Universität Augsburg Philosophische Fakultät 1 Lehrstuhl für Politische Wissenschaft Wintersemester 2000/ 2001
Zivilgesellschaft in der Tschechoslowakei
„Zivilgesellschaft als Voraussetzung von Demokratisierung“
Verfasser: Tatjana Butorac
abgegeben am: 15.06.2001
QKDOWVYHU HLFKQLV
I. Einleitung S 01
II. Vorgeschichte S 02
III. Die Krisenphase S 05
IV. Die Phase des Wandels S 07
V. Die Phase der Institutionalisierung und Konsolidierung S 10
VI. Fazit S 14
VII. Literaturverzeichnis S 17
,(LQOHLWXQJ
Der Begriff der ,,Zivilgesellschaft" bzw. der „civil society“ tritt in aktuellen politischen und sozialwissenschaftlichen Debatten immer häufiger auf. Deshalb warnen in diesem Zusammenhang Wolfgang Merkel und Hans-Jochim Lauth: ,,Immer dann, wenn Begriffe der politischen Philosophie in den wohlfeilen Gebrauch der Alltagssprache übergehen, ist Vorsicht geboten. (...) Der umworbene Begriff droht seine inhaltliche Substanz zu verlieren und in analytischer Beliebigkeit zu versinken". 1
Ein wesentliche Grund für den enormen Aufschwung des Konzepts der ,,Zivilgesellschaft" liegt in den gesellschaftlichen Umbruchphasen in den Ländern Osteuropas. Beim Fall der ,,realsozialistischen" Systeme waren zivilgesellschaftliche Aktivitäten von großer Bedeutung. Die polnischen, ungarischen und tschechoslowakischen Oppositionsbewegungen orientierten sich stark an diesem Konzept. Die „civil society“ wurde dort als eine im Gegensatz zum Staate stehende Bürgergesellschaft antizipiert, die sich einen politischen und öffentlichen Raum, unabhängig vom Staat erkämpfte. 2
Ziel dieser Arbeit ist es die Zivilgesellschaft in der ehemaligen Tschechoslowakei zu untersuchen und zu beschreiben. Aus diesem Grund ist es notwendig sich zunächst mit der Geschichte seiner Völker zu beschäftigen, um dadurch die darauffolgenden Ereignisse in der Phase der Krise, des Wandels und der Konsolidierung sowie Institutionalisierung der Demokratie besser verstehen zu können. Im abschließenden Teil sollen relevante Kernaussagen der Analyse zusammengefasst werden.
1 W. Merkel/H.-J. Lauth, 1998 (S. 3)
2 Vgl. G. Lohmann , 1999 (S.1)
1
,, 9RUJHVFKLFKWH
Um zu einem besseren Verständnis der Zivilgesellschaft in der ehemaligen Tschechoslowakei zu gelangen, ist es unumgänglich sich mit ihrer Geschichte näher zu befassen. Denn gerade der Blick in die Vergangenheit erklärt die Eigenheiten und den Verlauf der zivilgesellschaftlichen Entwicklung in diesem Land.
Bei der geschichtlichen Beziehungen im allgemeinen ist zunächst folgendes festzuhalten: Beide westslawischen Völker entwickelten zwar jahrhundertlang in voneinander getrennten Staatsgebilden, dennoch war zwischen ihnen immer ein intensiverer Zusammenhalt als zu anderen Nachbarvölkern vorhanden. Zurückzuführen ist dieser Umstand insbesondere auf die gegenseitige Abhängigkeit. Die im deutschen Siedlungsgebiet ansässige tschechische Bevölkerung, die Angst vor einem germanischen Übergewicht hatte, sah in den Slowaken die einzige Verbindung zur slawischen Welt. Das slowakische Volk wiederum empfand den tschechischen Bruder als wichtigen Partner gegen die ungarische Assimilationspolitik. Ein weiterer, durchaus grundlegender Faktor, der eine qualitative und intensive Beziehung ermöglichte, waren/ sind die stark miteinander verwandten Sprachen. Dies und die ähnliche Herkunft hatten eine sich in weiten Teilen entsprechende Mentalität, Tradition, etc. zur Folge, so dass sich beide Völker als eine brüderliche Gemeinschaft sahen. 3 Mit der Auflösung Österreich- Ungarns entstand die 1. Tschechoslowakische Republik im Jahre 1918, in der die beiden Völker mit unterschiedlichem Entwicklungsstand eintraten. Die tschechische Gesellschaft hatte aufgrund von parlamentarischen Erfahrungen während der K.u.K- Monarchie Zeit sich demokratisch zu entwickeln und konnte so eine Reihe von demokratische denkender Politiker und Schriftsteller vorzeigen. Die Slowaken, die stark
