2. Konflikt und Friedensprozess in Nordirland 13
3. Die journalistische Arbeit 32
4. Das Textkorpus 38
5. Konzepte und Methoden 45
6. Die Analyse 71
7. Die Analyseergebnisse 163
8. Vergleich der Analyseergebnisse 187
9. Fazit 204
Literaturverzeichnis 207
Anhang 1 Textkorpus 217
Anhang 2 Chronologie des Friedensprozesses 229
Anhang 3 Mailverkehr 240
5
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 9
2. Konflikt und Friedensprozess in Nordirland 13
2.1 Der nordirische Konflikt 13
2.1.1 Historischer Hintergrund des Konflikts 13
2.1.2 Faktoren des Konflikts 16
2.2 Die Frontseiten 18
2.3 Parteien und Gruppierungen 18
2.3.1 Die unionistische loyalistische Seite 19
2.3.2 Die nationalistische republikanische Seite 23
2.3.3 Frontübergreifende Parteien 25
2.4 Voraussetzungen für den nordirischen Friedensprozess 26
2.5 Der nordirische Friedensprozess seit 1988 28
3. Die journalistische Arbeit 32
3.1 Das Framing-Konzept 32
3.2 Systematik journalistischer Textsorten nach Lüger 33
3.3 Die journalistischen Textsorten in der vorliegenden Arbeit 34
3.3.1 Die Nachricht 34
3.3.2 Der Bericht 35
3.3.3 Die Reportage 36
4. Das Textkorpus 38
4.1 Die Auswahl des Ereignisses 38
4.2 Die Auswahl der Textsorten 39
4.3 Die Auswahl der Zeitungen 39
4.3.1 Vorstellung der ausgewählten Zeitungen 40
4.4 Vorgaben für die Analyse des Textkorpus 43
5. Konzepte und Methoden 45
5.1 Die Analysemethoden im Überblick 45
5.2 Der Isotopiebegriff 45
5.3 Exkurs: Denotative und konnotative Bedeutung 46
5.4 Thema und thematische Entfaltung nach Thiel Thome 47
5.5 Ermittlung des Textthemas nach Brinker 49
5.5.1 Das Wiederaufnahmeprinzip nach Brinker 49
5.5.2 Das Ableitbarkeitsprinzip 50
5.6 Analyse der thematischen Entfaltung nach Brinker 51
5.6.1 Argumentative Themementfaltung nach Brinker 51
5.7 Rhetorische Figuren 52
5.7.1 Rhetorischen Figuren der vorliegenden Zeitungstexte 54
5.7.1.1Substitutionsfiguren (Tropen) 54
5.7.1.2 Argumentationsfiguren 56
5.8 Der Präsuppositionsbegriff 58
5.8.1 Der Präsuppositionsbegriff nach Bußmann 58
5.8.2 Der Präsuppositionsbegriff nach Nord 58
5.8.3 Exkurs: Begriffsbestimmungen 59
6
5.8.3.1 Kultur 59
5.8.3.2 Arbeitsbegriff Kultur für die vorliegende Arbeit 60
5.8.3.3 Der Begriff kulturspezifisch 60
5.8.3.4 Wissen 61
5.8.3.5 Nordirlandspezifisches Wissen 61
5.8.4 Ermittlung der Präsuppositionen nach Nord 61
5.8.4.1 Kultureller Abstand von AT- und ZT-Empfänger zum Text 62
5.8.4.2 Redundanzgrad des Textes 63
5.8.4.3 Präsuppositionssignale 63
5.8.5 Nutzen von Präsuppositionen für die linguistische Textanalyse 64
5.9 Anwendung 64
5.9.1 Thema und thematischen Entfaltung 64
5.9.2 Analyse der Isotopieketten 65
5.9.3 Analyse der rhetorischen Figuren 66
5.9.4 Exkurs: Euphemismen in den englischsprachigen Artikeln 66
5.9.5 Analyse der Präsuppositionen 68
5.9.5.1 Identifizierung der Präsuppositionen 69
5.9.5.2 Selektion der Präsuppositionen 69
5.9.5.3 Systematik zum Vergleich der Präsuppositionen 70
5.9.6 Aufbau der Analyse in der vorliegenden Arbeit 70
6. Die Analyse 71
6.1 Text 1: Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 71
6.1.1 Thema und thematische Entfaltung 71
6.1.2 Isotopieketten 75
6.1.3 Rhetorische Figuren 78
6.1.4 Präsuppositionen 83
6.2. Text 2: Artikel aus der Süddeutschen Zeitung 89
6.2.1 Thema und thematische Entfaltung 90
6.2.2 Isotopieketten 93
6.2.3 Rhetorische Figuren 97
6.2.4 Präsuppositionen 103
6.3 Text 3: Artikel aus The London Times 108
6.3.1 Thema und thematische Entfaltung 108
6.3.2 Isotopieketten 109
6.3.3 Rhetorische Figuren 113
6.3.4 Präsuppositionen 114
6.4 Text 4: Artikel aus The Guardian 117
6.4.1 Thema und thematische Entfaltung 118
6.4.2 Isotopieketten 119
6.4.3 Rhetorische Figuren 124
6.4.4 Präsuppositionen 128
6.5 Text 5: Artikel aus The Irish Times 134
6.5.1 Thema und thematische Entfaltung 134
6.5.2 Isotopieketten 138
6.5.3 Rhetorische Figuren 143
6.5.4 Präsuppositionen 147
6.6 Text 6: Artikel aus The Belfast Telegraph 152
6.6.1 Thema und thematische Entfaltung 153
6.6.2 Isotopieketten 155
7
6.6.3 Rhetorische Figuren 157
6.6.4 Präsuppositionen 159
7. Die Analyseergebnisse 163
7.1 Analyseergebnisse zum Thema und zur thematische Entfaltung 164
7.1.1 Text 1: Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 164
7.1.2 Text 2: Artikel aus der Süddeutschen Zeitung 164
7.1.3 Text 3: Artikel aus The London Times 165
7.1.4 Text 4: Artikel aus The Guardian 166
7.1.5 Text 5: Artikel aus The Irish Times 167
7.1.6 Text 6: Artikel aus The Belfast Telegraph 168
7.2 Analyseergebnisse zu den Isotopieketten......................................................169
7.2.1 Text 1: Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 169
7.2.2 Text 2: Artikel aus der Süddeutschen Zeitung 170
7.2.3 Text 3: Artikel aus The London Times 170
7.2.4 Text 4: Artikel aus The Guardian 172
7.2.5 Text 5: Artikel aus The Irish Times 173
7.2.6 Text 6: Artikel aus The Belfast Telegraph 174
7.3 Analyseergebnisse zu den rhetorischen Figuren 175
7.3.1 Text 1: Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 175
7.3.2 Text 2: Artikel aus der Süddeutschen Zeitung 176
7.3.3 Text 3: Artikel aus The London Times 177
7.3.4 Text 4: Artikel aus The Guardian 177
7.3.5 Text 5: Artikel aus The Irish Times 178
7.3.6 Text 6: Artikel aus The Belfast Telegraph 179
7.4 Analyseergebnisse zu den Präsuppositionen 180
7.4.1 Text 1: Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 180
7.4.2 Text 2: Artikel aus der Süddeutschen Zeitung 181
7.4.3 Text 3: Artikel aus The London Times 182
7.4.4 Text 4: Artikel aus The Guardian 183
7.4.5 Text 5: Artikel aus The Irish Times 185
7.4.6 Text 6: Artikel aus The Belfast Telegraph 186
8. Vergleich der Analyseergebnisse 187
8.1 Zusammenfassung zum Vergleich der Analyseergebnisse 188
8.2 Überblick über den Vergleich der Analyseergebnisse 191
8.2.1 Text 1: Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 191
8.2.2 Text 2: Artikel aus der Süddeutschen Zeitung 193
8.2.3 Text 3: Artikel aus The London Times 195
8.2.4 Text 4: Artikel aus The Guardian 197
8.2.5 Text 5: Artikel aus The Irish Times 200
8.2.6 Text 6: Artikel aus The Belfast Telegraph 202
9. Fazit 204
Literaturverzeichnis 207
Anhang 1 Textkorpus 217
Anhang 2 Chronologie des Friedensprozesses 229
Anhang 3 Mailverkehr 240
8
Einleitung
1. Einleitung
Durch die zunehmende Globalisierung wird es immer wichtiger, über politische und wirtschaftliche Entwicklungen in anderen Ländern informiert zu sein. Eine ergiebige Informationsquelle hierfür sind nach wie vor die großen nationalen und internationa- len Tageszeitungen. Doch ein Blick auf die tägliche Berichterstattung dieser Medien zeigt, dass häufig über dasselbe Ereignis sehr unterschiedlich berichtet wird. Dies erschwert es dem Zeitungsleser, sich ein objektives Bild über das Ereignis zu ver- schaffen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie und warum diese Un- terschiede entstehen.
In der vorliegenden Arbeit wird versucht, diesem Phänomen und möglichen Ursa- chen anhand eines Beispiels auf den Grund zu gehen. Dabei soll analysiert werden, wie über dasselbe Ereignis in großen Tageszeitungen verschiedener Nationen be- richtet wird und welche auffälligen Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich dabei feststellen lassen. Des Weiteren soll untersucht werden, ob sich Zusammenhänge zwischen der politischen Ausrichtung der jeweiligen Zeitung und der Darstellung des Ereignisses finden lassen.
In diesem Zusammenhang scheint es besonders interessant, die Presse aus Natio- nen oder Regionen heranzuziehen, die in möglichst unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlicher Art und Weise von demselben Ereignis betroffen sind. Um zu- sätzlich einen neutralen Vergleichsmaßstab zu erhalten, soll außerdem die Presse eines nicht am Konflikt beteiligten Landes berücksichtigt werden.
Als thematischer Rahmen bot sich der nordirische Friedensprozess an. Denn dieser löst in der britischen Provinz seit einigen Jahren tief greifende Veränderungen aus, die auf eine Annäherung beider Frontseiten hindeuten.
