Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Methode als Ausgangspunkt für eine neue Anthropologie 5
2.1 Methodische Friedenswissenschaft versus traditionelle Moralphilosophie 5
2.2 Der Mensch als „Matter in motion“ 9
3. Der Naturzustand als Begründung der Staatsbildung 12
3.1 Relativität der Normen 12
3.2 Notwendigkeit einer anthropologischen Staatsbegründung 13
3.3 Ethische Konsequenzen der mechanistischen Psychologie 14
4. Der Mensch ein Wolf? 18
5. Zusammenfassung 21
6. Literaturverzeichnis 23
Primärliteratur 23
Sekundärliteratur 23
2
1. Einleitung
„ Branded as the Monster of Malmesbury in his own lifetime, he is remembered three hundred years later as the great maligner of human nature.“ 1 – So beschreibt Paul J. Johnson den Thomas Hobbes hartnäckig anhaftenden Ruf bezüglich seiner Sicht auf den Menschen. Auch einige Jahrhunderte nach der Veröffentlichung des Leviathan scheint die Wendung „Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“ 2 die bekannteste Sentenz zu sein, die den meisten Menschen, die sich mit dem Werk des Thomas Hobbes auseinander gesetzt haben, einfällt, wenn die Rede von seiner Anthropologie sein soll. In der Regel wird mit diesem Zitat ein Typus von Mensch verbunden, der in jeder Beziehung nur nach Maßgabe des eigenen Nutzens handelt, keinerlei Interesse an einem wie auch immer gearteten Gemeinwohl hegt und alle Mittel einsetzt, die Bedürfnisse, die Ihn umtreiben, zu befriedigen. Anscheinend notwendige Folge daraus ist ein „Krieg aller gegen alle“, der sich als permanente Konkurrenz der Individuen um begrenzte Ressourcen, Güter und letztlich um das Leben selbst darstellt.
Die folgenden Ausführungen zur Anthropologie der Hobbesschen Philosophie sollen einen Beitrag zur Frage leisten, inwieweit sich die maßgeblichen Schriften, in denen Thomas Hobbes seine Sicht des Menschen darlegt, als eine Anthropologie des „Wolf-Man“ 3 interpretieren lassen. Berechtigte Zweifel an einer solchen Darstellung des Menschen hegt neben Johnson auch George Shelton, der vor einer vorschnellen, aber verfälschenden Deutung des Hobbesschen Menschen warnt: „Any study of Hobbesian morality which rests on a mistaken picture of his view of human nature risks being seriously flawed.“ 4 Auch wenn sich Shelton hier primär auf die Moral bezieht, deutet er
1 Johnson, Paul J.: Hobbes and the Wolf-Man. In: Thomas Hobbes. His view of Man. Edited by J. G. van der Bend. Amsterdam: Rodopi 1982 (= Elementa. Schriften zur Philosophie und ihrer Problemgeschichte. Band XXI 1982). S. 31.
2 Hobbes, Thomas: Vom Menschen. Vom Bürger. Elemente der Philosophie II/III. Hg. v. Günther Gawlick. Hamburg: Felix Meiner 1994 (= Philosophische Bibliothek Bd. 158). S. 59. Das Zitat findet sich im Widmungsbrief zu „Vom Bürger“. Im Folgenden als De homine und De cive zitiert.
3 Johnson 1982. S. 31.
4 Shelton, George: Morality and Sovereinty in the Philosophy of Hobbes. Houndmills, Basingstoke, Hampshire, London: Mac Millan Press 1992. S. 1.
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an, wie grundlegend die Deutung der Anthropologie für die politische Philosophie ist und wie folgenreich deren Missdeutung. Insofern lohnt sich ein genauerer Blick. Erster thematischer Schwerpunkt soll die Frage nach der Ableitung des naturzuständlichen Menschen aus dem Hobbesschen Methoden- und Erkenntnisbegriff sein. Die sich aus der Klärung dieser Frage ergebenden Grundzüge einer Anthropologie sollen im weiteren Verlauf dargestellt werden.
In seinem Hauptwerk „Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates“, das erstmals 1651 erschien, versucht Hobbes seine politische Philosophie summarisch darzustellen. Somit erscheint es gerechtfertigt, es als wichtigsten Ausgangspunkt für interpretative Bemerkungen zum Konzept des Menschen im Naturzustand heranzuziehen, wobei einige Ausblicke in die Schriften „De homine“ (1658), „De cive“ (1642) und „De corpore“ (1655) wertvolle Hinweise zur Ausgestaltung und Vervollständigung dieses anthropologischen Konzepts liefern dürften.
