Dramatisch offenbart Derrida die Strategie seines Denkens mit der Programmschrift "Die différance" als Versuch, sein unübersichtliches Gedankengeflecht mit dem zentrierenden Griff einer Rede immer wieder neu zu bündeln, da es einen eindeutigen philosophisch argumentativen Anfang innerhalb seiner Aussagen oder gar ein Zentrum aller sich einschreibenden Diskurse nicht geben kann.
Derrida greift in das Netzwerk all seiner Gedanken hinein und erzeugt kein diskursives Zentrum, sondern eine künstlich flottierende Textur, ein Bündel, das „den Charakter eines Einflechtens, eines Webens, eines Bindens hat, welches die unterschiedlichen Linien des Sinns wieder auseinanderlaufen läßt,” (Derrida 1988, 30.) d. h. der Text Die différance.
Zeichensysteme und Schriftkonzepte sind nach Derrida keine Instrumente der Darstellung oder des Ausdrucks, sondern Kulturtechniken, welche die religiösen, politischen, philosophischen und gesellschaftlichen Tendenzen einer Epoche von außen her programmieren. Ob Zeichensysteme nicht wiederum auch relativ epochendeterminert sind, darüber schweigt Derrida. Hieraus ergibt sich die Stellung und Zielsetzung seiner Grammatologie: „Die Grammatologie muß alles, was den Begriff und den Phonologismus verbindet, dekonstruieren.” (Derrida, 1968, 80f.) Es geht der Grammatologie also nicht einfach darum, die für die logozentristischen Wissenschaften nicht erst seit Saussure und die moderne Philosophie symptomatischen Prätentionen von Wahrheit, Vollständigkeit und Präsenz diskursiver Zentren zu negieren, was wiederum ein Paradox ins Zentrum setzen würde, nämlich den Satz: Die einzige Wahrheit ist, daß es keine Wahrheit gibt. Stattdessen fordert Derrida ein Zurückgehen in die metaphysische Epoche als Rekonstruktion der Geschichte und Freudsches Durcharbeiten, d. h. in die dekonstruktivistische Relektüre, die weiß, daß der Logozentrismus nicht einfach suspendiert werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Jacques Derridas dekonstruktivistischen Ansatz, indem sie aufzeigt, wie Derrida das abendländische Denken als ein Geflecht von Spuren ohne festes Zentrum interpretiert. Dabei wird die Rolle der Schrift und die Funktion der „différance“ analysiert, um zu verdeutlichen, dass jeder Versuch einer philosophischen Totalisierung zwangsläufig an der Beschaffenheit der Sprache scheitert.
- Die Dekonstruktion der abendländischen Metaphysik und des Logozentrismus.
- Die Bedeutung der „différance“ als spielerisches Moment des Aufschubs und der Differenz.
- Die Kritik an der Vorstellung eines festen Ursprungs oder Zentrums im Diskurs.
- Die Metapher der Bastelei (bricolage) als Alternative zum idealisierten schöpferischen Denken.
- Die Untersuchung der Randzonen philosophischer Texte als Orte der Sinnkonstitution.
Auszug aus dem Buch
Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse
Dramatisch offenbart Derrida die Strategie seines Denkens mit der Programmschrift Die différance als Versuch, sein unübersichtliches Gedankengeflecht mit dem zentrierenden Griff einer Rede immer wieder neu zu bündeln, da es einen eindeutigen philosophisch argumentativen Anfang innerhalb seiner Aussagen oder gar ein Zentrum aller sich einschreibenden Diskurse nicht geben kann: Was ich hier vortrage, wird sich also nicht einfach wie eine philosophische Rede entwickeln, die nach dem Prinzip, nach Postulaten, Axiomen oder Definitionen verfährt und sich entlang der diskursiven Linearität einer Ordnung von Begründungen verschiebt. […] Eine Strategie schließlich ohne Finalität; man könnte dies blinde Taktik nennen, empirisches Umherirren, […] Gibt es ein Umherirren beim Zeichnen der différance, so folgt es der Linie des philosophisch-logischen Diskurses ebenso wenig wie der ihres symmetrischen und zugehörigen Gegenteils, des empirisch-logischen Diskurses.
Derrida greift in das Netzwerk all seiner Gedanken hinein und erzeugt kein diskursives Zentrum, sondern eine künstlich flottierende Textur, ein Bündel, das „den Charakter eines Einflechtens, eines Webens, eines Bindens hat, welches die unterschiedlichen Linien des Sinns wieder auseinanderlaufen läßt,” d. h. der Text Die différance. Derridas Rechtfertigung klingt zwingend, wenn er jedwede logozentristische Zentren des philosophisch anfänglichen Fragens derart dekonstruieren will, daß allein das unmerklich aber apriorische Wirken des Signifikanten das abendländische Denken in Antinomien und ontologischen Differenzen konfiguriert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse: Dieses Kapitel führt in Derridas Kritik an der abendländischen Metaphysik ein und erläutert sein Konzept des diskursiven Geflechts, welches ohne zentralen Ursprung auskommt.
Schlüsselwörter
Jacques Derrida, Dekonstruktion, Différance, Metaphysik, Logozentrismus, Bastelei, Bricolage, Schrift, Spur, Ontologie, Diskursanalyse, Zeichensysteme, Sprachkritik, Philosophie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Ansätze von Jacques Derrida, insbesondere seine kritische Auseinandersetzung mit der abendländischen Metaphysik und die Struktur der Dekonstruktion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Schrift, das Fehlen eines festen Zentrums in Diskursen, die "différance" und die Art und Weise, wie Bedeutung durch sprachliche Oppositionen erzeugt wird.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Derrida den Versuch einer philosophischen Totalisierung dekonstruiert und Sprache als ein sich ständig selbst webendes, instabiles Geflecht begreift.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine dekonstruktivistische Lektüre philosophischer Texte, um die internen Widersprüche und die Abhängigkeit von Zeichenstrukturen freizulegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Derridas zentrale Begriffe wie „différance“, „clôture“, „Bastelei“ (bricolage) und die Kritik am logozentrischen Verständnis von Ursprung und Präsenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Dekonstruktion, Logozentrismus, Spur, différance und die Metaphorik des Webens.
Was bedeutet der Begriff „différance“ im Kontext dieser Arbeit?
Sie wird als eine Strategie ohne Finalität verstanden, die das feste Identitätsdenken untergräbt und den Übergang von einem Sinn zum anderen als ständigen Aufschub kennzeichnet.
Inwiefern spielt das Konzept der „Bastelei“ eine Rolle für Derridas Denken?
Die „Bastelei“ dient als Gegenmodell zum schöpferischen „Ingenieur“. Sie beschreibt das kritische, diskursive Arbeiten mit vorhandenen Strukturen, ohne den Anspruch, einen absoluten Ursprung zu schaffen.
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- Dr. des. Robert Dennhardt (Author), 2003, Derridas Geflecht der sich selbst webenden Diskurse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79015