Des Weiteren sind zwei Nationen vorhanden, die in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlicher Art und Weise von den Vorkommnissen im nordirischen Frie- densprozess betroffen sind: Großbritannien und Irland. Darüber hinaus lässt sich die britische Presse wiederum in die englische und nordirische Presse unterteilen. Denn
9
Einleitung
Nordirland kommt als direkt betroffener Region eine Sonderstellung zu, die in der vorliegenden Arbeit Berücksichtigung finden soll.
Die deutschen Tageszeitungen sollen als neutraler Vergleichsmaßstab dienen, da dieses Land nicht direkt in den nordirischen Friedensprozess involviert ist.
Aufgrund der sehr komplexen Zusammenhänge des nordirische Friedensprozesses geht die Autorin der vorliegenden Arbeit davon aus, dass vielen Zeitungslesern au- ßerhalb der betroffenen Nationen Großbritannien und Irland unklar ist, warum sich der Friedensprozess in der britischen Provinz derart langwierig und schwierig gestal- tet. Daher soll ein Ereignis die Analysegrundlage bilden, das eine Verbindung mit den Ursprüngen aufweist, die für die jüngsten Entwicklungen verantwortlich sind. Gleichzeitig sollen in den ausgewählten Zeitungstexten die grundsätzlichen Proble- me des nordirischen Friedensprozesses angesprochen werden.
Ein Ereignis, das diese Voraussetzungen erfüllt und in umfangreichem Maß von der internationalen Presse beachtet wurde, ist die Auszeichnung der nordirischen Politi- ker John Hume und David Trimble mit dem Friedensnobelpreis. Daher soll die Be- richterstattung über dieses Ereignis den thematischen Rahmen für alle Zeitungstexte innerhalb des Korpus der vorliegenden Arbeit bilden.
Das Textkorpus entstammt dabei folgenden Zeitungen: „Frankfurter Allgemeine Zei- tung“, „Süddeutsche Zeitung“, „The [London] Times“, „The Guardian“, „The Irish Ti- mes“ und „The Belfast Telegraph“.
An dieser Stelle bleibt anzumerken, dass die Analyse nicht als repräsentativ gelten kann. Sie soll jedoch Tendenzen aufzeigen. Des Weiteren soll sie dazu dienen, den Leser dieser Arbeit für Unterschiede in der Berichterstattung sowie für mögliche Zu- sammenhänge zu sensibilisieren.
Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil beschäftigt sich mit den für die Analyse relevanten Grundlagen. Im zweiten Teil werden die Analyse und deren Ergebnisse vorgestellt sowie ein Fazit gezogen.
10
Einleitung
Das zweite Kapitel bietet eine kurze Einführung in den nordirischen Friedensprozess. Um das Verständnis für komplexe Vorgänge und Zusammenhänge zu erleichtern, wird ebenfalls auf den nordirischen Konflikt, die Sichtweisen beider Frontseiten sowie auf einzelne Parteien und Gruppierungen eingegangen. Daran schließt Kapitel 3 zur Erläuterung der journalistischen Arbeit an. In diesem Zusammenhang werden die für die Untersuchung relevanten journalistischen Textsorten behandelt. Das vierte Kapi- tel befasst sich mit dem Textkorpus. Die Autorin der vorliegenden Arbeit erläutert an dieser Stelle die Gründe für die Auswahl des Ereignisses, der Textsorten und der Zeitungen. Des Weiteren wird die Zusammensetzung des Korpus dargelegt und die Zeitungen, denen die Artikel entstammen, werden kurz vorgestellt. Das Kapitel schließt mit den Vorgaben für die Analyse des Textkorpus ab. Dabei wird ein Fra- genkatalog aufgestellt, der mit Hilfe der Analyse beantwortet werden soll. Kapitel 5 umfasst die Analysekonzepte und Methoden der vorliegenden Arbeit. Bei der Vorstel- lung der dazugehörigen Theorien werden an zwei Stellen außerdem Begriffsbestim- mungen zu Phänomenen vorgenommen, die innerhalb des jeweiligen Analysebe- reichs untersucht werden sollen. Im Bereich Isotopien betrifft dies die denotative und konnotative Bedeutung sprachlicher Ausdrücke. In Zusammenhang mit den Präsup- positionen soll das unterstellte Wissen zu Nordirland im Allgemeinen sowie zu den nordirischen Kulturgemeinschaften im Besonderen untersucht werden. Daher schließt eine Definition zu den Begriffen „Kultur“, „kulturspezifisch“, Wissen“ und „nordirlandspezifisches Wissen“ an. Im Abschnitt „Anwendungen“ wird erläutert, wie die Konzepte und Methoden in der Analyse genutzt werden. In Zusammenhang mit dem Analysebereich der rhetorischen Figuren werden die Euphemismen der engli- schen Presse vorgestellt, denen besondere Beachtung geschenkt werden soll.
In Kapitel 6 erfolgt die Analyse zu den ausgewählten Zeitungstexten. Dabei werden folgende Bereiche untersucht:
1. Thema und thematische Entfaltung 2. Isotopieketten zu Personen, Gruppierungen, Ereignissen und Zusammen- hängen 3. Rhetorische Figuren 4. Präsuppositionen
11
Einleitung
In Kapitel 7 erfolgt die Darstellung der Ergebnisse. Im nächsten Schritt, zu finden in Kapitel 8, werden die Analyseergebnisse vergleichend gegenübergestellt. Dieser Vergleich beschränkt sich auf insgesamt zehn Eigenschaften, die sich im Laufe der Untersuchung herausgestellt haben und die die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Texte beschreiben.
Im neunten Kapitel wird das Ergebnis der vorliegenden Arbeit reflektiert. In diesem Zusammenhang erfolgt ein Rückblick auf die vorangegangenen Kapitel und die an- gestellten Untersuchungen. Daran schließt sich eine Bewertung der wichtigsten Ana- lyseerkenntnisse an.
Es bleibt anzumerken, dass in der gesamten Arbeit in der Regel maskuline Formen wie „Leser“ oder „Rezipient“ verwendet werden. Dieses dient ausschließlich dazu, den Lesefluss zu erleichtern.
12
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
2. Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Im Folgenden soll ein kurzer Abriss über den jüngsten nordirischen Friedensprozess
gegeben werden. 1 Um das Verständnis für Vorgänge und Zusammenhänge sowie den zähen Verlauf des Friedensprozesses zu erleichtern, werden vorab die wichtigs- ten Parteien und Gruppierungen sowie Ursprung und Auswirkungen des Konflikts dargestellt.
2.1 Der nordirische Konflikt
Der nordirische Konflikt wird im Englischen häufig mit dem euphemistischen Aus- druck „Troubles“ bezeichnet (vgl. Kap.5.8.4). Allein seit den Protestmärschen der Bürgerrechtsbewegung in den 68ern bis zum ersten bedeutsamen Waffenstillstand des jüngsten Friedensprozesses im Jahre 1994 verzeichnete der Konflikt rund 3.500 Todesopfer und mehr als 35.000 Verletzte. Großbritannien kostete diese Gewalt jähr- lich etwa 3 Millionen Pfund und die Regierung der Republik Irland wendete jedes Jahr ein Viertel ihres Haushalts auf, um die Sicherheit an der Grenze zu Nordirland zu gewährleisten (vgl. HANCOCK 1996).
2.1.1 Historischer Hintergrund des Konflikts
Um den gewaltgeladenen Konflikt und das nach wie vor tiefe Misstrauen auf beiden Frontseiten zu verstehen, muss die historische Entwicklung berücksichtigt werden. Ein genauer Zeitpunkt des Beginns der Auseinandersetzungen lässt sich nur schwer feststellen. Einen wichtigen Einfluss hatte jedoch die verstärkte Ansiedlung von pro- testantischen englischen, schottischen und walisischen Siedlern ab dem Jahre 1608
durch König James I von England. 2 Auf diese Weise entstanden auf irischem Boden nach wenigen Generationen zwei Parallelgesellschaften, die sich verschiedenen Kö-
1 Im Anhang dieser Arbeit befindet sich eine Chronologie des jüngsten nordirischen Friedensprozes- ses von 1998 bis zum heutigen Zeitpunkt.
2 Die Ansiedlung ist unter der Bezeichnung „Plantation of Ulster“ bekannt (vgl. DARBY 1995).
13
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
nigshäusern verpflichtet fühlten, unterschiedlichen Religionen angehörten und über verschiedene Wertesysteme verfügten.
In den nächsten Jahrhunderten folgten mehrere Aufstände von irischer Seite, so dass die britische Regierung nach dem Ersten Weltkrieg einer begrenzten Eigenver- waltung ihrer Kolonie zustimmte. Die protestantischen Siedler in Nordirland sahen dieses Vorhaben als einen ersten Schritt in Richtung einer Wiedervereinigung und fürchteten um ihre religiöse Freiheit und den erlangten Wohlstand. Sie stellten daher private Armeen auf, um die Selbstverwaltung Nordirlands zu verhindern. Der damali- ge britische Premierminister Lloyd George suchte den Kompromiss und schlug eine Teilung Irlands vor. Die Unionisten stimmten der Teilung zu, da sie nicht unter irische Herrschaft fallen wollten. Die Nationalisten waren gespalten, doch befürchteten die Unterhändler einen Rückfall in den gewaltsamen irischen Konflikt und stimmten e- benfalls zu. Der nordöstliche Teil der Insel, insgesamt sechs Grafschaften, verblieb beim Vereinigten Königreich, die übrigen 26 Grafschaften erlangten ihre Unabhän- gigkeit. Beide Teilstaaten erhielten ihr eigenes Parlament. Diese Spaltung führte un- ter den Nationalisten zu einem Bürgerkrieg zwischen Befürwortern und Gegnern der Teilung, den die Fürsprecher 1923 gewannen, womit der Gründung eines irischen Staates nichts mehr im Wege stand.
