Danksagung
Die vorliegende Diplomarbeit wurde während meines 11. Semesters am Fachgebiet Metallische Werkstoffe und Verbundwerkstoffe an der Technischen Universität Ilmenau durchgeführt. Herrn Prof. Dr.-Ing. habil. H. Kern danke ich für die Ermöglichung dieser Diplomarbeit.
Mein besonderer Dank gilt Herrn Dr.-Ing. Frank Albracht, Herrn Dr.-Ing. Volker Winkler und Frau Dipl.-Ing. (FH) Susen Reichel für die wissenschaftliche Betreuung meiner Arbeit, ihre ständige Diskussionsbereitschaft und die freundliche Unterstützung bei der Bearbeitung des Themas.
Bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Fachgebietes möchte ich mich für die freundliche Aufnahme bedanken. Dank auch an den Meister der mechanischen Werkstatt Herrn Frank Oßmann.
Weiterhin möchte ich mich bei Dipl.-Ing. Marc Schalles bedanken für seine Hilfestellung im FEM-Bereich.
Besonderer Dank gilt meinen Eltern Christine und Karl-Heinz, meiner Schwester Anja sowie meiner Freundin Gesine, die mich während dieser Arbeit immer unterstützten und motivierten.
II
Abschätzung der Wärmeströme bei der Reibung von metallischen Werkstoffen auf Eis Technische Universität Ilmenau
Fakultät für Maschinenbau
INHALTSVERZEICHNIS
VERZEICHNIS VON ABKÜRZUNGEN UND FORMELZEICHEN VI
0 EINLEITUNG 1
1 GRUNDLAGEN 2
1.1 STRUKTURMECHANISCHE UND THERMODYNAMISCHE EIGENSCHAFTEN VON EIS 2
1.1.1 PHYSIK VON EIS 2
1.1.2 SCHMELZEN VON EIS 6
1.1.2.1 DRUCKSCHMELZEN 7
1.1.2.2 GRENZFLÄCHENSCHMELZEN 8
1.1.2.3 OBERFLÄCHENSCHMELZEN 9
1.1.2.4 REIBSCHMELZEN 10
1.1.2.5 QUASI FLÜSSIGER FILM 11
1.2 TRIBOLOGISCHE SYSTEME MIT EIS 12
1.2.1 TRIBOLOGIE ALLGEMEIN 12
1.2.1.1 REIBUNG 13
1.2.1.2 VERSCHLEIß 15 VERSCHLEIß............................................................................................15
1.2.1.3 SCHMIERUNG 15
1.2.2 REIBUNG AUF EIS 16
1.3 WÄRMEÜBERTRAGUNG UND TEMPERATURMESSUNG 18
1.3.1 WÄRMEAUSBREITUNG 18
1.3.1.1 WÄRMELEITUNG 19
1.3.1.2 WÄRMEKONVEKTION 20
1.3.1.3 WÄRMESTRAHLUNG 21
1.3.1.4 WÄRMEÜBERTRAGUNG IM REIBSPALT 21
1.3.2 TEMPERATURMESSUNG 25
1.3.2.1 THERMOELEMENT 25
1.3.2.2 WIDERSTANDSTHERMOMETER 26
1.3.2.3 INFRAROTSENSOREN 27 INFRAROTSENSOREN............................................................................27
III
Abschätzung der Wärmeströme bei der Reibung von metallischen Werkstoffen auf Eis Technische Universität Ilmenau
Fakultät für Maschinenbau
2 UNTERSUCHUNGEN ZUR REIBUNG AUF EIS 29
2.1 TRIBOMETER UND MESSSYSTEM 29
2.2 HERSTELLUNG UND PRÄPARATION DES EISES 31
2.3 AUSWAHL UND MODIFIZIERUNG DES PROBEKÖRPERS 33
2.4 VERSUCHSPLAN 34
2.4.1 BEMERKUNGEN ZUR REIBUNGSZAHL 36
2.4.2 BEMERKUNGEN ZUR TEMPERATURMESSUNG 37
3 ERGEBNISSE UND DISKUSSION 40
3.1 REIBUNGSZAHL IN ABHÄNGIGKEIT DER NORMALKRAFT
GLEITGESCHWINDIGKEIT UND EISTEMPERATUR 40
3.1.1 ALLGEMEINES REIBUNGSVERHALTEN 40
3.1.2 BELASTUNGS- ODER GLEITGESCHWINDIGKEITSABHÄNGIGE
REIBUNGSZAHL 41
3.1.3 REPRODUZIERBARKEIT DER ERGEBNISSE 44
3.1.4 ABHÄNGIGKEIT DER REIBUNGSZAHL VON DER EISTEMPERATUR 45
3.1.5 REIBUNGSZAHL IN DEN KRITISCHEN BEREICHEN 47
3.2 TEMPERATURMESSUNG IM REIBSPALT 49