3 Vgl. J. Mlynarik, 1993 (S. 16f)
2
unter der ungarischen Unterdrückungspolitik litten, konnten keine politischdemokratischen Traditionen aufweisen. 4 Ein Blick auf die Situation im Jahre 1918 schildert diese Unterschiede zwischen den beiden Völkern: „…Im Gegensatz zu Böhmen und Mähren [gab es in der Slowakei] - keine Hochschule, nicht einmal ein slowakisches Gymnasium; … las man Zeitungen in nicht mehr als etwa 500 Familien. Die Slowaken hatten nicht wie die Tschechen ihr Nationaltheater, nicht zu sprechen von einer entwickelten Industrie oder dem Bankwesen.“ 5 Die 1. Tschechoslowakische Republik war in ihrem 20jährigen Bestehen eine freiheitliche Massendemokratie mit vielfältigen Interessensorganisationen, in der im allgemeinen koalitions- und kompromisswillige Politiker mit einer durchaus wirksamen zentral gesteuerten Verwaltung aus Prag die politische Stabilität sicherten. 6 Dennoch wurden konfliktbringende Versäumnisse, die Auswirkungen bis in die heutige Zeit haben und auch neben dem 2. Weltkrieg maßgeblich an der Zerstörung der Republik mitwirkten, begangen. Das Verhältnis zur größten nationalen Minderheit, den Deutschen, blieb ungeklärt. Auch die Autonomieversprechen an die Slowaken wurden nie eingehalten. Der Grund dafür war die Angst vor einer deutschen Übermacht und möglichen Abspaltungsversuchen des slowakischen Teils durch die Ungarn. 7 „Man ging einfach davon aus.., die Slowaken würden einen zweiten, jüngeren Zweig der tschechoslowakischen Nation bilden und seien deshalb nicht ein eigenständiges slawisches Volk, sondern ein jüngerer Schössling des tschechoslowakischen.“ 8 Mit dem Münchner Abkommen 1938 endet die 1. Tschechoslowakische Republik. Deutsche Truppen besetzten das Land, was für die Tschechen zunächst zu immensen Gebietsverlusten und bald darauf zur völligen Übernahme durch die Deutschen führte. Die Slowakei wurde zum eigenständigen Staat ernannt, in der die katholisch-nationalistische
4 Vgl. Z.Eis, 1992 (S.163f)
5 Z. Eis, 1992 (S.164)
6 Vgl. J. Juchler (S.315)
7 Vgl. Z. Eis, 1992 (S.163)
8 Z. Eis ,1992 (S. 163)
3
Quote paper:
Tatjana Butorac, 2001, Zivilgesellschaft in der Tschechoslowakei, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Aufsplittung und Eingliederung der Tschechoslowakei in das Deutsch...
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Der Umbruch in der Tschechoslowakei und die Teilung des Landes
History Europe - Germany - Postwar Period, Cold War
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Der Aufbau der erzählten Welt in Bohumil Hrabals früher Prosa
Termpaper, 16 Pages
Der Begriff der "Entfremdung" in Vaclav Havels essayistische...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 34 Pages
Vorformendes utopischen Romans.J.A.Comenius "Labyrinth der Welt&q...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Philosophie im Kinder- und Jugendbuch, Buchbeschreibungen von Jostein ...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Tatjana Butorac's text Zivilgesellschaft in der Tschechoslowakei is now available as a printed book
Tatjana Butorac has published the text Zivilgesellschaft in der Tschechoslowakei
Tatjana Butorac has uploaded a new text
Die Tschechoslowakei und die beiden deutschen Staaten
Volker Zimmermann, Christoph Buchheim, Edita Ivanickova, Kristina Kaiserova
Die "Volksdeutschen" in Polen, Frankreich, Ungarn und der Tschechoslow...
Mythos und Realität
Jerzy Kochanowski, Maike Sach
Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West
Begriffe, Geschichte, Chancen
Manfred Hildermeier, Jürgen Kocka, Christoph Conrad
Religion zwischen Zivilgesellschaft und politischem System
Befunde - Positionen - Persp...
Antonius Liedhegener, Ines-Jacqueline Werkner
0 comments