Zu dieser Zeit stellten die Protestanten mit einem Bevölkerungsanteil von rund zwei Dritteln die Mehrheit in der nordirischen Provinz. Der erste Premierminister von Nord- irland, Sir James Craig, beschrieb das nordirische Parlament als „a Protestant Parli- ament for a Protestant people“ (FITZDUFF ; O’HAGAN 2000). Die katholischen Nordiren wurden bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens diskriminiert. Gleichzeitig fühlten sich viele Protestanten durch die katholische Minderheit bedroht. Das gegenseitige Misstrauen wurde durch eine „Gettoisierung“ verstärkt, da beide Seiten größtenteils voneinander räumlich getrennt lebten und auch keinen Kontakt zueinander unterhielten.
Angeregt durch die Bürgerrechtsbewegung der 60er in den USA begannen auch in Nordirland Proteste für eine Gleichberechtigung der katholischen Nordiren. Diese wurden von liberalen Protestanten und linken Studenten unterstützt. (vgl. HANCOCK
14
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
1996). Die zunächst friedlichen Proteste gingen schnell in einen gewaltsamen Kon- flikt über.
Eine Übersicht darüber, wie die Proteste zum Ausbruch des bürgerkriegsartigen Zu- stands in Nordirland führten, liefert die Quelle University of Ulster (2007x):
Die Gewalt begann am 5. Oktober 1968. Eine Demonstration des „Derry Housing Action Committee“ (DHAC) und der „Northern Ireland Civil Rights Association“ in Londonderry/Derry wurde von der britischen Polizei zerschlagen. Dieses Ereignis wurde gefilmt und von den Medien in großem Unfang aufgegriffen.
Ein weiteres wichtiges Ereignis, das zum Ausbruch des Konflikts führte, ereignete sich am 4. Januar 1969. Ein Protestmarsch der Studentenvereinigung „People’s De- mocracy“ wurde von Loyalisten und ehemaligen „B-Specials“ angegriffen. Die Teil- nehmer prangerten im Nachhinein die britische Polizei an, sie hätte zu wenig getan, um ihnen zu helfen.
Im Sommer 1969 führte die ansteigende Gewalt zum Einsatz von Militär seitens der britischen Regierung. Der wichtigste Zwischenfall ereignete sich in der Zeit vom 12. bis 14. August in der katholischen „Bogside area“ von Londonderry/Derry. Ein Marsch der unionistischen Bruderschaft „Apprentice Boys of Derry“ wurde von den katholischen Anwohnern angegriffen. Nach zweitägigen Auseinandersetzungen zwi- schen den katholischen Anwohnern und der britischen Polizei setzte die damalige britische Regierung Militär ein.
Die Gewalt mündete schließlich eineinhalb Jahre später in einem Bürgerkrieg. Das nordirische Parlament hatte im August 1971 die Möglichkeit einer Internierung ohne vorheriges Gerichtsverfahren eingeführt. Die katholische Bevölkerung demonstrierte gegen dieses Verfahren öffentlich. Während einer solchen Demonstration im Januar 1972 in Londonderry/Derry erschoss die britische Polizei 13 Demonstranten. Das Ereignis ging als „Bloody Sunday killings“ um die Welt (vgl. HANCOCK 1996).
15
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Die darauf hin ausbrechende Gewalt zwischen der IRA und weiteren Splittergruppen auf republikanischer Seite und der Gegengewalt der paramilitärischen Loyalisten dauerte zunächst bis zum Waffenstillstand 1994 an (vgl. FITZDUFF ; O’HAGAN 2000). Auch in den Jahren nach dem Waffenstillstand flammte die Gewalt auf beiden Seiten immer wieder auf (vgl. Anhang 2).
2.1.2 Faktoren des Konflikts
Der nordirische Konflikt wird durch mehrere Faktoren genährt:
• den Streit um den politischen Status Nordirlands
• die Gewalt und die damit einhergehende hohe Zahl an Opfern auf beiden Frontseiten
• die (kulturelle) Abgrenzung beider Parallelgesellschaften zueinander
• das soziale und ökonomische Ungleichgewicht zwischen beiden Frontsei- ten (vgl. DARBY 2003)
Für Darby (2003) besteht der wesentliche Streitfaktor in der Uneinigkeit über den po- litischen Status Nordirlands. Zwischen den verfeindeten Gruppierungen gibt es keine Einigung hinsichtlich der Frage, ob Nordirland mit der Republik Irland wieder vereinigt werden oder weiterhin dem britischen Königreich angehören soll. Der Friedensver- trag von 1998, der diese Frage klären sollte, sah die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich vor. Eine Änderung dieses Zustands ist jedoch möglich, sollte dies sowohl dem Mehrheitswillen der irischen als auch der nordirischen Bevölkerung entsprechen (vgl. ARCHIV DER GEGENWART Jahrg. 1998: 42742, vgl. auch UNIVERSITY OF ULSTER 2007r).
Ein weiterer Faktor ist die Gewalt innerhalb des nordirischen Konflikts. In den Jahren von 1968 bis 1994 herrschte in Nordirland ununterbrochen ein bürgerkriegsähnlicher Zustand (vgl. DARBY 2003, vgl. auch HANCOCK 1996). Die hohe Zahl der Opfer auf beiden Seiten erschwert bis heute eine Annäherung der Fronten.
16
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Ebenfalls genährt wird der nordirische Konflikt durch das äußerst schwierige Verhält- nis der katholischen und protestantischen Gesellschaften zueinander. Diese beiden Personenkreise leben in weitestgehend voneinander getrennten Parallelgesellschaf- ten. Durch diesen Umstand werden die religiösen und kulturellen Differenzen erhal- ten und weiter verstärkt. Sie betreffen Bereiche wie das Erziehungswesen, die irische Sprache, kulturspezifische Sportarten und Feiertage (vgl. DARBY 2003, vgl. auch
HANCOCK 1996). Das vermutlich international bekannteste Beispiel für den Ausdruck
kultureller Traditionen auf protestantischer Seite ist der jährlich stattfindende Marsch des Oranier-Ordens. Die Anhänger der Bruderschaft feiern mit ihrem Marsch den Sieg über die katholischen Iren im Jahre 1690 (vgl. BRYAN 2000). Die letzten schwe- ren Ausschreitungen in diesem Zusammenhang ereigneten sich im September 2005 in Belfast. Auslöser war die Aufforderung der Behörden, die Marschroute des Ordens um knapp hundert Meter zu verlegen, um so katholisches Gebiet nicht passieren zu müssen (vgl. SHARROCK 2005a: , vgl. auch SHARROCK 2005b).
Zur Problematik der gegenseitigen gesellschaftlichen Ausgrenzung kommt das sozia- le und ökonomische Ungleichgewicht hinzu. Bis in die 70er Jahre hinein waren die katholischen Nordiren in Bereichen des öffentlichen Lebens wie Arbeit, Wohnungs- und Gesundheitswesen sowie in der Schulbildung durch die hauptsächlich von Unio- nisten besetzten Behörden stark diskriminiert worden (vgl. DARBY 2003, vgl. auch
HUME ; GRIEHSEL 2006, HANCOCK 1996).
Inzwischen lässt die demographische Entwicklung innerhalb beider Gesellschaften erkennen, dass die katholische Gesellschaft schneller wächst als die protestantische. 1921 lebten rund 65 Prozent Protestanten und 35 Prozent Katholiken in Nordirland. Mittlerweile besteht die nordirische Gesellschaft beinahe zur Hälfte aus Protestanten und zur Hälfte aus Katholiken (vgl. DARBY 2003). 3
3 Laut Darby (2003) setzt sich die nordirische Gesellschaft zurzeit aus 55 % Protestanten und 45% Katholiken zusammen.
17
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
2.2 Die Frontseiten
Die Sichtweise der verfeindeten Gesellschaften auf den Konflikt lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die nordirischen Protestanten fürchten eine Vereinigung mit Irland und wollen die Union mit Großbritannien erhalten. Sie betrachten eine Direktherr- schaft Großbritanniens als Garant für ihre Sicherheit mit Blick auf die gegnerische Seite. Die katholische Seite lässt sich in zwei Gruppen teilen, welche jedoch nicht eindeutig voneinander abzugrenzen sind. Dabei ist eine Gruppierung nationalistisch orientiert, was bedeutet, die Herrschaft Großbritanniens wird nicht anerkannt und eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland angestrebt. Die zweite katholische Gruppierung sieht den Schwerpunkt nicht auf der historischen und politischen Ent- wicklung, sondern ist überwiegend pragmatisch ausgerichtet. Für ihre Vertreter wäre ein friedvolles Nebeneinander mit der protestantischen Gesellschaft bei vollständiger Aufhebung der sozialen und ökonomischen Nachteile denkbar (vgl. DARBY 2003).
2.3 Parteien und Gruppierungen
Die Autorin der vorliegenden Arbeit beschränkt sich im Folgenden nur auf eine Aus- wahl von Parteien und paramilitärischen Organisationen, die im Konflikt und/oder im
bisherigen Friedensprozess eine bedeutende Rolle gespielt haben. 4 Dabei haben die hier vorgestellten Parteien zumindest zeitweise an den Friedensgesprächen teilge- nommen, die zum „Good Friday Agrement“ 1998 führten. An dieser Stelle ist eben- falls anzumerken, dass zwar ihre Erfolge oder Niederlagen bezüglich der Wahlen zum nordirischen Parlament erwähnt werden, es aber bis jetzt noch nicht zur Bildung einer Exekutive kam, die von allen im Parlament vertretenen Parteien getragen wird.
Neben den legalen Parteien waren zu Hochzeiten des Konflikts rund 500 paramilitä- rische Verbände aktiv, die sich zudem auf zahlreiche Zivilisten stütztn (vgl. FITZDUFF ;
4 Die wichtigsten paramilitärischen Verbände wurden anhand folgender Quelle selektiert:
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y.