3.2.1 GESCHWINDIGKEITSABHÄNGIGKEIT DER TEMPERATUR 49
3.2.2 BELASTUNGSABHÄNGIGKEIT DER TEMPERATUR 51
3.2.3 TEMPERATURVERHALTEN BEI UNTERSCHIEDLICHEN
EISTEMPERATUREN...............................................................................................53
3.2.4 TEMPERATURVERHALTEN UND REIBUNGSZAHL 57
3.2.5 STATISCHE TEMPERATURMESSUNG 58
3.3 FAZIT DER UNTERSUCHUNGEN ZUR REIBUNG AUF EIS 60
4 MODELLBILDUNG MITTELS FEM 64
4.1 GRUNDLAGEN 64
4.2 THEORETISCHES FE-MMODELL 65
4.3 AUFBAU DES FE-MMODELLS 67
4.4 ERGEBNISSE DER SIMULATION 69
IV
Abschätzung der Wärmeströme bei der Reibung von metallischen Werkstoffen auf Eis Technische Universität Ilmenau
Fakultät für Maschinenbau
5 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 71
6 LITERATURVERZEICHNIS 74
7 INTERNETVERZEICHNIS 80 INTERNETVERZEICHNIS....................................................................................80
8 ABBILDUNGSVERZEICHNIS 81
9 TABELLENVERZEICHNIS 83
10 ANHANG 84
V
Verzeichnis von Abkürzungen und Formelzeichen
Abkürzungen
gradT Temperaturgradient
PMMA Polymethylmethacrylat
TCC Thermal Contact Conductance
Formelzeichen
I … XII chronologische Laufnummer des Eises
I c Eis mit hexagonaler Kristallstruktur
I h Eis mit kubischer Kristallstruktur
A F l ä c h e [ m ² ] [ m m ² ]
A i Fläche des Strahlers [m²]
A K Kontaktfläche [mm²]
a(0) Konstante = 0,84 [nm]
c spezifische Wärmekapazität [J/kg · K]
E Elastizitätsmodul [N/m²] [N/mm²]
E AB Thermospannung [mV]
e x , e y , e z Elementkoordinatensystem
F ij Formfaktor zwischen Strahler- und Empfängerfläche
F N Normalkraft [N]
F R R e i b u n g s k r a f t [ N ]
f Reibungszahl
G S c h e r m o d u l [ N / m ² ]
H E n t h a l p i e [ J ]
h Schmelzwärme [kJ/kg]
h c thermische Kontaktkonduktivität [W/m² · K]
k Materialfaktor
L Dicke des quasi flüssigen Filmes [nm] [Ö]
l d Wachstumsamplitude [Ö]
VI
x, y, z kartesische Koordinate
Wärmeausdehnungskoeffizient [1/K]
.
konvektiver Wärmeübergangskoeffizient [W/m² · K] . K
Emissionsgrad der Strahlerfläche
0 i
VII
0 Einleitung
Am Institut für Werkstofftechnik der Technischen Universität Ilmenau werden derzeit Untersuchungen zur Optimierung der Reibung von Werkstoffen gegen Eis durch- geführt. Als Optimierung wird hierbei die Verringerung der Reibung betrachtet, welche vor allem für Schneidwerkzeuge in der Lebensmittelindustrie, Eisbrecher oder Kufen für Wintersportgeräte von großer Bedeutung ist. Eine Optimierung im Sinne der Erhöhung der Reibung, zum Beispiel für Winterreifen wird hier nicht betrachtet. Zu diesem Zweck wurde in Zusammenarbeit mit der Firma TETRA ein Tieftemperatur- Tribometer nach dem Stift-Scheibe-Prinzip gebaut. Die wesentlichen Merkmale sind der Durchmesser der feststehenden Eisscheibe von 1,2 m und das rotierende Messsystem, welches sowohl Messungen auf einer Kreisbahn als auch auf einer Spiralbahn ermöglicht. Mit dem Tieftemperatur-Tribometer können materialabhängige und materialunabhängige Einflussfaktoren auf das tribologische Verhalten verschie- dener Werkstoffe auf Eis untersucht werden.