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2. Die Methode als Ausgangspunkt für eine neue Anthropologie
2.1 Methodische Friedenswissenschaft versus traditionelle Moralphilosophie
Thomas Hobbes wird am 5. April 1588 in Wiltshire nahe Malmesbury geboren und verstirbt nach einem für diese Zeit ungewöhnlich langen und erlebnisreichen Leben als 91-jähriger am 4. Dezember 1679 in Hardwick (Derbyshire). Sowohl der Dreißigjährige Krieg auf dem europäischen Festland, als auch der 1642 beginnende Bürgerkrieg in England, dessen Auslöser die Meinungsverschiedenheiten zwischen Adel und Parlament sind, fallen in seine Lebensspanne. Im Vorfeld des Bürgerkrieges veröffentlicht Hobbes 1640 auf Veranlassung des Grafen von Newcastle seine Abhandlung „Elements of Law Natural and Politic“ durch die er auf Seiten des Parlaments großes Missfallen erregt und so gezwungen ist, ins Exil nach Frankreich zu fliehen. Beständige Konflikte und der über viele Jahre andauernde Kriegszustand werden für Hobbes auf diese Weise zu biographisch deutlich prägenden Erfahrungen. Sie tragen mit einiger Sicherheit dazu bei, dass Thomas Hobbes die Frage nach dem Einfluss bisher maßgeblicher anthropologischer, moralphilosophischer und staatsphilosophischer Konzeptionen auf die gesellschaftliche und politische Realität stellt.
Hobbes konstatiert:
Die Geometer haben nun ihr Gebiet vortrefflich verwaltet; denn alles, was dem menschlichen Leben an Nutzen zufällt, sei es aus der Beobachtung der Gestirne oder der Beschreibung der Länder oder der Einteilung der Zeit oder weiten Seereisen, ebenso alles Schöne an den Gebäuden, alles Feste an den Schutzwehren, alles Wunderbare an den Maschinen, alles endlich, was die heutige Zeit von der Barbarei vergangener Jahrhunderte unterscheidet, ist beinahe nur der Geometrie zu verdanken; […]. Wenn die Moralphilosophen ihre Aufgabe mit dem gleichen Geschick gelöst hätten, so wüsste ich nicht, was der menschliche Fleiß darüber hinaus noch zum Glück der Menschen in diesem Leben beitragen könnte.
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Denn wenn die Verhältnisse der menschlichen Handlungen mit der gleichen Gewissheit erkannt worden wären, wie es mit den Größenverhältnissen der Figuren geschehen ist, so würden Ehrgeiz und Habgier gefahrlos werden, da ihre Macht sich nur auf die falschen Ansichten der Menge über Recht und Unrecht stützt, und das Menschengeschlecht würde eines beständigen Friedens genießen, so daß man wohl nie mehr (ausgenommen um den Raum bei der wachsenden Menge der Menschen) zu kämpfen brauchte. 5
Der Vergleich der Bemühungen der Moralphilosophen mit den Leistungen der Geometer zeigt schon, dass es Hobbes um eine „methodische Friedenswissenschaft“ 6 geht, die sichere Wissensgrundlagen schafft, um Krieg dauerhaft vermeiden zu können. Als Ursache des Krieges macht Hobbes die Unkenntnis der wahren Prinzipien friedlichen Zusammenlebens aus, wobei er gemäß der philosophischen Tradition wissens- und willensabhängige moralische Qualitäten nicht differenziert. Die Gründe des Friedens zu wissen, heißt auch sie zu wollen, „[…] (denn es gibt kein anderes Wollen als das eines zumindest scheinbaren Guts) […]“. 7 Geht der Wille also nicht auf das, was in „blindlings angenommene[n] Meinungen“ 8 besteht, sondern auf methodisch sicherem Wissen beruht, so ist Frieden real erreichbar.
Hobbes’ Methodenideal setzt sich dabei deutlich von den erkenntnistheoretischen Thesen der aristotelisch-scholastischen Tradition ab. Die Beschränkung der mathematischen Erkenntnis- und Beweisverfahren auf den nichtstofflichen oder nichtmateriellen Bereich oder einen vom Erkenntnisgegenstand bestimmten Exaktheitsgrad der Erkenntnis, wie es dem aristotelischen Denken entspricht, kann Hobbes als seinem Anspruch von sicherem Wissen zuwiderlaufend nicht anerkennen. Vielmehr übernimmt er in einem „Methodentransfer“ 9 die Erkenntnis- und Beweisverfahren der mathematischen Wissenschaften für seine Philosophie. Zwischen 1629 und 1631, Hobbes ist schon über das 40. Lebensjahr hinaus, stößt er zufällig auf die Euklidische Geometrie, deren Evidenz ihn fasziniert. Hier findet er eine methodisch
5 De cive. S. 60f.
6 Kersting, Wolfgang: Thomas Hobbes zur Einführung. 3. Aufl. Hamburg: Junius 2002 (= Zur Einführung
255). S. 47.
7 Hobbes, Thomas: Elemente der Philosophie. Erste Abteilung. Der Körper. Übers. und hg. v. Karl Schuhmann. Hamburg: Meiner 1997 (= Philosophische Bibliothek Bd. 501). S. 21. Im Folgenden als De corpore zitiert.
8 De cive. S. 61.
9 Kersting 2002. S. 42.
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Quote paper:
Magister Artium Christoph Hartmann, 2005, "Homo homini lupus" - Zur Interpretation der Anthropologie und des Naturzustands in Thomas Hobbes' "Leviathan", Munich, GRIN Publishing GmbH
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