18
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
O’HAGAN 2000). Häufig bestand eine enge Verbindung zwischen extremistischen Par- teien und den paramilitärischen Verbänden (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007h).
Es muss erläuternd hinzugefügt werden, dass die paramilitärischen Organisationen häufig unter Pseudonymen agieren. Da die Bestimmungen des Friedensabkommens von 1998 vorsahen, nur paramilitärische Gefangene zu entlassen, deren Organisati- onen sich zu einem Waffenstillstand bekennen, konnten sie unter Ausnutzung von Decknamen von dieser Maßnahme profitieren, ohne ihre Aktivitäten einstellen zu müssen (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007h).
2.3.1 Die unionistische/loyalistische Seite
Democratic Unionist Party (DUP)
Die „Democratic Unionist Party“ unter dem Vorsitz von Ian Paisley hat sich lange Zeit geweigert, mit der Partei „Sinn Féin“ zu verhandeln und war entschiedener Gegner des Friedensabkommens von 1998. Als „Sinn Féin“ 1997 zu den offiziellen Gesprä- chen zugelassen wurde, schied die DUP aus Protest aus den Verhandlungen aus. (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007d, vgl. auch UNIVERSITY OF ULSTER 2007k). Dennoch blieb die DUP aus strategischen Überlegungen heraus am Friedensprozess beteiligt (vgl. FITZDUFF ; O’HAGAN 2000). Bei den letzen Wahlen im März 2007 wurde die DUP vor „Sinn Féin“ stärkste Partei (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007q).
Ulster Unionist Party (UUP)
Die „Ulster Unionist Party“ war bis vor wenigen Jahren eine bedeutende Partei der breiten Masse der unionistischen Bevölkerung Nordirlands (vgl. FITZDUFF ; O’HAGAN 2000). Bei den Wahlen zum nordirischen Parlament 1998 wurde die UUP stärkste Kraft (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007o). Ihr Parteichef war von 1995 bis 2005 David Trimble. Als die UUP bei den Wahlen im Mai 2005 eine Wahlniederlage hinnehmen musste und Trimble seinen Sitz für den Wahlkreis „Upper Bann“ verlor, trat er zurück (vgl. BBC 2006a). Derzeitiger Parteichef ist Reg Empey (vgl. ULSTER UNIONIST PARTY
19
Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
2007). Aus den Wahlen 2007 ging die UUP als drittstärkste Kraft hervor (vgl.
UNIVERSITY OF ULSTER 2007q).
Ulster Democratic Party (UDP)
Die „Ulster Democratic Party“ ging 1989 aus der ULDP hervor, die 1981 von der „Uls- ter Defence Association“ (UDA) gegründet worden war. Die UDP strebte ein ähnli- ches Verhältnis zur UDA an, wie „Sinn Féin“ zur IRA. Gleichzeitig wurde von Seiten der UDP immer wieder betont, das die UDA unabhängig agiere. Die Partei wurde zwischenzeitlich wegen gewaltsamer Aktivitäten der UDA von den Mehrparteienge- sprächen ausgeschlossen. Im Jahr 2001 löste sich die „Ulster Democratic Party“ auf (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007j).
Orange Order
Der „Orange Order“ (Oranier-Orden) ist eine protestantische und patriotische Bruder- schaft und wurde 1795 gegründet. Nach eigenen Angaben ist das Ziel dieser Verei- nigung der Schutz der Bürgerrechte und die religiöse Freiheit (vgl. GRAND ORANGE
LODGE OF IRELAND, THE 2006). Die Vereinigung hat derzeit rund 80.000 bis 100.000
Mitglieder und ist eng mit der UUP verbunden (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007g). International Aufsehen erregen die jährlichen Märsche des Oranier-Ordens zum Ge- denken an den Sieg von König William III (William of Orange) über den katholischen König James II in der Schlacht am Boyne am 12. Juli 1690. In den Jahren 1995 bis 1998 kam es in der nordirischen Stadt Portadown zu gewaltsamen Auseinanderset- zungen, da sich die katholischen Anwohner der Garvaghy Road vom Durchmarsch des protestantischen Oranier-Ordens provoziert fühlten (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007w).
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Loyalist Volunteer Force (LVF)
Die paramilitärische Organisation „Loyalist Volunteer Force“ hat sich vermutlich 1996 aus ehemaligen Mitgliedern der UVF formiert. Die beiden Organisationen liegen seit- her im Streit. Die LVF beteiligte sich am Waffenstillstand von 1994. Die Mitglieder dieser Vereinigung sind jedoch von Anfang an entschiedene Gegner der Friedens- gespräche sowie der Bestimmungen des Friedensabkommens von 1998 gewesen. Zwar hat die LVF unter der internationalen Entwaffnungskommission mit einer Ent- waffnung begonnen, diese wurde jedoch nicht abgeschlossen (vgl. UNIVERSITY OF
ULSTER 2007e, vgl. auch UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
Red Hand Defenders (RHD)
Der Name „Red Hand Defenders” tauchte zum ersten Mal 1998 auf. Anfangs wurde vermutet, dass dieser paramilitärische Verband sich aus Mitgliedern der „Loyalist Vo- lunteer Force“ (LVF) und der „Ulster Defence Association“ (UDA) zusammensetzt, die gegen die Bestimmungen des Friedensabkommens waren. Seit 2001 ist man der Meinung, dass RHD einenDecknamen für die LVF und UDA/UFF darstellt, damit die- se ungestört weiter operieren können. Da sich die „Red Hand Defenders“ zu einer Zeit formierten, in der auch die „Orange Volunteers“ erstmals in Erscheinung traten, wird vermutet, dass es sich um denselben Personenkreis handelt. Ihre Mitgliederzahl wird auf mehrere Dutzend geschätzt (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007h, vgl. auch
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
Orange Volunteers
Die „Orange Volunteers“ wurden ursprünglich in den 70ern gegründet und sind eng mit dem protestantischen Oranier-Orden verbunden. Nach wenigen Jahren war die „Orange Volunteers“ der zweitgrößte paramilitärische Verband nach der UDA. Es wird vermutet, dass dieser Verband nach dem Friedensabkommen von 1998 Anlauf- stelle für ehemalige Mitglieder der „Loyalist Volunteer Force“ (LVF), der „Ulster De- fence Association“ (UDA) sowie der „Ulster Freedom Fighters“ (UFF) war, die sich
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
gegen die Bestimmungen des Abkommens stellten. Die geschätzte Mitgliederzahl beläuft sich auf mehrere Dutzend (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007g, vgl. auch
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
Ulster Defence Association (UDA)
Die „Ulster Defence Association“ operiert auch unter dem Decknamen „Ulster Free- dom Fighters“ (UFF). Diese Organisation ist die größte paramilitärische Vereinigung der Loyalisten. Zu ihrer Hochzeit in den 70ern hatte sie geschätzte 40.000 Mitglieder, deren Zahl inzwischen auf wenige hundert geschrumpft ist. Ihr politischer Arm ist die „Ulster Democratic Party“ (UDP). Die UDA beteiligte sich 1994 an dem Waffenstill- stand der paramilitärischen Verbände der loyalistischen Seite. In den darauf folgen- den Jahren brach sie ihn jedoch mehrfach. Anfangs unterstützten die UDA die UDP und das Nordirland-Abkommen von 1998. 2001 löst sich ihr politischer Arm, die UDP, mit der Begründung auf, die Mehrzahl ihrer Mitglieder unterstütze nicht mehr die Be- stimmungen des Friedensabkommens von 1998. Die UDA ist noch nicht entwaffnet. In den letzten Jahren waren ihre Mitglieder gelegentlich in gewalttätige Aktionen in- volviert (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007j, vgl. auch UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
Ulster Volunteer Force (UVF)
Die paramilitärische Organisation UVF ist auch unter den Synonymen „Protestant Action Force“ oder „Protestant Action Group“ bekannt. Sie hatte in den 70ern vermut- lich über 1.500 Mitglieder zu verzeichnen. Die Zahl ist inzwischen auf wenige hundert geschrumpft. Ihr politischer Arm ist die „Progressive Unionist Party“ (PUP). Auch die
UVF beteiligte sich am Waffenstillstand von 1994. In den 90ern und zu Beginn dieses
Jahrtausends war die UVF in Fehden mit der „Loyalist Volunteer Force“ (LVF) und der „Ulster Defence Association“ (UDA) verstrickt. Auch die UVF unterstützte anfangs die Bestimmungen des Friedensabkommens, stellte sich aber nach kurzer Zeit dage- gen. Der Verband ist bis heute bewaffnet (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007j, vgl. auch
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
2.3.2 Die nationalistische/republikanische Seite
Sinn Féin
Die Partei „Sinn Féin“ wird als politischer Flügel der IRA betrachtet (vgl. UNIVERSITY
OF ULSTER 2007i). Unter ihrem Präsidenten Gerry Adams wurde sie politisch „salon-
fähig“ und ab 1997 in die Friedensgespräche offiziell mit einbezogen (vgl. UNIVERSITY
OF ULSTER 2007k). Aus den jüngsten Wahlen zum nordirischen Parlament ging sie
als zweitstärkste Kraft hervor (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007q).
Social Democratic and Labour Party (SDLP)
Die SDLP ist eine gemäßigte Partei, die nationalistisches Gedankengut vertritt. Das heißt, ihre Mitglieder streben eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland auf friedlichem Wege an. Bis vor wenigen Jahren war sie die größte und wichtigste Partei auf katholischer Seite (vgl. FITZDUFF ; O’HAGAN 2000, vgl. auch UNIVERSITY OF ULSTER 2007i). Ihr Vorsitzender von 1979 bis 2001 war John Hume. Dieser hat eine heraus- ragende Rolle im nordirischen Friedensprozess der letzen Jahrzehnte gespielt und dafür 1998 zusammen mit David Trimble (UUP) den Friedensnobelpreis erhalten (vgl. BBC 2001a, vgl. auch Anhang 1). Den aktuellen Vorsitz hat Mark Durkann (vgl.