In dieser Diplomarbeit stehen die Abhängigkeiten der Reibungszahl von äußeren Einflussgrößen, wie Normalkraft, Eistemperatur und Gleitgeschwindigkeit im Vorder- grund. Dabei sollen erstmals umfangreiche Messungen auf einer Spiralbahn und damit Bewegung auf einer unbenutzten Eisoberfläche weitere Einblicke in den Reibungs- vorgang geben. Während des Reibungsprozess entsteht infolge des Schmelzens von Eis ein Wasserfilm an den Kontaktstellen zwischen Probe und Eis, welcher zu einem Schmierfilm führt der die Reibungszahl verändert. Da die Dicke des Wasserfilms noch nicht direkt gemessen werden kann, wurde ein Temperatur-Messsystem eingebaut. Damit sollen Abschätzungen der Wärmeströme in dem tribologischen System Probe / Eis möglich sein.
Des Weiteren soll begonnen, werden ein geeignetes FEM-Modell aufzubauen und mit den Experimenten zu vergleichen. Vordergründig geht es dabei um die Simulation der realen thermodynamischen Verhältnisse.
1
1 Grundlagen
Die in den folgenden Abschnitten dargestellten Grundlagen sollen einen Einblick in den Stand der Wissenschaft der einzelnen Themen geben. Um die Eistribologie zu verstehen, sind zu Beginn die Eigenschaften des Eises zu betrachten. Das betrifft zum einen die mechanischen Eigenschaften als auch das Schmelzen von Eis und das Phänomen eines Wasserfilmes zwischen Probe und Eis. Zum Verständnis des Reibungsvorganges sollen die Abschnitte zur Tribologie und Reibung auf Eis beitragen. Da in dieser Diplomarbeit die Wärmeströme mit zu betrachten sind, werden in den letzten Abschnitten die Möglichkeit der Wärmeübertragung und die Messung der entstehenden Wärmeströme beschrieben.
1.1 Strukturmechanische und thermodynamische Eigenschaften von Eis
Das mechanische Verhalten von Eis ist sehr komplex, da es von verschiedenen Einflussfaktoren abhängig ist. Deshalb ist es wichtig, die Faktoren, die Größe ihres Einflusses und den Bereich ihrer Wirkung genau zu kennen. Weiterhin ist es für die Reibung auf Eis relevant wann und wodurch es zur Bildung eines Wasserfilmes kommt. Nur durch Kenntnis dieser Fakten ist es möglich, den Reibungsprozess auf Eis zu verstehen.
1.1.1 Physik von Eis
Eis ist einer der drei Aggregatzustände von Wasser und ein kristalliner Festkörper. Im Eis sind jedem Sauerstoffatom zwei Wasserstoffatome zugeordnet. Beim Wechsel des Aggregatzustandes von flüssig zu fest entsteht im Eis eine hohe Fernordnung durch Ausbildung eines Kristallgitters. Der kristalline Zustand gilt als thermodynamisch stabiler Zustand, bei dem sich die Anordnungen dreidimensional periodisch wiederholen.
Natürliches Eis kristallisiert in einem hexagonalen Kristallsystem, das bedeutet, es sind sechs Wasserstoffatome jeweils über Wasserstoffbrücken zu einem Ring verbunden. Dabei ist jedes Atom wiederum Teil von zwei benachbarten Ringen. Die hexagonale
2
Kristallstruktur spiegelt sich auch in der Bezeichnung Eis I h wieder und ist in Abbildung
1 zu sehen. Die dabei aufeinander gestapelten Ringebenen bilden die so genannten
Basal- oder Basisflächen. Die Eisstruktur I h ist die einzige stabile Modifikation von Eis bei Atmosphärendruck. Zum Stand Januar 2004 sind 13 kristalline Modifikationen von Eis bekannt. Sie werden chronologisch von Eis I bis Eis XII nummeriert. Die 13. kristalline Modifikation ist das metastabile kubische Eis I c , welches innerhalb des Eis I Phasengebietes existiert, jedoch nur unterhalb von -120 °C. Neben dem kristallinen Eis sind noch fünf amorphe Formen ohne Kristallstruktur bekannt [A, 1].
Abbildung 1: hexagonale Kristallstruktur von Eis [A]
Die Bildung der Eisstrukturen wird durch Kristallisationskeime, das heißt Verunrei- nigungen wie Staubpartikel erleichtert, an denen sich die kristallisierenden Wasser- moleküle anlagern können. Der Übergang von festem zu flüssigem Aggregatzustand und umgekehrt findet bei der Schmelztemperatur T m = 0 °C statt. Wasser mit seinen Aggregatzuständen weist eine Reihe von Anomalien auf. Einige von diesen, die für Eis von Bedeutung sind, sind im folgendem aufgeführt [A, 2]:
•
Eis besitzt eine geringere Dichte als Wasser, was als Dichteanomalie bezeichnet wird. Der Grund dafür ist, dass die Wasseratome in der hexagonalen Kristallstruktur einen größeren Abstand voneinander haben als im flüssigen, ungeordneten Zustand.
3
•
Wasser kann mehr als andere Stoffe stark unterkühlt werden, ohne dass es erstarrt. Diese Unterkühlung des Wassers kann ohne künstliche Bedingungen bis zu -23 °C erfolgen.
•
Durch Erhöhung des Druckes wird der Schmelzpunkt der festen Phase herab gesetzt, anstatt ihn heraufzusetzen.
In [3] wird eine eindeutige Abhängigkeit der Eishärte von der Eistemperatur T bei konstanter Belastungszeit nachgewiesen. Bei den Untersuchungen nimmt die Eishärte mit steigender Temperatur ab. Vor allem im Bereich des Schmelzpunktes fällt die Härte stark ab. Somit ist in diesem Bereich mit einem Anstieg der Eindringtiefe und damit der Kontaktfläche zu rechnen.
Da bei diesen Experimenten, aufgrund der Rotation des Sensorarmes, mit einer kurzzeitigen Belastung der Eisoberfläche zu rechnen ist, aber auch statische Messungen durchgeführt werden, ist der Einfluss der Belastungszeit auf die Eishärte zu betrachten. Hierbei wird ein Abfall der Härte bei steigender Belastungszeit registriert [4].
In einer am Institut parallel laufenden Diplomarbeit werden die mechanischen Eigenschaften von Eis bei schlagartiger Beanspruchung behandelt. Da die Herstellung des Eises im Tribometer etwas von den natürlichen Erstarrungsbedingungen abweicht, sind für die durchgeführten Schlagbiegeversuche Eisproben aus dem Tribometer entnommen worden. In oben genannter Arbeit werden die Eisproben aus dem Tribometer auf ihre Schlagzähigkeit und ihren Elastizitäts-Modul hin untersucht [18]. Wird Eis mit einer konstanten Kraft auf Zug oder Druck über einen längeren Zeitraum belastet, tritt so genanntes Kriechen auf. Bei einer Verformung des Eises mit einer konstanten Verformungsgeschwindigkeit kommt es nur bei einer niedrigen Verfor- mungsgeschwindigkeit zu einem ähnlichen Verhalten wie beim Kriechen. Dieses Verhalten folgt aus der Duktilität des Eises. Durch dieses visko-elastische Verhalten ist das Eis so dehnbar, dass es selbst unter hohen Belastungen nicht bricht. Mit steigender Verformungsgeschwindigkeit nimmt die Duktilität jedoch ab, so dass es zu keiner Dehnung des Eises kommt und es sofort bricht [11, 12]. Diese Sprödigkeit von Eis nimmt nicht nur mit steigender Verformungsgeschwindigkeit zu sondern auch mit sinkender Eistemperatur. Die Sprödigkeit und die daraus resultierenden Brucheigen-
4
schaften von Eis, sind aufgrund seiner anisotropen Materialeigenschaften und visko- elastischen Fließverhaltens sehr komplex [13].
Die mechanischen Eigenschaften von Eis sind hauptsächlich von der Verformungs- geschwindigkeit, der Eistemperatur und der Modifikation des Eises abhängig. So hängt es von der Verformungsgeschwindigkeit und der Eistemperatur ab, welche Deforma- tionsmechanismen bei Eis zutreffen. Bei hoher Verformungsgeschwindigkeit tritt Sprödbruch auf, bei geringer Verformungsgeschwindigkeit hingegen duktile Ver- formung. Bei geringen Verformungsgeschwindigkeiten führt dies zur Bildung von Mikrorissen an den Korngrenzen. Mit steigender Geschwindigkeit nimmt die plastische Verformung ab, die Risse werden größer und sind in größerer Anzahl vorhanden. Bei hohen Verformungsgeschwindigkeiten gibt es kaum noch eine plastische Deformation, und der erste Riss hat einen verformungslosen Bruch der Probe zur Folge [2, 14]. Die Temperatur ist ein Maß für die kinetische Energie der Atome, je höher sie ist, desto größer ist die Bewegungsenergie der Teilchen. Mit sinkender Eistemperatur verringert sich die kinetische Energie der Atome und die Teilchen rücken näher aneinander. Aufgrund des geringeren Abstandes steigen die Anziehungskräfte zwischen den Teilchen. Die Teilchen können immer schlechter verschoben werden und das Eis wird spröder beziehungsweise steifer. Dies hat bei einer Belastung einen Sprödbruch ohne jegliche Verformung zur Folge.
Einige Materialkennwerte von Eis der Modifikation I h bei -20 °C sind in Tabelle 1 aufgeführt [2].