SOCIAL DEMOCRATIC AND LABOUR PARTY 2007). 1998 war die SDLP hinter der UUP
zweitstärkste Kraft im nordirischen Parlament (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007o). Bei den letzten Wahlen lag sie abgeschlagen auf dem vierten Platz (vgl. UNIVERSITY OF
ULSTER 2007q).
Continuity Irish Republican Army (CIRA)
Die Mitglieder der „Continuity Irish Republican Army” treten bei Anschlägen auch unter dem Decknamen „Irish Continuity Army Council” (ICAC) oder „Continuity Army Council” (CAC) in Erscheinung. Diese Gruppierung wurde ab 1996 bekannt. Es wird vermutet, dass die Vereinigung ihre Mitglieder aus anderen paramilitärischen Ver- bänden der republikanischen Seite, vor allem der IRA und der „real“ IRA rekrutierte,
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
die mit dem Verlauf der Friedensgespräche und dem Waffenstillstand unzufrieden waren. Vermutungen, dass die CIRA der militärische Arm der Partei „Sinn Féin“ sei, ließen sich jedoch nicht bestätigen. Der Verband verfügt über einige Dutzend Mitglie- der, die bisher noch bewaffnet sind (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007b, vgl. auch
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
Irish National Liberation Army (INLA)
Die „Irish National Liberation Army” wurde 1975 unter dem Namen „People's Libera- tion Army“ (PLA) gegründet. Sie operiert bei Anschlägen auch unter den Bezeich- nungen „People's Republican Army“ (PRA) oder „Catholic Reaction Force“ (CRF). Das Ziel dieser paramilitärischen Organisation ist nicht nur die Wiedervereinigung von Nordirland mit der Republik Irland, sondern der Aufbau einer revolutionären so- zialistischen Republik. Es wird vermutet, dass viele Mitglieder der INLA sich aus der „Official Irish Republican Army“ (OIRA) rekrutierten, die 1972 ihren Waffenstillstand erklärte. Der Verband erzielte weltweit Aufmerksamkeit, als er die Verantwortung für die Autobombe übernahm, die den britischen Kriegshelden und Politiker Airey Neave innerhalb der Mauern des Westminster Palace tötete. Die INLA erklärte 1998 einen Waffenstillstand, verweigerte sich jedoch einer Entwaffnung. Ihre Mitgliederzahl wird auf einige Dutzend geschätzt (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007d, vgl. auch
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
Irish Republican Army (IRA)
Die IRA ist auch unter den Synonymen „Provisional Irish Republican Army” (PIRA), „Provos“ oder „Direct Action Against Drugs“ (DAAD) bekannt. Ihre gälische Bezeich- nung lautet „Óglaigh Na hÉireann“. Diese paramilitärische Organisation wurde ur- sprünglich aus Mitgliedern des Osteraufstandes von 1916 gegründet. Die Mitglieder dieses Aufstands versuchten, die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien mit Gewalt zu erreichen. Im Dezember 1969 spaltete sich die IRA in die „Officials“ und „Provisionals“. Beide paramilitärischen Verbände hatten einen politischen Flügel, die „Official“ und „Provisional“ „Sinn Féin“ (SF). Die „Official“ IRA erklärte 1972 einen
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Waffenstillstand. Seither bezieht sich die Bezeichnung IRA auf die „Provisional“ IRA. Diese stieg fortan zur größten paramilitärische Organisation der republikanischen Seite auf. In den 70er verfügte sie über rund 1.500 Mitglieder. Diese Zahl schrumpfte in den 90ern auf etwa 500, von denen nur wenige „aktiv“ waren. Die IRA erklärte ih- ren Waffenstillstand 1994, brach ihn 1996 und erneuerte ihn 1997. Obwohl die Orga- nisation die Bestimmungen des Friedensabkommens als nicht weit reichend genug für die republikanischen Ziele ansah, stellte sie sich nicht dagegen. Seit 2005 gilt die Organisation offiziell als entwaffnet (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007d, vgl. auch
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
„real" Irish Republican Army (rIRA)
Die „ ‚real’ Irish Republican Army“ operiert auch als „ ‚dissident’ Irish Republican Army“ (dIRA). Ihr gälischer Name ist mit dem der IRA identisch: „Óglaigh na hÉi- reann“. Die paramilitärische Organisation formierte sich 1997 aus ehemaligen Mit- gliedern der IRA, welche mit dem Verlauf des nordirischen Friedensprozesses und der generellen Führungsrolle von „Sinn Féin“ unzufrieden waren. Die paramilitärische Vereinigung bestand zunächst aus etwa 100 bis 200 Mitgliedern, zählte später aber kaum noch einige Dutzend. Die rIRA wendet sich vehement gegen die Bestimmun- gen des Friedensabkommens und ist nach wie vor nicht entwaffnet. Ihr werden enge Kontakte zur CIRA unterstellt (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007h, vgl. auch
UNIVERSITY OF ULSTER 2007y).
2.3.3 Frontübergreifende Parteien
Alliance Party of Northern Ireland (APNI)
Die APNI ist ein eine liberale Partei, die Anhänger auf beiden Frontseiten hat (vgl.
UNIVERSITY OF ULSTER 2007a). Sie war von Beginn an an den Mehrparteiengesprä-
chen zum Friedensprozess beteiligt (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007s). Ihren Vorsitz hält zurzeit David Ford (vgl. ALLIANCE PARTY OF NORTHERN IRELAND 2007). Bei den
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
letzen Wahlen konnte sie als fünftstärkste Kraft sieben Sitze im nordirischen Parla- ment erringen (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007q).
Northern Ireland Women's Coalition (NIWC)
Die NIWC wurde 1996 als frontübergreifende Partei gegründet, die zudem Frauen ermutigen sollte, sich stärker in die Politik einzubringen. Die Partei unterstützte das Karfreitagsabkommen in vollem Unfang. 2003 hielt sie zwei Sitze im nordirischen Parlament. 2006 wurde die NIWC aufgelöst (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007f).
2.4 Voraussetzungen für den nordirischen Friedensprozess
Eine Reihe von Ereignissen in den 80er und 90er Jahren ermöglichte den jüngsten nordirischen Friedensprozess. Eine wichtige Grundlage wurde durch das Anglo- Irische Abkommen von Hillsborough im Jahr 1985 gelegt. Dieses Abkommen zwi- schen dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und der Republik Irland legte fest, dass der politische Status Nordirlands zukünftig vom Mehrheitswillen seiner Be- völkerung abhängen und beide Bevölkerungsgruppen über die gleichen Rechte ver- fügen sollten. Dieses Abkommen hätte erste Voraussetzungen dafür schaffen kön- nen, dass die unionistische Mehrheit die (politische) Macht mit der Gegenseite hätte teilen müssen. Außerdem erhielt die irische Regierung erstmalig eine beratende Funktion in nordirischen Belangen (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007n, vgl. auch MOR-
TON o. J.).
Das eigentliche Ziel, die Aussöhnung beider Frontseiten und die Etablierung eines nordirischen Friedens, konnte nicht erreicht werden, da das Abkommen von beiden Seiten mehrheitlich abgelehnt und massiv bekämpft wurde. Die Unionisten fürchteten um die Zugehörigkeit Nordirlands zum Vereinigten Königreich und um ihre privilegier- te Stellung. Die Republikaner bemängelten hingegen, dass das Abkommen weit hin- ter ihren Forderungen zurückgeblieben sei (vgl. UNIVERSITY OF ULSTER 2007m, vgl. auch MORTON o. J.).
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Dennoch bildet diese Vereinbarung die Grundlage für das Karfreitagsabkommen von 1998. So beschlossen beide Regierungen, zukünftig in der Nordirlandfrage sowohl in politischen als auch in rechtlichen und sicherheitsrelevanten Belangen zu kooperie- ren (vgl. DARBY 2003). In diesem Zusammenhang dürfte es nach Ansicht der Autorin der vorliegenden Arbeit ein wichtiges Signal für die republikanische Seite gewesen sein, dass Großbritannien nicht länger an Nordirland als Teil des Königreiches fest- halten wollte.
Zu diesem Zeitpunkt veränderte sich auch der Umgang mit der gesellschaftlichen Situation in Nordirland. Die Diskriminierung der katholischen Bevölkerung wurde öf- fentlich angesprochen und Anstrengungen zur sozialen und ökonomischen Gleich- stellung unternommen. Vor diesem Hintergrund entstand auch die Bereitschaft in einigen Teilen beider Gemeinschaften, beispielsweise in der Wirtschaft und in Ge- werkschaften, einen Friedensprozess zu unterstützen. In diesem Klima entwickelten sich liberale und frontübergreifende Parteien und Gruppierungen, wie etwa die „Wo- men’s Coalition“, die mit veralteten Denkmustern brachen (vgl. FITZDUFF ; O’HAGAN 2000).
Diese gesellschaftlichen Umwälzungen führten zu einer nachlassenden Popularität von IRA und „Sinn Féin“, die bisher versucht hatten, Großbritannien durch anhalten- de terroristische Aktivitäten zu „zermürben“ und zum Rückzug aus Nordirland zu zwingen. Mitte der 80er Jahre setze daher unter den militanten republikanischen Kräften eine Diskussion darüber ein, ob die bisherige Taktik noch länger aufrecht zu erhalten sei. Man entschloss sich, über die Partei „Sinn Féin“ auf politischem Wege stärkeren Einfluss zu nehmen (vgl. DARBY 2003). In diesem Zusammenhang ist an- zumerken, dass auch die Britische Armee einsah, dass die IRA militärisch nicht zu besiegen sei (vgl. FITZDUFF ; O’HAGAN 2000).