Tabelle 1: Material-Kennwerte von Eis I h bei -20 °C [2]
Bei den Experimenten am Tieftemperatur-Tribometer ist von polykristallinem Eis mit einer hexagonalen Kristallstruktur auszugehen. Inwieweit durch die gewählten Gleit- geschwindigkeiten von bis zu 2 m/s, bei den Experimenten von einer hohen Verfor- mungsgeschwindigkeit auszugehen ist, wurde noch nicht geklärt.
5
1.1.2 Schmelzen von Eis
Das Schmelzen von Eis, beziehungsweise die Eisoberfläche in der Nähe des Schmelzpunktes spielen bei vielen Dingen im Alltag eine Rolle: bei der Bewegung der Gletscher, in der Meteorologie, bei Eisbrechern und im Allgemeinen dort, wo Reibung von Eis auf anderen Materialien stattfindet.
Das thermische Verhalten von Eis ist deshalb von Bedeutung, weil an den Kontaktstellen ein Wasserfilm gebildet werden kann. Das Schmelzen, bei der Schmelztemperatur T m , führt zu einer Phasenumwandlung beziehungsweise zur Änderung des Aggregatzustandes. Bei diesem Übergang tritt eine sprunghafte Änderung der freien Enthalpie H auf, das heißt ein Phasenübergang erster Ordnung. Es gilt, dass die Enthalpie H eine Funktion des herrschenden Druckes p und der Temperatur T ist. Am Schmelzpunkt wird die Schmelzwärme h von dem Medium entweder abgegeben oder aufgenommen. Beim Übergang von flüssig zu fest wird die Schmelzwärme h an die Umgebung abgegeben. Für den Übergang von fest zu flüssig muss dem Medium die Schmelzwärme h zugeführt werden. Abbildung 2 zeigt den Phasenübergang fest-flüssig im Enthalpie-Temperatur-Diagramm mit der für den Übergang notwendigen Schmelzwärme h. Während des Phasenüberganges besitzt die Schmelze immer genau die Temperatur T m , bis der gesamte Festkörper geschmolzen ist. Erst im Anschluss folgt ein weiterer Anstieg der Temperatur vom Medium.
Abbildung 2: Schematischer Phasenübergang fest-flüssig von Wasser
6
Eis besitzt, wie in Abschnitt 1.1 beschrieben, eine kristalline Fernordnung. Als Vorraussetzung zum Phasenübergang fest-flüssig gilt der Verlust dieser langreich- weitigen Ordnungen der Atompositionen [1, 8].
Neben dem Phasenübergang von Eis kommt es bereits unterhalb der Schmelz- temperatur zur Bildung eines Wasserfilms, welcher den Reibungsvorgang grundlegend bestimmt. Um diesen besser zu verstehen, müssen die vier Arten des Schmelzens erklärt und betrachtet werden:
• Druckschmelzen
• Grenzflächenschmelzen
• Oberflächenschmelzen
• Reibschmelzen
Allen vier Schmelzvorgängen ist gemein, dass die Eisoberfläche ein bevorzugter Ort für das Einsetzen des Schmelzvorganges ist. Grund dafür ist, dass dort die Zahl der Bindungen aufgrund fehlender Nachbaratome geringer ist. In der englischsprachigen Literatur wird der entstehende dünne Wasserfilm als quasiliquid layer bezeichnet. In den folgenden Abschnitten wird dieser Wasserfilm als quasi flüssiger Film bezeichnet.
1.1.2.1 Druckschmelzen
Ein Probekörper mit der jeweils eingestellten Normalkraft F N belastet die Eisoberfläche mit erhöhtem Druck. Es ist zu klären, ob diese Druckerhöhung und damit herabsetzen des Schmelzpunktes reicht, um einen quasi flüssigen Film zu erzeugen. Für das Druckschmelzen ist die vorliegende Flächenpressung zu betrachten. Die Schmelz- temperatur bei 10 MPa beträgt -0,74 °C, bei 20 MPa -1,52 °C, bei 50 MPa -8,8 °C [2, 5]. Bei makroskopischer Betrachtungsweise treten diese Drücke bei den durchzuführenden Experimenten nicht auf, weswegen das Druckschmelzen hier vernachlässigbar ist. Da jedoch die wahre Kontaktfläche sehr viel kleiner ist als die geometrische, könnte es beim Kontakt der Mikrospitzen von Eis und Probe zum örtlich begrenzten Aufschmelzen von Eis kommen. Auch in [17] wird das Druckschmelzen als Ursache für die Bildung des quasi flüssigen Filmes ausgeschlossen.
7
1.1.2.2 Grenzflächenschmelzen
Durch Grenzflächenschmelzen entsteht eine neue Oberfläche zwischen Eis und
Feststoff. Der Effekt des Grenzflächenschmelzens ist in Abbildung 3 zu sehen.
Abbildung 3: Prinzip des Grenzflächenschmelzens
In [7] wird der Vorgang beschrieben. Der dabei auftretende Film hat eine höhere
Dichte als normales Wasser. Die Dicke des quasi flüssigen Filmes wird mit L und die
Dichte mit ! qll bezeichnet. Beides sind Funktionen der Eistemperatur T. Der Film bildet
sich ab der Temperatur T 0 = T m – 17 K, mit T m der Schmelztemperatur und einer
Genauigkeit von ±3 K. Das heißt bei einer Temperatur von -17 °C entsteht der quasi
flüssige Film, dessen Dicke bis zum Erreichen der Schmelztemperatur ansteigt. Dabei
wird als Anstieg des Filmes eine logarithmische Kurve angenommen. Zur Berechnung
von L wird die nachfolgende Gleichung 1.1 verwendet.
−
T T
() ()
m 0
(1.1)
⋅ =
a T L ln 0
−
T T m
mit a(0) § 0,84 nm, T m - Schmelztemperatur und T 0 - Temperatur der Filmbildung. Die
Dichte des quasi flüssigen Filmes liegt zu Beginn des Grenzflächenschmelzens bei ! qll
= 1,2 g/cm³, das heißt über der des Eises und Wassers, mit ! W = 1 g/cm³, und nähert
sich mit steigender Filmdicke asymptotisch der Dichte von Wasser an [7, C]. Die
gemessene Dicke des quasi flüssigen Filmes steigt laut [7] bis zu 6 nm an. Die in [7]
beschriebenen Experimente zum Grenzflächenschmelzen werden bei statischen
Bedingungen, das heißt ohne Relativbewegung eines Mediums durchgeführt.
8
1.1.2.3 Oberflächenschmelzen
In [1] wird mittels Röntgenstreuung unter Totalreflexion das Oberflächenschmelzen an
einkristallinem Eis untersucht. Als relevanter Parameter gilt dabei die langreichweitige
Positionsordnung der Atome. Das bedeutet, durch das Oberflächenschmelzen ändert
sich die Kristallinität an der Oberfläche, wodurch ein ungeordneter quasi flüssiger Film
entsteht, bereits unterhalb der Schmelztemperatur. Der Effekt des Oberflächen-
schmelzens ist in Abbildung 4 dargestellt.
Abbildung 4: Prinzip des Oberflächenschmelzens
Der dabei gebildete quasi flüssige Film der Dicke L mit seiner ungeordneten
Atomstruktur hat jedoch keinen wirklichen Flüssigkeitscharakter, da er noch im Kontakt
zum angrenzenden Kristall ist. Die Untersuchungen zeigen, dass das Oberflächen-
schmelzen auf beiden, Basal- und Prismenoberfläche stattfindet, jedoch bei unter-
schiedlichen Temperaturen. Auf der Basaloberfläche führt dies zum Auftreten des
Films ab zirka -13,5 °C, auf der Prismenoberfläche ab zirka -12,4 °C. Der Wert von L
kann durch die logarithmische Gleichung 1.2 angenähert werden.
· §
T
()
¸ ¨
0
⋅ =
ln
l T L
¨
¸
(1.2)
d
−
T T
¹ ©
m
mit l d - Wachstumsamplitude, T 0 - Starttemperatur für das Oberflächenschmelzen auf
der jeweiligen Oberfläche, T m - Schmelztemperatur.
9
Auf der Basaloberfläche steigt der Film logarithmisch bis zu einer Dicke von 20 nm mit steigender Temperatur an. Die Dickenänderung bei größeren Filmdicken verläuft dann potenzförmig. Die Dicke des quasi flüssigen Filmes steigt bis zu einem Wert von 40 nm an. Zusätzlich dazu kommt es sowohl zu einem Anstieg der kristallinen Rauheit als auch zu einem Anstieg der Welligkeit des Eises mit zunehmender Temperatur. Auf der Prismenoberfläche steigt die Dicke des quasi flüssigen Filmes nur logarithmisch bis zu einem Wert von 16 nm an. Hierbei kommt es zu keiner Erhöhung der Welligkeit beziehungsweise der kristallinen Rauheit.