Aus dieser Situation heraus begannen 1988 die Gespräche zwischen SDLP-Partei- chef John Hume und Sinn-Féin-Präsident Gerry Adams. Sie wurden nach zwischen- zeitlicher Unterbrechung 1993 wieder aufgenommen. Inhalt der Unterredungen war die Suche nach einem friedlichen Weg zur Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland (vgl. INGRAHAM 1998, vgl. auch HUME ; GRIEHSEL 2006). Auf die Gespräche
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
wurde nach ihrem Bekannt werden zunächst von allen Seiten mit scharfer Kritik rea- giert (vgl. DARBY 2003).
Ebenfalls von entscheidender Bedeutung für einen erfolgreichen Fortgang des Frie- densprozesses war die Kooperationsbereitschaft der loyalistischen paramilitärischen Verbände. Darby (2003) urteilt diesbezüglich:
The Progressive Unionist Party (PUP) and the Ulster Democratic Party (UDP), representing respectively the UVF and UDA, often appeared more pragmatic and willing to compromise than the constitutional un- ionist parties.
Auch auf internationaler Ebene wurden die Bemühungen um einen nordirischen Frieden vorangetrieben. Besondere Unterstützung erhielt der Friedensprozess aus den USA. Zu den Hintergründen merkt Darby (2003) an:
The emergence of a small group of Irish-Americans, with key political and corporate links, was instrumental in persuading the Clinton White House to be come interested in Northern Ireland. They reflected back- ground changes within the Irish-American diaspora. Traditionally sym- pathetic towards militant republicanism, many moderated their attitude and encouraged Irish republicans to consider the advantages offered by a ceasefire and a peace process. For Clinton, Northern Ireland would be a low-cost, low-risk foreign policy en- deavour. He was push- ing a door already half open.
2.5 Der nordirische Friedensprozess seit 1988
Diese Faktoren führten dazu, dass die Gespräche von Hume und Adams im Laufe der Zeit zu offiziellen Verhandlungen aller Beteiligten wurden, die im Karfreitagsab- kommen von 1998 münden sollten. Die wichtigsten Bestimmungen dieses Friedens- vertrages lassen sich wie folgt vereinfacht darstellen:
• Nordirland erhält künftig ein halbautonomes Parlament sowie eine halbau- tonome Regionalregierung.
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
• Das Britisch-Irische Abkommen ersetzt das Anglo-Irische Abkommen.
• Ein Nord-Süd-Ministerrat soll die Zusammenarbeit zwischen Nordirland und der Republik Irland stärken.
• Ein britischer „Rat der Inseln“ befasst sich mit Fragen von gemeinsamen Interessen (beteiligt sind Vertreter der irischen und britischen Regierung sowie Repräsentanten der teilautonomen Regionen Nordirland, Schottland und Wales).
• Irland streicht seinen Anspruch auf Nordirland aus der Verfassung, Groß- britannien ändert dementsprechend sein Irland-Gesetz von 1920.
• Eine Wiedervereinigung ist möglich, falls die Mehrheit der gesamten iri- schen Bevölkerung dies wünscht.
• Die Bestimmungen des Nordirland-Abkommens müssen in einem gemein- samen Referendum von der Bevölkerung in Nordirland und der Republik Ir- land bestätigt werden, um in Kraft treten zu können.
• Die paramilitärischen Verbände verpflichten sich zu einer Entwaffnung bin- nen zwei Jahren nach dem Referendum.
(vgl. ARCHIV DER GEGENWART Jahrg. 1998:
Parteichef David Trimble konnte die Mehrheit seiner Partei davon überzeugen, sich hinter das Abkommen zu stellen. Einen Monat später wurde es in einem zweifachen Referendum sowohl von der nordirischen als auch von der irischen Bevölkerung an- genommen. Bei den ersten Wahlen zur nordirischen Regionalversammlung gewan- nen die gemäßigten Parteien. Stärkste Kraft wurde die UUP, gefolgt von der SDLP. David Trimble wurde zum Ersten Minister der zukünftigen nordirischen Regierung ernannt. Diese nahm ihre Arbeit jedoch nicht auf, da ein Streit über die Entwaffnung der IRA entbrannte. Die Ulster Unionisten unter David Trimble forderten den soforti- gen Entwaffnungsbeginn der IRA als Voraussetzung für eine Regierungsbeteiligung von „Sinn Féin“. Die Republikaner ihrerseits bestanden darauf, zunächst an der Re- gierungsbildung beteiligt zu werden (UNIVERSITY OF ULSTER 2007u, vgl. auch
FLETCHER ; WHITELL 1998).
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Der Streit um die Entwaffnung der IRA sowie um eine Reform der von Unionisten dominierten Polizei blockierte den weiteren Friedensprozess (vgl. DARBY 2003). In- mitten dieser Streitigkeiten wurden David Trimble (UUP) und John Hume (SDLP) am
17. Oktober 1998 für ihre Anstrengungen auf der Suche nach einer friedlichen Lö-
sung für den Nordirlandkonflikt gewürdigt und als zukünftige Träger des Friedens- nobelpreises ausgewählt (vgl. Anhang 1, vgl. auch NOBEL FOUNDATION, THE 2007). Hume wurde dabei vom Komitee für seine Hartnäckigkeit belohnt (vgl. SÜDDEUTSCHE
ZEITUNG 1998). Über die Auszeichnung Trimbles heißt es in der „Süddeutschen Zei-
tung“ (ebd.), dass er „in einer kritischen Phase der Verhandlungen Lösungen vorge- schlagen habe, die zu dem Abkommen [zum Karfreitagsabkommen, Anm. von mir] geführt hätten (…).“ Diese Ankündigung wurde von allen Frontseiten sehr unterschiedlich aufgenommen (vgl. Anhang 1) und auch Preisträger Trimble selbst war der Auffassung, dass diese Auszeichnung zu früh gekommen sei (vgl. FLETCHER ; WHITELL 1998).
Der weitere Friedensprozess kam nur schleppend voran. Zwar konnte die Einigung hinsichtlich mehrerer kritischer Fragen erreicht werden. So wurde eine Reform der
der Polizei 5 verabschiedet. Des Weiteren erfolgte eine Festlegung und Aufteilung der Ministerien der zukünftigen nordirischen Verwaltung. Außerdem konnte eine Einigung hinsichtlich der Zuständigkeiten der zukünftigen Nord-Süd-Körperschaften, die eine Zusammenarbeit zwischen Nordirland und Irland regeln sollten, erreicht werden. Doch die Frage einer Entwaffnung der IRA stand weiterhin im Raum (vgl. DARBY 2003).
Im weiteren Verlauf des Friedensprozesses wurde das nordirische Parlament mehr- fach ein- und wieder abgesetzt. Zu einer handlungsfähigen Regierung hingegen kam es aufgrund der verhärteten Frontseiten nicht. Die Unionisten forderten die Auflösung der IRA. Die Nationalisten ihrerseits die vollständige Umsetzung der Reform der briti- schen Polizei in Nordirland (vgl. DARBY 2003, vgl. auch Anhang 2).
5 Die „Royal Ulster Constabulary“ (RUC) sowie ihre umstrittene Zusatzeinheit „Ulster Special Consta-
bulary“ - bekannt als „B Specials“ - wurden 2001 durch „Police Service of Northern Ireland” (PSNI)
ersetzt (vgl. BBC 2001b).
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Konflikt und Friedensprozess in Nordirland
Obwohl es im Verlauf des jüngsten Friedensprozesses in den letzen Jahren immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen ist, (vgl. Anhang 2, vgl. auch
SHARROCK 2005a, SHARROCK 2005b) haben sich doch Veränderungen ergeben, die
noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. So hat die IRA am 28. Juli 2005 ihren bewaffneten Kampf für beendet erklärt und seit dem 26. September 2005 gilt die Organisation offiziell als entwaffnet (vgl. Anhang 2). Inzwischen scheint sogar die Bildung einer nordirischen Regierung in greifbare Nähe gerückt zu sein. Denn die Führer der beiden stärksten Parteien der letzten Parlamentswahlen, DUP-Chef Ian Paisley auf protestantischer und Gerry Adams auf republikanischer Seite, haben sich darauf verständigt, Nordirland zukünftig gemeinsam regieren zu wollen. Die Regie- rung soll am 8. Mai 2007 ihre Arbeit aufnehmen (vgl. ARD 2007).
31
Die journalistische Arbeit
3. Die journalistische Arbeit
3.1 Das Framing-Konzept
Da sich die vorliegende Arbeit mit den Unterschieden hinsichtlich der Berichterstat- tung über dasselbe außersprachliche Ereignis in verschiedenen Zeitungen befasst, soll zunächst ein Ansatz vorgestellt werden, der dazu dienen kann diese Unterschie- de zu erklären.
Journalisten müssen täglich aus der Flut von Ereignissen auswählen, worüber sie berichten und welche Aspekte dabei berücksichtigt werden sollen. Da wir unser Weltbild zumindest zum Teil aus den Medien beziehen, beeinflussen die Journalisten durch ihre Selektion unsere Sicht auf die Welt um uns herum.
Tuchmann (1978: 1) bemerkt zu diesem Phänomen:
News is a window on the world. (…) But, like any frame that delineates a world, the news frame may be considered problematic. The view through a window depends upon whether the window is large or small, has many panes or few, whether the glass is opaque or clear, whether the window faces a street or a backyard. The unfolding scene also de- pends upon where one stands, far or near, craning one’s neck to the side, or gazing straight ahead, eyes parallel to the wall in which the window is encased.
Ein „Frame“ lässt sich demnach als eine kognitive Struktur betrachten, die als Inter- pretationsrahmen unsere Informationsverarbeitung beeinflusst. So wirken sich derar- tige Rahmen auf beiden Seiten des Kommunikationsprozesses zwischen Sender (dem Journalisten) und Empfänger (dem Leser) aus. Auf der Senderseite beeinflus- sen sie den Journalisten, der Informationen selektiert und strukturiert. Auf Seiten des Empfängers werden die aufgenommenen Informationen in den bereits vorhandenen Interpretationsrahmen eingeordnet oder neue Rahmen entwickelt (vgl. KUNCZIK;
ZIPFEL 2001: 271f).