1.1.2.4 Reibschmelzen
Eine weitere Möglichkeit, wie die Bildung eines quasi flüssigen Filmes stattfinden könnte, ist das Schmelzen des Eises aufgrund von Reibungswärme. Ein Großteil der Reibleistung wird in Wärme umgewandelt und kann somit den Aufbau eines Filmes ermöglichen. Im Gegensatz zu den vorherigen Schmelzmöglichkeiten ist hierbei jedoch eine Relativbewegung zwischen Eis und dem Reibpartner notwendig. Beim Reibschmelzen spielt vor allem die Wärmeleitfähigkeit der Probe eine bedeutende Rolle. So kann bei sehr tiefen Eistemperaturen ein Werkstoff mit geringer Wärmeleitfähigkeit dazu führen, dass die Reibungswärme länger in der Kontaktzone verbleibt und mehr Eis zum Schmelzen bringt. Wiederum kann bei hohen Temperaturen und bereits dickem quasi flüssigen Film ein gut wärmeleitendes Material die Abfuhr der Reibungswärme begünstigen und einen weiteren Anstieg der Filmdicke verhindern. Reibschmelzen ist jedoch nur möglich, wenn die generierte Wärme so groß ist, dass sie zum Schmelzen des Eises ausreicht. Wie groß die Reibleistung ist, kann aufgrund der wechselnden und schwer zu bestimmenden Einflussfaktoren nicht genau bestimmt werden, siehe Abschnitt 1.2.1.1. Somit ist die Dicke des quasi flüssigen Filmes durch Reibschmelzen nicht genau vorhersagbar.
10
1.1.2.5 Quasi flüssiger Film
Allen vier Schmelztypen ist gleich, dass es noch keine Klärung gibt, inwieweit der quasi flüssige Film schon als flüssig oder noch als restkristallin angesehen werden kann. Der beim Schmelzen entstehende Film kann jedoch nur zu einer Verringerung der Reibung führen, wenn die Rauheit der beteiligten Körper kleiner als der quasi flüssige Film ist. Ist jedoch die Dicke des als Schmierfilm anzusehenden Filmes zu gering, liegt weiterhin Festkörperreibung vor. Die Dichte des quasi flüssigen Filmes mit ! qll = 1,2 g/cm³ ist, wie beschrieben, höher als die von Wasser [7]. Dies lässt vermuten, dass genauso die Viskosität des Filmes höher als die des Wassers ist und sich mit Abnahme der Dichte des Films der Viskosität des Wassers asymptotisch annähert. Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich ein quasi flüssiger Film unterhalb von -17 °C nur durch Reibschmelzen bilden kann. In diesem Bereich unterhalb von -17 °C wird von reiner Festkörperreibung ausgegangen. Erst ab zirka -17 °C setzt das Grenzflächenschmelzen ein [7]. Dadurch kommt es zu einem Anstieg der Filmdicke und zu einem Übergang zu Mischreibung. In [7] wird das Grenzflächenschmelzen bei Stillstand der Körper untersucht. Inwieweit bei diesen durchzuführenden Experimenten aufgrund der Bewegung der Probe von Grenzflächenschmelzen auszugehen ist, kann nicht gesagt werden. Trotz der somit geringen Kontaktzeit zwischen Eis und Probe wird von Grenzflächenschmelzen in beschriebener Form ausgegangen. Durch die Annäherung an die Schmelztemperatur T m folgt ab zirka -12,4 °C das Einsetzen des Oberflächenschmelzens [1]. Durch den damit verbundenen weiteren Anstieg der Filmdicke wird mit steigender Temperatur von Flüssigkeitsreibung ausgegangen. In dem Temperaturbereich von -17 °C bis T m führt dies nach [1, 7] somit zu einem nahezu logarithmischen Anwachsen der Filmdicke bis zu 40 nm [1]. In der Nähe des Schmelzpunktes kommt es zu einer Änderung des Filmanstieges von logarithmisch zu einem potenzförmigen Anstieg. In diesem quasi flüssigen Film erhöhen sich sprungartig die Dichte und die Viskosität im Vergleich zum Eis. Diese Materialkennwerte nähern sich mit steigender Eistemperatur asymptotisch den Werten von Wasser an. Die Möglichkeit des Druckschmelzens wird in dieser Arbeit ausgeschlossen. Die Tatsache, dass alle technischen Oberflächen schon in gewisser Weise benetzt sind, wird nicht weiter betrachtet.
11
1.2 Tribologische Systeme mit Eis
Das tribologische Verhalten, insbesondere vom Werkstoff Eis steht in den folgenden Abschnitten zur Betrachtung. Einige Forschungsvorhaben haben sich schon damit befasst, so dass hiermit ein Stand der Kenntnisse darüber vermittelt werden soll.
1.2.1 Tribologie allgemein
Die Tribologie ist die Wissenschaft der Reibung, des Verschleißes und der Schmierung. Man kann dabei zwischen der Makro-, Mikro- und Nanotribologie unterscheiden. Jedes tribologische System kann man auf vier Systemelemente zurückführen, welche in Abbildung 5 zu sehen sind,
Abbildung 5: Aufbau eines tribologischen Systems mit seinen vier Elementen
mit 1 - Grundkörper, 2 - Gegenkörper, 3 - Umgebungsmedium und 4 - Zwischenstoff. In einem tribologischen System wie oben gezeigt, gibt es verschiedenste Beanspru- chungen infolge der Geschwindigkeit, der Temperatur und der Bewegungsart. Die Folge dieser Beanspruchungen sind Reibung und Verschleiß und somit Energie- und Materialdissipation im tribologischen System [15, 16].
12
1.2.1.1 Reibung
Die Reibung umfasst alle Prozesse, die zu einem Energieverlust im tribologischen System führen. Für die Reibung wird die Reibungszahl f eingeführt, die mit Gleichung
1.3 berechnet werden kann.
F
R
f =
F
N
mit F N – Normalkraft, F R – Reibkraft, R a – Mittenrauwert, A K – Kontaktfläche und v G – Gleitgeschwindigkeit. Die Reibungszahl kann als eine Funktion verschiedener Faktoren angesehen werden. Die drei Haupteinflussfaktoren der Reibungszahl sind die Rauheit, die Kontaktfläche und die Härte. Die Reibung ist anhand ihrer Bewegungs- kinematik in drei Reibungsarten einteilbar, die Gleitreibung, die Bohrreibung und die Rollreibung. Anhand des Kontaktes der Reibpartner unterscheidet man die Reibungszustände Haftreibung, Festkörperreibung, Flüssigkeitsreibung und Misch- reibung [16]. Einen Verlauf der Reibkraft in Abhängigkeit der Geschwindigkeit im Falle von Flüssigkeitsreibung liefert die Stribeck-Kurve, siehe Abbildung 6, mit den vier Reibungszuständen.
Abbildung 6: Stribeck-Kurve und Reibungszustände
• Haftreibung
• Festkörperreibung I
• Mischreibung II
• Flüssigkeitsreibung III
13
Bei Haftreibung findet keine Relativbewegung statt. Bei einer Kraft, die größer ist als
die Haftreibungskraft, beginnt die Relativbewegung. Es besteht ein unmittelbarer
Kontakt zwischen den Körpern, es herrscht Festkörperreibung. Ab der Bildung eines
genügend dicken Schmierfilmes liegt Mischreibung vor, wodurch sich nur noch einige
Rauheitshügel von Grund- und Gegenkörper berühren. In diesem Bereich spricht man
von einer Überlagerung von Festkörper- und Flüssigkeitsreibung. Flüssigkeitsreibung
liegt vor, wenn der Schmierfilm die Reibpartner komplett voneinander trennt. Sie wird
auch als hydrodynamische Reibung bezeichnet. Mit steigendem Schmierfilm müssen
immer mehr Schichten des Schmierfilmes aufeinander abgleiten, wodurch die
Reibkraft im Bereich der Flüssigkeitsreibung wieder ansteigt [15].
Die für einen Reibprozess erforderliche Reibleistung P lässt sich durch folgende
Gleichung 1.4 berechnen:
⋅ ⋅ =
N v F f P
(1.4)
G
Die Reibleistung kann je nachdem, ob ein Schmierstoff vorliegt, stark variieren. Die
Umsetzung dieser Reibleistung in andere Energieformen kann durch Gleichung 1.5
beschrieben werden:
≈
+ + = ⋅ ⋅ =
P P P v F f P
M V Q G N
M
mit P Q - Wärme, P V - Materialverlust und P M - Materialveränderung. Dies zeigt, dass
die Energiedissipation durch Reibung den größten Anteil einnimmt [15].
Die Reibungszahl ist dabei abhängig von der Einlaufzeit, dass bedeutet welche
Bereiche der Stribeck-Kurve sich einstellen. Einen Hinweis darauf, dass die
Reibungszahl abhängig von der Einlaufzeit ist, liefert das Vorhandensein von Stick-
Slip-Effekten, das heißt eine Erhöhung der Reibungszahl vor allem zu Beginn eines
Reibungsprozesses infolge von mechanischen Verklammerungen oder zu dünnen
Schmierfilmen. Diese Reibungsschwankungen, zurückzuführen auf adhäsive Wechsel-
wirkungskräfte, können auch während der Gleitbewegungen mit geringer Gleitge-
schwindigkeit auftreten. Diese treten mit höherer Gleitgeschwindigkeit seltener auf.
14
Quote paper:
Dipl.-Ing. Rene Kallmeyer, 2007, Abschätzung der Wärmeströme bei der Reibung von metallischen Werkstoffen auf Eis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Presentations, Models, Tutorials, Instructions
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