32
Die journalistische Arbeit
Dieses Konzept kann somit zur eingangs gestellten Frage, worin die Unterschiede in der Berichterstattung verschiedener Zeitungen zu demselben außersprachlichen Ereignis begründet sind, zumindest eine grundsätzliche Antwort geben.
3.2 Systematik journalistischer Textsorten nach Lüger
Um die Auswahl der Textsorten für die im sechsten Kapitel folgende Analyse nach- vollziehbar zu gestalten, soll an dieser Stelle ein Überblick über die unterschiedlichen journalistischen Textsorten gegeben werden. Daran anschließend wird auf die Text- sorten eingegangen, welche für die vorliegende Arbeit relevant sind.
Lüger (1995: 77ff) unterteilt Zeitungstexte in fünf Textklassen:
• kontaktorientierte Texte
• informationsbetonte Texte
• meinungsbetonte Texte
• auffordernde Texte
• instruierend-anweisende Texte
Unterscheidungskriterium bildet hier die Intentionalität des Autors.
Innerhalb dieser Klassen ordnet Lüger die Texte bestimmten Textsorten zu. Als Text- sorte definiert er „Sprachhandlungsschemata (..), die mit bestimmten Textmustern und -strategien jeweils spezifische Vermittlungsaufgaben erfüllen.“ (LÜGER 1995: 77) In Bezug auf die Schemata journalistischer Textsorten fügt Lüger (ebd.) erklärend hinzu:
Texte sind nicht durchweg nach bestimmten Abfolgeschemata struktu- riert, weil sie damit einer vorgegeben Konvention folgen, sondern weil diese Muster unter den konkreten Situationsbedingungen als geeignet für die betreffende Informationsverwirklichung angesehen werden oder sich solche im Laufe der Zeit etabliert haben.
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Die journalistische Arbeit
Die Zeitungstexte der vorliegenden Arbeit sind ausschließlich den Textsorten Bericht und Reportage zuzuordnen. Da Bericht und Reportage im Kern Ähnlichkeiten mit einer (harten) Nachricht aufweisen, soll auch diese Textsorte kurz vorgestellt werden. Auf die Darstellung der übrigen journalistischen Textsorten wird an dieser Stelle ver- zichtet.
3.3 Die journalistischen Textsorten in der vorliegenden Arbeit
3.3.1 Die Nachricht
„Nachrichten sollen (…) den Leser aktuell, sachlich, d.h. ohne Beigabe von Kommen- tierungen, und prägnant informieren“ (LÜGER 1995: 94). Nachrichten lassen sich wie- derum unterteilen in harte Nachrichten und weiche Nachrichten. Dabei beziehen sich harte Nachrichten auf Angelegenheiten aus Politik und Wirtschaft. In weichen Nach- richten geht es um die Faktoren Prominenz, Kuriosität und human interest (vgl. MAST 2004: 243). Da die weiche Nachricht für die vorliegende Arbeit nicht relevant ist, wird an dieser Stelle nicht näher auf sie eingegangen.
Der Textaufbau einer harten Nachricht wird laut Mast (a.a.O.: 244) häufig als eine umgekehrte Pyramide dargestellt. Die wichtigste Information, das Neue, steht am Anfang. Danach folgen Informationen nach abnehmender Wichtigkeit. Diese Anord- nung bietet dem Journalisten die Möglichkeit, vom Textende ausgehend, schnell Kürzungen vornehmen zu können.
Doch Lüger kritisiert, dass der Aufbau einer harten Nachricht sich nicht nur nach ab- nehmender Wichtigkeit der Informationen beschreiben lässt. Als wesentliches mak- rostrukturelles Prinzip für den Aufbau sieht er „ein Verknüpfungsprinzip, welches dar- auf basiert, dass der fortlaufende Text eine im Titel oder im Titelgefüge vermittelte Kerninformation zunehmend erweitert, präzisiert, ergänzt, kurz: spezifiziert.“ (LÜGER 1995: 98) Das bedeutet, die Informationen werden nach ihrer Nähe zum themati- schen Kern gegliedert.
34
Die journalistische Arbeit
3.3.2 Der Bericht
Der Bericht wird häufig als eine längere Nachricht betrachtet. Er ist zwar länger, folgt aber den gleichen makrostrukturellen Prinzipien wie eine Nachricht, wobei sich das Prinzip abnehmender Wichtigkeit jedoch nicht auf einzelne Sätze, sondern ganze Abschnitte anwenden lässt (vgl. LÜGER 1995: 109). Hierzu merkt Lüger (ebd.) kritisch an: „Eine solche Bestimmung des Berichts als textreiche Nachricht stimmt jedoch mit der konkreten Realisierung in Zeitungen längst nicht mehr überein.“ Zwar bildet auch beim Bericht ein bestimmter Sachverhalt den Informationskern, doch ergeben sich laut Lüger (ebd.) einige wesentliche Unterschiede im Vergleich zu einer (harten) Nachricht, die hier sinngemäß und stichpunktartig wiedergegeben werden:
• Ein Bericht ist deutlich länger als eine Nachricht.
- Eine Informationsabfolge lediglich auf abnehmender Wichtigkeit basierend, würde monoton wirken.
• Die Informationsabfolge eines Berichts ist weitestgehend chronologisch aufgebaut.
• Ein Bericht enthält weitere Komponenten wie Zitate, kommentierende Stel- lungnahmen oder Hintergrundinformationen.
• Ein Bericht ist auf die Ganzlektüre konzipiert.
- Es werden üblicherweise rezeptionserleichternde und stimulier- ende Elemente eingebaut.
Es bleibt jedoch festzuhalten, dass diese Merkmale nach Ansicht Lügers (a.a.O.: 109ff) in der Praxis relativ flexibel gehandhabt werden.
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Die journalistische Arbeit
Der übliche Aufbau eines Berichts wird von Lüger (1995: 109) wie folgt beschrieben:
Texteröffnung Titel(gefüge) (evtl.: + Angabe des Korrespondenten) lead/Aufhänger Hauptteil Berichtetes Hauptgeschehen (+ Zitate/Kommentare/Hintergrundinformationen) Textschluss Stellungnahme/Prognose
3.3.3 Die Reportage
Bericht und Reportage sind sich sehr ähnlich, doch lassen sich nach Auffassung Lü- gers (a.a.O.: 113ff) wichtige Unterschiede finden. Diese Unterschiede, die er als Kri- terium für eine Differenzierungsnotwendigkeit zwischen beiden Textsorten sieht, ge- hen hauptsächlich darauf zurück, dass der Autor einer Reportage, im Gegensatz zum Verfasser eines Berichts, aus der Augenzeugenperspektive schreibt.
Diese Augenzeugenperspektive bietet dem Autor neben den Handlungen 6 , wie sie auch in Berichten üblich sind, laut Lüger (a.a.O.: 114) folgende Möglichkeiten:
a) mitteilen, was der Berichtende gesehen, gehört und erlebt hat
b) mitteilen, aus welcher Perspektive das Ereignis dargestellt wird
c) mitteilen, was der Berichtende recherchiert hat
d) mitteilen, in welchen politischen, historischen, sozialen, kulturellen Zu- sammenhängen der Berichtende das Ereignis sieht
e) mitteilen, welche Rolle der Berichtende bei der Recherche gespielt hat
f) mitteilen, auf welche Weise der Berichtende das Berichtete erlebt hat.
6 Derartige Handlungen können beispielsweise sein: zusammenfassen, kommentieren, eine Prognose
abgeben usw.
36
Die journalistische Arbeit
Zusammenfassend hält Lüger (1995: 114) fest: „Einen Sachverhalt subjektiv zu prä- sentieren, bedeutet also nicht nur mitteilen, dass sich etwas oder wie sich etwas er- eignet hat, sondern vor allem, wie ein Geschehen aus der Sicht des Berichterstatters verlaufen ist (…).“
Durch diese Erlebnisperspektive wird dem Leser nach Ansicht Lügers (a.a.O.: 115) eine möglichst große Nähe zum Geschehen suggeriert. Dieses Erlebnisgefühl wird häufig durch einen szenischen Texteinstieg unterstützt, auf den ein Perspektiven- wechsel folgt. Da auch im Haupttext häufig mehrere solcher Perspektivenwechsel vorgenommen werden und auch weitere Einschübe, beispielsweise mit Zitaten oder szenischen Einzelheiten erfolgen können, ist die Informationsabfolge nur bedingt chronologisch.
Ein weiteres typisches Merkmal einer Reportage besteht laut Lüger (a.a.O.: 116) in der thematischen Rahmenbildung. Häufig wird im Textschluss wieder ein inhaltlicher Aspekt aus der Einleitung aufgenommen. Auch der Abschluss durch eine Pointe ist typisch für diese Textsorte.
37
Das Textkorpus
4. Das Textkorpus
4.1 Die Auswahl des Ereignisses
Der nordirische Friedenprozess ist sehr komplex und sein stockender Verlauf lässt sich von Außenstehenden nur schwer nachvollziehen. Daher sollte die Textauswahl das Ziel unterstützen, dem Leser der vorliegenden Arbeit ein Verständnis für die Ge- schehnisse in Nordirland zu vermitteln. Vor diesem Hintergrund wurde die Auswahl auf ein Ereignis eingrenzt, das mit den Ursachen der aktuellen Entwicklung in Nordir- land in enger Verbindung steht. Des Weiteren sollen die Kernprobleme des nordiri- schen Friedensprozesses in der dazugehörigen Berichterstattung thematisiert wer- den.
Das Ereignis, das diese Voraussetzungen erfüllt, und daher den thematischen Rah- men für die zu analysierenden Texte vorgibt, ist die Auszeichnung der nordirischen Politiker John Hume und David Trimble mit dem Friedensnobelpreis im Jahre 1998. Dieses Ereignis wurde gewählt, weil es mit den Ursprüngen der derzeitigen Entwick- lungen in Nordirland unmittelbar in Verbindung steht. So wurden Hume und Trimble primär für ihre Beiträge zum Zustandekommen des nordirischen Friedensvertrages von 1998 ausgezeichnet. Dieser Vertrag bildet die Grundlage für die derzeitigen Be- mühungen um eine nordirische Regierung aus Vertretern beider Frontseiten.
Des Weiteren liegt ein besonderes Merkmal der Berichterstattung zu diesem Ereignis darin, dass viele Journalisten die Auszeichnung Trimbles und Humes zum Anlass nahmen, die Erfolge und Probleme des nordirischen Friedensprozesses zu reflektie- ren. Auf diese Weise bieten die Zeitungstexte des vorliegenden Korpus eine gute Grundlage, dem Leser außerhalb des nordirischen Kulturkreises den nordirischen Friedensprozess und die damit verbundenen Probleme näher zu bringen.
Außerdem bot das Ereignis den Journalisten die seltene Voraussetzung dafür, sich mit der Rolle beider Fronten im nordirischen Friedensprozess auseinanderzusetzen, ohne dass ein gewaltsamer Akt einer der beiden Parteien der Anlass dafür gewesen wäre. Denn Preisträger Hume ist Katholik und Preisträger Trimble Protestant.
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Das Textkorpus
Darüber hinaus hat auch ein pragmatischer Gesichtspunkt bei der Auswahl des Text- korpus eine Rolle gespielt. Die Auszeichnung der beiden Politiker Hume und Trimble stellt eines der wenigen herausragenden Ereignisse des nordirischen Friedenspro- zesses dar, über das in der internationalen Presse ausführlich genug berichtet wor- den war, um einen Vergleich über mehrere Zeitungen und ähnliche Textsorten hin- weg vornehmen zu können.
4.2 Die Auswahl der Textsorten
Um eine Vergleichbarkeit gewährleisten zu können, hat sich die Autorin der vorlie- genden Arbeit auf Berichte und Reportagen beschränkt. Beide Textsorten lassen sich den informationsbetonten Texten zuordnen (vgl. Kap 3.3).
4.3 Die Auswahl der Zeitungen
In der vorliegenden Arbeit stammen die Artikel aus folgenden Zeitungen: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), „Süddeutsche Zeitung“, „The [London] Times“, „The Guardian“, „The Irish Times“ und „The Belfast Telegraph“. Die Auswahl hat zwei Gründe. Zum einen waren die Nationen nach einem aufsteigenden Grad in das Er- eignis sowie in die dazugehörigen Zusammenhänge involviert. In diesem Zusam- menhang bleibt anzumerken, dass der „Belfast Telegraph“ eine Sonderstellung ein- nimmt. Denn durch die Differenzierung der britischen Presse in die englische und nordirische Presse lässt sich gezielt die Berichterstattung aus einer Region analysie- ren, die unmittelbar betroffen ist. Zum anderen steht hinter den ausgewählten Zei- tungen eine unterschiedliche politische Ausrichtung. Auf diese Weise kann exempla- risch verglichen werden, ob dieser Gesichtspunkt Auswirkungen auf die Berichter- stattung hat.
Ein weiteres erwähnenswertes Auswahlkriterium bezieht sich auf die deutsche Nati- on. In diesem Zusammenhang geht die Autorin der vorliegenden Arbeit davon aus, dass die deutsche Presse als neutraler Vergleichsmaßstab dienen kann. Denn
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Das Textkorpus
Deutschland war nur indirekt über die Friedensbemühungen der Europäischen Union in den damaligen nordirischen Friedensprozess involviert.
4.3.1 Vorstellung der ausgewählten Zeitungen
Im Folgenden sollen die Zeitungen dargestellt werden, denen die Artikel des vorlie- genden Korpus entstammen. Dabei handelt es sich bei allen Zeitungen um täglich erscheinende Qualitätsblätter mit hoher Auflage. Da das ausgewählte Ereignis im Jahr 1998 stattfand, beziehen sich die Angaben zu den Zeitungen primär auf diesen Zeitraum. Diese Informationen werden bei Bedarf um aktuellere Fakten ergänzt. Des Weiteren wird versucht, zu jeder Zeitung ihre politische Ausrichtung anzugeben. Die- se ist oft schwer zu belegen, da die Presse in der Regel das Bild vermitteln möchte, parteipolitisch unabhängig zu agieren.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
Die politische Ausrichtung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wird von Wilke (1999: 311) mit „rechts von der Mitte“ angegeben. Die Struktur ihrer Leserschaft weist auf einen hohen Bildungsgrad hin. Mehr als 50 Prozent der Leser verfügen demnach über einen Hochschulzugang (vgl. ebd.). Des Weiteren stellt Wilke (a.a.O.: 312) fest, dass von rund 8.500 befragten Entscheidungsträgern in Wirtschaft und
Verwaltung 14,2 Prozent die FAZ lesen. Den Anspruch, eine überregionale Zeitung 7 zu sein expliziert sie durch den Zusatz im Untertitel „Zeitung für Deutschland“. In die- sem Zusammenhang bemerkt Wilke (a.a.O.: 311), dass die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, neben der „Welt“ streng genommen die einzige national verbreitete (Abon- nement-)Zeitung von besonderer publizistischer Qualität in der Bundesrepublik ge- worden sei.
7 Voraussetzung für den Status einer überregionalen Zeitung ist, dass „mindestens die Hälfte der Auf- lage außerhalb des Erscheinungsgebietes vertrieben wird“ (vgl. WILKE a.a.O.: 312).
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Das Textkorpus
Die FAZ weist mehrere Besonderheiten auf, die sie von anderen großen Qualitätszei- tungen in der Bundesrepublik unterscheidet. So wird ihre Linie nicht von einem Chef- redakteur, sondern von einem Gremium von fünf Herausgebern bestimmt. Die politi- sche und geistige Unabhängigkeit soll von der „FAZIT-Stiftung“ gewährleistet wer- den, welche bis heute die Mehrheit der Anteile an der FAZ hält (vgl. FRANKFURTER
ALLGEMEINE ZEITUNG o. J.: 7). Somit sichern sich die Herausgeber einen maßgebli-
chen Einfluss in Wirtschaftsfragen, die den Verlag und die Zeitung betreffen.
1998 konnten mehr als 400.000 Exemplare verkauft werden (vgl. WILKE 1999: 311). Die Gesamtauflage ist bis zum Jahr 2006 leicht rückläufig, so konnten im vergange-
nen Jahr nur rund 365.000 8 Zeitungen abgesetzt werden (vgl. FRANKFURTER
ALLGEMEINE ZEITUNG o. J.: 9).
Die Süddeutsche Zeitung
Die „Süddeutsche Zeitung“ gilt als sozialliberale Zeitung. Ihre Leserschaft kommt ebenfalls zu einem beachtlichen Teil aus Wirtschaft und Verwaltung. Wilke (1999: 312) nennt 9,2 Prozent.
Zwei inhaltliche Besonderheiten sind an dieser Stelle erwähnenswert. Die Leitglosse unter dem Namen „Streiflicht“ ist zum Markenzeichen der „Süddeutschen Zeitung“ geworden. Ebenfalls eine inhaltliche Eigenheit ist die dritte Seite als Reportagensei- te.
1997 konnte laut Wilke (ebd.) ein Absatz von mehr als 374.000 Exemplaren ver- zeichnet werden, wovon jedoch rund drei Viertel auf Bayern entfallen. Inzwischen ist die Auflage auf fast eine halbe Million Exemplare und rund 1,2 Millionen tägliche Le- ser gestiegen (vgl. SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 2007).
8 Angaben für 2006
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Das Textkorpus
The [London] Times
Seit der Übernahme durch das „Murdoch-Imperium“ im Jahr 1981 gilt die politische Ausrichtung der „ [London] Times“ als rechts von der Mitte (vgl. LONGMAN 1992, vgl. auch ZEITVERLAG 2005).
Eine weitere Veränderung in diesem Zusammenhang betrifft die Zielgruppe der „[London] Times“. Nach der Übernahme konnte der Leserkreis von den „Top People“ auf Leser unterschiedlichen Alters und aller Schichten ausgeweitet werden (vgl.
QUELL 2007). Der Erfolg des Relaunch hat sich ebenfalls in den Verkaufszahlen nie-
dergeschlagen. Diese konnten laut Quell (ebd.) seit der Übernahme von 359.000 Ex- emplaren auf über 660.000 verkaufte Exemplare gesteigert werden.
The Guardian
Der „Guardian“ ist eine liberale britische Handelszeitung (vgl. ZEITVERLAG 2005). Laut LANGENSCHEIDT; COLLINS (2004) haftet dem Leser des „Guardian“ folgendes Klischee an:
Der typische Guardian reader ist (..) linksorientiert, bürgerlich, sieht sich
Politmagazine an und interessiert sich für ausländische Kunst und Fil-
me. Lehrer und Sozialarbeiter gelten als typische Vertreter dieses Le-
serkreises.
The Irish Times
Die politische Ausrichtung der „Irish Times” ist schwer zu belegen, jedoch gewann die Autorin der vorliegenden Arbeit den persönlichen Eindruck, dass zahlreiche Arti- kel des Jahrgangs 1998 in Bezug auf die Nordirlandproblematik eine pro-katholische beziehungsweise eine pro-republikanische Tendenz aufweisen. 1998 verzeichnete die Zeitung durchschnittlich eine tägliche Leserschaft von 111.243 (vgl. MORAN 2007b). Diese Zahl wurde in wenigen Jahren mehr als verdreifacht. So hat die „Irish Times“ inzwischen über 336.000 tägliche Leser (vgl. MORAN 2007a).
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Simone Kotarra, 2007, Der Friedensprozess in Nordirland im Spiegel der irischen, britischen und deutschen Presse, Munich, GRIN Publishing GmbH
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